Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Verräterische Folgen gutgemeinter Metaphern

Denkanstoß zum Wochenlied »Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all« (eg 293) - 3. Sonntag nach Epiphanias

Foto (bearb.): Eugène Atget (1857–1927); Wikipedia Commons

von Sylvia Bukowski

Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all,
lobt Gott von Herzensgrunde,
preist ihn, ihr Völker allzumal,
dankt ihm zu aller Stunde,
dass er euch auch erwählet hat
und mitgeteilet seine Gnad
in Christus, seinem Sohne.

Dieses Lied singe ich gern mit. Es bringt eine wesentliche Erkenntnis aus dem christlich jüdischen Dialog zum Ausdruck, nämlich Israels bleibende Erwählung. Die Kirche ist nicht das „Israel rechter Art, der aus dem Geist erzeuget ward“ (wie in eG 299,4), sie hat das reale Israel nicht abgelöst, sondern Menschen aus allen Völkern sollen Gott dafür loben, dass er sie „auch erwählet hat“ (Strophe 1).

Spannend wird erst die Frage, woran wir eigentlich denken, wenn wir von der bleibenden Erwählung Israel reden: Meinen wir das ganze jüdische Volk? Die praktizierenden Juden? Den Staat Israel? Oder doch eher eine theologisch abstrakte Größe?

Bedenkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Provokation Jürgen Ebachs, in der er „gutgemeinte Metaphern“ für das Verhältnis von Christen und Juden auf`s Korn nimmt, die wir inzwischen häufig gebrauchen. Dazu zählt er die Rede von Israel als dem älteren Bruder und von Israel als der Wurzel des Christentums. In der ihm eigenen spitzen und zugleich tiefsinnigen Art erinnert er daran, dass die älteren Brüder in der Bibel immer den Kürzeren ziehen, während die jüngeren die erwählten und geliebten sind. Und trotz der „ehrwürdigen paulinischen Herkunft“ der Rede von Israel als der Wurzel, die uns trägt, merkt er an: „Gewiss, die Wurzel trägt den Baum, aber die Wurzel liegt unter der Erde und bringt keine Frucht.“ Sein Fazit ist: „Viele Menschen, gerade in Deutschland und dabei besonders die, die sich der politischen Linken zurechnen, sind sehr engagiert, wenn es um das Gedenken der toten Jüdinnen und Juden geht. Mit den in Israel Lebenden haben sie viel mehr Mühe. Zeigen die gut gemeinten Metaphern  hier ihre verräterischen Folgen?“

Jürgen Ebach, Schriftstücke. Biblische Miniaturen. Gütersloh 2011, S. 30f.

www.youtube.com/watch?v=PQ0_oY-1qXY

Sylvia Bukowski, 25. Januar 2014

 

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Ein Impuls zum Wochenlied von Sylvia Bukowski

 

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