Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Das Wort Gottes als Gesetz und Evangelium

Eine alte Tradition neu entdeckt

©Foto: Andreas Olbrich

Das Wort Gottes zu verstehen als „Gesetz“ und „Gnade“ ist alte kirchliche Tradition: „Das Gesetz ist gegeben, damit die Gnade gesucht werde, die Gnade ist gegeben, damit das Gesetz erfüllt werde“, schrieb der Kirchenvater Augustin (354-430). Die Reformatoren entdeckten von neuem das Wort Gottes als Gesetz und Evangelium, als Gebot und Gottes Gnade in Jesus Christus.

Die Reformatoren erkannten: Gottes Ja zum Menschen, seine gnädige Zuwendung zum Menschen, geht allem, was der Mensch von sich aus Rechtes tun könnte, voran. Die Liebe Gottes ist schon längst da, bevor der Mensch versuchen kann, mit guten Werken seinen Gott gnädig zu stimmen. Diese Erkenntnis wird in der Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben fest gehalten.

Wozu Gesetz und Gebot? Die lutherische Antwort

 

Wozu, lässt sich nun fragen, sind dann die Gebote, die Weisungen zum Leben nötig? Nach Luther hat das Gesetz zwei Funktionen: Erstens sorgt es im menschlichen Zusammenleben für die Ordnung des Gemeinwesens, hat als politische und strafrechtliche Gesetzgebung den Zweck, Ungerechtigkeit, Bosheit und Gewalt abzuwehren. Zweitens sieht Luther den Zweck des Gesetzes darin, den Menschen seiner Sünde zu überführen. Das Gesetz klagt den Menschen an in seinem Hochmut, seiner Selbstüberschätzung. Der Mensch erkennt so, dass er gegenüber Gott nicht stand halten kann, wenn er auf seine eigenen Werke vertraut. Dabei unterscheidet lutherische Tradition nicht, ob das Gesetz von Gott gegeben, also Gebot ist, oder ein menschliches Gesetz, also von einer staatlichen Institution erlassen oder als "Naturgesetz" erklärt wird.

Und das Evangelium ...

 

Das Evangelium hingegen sagt dem Mensch: Deine Sünden sind dir vergeben. Gott liebt dich. Im Glauben sagt der Mensch Ja zu Gottes Zuwendung. Um Gott von sich aus gnädig zu stimmen, muss und kann er nichts tun.

Das lutherische Gefälle zwischen Gnade und Gesetz

 

Diese theologische Denkgewohnheit sieht ein Gefälle zwischen Gnade und Gesetz: zum einen begründet mit einer zeitlichen Abfolge, wonach erst am Sinai das Gesetz gegeben, dann durch Jesus Christus das Evangelium, zum anderen auf der sachlicher Ebene: Erst muss der Mensch angeklagt werden als einer, der weit entfernt ist von Gott, bevor er durch das Evangelium von Jesus Christus zu neuem Leben erweckt wird.

Der andere Weg der reformierten Tradition

 

Die reformierten Reformatoren schlugen einen anderen Weg ein in der Unterscheidung zwischen dem Evangelium, das von dem redet, was Gott für uns will, und dem Gesetz, das sagt, was Gott von uns will. Gesetz und Evangelium sind aus reformierter Sicht eine Einheit im Gnadenbund Gottes. Dabei steht das Evangelium an erster Stelle und das Gesetz ist das Gesetz Gottes, sein Gebot, nicht irgendein menschliches Gesetz.

 

Literatur

Christian Zangger, Die andere Reihenfolge: Evangelium und Gesetz, in: Die Reformierten. Suchbilder einer Identität, hrsg. von Matthias Krieg und Gabrielle Zangger-Derron, Zürich 2002, 44-47

 


Barbara Schenck
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