Was ist reformiert an den Grimmschen Märchen?

Mittwochs-Kolumne von Barbara Schenck

Doppelporträt der Brüder Wilhelm Grimm (links) und Jacob Grimm von Elisabeth Jerichau-Baumann, 1855; Wikipedia Commons

Sie erinnern sich an die Märchen aus Kindertagen und finden in ihnen keine reformierte Theologie? Die Frage danach erscheint abstrus? Vielleicht müssen wir tiefer schürfen? Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm wurden im reformierten Glauben erzogen. Ihr Urgroßvater war reformierter Pfarrer in Hanau, ihr Großvater in Steinau. Doch das ist noch nicht genug des reformierten Einflusses: Unter denen, die den Brüdern Märchen zutrugen, waren mindestens zwei Töchter aus hugenottischen Familien, namentlich Dorothea Viehmann und Marie Hassenpflug. Die historische Quellenlage reizt zu einer konfessionellen Märchen-Exegese. Ein Artikel in zeitzeichen wagt diesen Schritt. Er geht dem religiösen Grundton der "Grimmschen Märchen" auf die Spur und entdeckt dabei ein calvinistisches Erbe, das Reformierte verblüfft.

Vorweg zwei Stichworte, die à la zeitzeichen-Artikel* von Claudia Maria Pecher das Reformiertentum kennzeichnen: Ethik der Mäßigung und Streben nach "irdischem Wohlstand". - Aha. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Werfen wir der Fairness halber einen Blick in Details der Märchenanalyse.
1) Im Märchen "Brüderchen und Schwesterchen" wird der Durst des Brüderchens am "dritten Brünnlein" "gar zu groß". Es muss trinken und wird ein Reh. Damit habe das Brüderchen "dem Maßhalten eines reformierten Menschenbildes widersprochen", so Pecher.
Das Märchen gibt es übrigens auch in einer Sammlung von Aleksandr Nikolajewitsch Afanassjew (gest. 1871). In der russischen Variante trinkt das Brüderchen das Pfützenwasser aus einem Hufabdruck und verwandelt sich in eine Ziege. Mein Fazit: Den russischen Junge trifft - anders als den deutschen - keine Schuld an seiner Verwandlung! Er kannte die reformierte Ethik nicht.
2) Das Märchen "Die Sterntaler" strotz vor calvinistischem Moralin, entnehme ich Pechers Artikel: Sein Fokus läge nämlich "weniger auf einer 'Glücklichen Armut' als auf irdischem Wohlstand, der von Gott gegeben wird und glücklich macht", so Pecher mit Verweis auf Astrid Brüggemann.
Die Brüder Grimm notierten zu diesem Märchen, sie hätten es "nach dunkeler Erinnerung aufgeschrieben", verweisen aber trotzdem als Quelle auf Jean Pauls unsichtbare Loge von 1793 und eine Novelle Achim von Arnims (Die drei liebreichen Schwestern und der glückliche Färber (1812)). Die unsichtbare Loge als ältere der beiden Texte stammt aus der Hand eines Dichters, der im lutherischen Pfarrhaus von Joditz aufwuchs. Doch selbstverständlich könnte Jean Paul reformiertes Traditionsgut verarbeitet haben.

Die Moral von der Geschicht'? Das Vorurteil in dir deutet auch das Märchen vor dir.
Ist das nicht eine Funktion von Märchen: aufzudecken, was tief in mir schlummert?
Den Brüdern Grimm erging es nicht anders. Zur Zeit, als Napoleon über Europa herrschte, hätten sie gerne "deutsches Kulturgut vor der französischen 'Überfremdung'" gerettet, so der Philologe Heinz Rölleke.
Diesem hehren Ziel zuliebe vertuschten die Märchensammler die französische Herkunft der Erzählungen aus den hugenottischen Häusern und interpretierten die Märchen in ihrem Sinne. Das Dornröschen "erinnerte sie an die germanische Sagengestalt Brünnhilde", so Rölleke. La Belle au Bois dormantaus, der französische Titel des Dornröschens, stammt aber aus der älteren Sammlung des Franzosen Charles Perrault (gest. 1703). Das - vermeintlich - deutsche Kulturgut wollten die Grimms auch mit Hilfe einer besonderen Sprache bewahren. Noch einmal Rölleke: Wilhelm Grimm vermutete, die deutsche Märchentradition habe in der Lutherzeit ihren Höhepunkt gehabt, deshalb habe er sich beim Überarbeiten der Märchen an der Sprache der Lutherbibel orientiert, das heißt: "Er hat das Deutsche also archaisiert und kunstvoll etwas 'zurückgedreht'". Da haben wir's: Der archaisch anmutende Märchen-Ton ist lutherisch!
Bei der sprachlichen Bearbeitung entstand "freilich etwas ganz Neues", meint Rölleke; aber das ist jetzt nicht von Interesse.
Der Grimm-Biograf Steffen Martus schreibt schlicht: Wichtiger als ihre "konfessionelle Prägung" hätten die Brüder Grimm im Rückblick ihre "politische Sozialisation" genommen. Der Mann muss reformiert sein. Sachlich nüchtern betont er die formale Unterscheidung zwischen religiösen und politischen Aussagen. Das ist doch typisch für uns.
Aber wir können auch Abstruses.

*Den Hinweis auf den "antireformierten Artikel" verdanke ich Dr. Gudrun Kuhn, Nürnberg.

Quellen:
Brüderchen und Schwesterchen; Artikel auf WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCderchen_und_Schwesterchen (Abrufdatum: 18.2.2013).
Charles Perrault; Artikel auf WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Perrault (Abrufdatum: 18.2.2013).
Die Sterntaler; Artikel auf WIKIPEDIA: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Sterntaler  (Abrufdatum: 18.2.2013).
Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm, vollständige Ausgabe auf der Grundlage der dritten Auflage (1837), hrsg. von Heinz Rölleke, Bibliothek deutscher Klassiker 5, Frankfurt/M.
Martus, Steffen, Die Brüder Grimm. Eine Biographie, rororo Taschenbuch 2013.
Pecher, Claudia Maria, Im Grundton religiös. Die Märchen der Gebrüder Grimm sind auch nach 200 Jahren populär, in: zeitzeichen 2/2013, 46-48.
Rölleke, Heinz, Märchen über Märchen, auf: Zeit online Geschichte am 21. Dezember 2012; http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2012/04/Maerchen-Brueder-Grimm-Urspruenge; Abrufdatum: 18.2.2013).
Staas, Christian, Weder deutsch noch Volk. Ein Gespräch mit dem Germanisten Heinz Rölleke über die wahre Herkunft der Grimmschen Märchen; Zeit online, Dezember 2012: http://www.zeit.de/2012/50/Brueder-Grimm-Maerchen-Roelleke; Abrufdatum: 18.2.2013). 

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Barbara Schenck, 20. Februar 2013
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