Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Andachten zur Barmer Theologischen Erklärung

gehalten auf der rheinischen Landessynode im Januar 2014

Jesus Christus ist als Heil der Welt für die Kirche eine Zumutung (1. These) - Kirche lässt eine Wirtschaft, die ausbeutet, nicht zur Ruhe kommen lassen (2. These) - Gottvertrauen statt Machbarkeitsideologie (3. These) - Gottes Wort ausrichten, ist das Gegenteil von einer Kirche, die sich einrichtet (6.These)

Jesus Christus ist als Heil der Welt auch für die Kirche eine Zumutung

Wie kann ein Bekenntnis, das Christinnen und Christen vor 80 Jahren gegen den totalitären Machtanspruch des nationalsozialistischen Staates formulierten, der Kirche heute in einem ganz anderen Kontext Orientierung geben?

Andacht von Superintendentin Ilka Federschmidt zu Barmen I (PDF)

Indem sie auf Jesus Christus als das eine Wort Gottes verweist und die Kirche zur Umkehr aufruft, sagte die Wuppertaler Superintendentin Ilka Federschmidt in ihrer Andacht über die erste These der Barmer Theologischen Erklärung vor der Landessynode am Samstagmorgen.

In der Gegenwart werde Jesus vor allem als Kulturfaktor und werteortientierter Mensch wahrgenommen. In seinem Anspruch als Heil der Welt sei Christus den säkularisierten Menschen der Gegenwart dagegen eine zu große Zumutung, sagte Federschmidt. Auch ihre Kirche scheine diesen Jesus als Christus zuweilen zu meiden. Ihn nicht als das einzige Wort Gottes zu verkündigen und in aller Ausschließlichkeit zu suchen, zu hören, zu glauben und zu befolgen, sei „Grund für so manche Anfälligkeit für andere, lebensfeindliche Mächte und vermeintliche Wahrheiten, Sachzwänge, Spielregeln und Realitäten“ – und, so Federschmidt, für so manche Schieflage in den Prioritäten kirchlicher Tagesordnungen. „Auf ganz andere Weise als die Mütter und Väter im Glauben vor 80 Jahren ringen wir mit uns selbst und unserem eigenen Glauben und Nichtglauben“, sagte sie.

In dieser Situation provoziere die erster These der Barmer Erklärung die Kirche zur Umkehr: Christus als „dem einen Wort Gottes die schöpferische Kraft zuzutrauen, uns eine neue und vielleicht eine ganz andere Kirchenkreatur werden zu lassen, die ihre Quelle bei ihm sucht und findet.“

In der erste These der Barmer Theologischen Erklärung wird Jesus Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt ist, als das eine Wort Gottes bezeugt, „das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“.

Die Erinnerung an die Barmer Theologische Erklärung ist auch ein zentraler Beitrag der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Themenjahr 2014 „Reformation und Politik“ in der Reformationsdekade. So beteiligt sie sich an einer Ausstellung, die der Kirchenkreis Wuppertal aus Anlass des 80. Jahrestages der Erklärung in der Gemarker Kirche erarbeitet hat. „Gelebte Reformation zwischen Widerstand und Anpassung“ ist der Titel der Ausstellung, die am 28. Mai 2014 eröffnet wird.

Andacht zu Barmen I (PDF)

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Pfarrer Dr. Jean-Gottfried Mutombo zur 2. These der Barmer Erklärung

Kirche lässt eine Wirtschaft, die ausbeutet, nicht zur Ruhe kommen lassen

Redemanuskript von Dr. Jean-Gottfried Mutombo

Die Bedeutung der Barmer Theologischen Erklärung für die weltweite Ökumene hat Pfarrer Dr. Jean-Gottfried Mutombo in seiner Andacht über deren 2. These am Dienstagmorgen beleuchtet. Die These bekennt Jesus Christus als „frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen der Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“.

Sinkende Finanzmittel oder sinkende Mitgliedszahlen müssten dabei nicht als Zeichen der Schwäche verstanden werden, so Mutombo, der Pfarrer des Amts für missionarische Dienste der westfälischen Kirche ist. „Obwohl der Mangel an Geld eine der großen Herausforderungen zu sein scheint, könnte Gott neue Wege öffnen, damit die durch das Geld mächtige Kirche zu einer starken Kirche wird, die ihre Stärke in der Kraft Christi durch den Heiligen Geist findet“, sagte er mit Blick auf die Diskussion um Aufgabenkritik und Haushaltskonsolidierung in der rheinischen Kirche.

Die gottlosen Bindungen dieser Welt, das ist für Mutombo beispielsweise eine „Wirtschaft, die sich nicht in den Dienst des Lebens stellt, sondern die Schwachen ausbeutet und misshandelt, deren Unternehmen durch die Zusammenarbeit und Unterstützung lokaler Diktatoren profitieren und die ausgebeuteten Krisenregionen nicht zur Ruhe kommen lassen.“

„Kein Bereich des Universums steht außerhalb der Souveränität Gottes“, sagte Mutombo. Für eine weltweit agierende Kirche bedeute das, dass sie „in ihren ökumenischen Beziehungen sensibel sein muss, kritisch mit Erscheinungsformen der Diktatur, des Todes, der Dunkelheit, der Menschenrechtsverletzungen, des Menschenhandels“. Das Bewusstsein, für die Schwachen da zu sein, führe auf den Weg zu einem gemeinsamen Engagement in der Ökumene. Eine Kirche, die ihr Vertrauen ganz auf Gott setze, sei zur Solidarität berufen.

Redemanuskript von Dr. Jean-Gottfried Mutombo

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Prof. Reiner Knieling über These III der Barmer Theologischen Erklärung

Wer Kirche baut, braucht Gottvertrauen statt Machbarkeitsideologie

Redemanuskript von Prof. Reiner Knieling

Zu einem Perspektivwechsel hat Prof. Dr. Reiner Knieling die rheinische Kirche in seiner Andacht über die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung aufgerufen. Gottvertrauen statt Machbarkeitsideologie, das ist nach dem Leiter des Gemeindekollegs der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands die Voraussetzung, um die Kirche der Zukunft zu gestalten.

„Häufig verstehen wir soziale Systeme, auch Kirche, wie eine – vielleicht komplizierte, aber grundsätzlich beherrschbare – Maschine“, sagte Knieling in seiner Andacht am Freitagmorgen. Bei einer defekten Maschine nur die Schrauben nachziehen zu müssen, um sie wieder in Gang zu setzen, entspreche jedoch mehr den eigenen Wünschen nach Machbarkeit und komme eher aus dem mechanischen Weltbild des 19. Jahrhunderts als aus dem Gottvertrauen, von dem die 3. These der Barmer Theologischen Erklärung spreche. Kirche habe – so die These – „als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.“

Angesichts der angespannten Haushaltslage und der bevorstehenden Strukturveränderungen müsse sich die rheinische Kirche auf Entdeckungsfahrt in Neuland begeben, ohne dafür schon eine Landkarte zu besitzen, sagte Knieling. Das schubse in Gottvertrauen. „Barmen III lockt uns in die Zukunft Gottes; in das Vertrauen auf Gottes Präsenz und Geisteskraft; in den Mut, uns auf den schwankenden Boden im komplexen Gelände zu begeben; in die Freiheit, Kirche neu und anders zu denken.“

Wie das gehen kann, zeigte Knieling an einem Beispiel aus der katholischen Kirche Frankreichs. Die Diözese Poitiers denke Gemeinde seit Jahren konsequent von den handelnden Personen und ihren Kräften her statt von den hergebrachten Aufgaben. Es müsse nicht mehr möglichst viel möglichst lange aufrechterhalten werden. Wofür sich Menschen bereit erklären, das geschehe. Anderes bleibe vorübergehend oder dauerhaft liegen.

Das führe jedoch nicht zu Abbrüchen, sondern sorge für die nötige Flexibilität, Kirche nach den Gegebenheiten vor Ort zu bauen: „Manchmal wuchsen aus der Brache auch neue Kräfte und Ideen“, sagte Knieling zu den Erfahrungen aus Poitiers. „Ist es Ironie der Geschichte, dass unsere katholischen Schwestern und Brüder das Priestertum aller Gläubigen neu entdecken und die Kirche konsequenter von unten her denken, als im presbyterial-synodalen System vorgesehen ist?“, so Knieling weiter zur rheinischen Landessynode

Redemanuskript von Prof. Reiner Knieling 

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Christina Brudereck zur 6. These der Barmer Theologischen Erklärung

Gottes Wort ausrichten, ist das Gegenteil von einer Kirche, die sich einrichtet

Redemanuskript Christina Brudereck

Sind Bekenntnisse nur fromme Worte, oft gehört und so allzu schnell überhört? Oder haben sie den Menschen heute noch etwas zu sagen? Welchen Weg die 6. These der Barmer Theologischen Erklärung der Kirche heute weisen kann, zeigte die Essener Publizistin und Theologin Christina Brudereck in ihrer Andacht am Montagmorgen. Diese „Bekenntnis-Worte unserer Kirche, oft und gerade jetzt gelesen und gehört“ unterbreche die Kirche in ihrem Alltag und erinnere sie an ihre Grundlagen.

„An Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“, das ist in den Worten der 6. These Auftrag der Kirche. Ausrichten sei dabei das Gegenteil von Einrichten, sagte Brudereck. In der Kirche gehe es nicht um menschliche Selbstherrlichkeit und selbst gewählte Zwecke, sondern um Gottes Ehre.

In ihrem eigenen Alltag und dem der Kirche sehe das allerdings oft ganz anders aus. „Ich fühle mich oft gebunden. Ich weiß, ich bin korrumpierbar, beeinflusst, längst nicht so frei, wie ich es gerne hätte“, sagte Brudereck. Gottes Wort dagegen sei frei, was die Kirche sich immer wieder sagen lasse müsse in Geschichten, Liedern, Gebeten und Bekenntnissen wie der Barmer Theologischen Erklärung.

Mit Gott zu rechnen, falle ihr jedoch oft schwer, sagte Brudereck. Mit Gott zu reden dagegen sei viel leichter. „Ich weiß, Sie müssen rechnen“, sagte Brudereck der Landessynode, die in Bad Neuenahr auch über strukturelle Einsparungen in ihrem landeskirchlichen Haushalt zu entscheiden hat. Aber das Wort „Kosten“ habe nicht nur mit Geld zu tun, sondern auch sinnlich und lebensfroh mit Schmecken und Sehen, wie es etwa das Abendmahl mit seinen Elementen Brot und Wein kennzeichne.

Glauben sei, so lautete eines von Bruderecks zahlreichen Bildern in ihrer poetisch formulierten Andacht, eine „Umzugskiste, die uns aus der Gewohnheit zieht ins Neue“. Wer die freie Gnade Gottes an alles Volk ausrichte, gehe nicht eigenmächtigen Wünschen nach, selbstgewählten Zwecken und Plänen, sondern spüre Gottes Wünsche auf, was für Brudereck auch ganz sinnlich meint: „Gottes Nähe als Glück begreifen.

Redemanuskript Christina Brudereck


Januar 2014
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