Eine Prise Häresie, bitte!

Mittwochs-Kolumne von Barbara Schenck

"Zücke Speer und Streitaxt wider meine Verfolger!", "vernichte meine Feinde ... und bringe alle um, die mich bedrängen", so betet König David im Psalm. Stillschweigend überspringt das Psalmgebet im christlichen Gottesdienst solche Verse. Doch wehe, wehe, wenn wir mit den ungeliebten Bibelworten nicht anders umzugehen wissen als zu schweigen. Unvermutet schlägt uns das beiseite Geschobene ins Gesicht. Zur Zeit gerade in einer Debatte über Monotheismus, Gewalt und religiöse Identität auf perlentaucher.de.

Seine These vom intoleranten religiösen Eifertum im Bunde mit Gott verankert der Philosoph Peter Sloterdijk ausgerechnet in der grauenhaften Szene Exodus 32,26-28. Zur Erinnerung: Nach dem Tanz ums Goldene Kalb versammelt Mose die Leviten und fordert sie auf, Bruder, Freund und Verwandte zu töten, die Gott nicht treu blieben: "So fielen vom Volk an jenem Tag an die dreitausend Mann".
Prompt erkennt der systematisierende Philosoph ein "Sinai-Schema", das die Gläubigen auffordere, "unbedingtes Vertrauen zu Gottes Erbarmen zu fassen, weil andernfalls Gott sie unbarmherzig vernichtet". Das tut weh. Unsere kostbare Bundestheologie ist besudelt. Und es kommt noch schlimmer: Christliche Theologie ist nicht ganz unschuldig an dieser Interpretation der biblischen Erzählung. Das zeigt der Theologe Rolf Schieder in seinem Beitrag zur Debatte. Schieder erklärt: "Für Christen ist das Verhalten Jesu vorbildlich, Geschichten über ihn fordern deshalb zur Nachahmung auf." Diese "Hermeneutik der Nachahmung" auf den genannten Exodus-Text angewandt, hieße, wir Christen seien aufgefordert wie Mose, die Götzendiener in unserer eigenen Mitte auszurotten. Die singuläre Tat wird zu einem Prinzip erhoben. In Sloterdijks Essay über "Gottes Eifer" heißt es folglich: "Am Berg Sinai wird eine moralisch neue Qualität des Tötens erfunden: es dient nicht mehr nur dem Überleben eines Stammes, sondern dem Triumph eines Prinzips".

Dieser Interpretation von Bundesschluss und Bundesbruch am Sinai entgegnet Schieder mit der jüdischen Weise des Bibellesens: "Wenn Juden die Bibel lesen, dann fühlen sie sich nicht unmittelbar zur Nachahmung, sondern zum Nachdenken darüber aufgefordert, ob denn die Protagonisten sich dem Gesetz Gottes verhalten oder nicht." Dann gilt es, aus den Fehlern der Urväter und Urmütter zu lernen: "Deren Fehlverhalten hat selbstverständlich keine bindende, keine prinzipielle und keine handlungsleitende Bedeutung".
Etwas ratlos stehe ich trotzdem vor der grausamen Tötungsszene und wage zu vermuten, die Bibel ist wohl so offen für menschlich, allzu Menschliches, dass sie auch Verhaltenweisen überliefert, denen der Mainstream in ihr klar widerspricht. Ein Trost bleibt: Gott bereute, dem Volk Unheil angedroht zu haben (Ex 32,14).

Ein weiterer, von Schieder nicht erwähnter Aspekt jüdischer Auslegung scheint mir nützlich im Umgang mit den "ungeliebten" Versen. Lesen Rabbiner die Bibel ist klar: Gott selbst ist an seine Weisung gebunden. Sein Verhalten wird daran gemessen, ob er sich an seine Tora hält oder nicht. Tut er dies nicht, dann hat auch sein "Fehlverhalten" keine "handlungsleitende Bedeutung". In diesem Sinne fordert Mose im Midrasch Gott zu einer theologischen Debatte heraus:
"Mose sprach: Herr der Welt! gestatte mir, dass ich rede. Gott antwortete ihm: Sprich alles, was du willst. Darauf fuhr Mose fort: Die Israeliten haben den Anfang des Dekalogs (das erste Gebot) Ex 20,3: 'Du sollst nicht fremde Götter haben', ausser Acht gelassen, und es übertreten, weil sie das Kalb gemacht haben und du willst das Ende desselben aufheben, welches lautet: Der Gnade übt an Tausenden, die mich lieben (Ex 20,6)."
Nach einigem Hin und Her weiß Gott nichts mehr gegen Moses Appell an seine Gnade und Bundestreue einzuwenden. Die letzte Frage des Mose konnte Gott, so bemerkt Rabbi Jizchak, "in dieser Stunde nicht beantworten". Er sprach zu Mose: "Du hast schön gesprochen." Und "sofort 'gereute dem Ewigen das Böse'."
Mit Gott gnadenlos hartnäckig zu debattieren, das klingt ein wenig häretisch? Gut so. Häresie, meint Sloterdijk, ist die "innerste Triebkraft religiöser Evolution" weg von den letzten Überresten der Intoleranz.

Quellen:
Die Monotheismus-Debatte auf perlentaucher.de:
http://www.perlentaucher.de/essay/monotheismus-debatte-im-perlentaucher.html

Zitate aus den Beiträgen von Peter Sloterdijk und Rolf Schieder:

Schieder, R., Die Monotheismusthese, oder: Ist Mose für religiöse Gewalt verantwortlich?. Ein Kapitel aus dem Buch: Sind Religionen gefährlich? (2011).

Sloterdijk, P., Im Schatten des Sinai (21.2.2013).

Midrasch Schemot Rabba. Das ist die haggadische Auslegung des zweiten Buches Mose. Zum ersten Mal ins Deutsche übertragen von August Wünsche. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1882, Lee Achim Sefarim Ein Karem-Jerusalem 2011.

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Barbara Schenck, 27. Februar 2013
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