Apostelgeschichte 2, 41-47

Die Leuchtfeuer der ersten Christen

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Achim Detmers stellt Zitate aus dem Impulspapier "Kirche der Freiheit" biblischen Aussagen zu den selben Themen gegenüber.

(41) Diejenigen nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An jenem Tag kamen etwa 3.000 Personen dazu. (42) Sie blieben fest bei der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten. (43) Jede Person überkam ehrfürchtiges Staunen; viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel. (44) Alle aber, die Vertrauen gefasst hatten, waren zusammen und teilten alles, was sie hatten. (45) Sie verkauften ihren Besitz und ihr Vermögen und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand Not litt. (46) Tag für Tag, hielten sie sich einmütig und beständig im Heiligtum auf, brachen das Brot in den einzelnen Häusern, nahmen Speise zu sich voll Jubel und mit lauterem Herzen, (47) lobten Gott und waren gut angesehen beim ganzen Volk. Der Herr aber ließ täglich welche zu ihrer Rettung dazukommen.

Liebe Schwestern und Brüder,
im Jahre 50 n. Chr. war die Jerusalemer Urgemeinde in eine ernste Krise geraten. Kurz nach der Auferweckung Jesu war sie noch der unumstrittene Ausgangspunkt der christlichen Mission im Mittelmeerraum. Alle wichtigen Entscheidungen der frühen Kirche wurden in Jerusalem getroffen (Apg. 15). Aber dann ließ sich der Finanzbedarf der Gemeinde nicht mehr aus eigener Kraft decken. Es wurden Fundraiser ausgesandt, Paulus und Barnabas, mit dem Auftrag, in den Gemeinden des Mittelmeerraumes nach zusätzlichen Finanz-Quellen Ausschau zu halten. Die sog. Jerusalem-Kollekte der beiden erwies sich als überaus erfolgreiches Modell.
Doch schon wenige Jahre später musste die Jerusalemer Gemeinde wieder von vorne beginnen. Während des römisch-judäischen Krieges waren die Jerusalemer Christen ins Umland geflüchtet und erst nach der Zerstörung des Tempels konnte die Gemeinde neu gegründet werden. Die Zahl der Gemeindeglieder war drastisch geschrumpft, und die Söhne des Jakobus, die inzwischen die Leitung der Gemeinde übernommen hatten, mussten sich überlegen, wie man einen Neuanfang am besten gestaltet. Einer der Jerusalemer hatte im Exil in Antiochia einen griechi­schen Arzt kennengelernt. Lukas war sein Name. Und dieser hatte ihm empfohlen, es doch einmal mit einem Leitbildprozess zu versuchen. Er selber schreibe gerade an einer Geschichte des frühen Christentums. Und wenn die Jerusalemer ihm ihr Leitbild schickten, würde er es in seiner Schrift aufnehmen und so Werbung für die Jerusalemer machen.
Und so saßen nun die Jerusalemer Christinnen und Christen nach einer gemeinsamen Agapefeier fröhlich beieinander, um das Besondere der Jerusalemer Gemeinde in Worte zu fassen. Verschiedene Aspekte wurden diskutiert: Es kamen dogmatische und liturgische Fragen zur Sprache, es wurde über Kernkompetenzen der Mitarbeiter gesprochen, über ökonomische Aspekte und natürlich über die Außenwirkung der Jerusalemer Gemeinde. Erstaunlich schnell war man sich einig. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.
Doch irgendwie hatten einige Bischöfe und Oberkirchenräte des Mittelmeerraumes von den Überlegungen der Jerusalemer erfahren und sie bestan­den darauf, sich im Interesse der Gesamtkirche ebenfalls an den Beratungen beteiligen zu dürfen. Das fertige Leitbild der Jerusalemer wurde zerredet. Vor allem kritisierten sie am Jerusalemer Leitbild, es sei zu anarchisch, rückwärtsgewandt und ohne Perspektive für die Zukunft.
Verschiedene Gremien und Ausschüsse wurden eingesetzt, um das Ganze noch einmal zu überarbeiten. Und je länger man diskutier­te, um so weniger griffig wurden die Formulierungen des Leitbildes. Nach wochenlangen Beratungen – die Jerusalemer Kerngemeinde hatte sich längst ausgeklinkt – wurde das offizielle Ergebnis bekannt gegeben. Der weiter nicht bekannte Bischof von der Insel Berolinensis teilte den Mittelmeergemeinden das Ergebnis der Beratungen mit. Weil der Text etwas ausführlicher geworden war, hatte man ihn in 12 Pharoi unterteilt. ›Pharos‹ war das griechische Wort für Leuchtfeuer. Und der kluge Bischof von Berolinensis hatte sich überlegt, mit diesem Bild aus der Seefahrer-Sprache die Bedeutung des Leitbildes zu unterstreichen. Zudem nannte er sein Papier »Kirche der Freiheit«, denn die Rede von der Freiheit kommt immer gut an.
Im dogmatischen Teil hatten die Jerusalemer in ihrem Leitbild kurz und knapp formuliert: »Wir bleiben fest bei der Lehre der Apostel.« Im Papier der Bischöfe war daraus geworden: »Eine professionell profilierte Themenagenda übersetzt die generelle Programmatik in konkrete Themen und Kommunikations-Strategien. Dabei kommt es auf eine überzeugende Verbindung von Traditionsverlässlichkeit und Geistesgegenwart an. Künftig sollte die (.) Kirche bestimmte, (...) angemessene Themen bewusst von
sich aus setzen und deren Behandlung bewusst steuern.«
Im liturgischen Abschnitt hatten die Jerusalemer in ihrem Leitbild formuliert: »Wir bleiben fest (...) in der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und bei den Gebeten.« Im Perspektivpapier der Bischöfe war daraus geworden: »Qualitätsstandards müssen auch für kleine Gottesdienstformen entwickelt werden. Getragen werden sie von Gottesdienstkernen, von Christinnen und Christen, die sich gegebenenfalls auch ohne die Anwesenheit einer Pfarrerin oder eines Pfarrers regelmäßig zum Hören auf Gottes Wort und zum gemeinsamen Gebet zusammenfinden.«
Zu den Kernkompetenzen der Mitarbeiter hielten die Bischöfe fest: »Der Pfarrberuf ist ein attraktiver und anspruchsvoller, angemessen finanzierter und hinreichend flexibilisierter Beruf. Pfarrerinnen und Pfarrer sind leitende geistliche Mitarbeitende der Kirche. Zu ihren Schlüsselkompetenzen gehören theologische Urteilsfähigkeit und geistliche Präsenz, seelsorgerliches Einfühlungsvermögen und kommunikative Kompetenz, Teamfähigkeit und Leitungsbereitschaft, Qualitätsniveau und Verantwortung für das Ganze der Kirche. Lebenslanges Lernen und beständige Fortbildung sind selbstverständliche Grundelemente des Berufes.«
Die Jerusalemer dagegen hatten sehr viel kürzer formuliert; sie schrieben: »Durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder.«
Und im Blick auf die ökonomische Situation formulierten die Jerusalemer: »Alle aber, die Vertrauen gefasst hatten, waren zusammen und teilten alles, was sie hatten. Sie verkauften ihren Besitz und ihr Vermögen und verteilten den Erlös an alle, je nachdem jemand Not litt.« Im kirchenamtlichen Papier dagegen war zu lesen: »Die Kirchensteuer ist (..) eine gute und verlässliche Finan­zierungsbasis der Kirchen. Sollte sich in Zukunft deren Gestaltung ändern, wird es erst recht nötig sein, Finanzierungsergänzungs-Systeme zu entwickeln. Aber solche ergänzenden Finanzierungen – vom Gemeinde-Beitrag bis zum professionellen Einwerben von Spenden – greifen letztlich immer wieder auf die gleichen Zielgruppen zurück. Allein eine verstärkte Einbeziehung der Rentner und Ruheständler würde zusätzliche Gruppen erschließen.«
Im Blick auf den Gottesdienstbesuch heißt es bei den Jerusalemern: »Tag für Tag, hielten sie sich einmütig und beständig im Heiligtum auf.« Die Bischöfe einigten sich auf die Aussage: »Ökonomisch ausgedrückt hat die (.) Kirche einen erheblichen Marktverlust im Bereich ihres Kerngeschäfts erlitten. (...) Die Zahl derjenigen, die regelmäßig von den kirchlichen Kernangeboten Gebrauch machen, sollte sich auf ca. 50 Prozent aller Mitglieder verdoppeln. Der durchschnittliche Gottesdienstbesuch am Sonntag sollte von derzeit 4 Prozent auf 10 Prozent aller Kirchenmitglieder gesteigert werden.«
Und schließlich notierten die Jerusalemer im Blick auf die Außenwirkung: »Sie lobten Gott und waren gut angesehen beim ganzen Volk. Der Herr aber ließ täglich welche zu ihrer Rettung dazukommen.« Die Mittelmeer-Bischöfe dagegen schrieben: »Ein neues, plural geprägtes Interesse für religiöse Fragen bestimmt unsere Gegenwart, das mit dem Stichwort der Wiederkehr der Religion (..) gekennzeichnet ist. Dieses neue religiöse Interesse muss bewusst als ein besonderes Zeitfenster für neue kirchliche Initiativen genutzt werden. (...) Inzwischen bezeichnen Zukunftsforscher die Respiritualisierung als gesellschaftlichen Megatrend.«
Als die Bischöfe und Oberkirchenräte nach der Pressekonferenz in Jerusalem endlich wieder abgereist waren, trafen sich  die Jerusalemer bei einem der Jakobus-Söhne und feierten endlich wieder fröhlich das Abendmahl. Und jeder teilte mit dem anderen, was er hatte. Und alle wussten, was ihnen in den Wochen des Leitbildprozesses gefehlt hatte: Das Wissen, dass der eine für den anderen einsteht. Dass niemand unter ihnen hungern sollte, während andere reichlich zu essen hatten. Das machte sie so attraktiv für andere Menschen, die unter den Bedingung des »römischen Friedens« nur die ungerechte Verteilung von Geld und Macht erlebt hatten. An diesem Wissen um die »Neue Welt Gottes«, die Jesus ihnen hinterlassen hatte, wollten sie festhalten, bis Jesus wiederkommen würde. Amen.

 


Achim Detmers