Kirchengeschichtliche Forschung

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''Ein christliches Deutschland gibt es nicht mehr''

Zeithistoriker Großbölting legt erste historische Gesamtschau zu Religion in Deutschland seit 1945 vor – Heutige Religionspolitik verharre in den 1950ern

Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting (Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“, Julia Holtkötter)

Münster, 18. Februar 2013. Politik und Kirchen in Deutschland verharren nach einer Studie von Zeithistoriker Prof. Dr. Thomas Großbölting religionspolitisch in den 1950er Jahren. Die Kirchen würden nach damaligem Modell noch immer staatlich bevorzugt, obwohl eine Vielzahl an Religionen hinzugekommen sei.

„Ein christliches Deutschland gibt es nicht mehr, die Zahl der religionspolitischen Konflikte wächst“, so der Forscher des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster. „Doch Politik und Kirchen wagen keine aktive oder pro-aktive Religionspolitik. Vor allem der Islam stößt an eine ‚gläserne Decke‘“, heißt es in der Studie „Der verlorene Himmel“.

Beispiele für religionspolitische Konflikte gebe es in großer Zahl: die Diskussion um die Abweisung einer vergewaltigen Frau in zwei katholischen Kliniken, das Streikrecht für kirchliche Bedienstete, die Beschneidungsdebatte und die Koranverteilung durch Salafisten. „Politik und Kirchen unterschätzen den Handlungsbedarf notorisch. Sie nehmen Veränderungen erst wahr, wenn sie als Probleme auftreten.“ Eine weitsichtige Politik, die alle Religionsgemeinschaften gleich behandle, sei nicht in Sicht. „Stattdessen herrscht ein System der hinkenden Trennung von Kirche und Staat, das in der Nachkriegszeit entstanden ist“, so der Historiker. „Vieles davon hat sich bis heute erhalten: die Kirchensteuer, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder der Sitz von Kirchenvertretern in Rundfunkgremien.“ Die Rechte und Ansprüche Andersgläubiger sowie der wachsenden Gruppe an Religionslosen hingegen fielen unter den Tisch.

„Kirchen profitieren nur bedingt von Privilegien“

Die christlichen Großkirchen profitieren nach Einschätzung des Forschers von ihrer Bevorzugung nur bedingt: „Kirchliches Leben ist heute hochgradig gesellschaftlich integriert, gut organisiert und oft auch politisch einflussreich – doch als religiöser Anbieter für viele Menschen unattraktiver denn je.“ So gehöre aktuell nur je ein Drittel der Bevölkerung noch einer der christlichen Kirchen an, um 1950 seien es noch 95 Prozent gewesen. Vor allem aber die Teilnahme der Mitglieder am kirchlichen Leben gehe kontinuierlich zurück. „Das Christentum ist zu einem Anbieter unter vielen für Sinnstiftung und Sonntagsgestaltung geworden.“ Diese neue Rolle wüssten die Kirchen noch nicht zu füllen. Auch intern könnten sie mit Vielfalt nur schlecht umgehen. „Insbesondere die katholische Kirche hält weiterhin an einem historisch überkommenen Geschlossenheitsprinzip fest, das ihren Mitgliedern Freiheitsrechte verweigert.“ Davon zeugen nach Auffassung des Autors die Konflikte um die Kirche als Arbeitgeberin, wie sie sich beispielsweise mit der Kündigung einer lesbischen Erzieherin in einem kirchlichen Kindergarten oder eines wiederverheirateten Studienrats an einer kirchlichen Schule zeigten.

Begründet sei das „altbundesrepublikanische“ Kooperationsmuster zwischen Staat und Kirche im Grundgesetz von 1949, das wesentliche Bestimmungen der Weimarer Verfassung aufgenommen habe, so Prof. Großbölting. „Zu einer Zeit, in der die Gesellschaft dominant christlich geprägt war und man einen ideellen Neuanfang nach dem Nationalsozialismus suchte, funktionierte dieses Zusammenspiel für Politik und Kirchen hervorragend.“ In den 1950er Jahren hätten die Kirchen Idealbilder und Lebenspraxis für viele Felder wie Familie, Sexualität, Bildung, aber auch politische Entwürfe vorgegeben. „Was damals noch als moralische Wegmarke galt, war zwei Jahrzehnte später nur noch eine Position von vielen.“

In seiner detailreichen Studie zeichnet der Historiker den religiösen Wandel in der alten BRD, der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland nach. Er schlägt einen Bogen vom Ideal der Rechristianisierung nach 1945, über Konflikte um Sex, Familie und Autorität und die Kirchenkrise in den 1960er Jahren, die Pluralisierung ab den 1970er Jahren, den Sonderfall Ostdeutschland bis zum wachsenden Islam und dem Judentum in Deutschland. Der Wissenschaftler analysiert dabei insbesondere drei Faktoren: die praktizierte Religiosität, das Verhältnis von Religion und Gesellschaft und den innerkirchlichen Wandel etwa mit Blick auf Theologie und Kirchentage. Nach einem Konzept von Historiker Hans Günter Hockerts will er die Entwicklungen historisch als „Problemgeschichte der Gegenwart“ erschließen.
Die erste historische Gesamtschau über „Glaube in Deutschland seit 1945“ erscheint diese Woche im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen.
Das Buch stellt wesentliche Ergebnisse des Projekts C22 am Exzellenzcluster „Transzendente Sinnstiftung und religiöse Vergemeinschaftung im nachmodernen
Europa“ dar.

Ton-Mitschnitt des Vortrags von prof. Dr. Thomas Großbölting: „Warum sich die deutsche Gesellschaft mit religiöser Vielfalt so schwer tut – eine (zeit)historische Erkundung“

Thomas Großbölting,
Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945,
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht,
320 Seiten mit 6 Abb. Gebunden,
29,99 Euro,
ISBN 978-3-525-30040-4

Aus dem Inhaltsverzeichnis:
Der verlorene Himmel – Wonach dieses Buch fragt und wie es darauf antworten will
1. Ein christliches Deutschland? Selbstverortungen und Illusionen nach 1945
1.1 Der Glaube im Leben – Leben im Glauben? Das religiöse Feld zwischen Rechristianisierung und Erosion
Religiöse Praxis und Kirchenbindung. Aufschwung in der Auflösung
Die Familie als Bastion. Leitbilder und Lebensbilder
Vom „gefallenen Mädchen“ zum „absoluten Verstehen“. Sexualität und Sexualmoral im Wandel
1.2 Gestalten, normieren, verklären. Die Kirchen in Politik und Gesellschaft
Religion und Politik. Traditionen und Dispositionen der christlichen Kirchen
Religion in der entstehenden Bundesrepublik. Die „hinkende Trennung von Kirche und Staat
Entkonfessionalisierung und Pluralisierung. Christen in Gesellschaft, Politik und Parteien
1.3 Glaubensverkündigung und Pastoral vom Kriegsende bis zum Beginn der 1960er Jahre
Neuaufbrüche nach Kriegsende? „Rechristianisierung“ und Schulddiskussion
Alte Antworten auf neue Fragen. Theologie und Kirchenorganisation
Der Ruf nach der Jugend. Vom „Neuaufbruch“ zum „Klimasturz“
Die Nachkriegszeit und ihr Ende. „Rechristianisierung“ als Ideal und Chimäre
2. Vom Aufbruch und vom Absturz in die Nachmoderne. Das religiöse Feld in den sechziger und siebziger Jahren
2.1 Die christlichen Religionsgemeinschaften in den 1960er und 1970er Jahren
„Warum treten Sie nicht aus der Kirche aus?“ Die Kirchenkrise und ihre öffentliche Thematisierung
Christen in den 1960er Jahren. Identitätsbildung mit, neben und ohne Religion
Frei machen. Konflikte um Sex, Familie und Autorität
2.2 Politisierung und Pluralisierung. Religion, Politik und Gesellschaft in den 1960er und 1970er Jahren
Glaube in der Politik? Staat, Parteien und Kirchen in der Diskussion
Politik im Glauben? Schwangerschaftsabbruch und Schutz des ungeborenen Lebens als Exempel
1968 in den Kirchen. Polarisierung und Pluralisierung
2.3 Vom „Höllenfeuer“ zur „allumfassenden Liebe“. Religiöse Sozialformen und transzendente Sinnstiftung im Wandel
Das Zweite Vatikanum. Ein „Konzil der Kirche über die Kirche“ und seine Rezeption
Kirchentage und kirchliche Akademien. Form- und Funktionswandel innerkirchlicher Öffentlichkeit
Das „Ende der Hölle“ und die „Gott ist tot“-Theologie. Neue Konzepte und Formen von Kirche und religiösem Leben
Traditionsabbruch und Transformation in den langen sechziger Jahren
3. Aus Kirche wird Religion. Brüche und Veränderungen im religiösen Feld bis heute
3.1 Der Glaube im Leben. Diffusion und Differenzierung des religiösen Feldes
Die mediale Entgrenzung der Religion. Kirchenkrise und individuelle Religiosität
Eine „spirituelle Revolution“? Sinnsuche in neureligiösen Formen
Die Nicht-Religiösen – Zum Porträt einer (fast) unbekannten Gruppe
3.2 Auf dem Weg zu einer multireligiösen Gesellschaft? Pluralität als Herausforderung
Gekommen um zu bleiben. Der Islam in Deutschland
Zwischen Desinteresse, Furcht und Konkurrenz. Die deutsche Gesellschaft und der Islam
Jüdisches Leben in Deutschland
3.3 Auf dem Weg in eine entchristlichte Gesellschaft?
Sonderfall Ostdeutschland? Die Entwicklung des religiösen Feldes in der DDR und in den neuen Bundesländern
Vom Ende der „Priesterkirche“. Neue Rollen und Strukturen im religiösen Feld
Neue Formen der religiösen Selbstverortung in, neben und außerhalb der Kirchen
Gott in Deutschland – Rückblick und Ausblick

Informationen zum Autor:
Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting auf den Seiten des Exzellenzclusters
www.religion-und-politik.de/personen/antragsteller/grossboelting.html
Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting im Forschungsinformationssystem der WWU Münster
www.uni-muenster.de/forschungaz/person/7944

Im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) forschen rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 14 Ländern. Sie untersuchen das komplexe Verhältnis zwischen Religion und Politik von der Antike bis zur Gegenwart und von Lateinamerika über Europa bis in die arabische und asiatische Welt. Es ist der bundesweit größte Forschungsverbund dieser Art und von den 43 Exzellenzclustern in Deutschland der einzige zum Thema Religionen. Bund und Länder fördern das Vorhaben im Rahmen der Exzellenzinitiative von 2012 bis 2017 mit 33,7 Millionen Euro.

Quelle: Pressemitteilung des Exzellenzclusters Religion und Politik, 18. Februar 2013

Kommentare

Name: Antje Schrupp
Mitteilung: "So gehöre aktuell nur je ein Drittel der Bevölkerung noch einer der christlichen Kirchen an, um 1950 seien es noch 95 Prozent gewesen" Dieser Satz ist entweder dumm oder absichtich verzerrende Rhetorik. Denn sicher sind um 1950 nicht jeweils 95 Prozent der Bevölkerung Mitglied in der katholischen und der evangelischen Kirche gewesen. (23.2.2013)

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