Vom Lassen

''Sich gehen lassen: Alle Orgien, die im Bett wie die im Büro, sind zuletzt Orgien der Passivität.'' - Martin Seel

Manchmal packt mich ein Zitat und lässt nicht los: Lassen - Orgien - Passivität. Was für eine Verbindung!

Als biblisches Pendant assoziiere ich sofort: "Lass dir an meiner Gnade genügen!" Auch das ein Ruf zur Passivität. Mit Aussicht auf eine Orgie? Nun ja, wann gelingt es schon, sich darauf einzulassen: "Gottes Gnade genügt. Du musst nicht ständig selbst zeigen, was du alles managen kannst."

Das "lassen" hilft übrigens auch, den Unterschied zwischen Lutheranern und Reformierten knackig zu formulieren. "Heil ist Loslassenkönnen", so lutherisch; und reformiert: "Heil ist Tunkönnen", so kurz und bündig Professor Dr. Martin Laube: "Das Befreiungsgeschehen des Glaubens wird auf lutherischer Seite vor allem als Befreiung vom Handeln-Müssen gedeutet, während die reformierte Seite umgekehrt die Befreiung zum Handeln-Können in den Vordergrund stellt... Pointiert zugespitzt: Das Luthertum betont den passiven Charakter des Glaubens als Genießen der realen Einwohnung Gottes im Menschen - Heil ist Loslassenkönnen. Das Reformiertentum hingegen versteht den Glauben als Aufnahme in die tätige Willensgemeinschaft mit Christus - Heil ist Tunkönnen."
Jetzt gerade, in diesem Moment besinne ich mich auf meine lutherischen Wurzeln. Hic et nunc ist das passive Genießen angesagt. Dabei kuschle ich mich in einen philosophischen Aphorismus: "Alle Pflichten, die gegenüber anderen wie die gegenüber sich selbst, zielen am Ende darauf, sie oder sich gehen zu lassen." (Martin Seel)
Irgendetwas stimmt heute nicht mit dem Ton der Mittwochs-Kolumne? Richtig geraten: der Urlaub ist nah. Und tschüs!

Quellen:
Seel, Martin, Theorien, Frankfurt/M. 2009, Zitate S. 206.
Zitat aus einem Vortrag von Prof. Dr. Martin Laube, Göttingen im Dezember 2012 in Rinteln; Bericht auf reformiert-info.

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Barbara Schenck, 13. März 2013
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