Von der Dankbarkeit als ''Immun-Stimulanz''

Mittwochs-Kolumne von Barbara Schenck

©Foto: Andreas Olbrich

Notat to go am 9. Januar 2013

"Dankbarkeit ist ein echter Zukunfts-Wert für die menschliche Gemeinschaft", lese ich im Antext zu einer Zeitungs-Kolumne (FR am 27.12.2012). Wow, ein kleiner Glücksstrom durchzieht mein Theologinnen-Herz. Hält der Heidelberger Katechismus (HK) jetzt schon Einzug in die Tagespresse?

Beim Lesen die Ernüchterung: Nicht die Dankbarkeit Gott gegenüber ist gemeint, sondern die Dankbarkeit als menschliche Tugend, als ein "völlig ins Abseits" geratener "Wert". In der Dankbarkeit für das Gute in unserem Leben sieht der Zukunftsforscher Matthias Horx "ein Immun-Stimulanz für die menschliche Gemeinschaft" und "eine Provokation für den denkfaulen Moralismus". Gegen "unser problemsuchendes Hirn", das immer nur das in Augenschein nimmt, was schlecht läuft, richtet Horx unseren Blick auf das, was in unserer Welt besser wird. So gebe es z.B. im Vergleich zu "ALLEN anderen Zeiten" heute weniger Schützengräben und weniger organisierte oder chaotische Gewalt. Die Moral zum Ende der Kolumne? "Nur wer seine Segnungen anerkennen kann, kann das Morgen verbessern". Das Plädoyer für mehr Dankbarkeit mündet in religiöser Sprache.
So wage ich nun  meinerseits, Horx' Vokabular in den kirchlichen Kontext zu übersetzen. Hier ein Starter-Satz für das Jubiläumsjahr des Heidelberger Katechismus:
Dankbarkeit für die Gaben, mit denen unsere christliche Gemeinschaft gesegnet ist, ist das "Immun-Stimulanz" gegen Kirchenfrust.

Was zeichnet das Immun-Stimulanz Dankbarkeit aus?
Die "angenehmste aller Tugenden" nennt der Philosoph André Comte-Sponville die Dankbarkeit und beschreibt sie als "Echo der Freude auf die empfundene Freude" (Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, S. 167).
Dankbarkeit ist "erwiderte Freude" und "erwiderte Liebe" (S. 169). Sie will nun ihrerseits etwas geben, nicht im Sinne eines "Tauschhandels", vielmehr "in dem Sinne, dass die Liebe dem, der eine Freude macht, Freude schenken will" (S. 170). Die Dankbarkeit wird zum "Antrieb", "aktiv zu werden". Im Sinne des Katechismus werden die Dankbaren aktiv, sprich "willig und bereit", Gottes Geboten zu folgen und haben dabei "herzliche Freude" (HK 90).

Die Dankbarkeit lehrt, "dass es auch eine fröhliche Demut gibt oder eine demütige Freude", sagt der Philosoph (S. 171). Wie könnte schöner die Demut eines Menschen beschrieben sein, der von Gott allein "alles Gute" erwartet (HK 94)?

"Die Dankbarkeit ist Erkenntnis", schreibt Comte-Sponville und grenzt "das freudige Wissen dessen, was war" ab von der auf die Zukunft gerichteten Hoffnung, die "nur Einbildung ist" (S. 173).  Die Eigenheit Erkenntnis zu sein teilt die Dankbarkeit mit dem Glauben, der laut unserem Heidelberger "Unterrichtsbuch" auch eine "zuverlässige Erkenntnis" (HK 21) ist.

Dankbarkeit ist "Genuss der Ewigkeit",  so Comte-Sponville, denn selbst der Tod, "der uns nimmt", kann uns die Dankbarkeit für das, was wir erlebt haben, nicht nehmen (S. 173). Doch die Toten preisen Gott nicht (Psalm 115,17). Also: Auf zum Gebet - der "wichtigsten Gestalt der Dankbarkeit" (HK 116). 

Literatur:
Comte-Sponville, André, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tugenden & Werte, Reinbek bei Hamburg 2012 (franz. Original: Paris 1995) 

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Barbara Schenck, 9. Januar 2013
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