Keine Liebe ohne Leiden

Karfreitagsbotschaft des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider

©Foto: Andreas Olbrich, Reigoldswil

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. - Johannes 3,16

Das Bibelwort für den Karfreitag weist auf ein sperriges Bekenntnis unseres Glaubens: Die Liebe Gottes zur Welt ist der tiefe Grund für das Leiden Jesu Christi. Der Zusammenhang von Liebe und Leiden ist anstößig. Menschen wünschen sich und einander „Liebe ohne Leiden“. Karfreitag aber macht uns neu bewusst: Gott leidet, weil er liebt. Aus Liebe zu uns Menschen nimmt Jesus sein Leiden und Sterben auf sich. So wie es der barocke Lieddichter Johann Heermann (1585-1647) bekennt:

O große Lieb, / o Lieb ohn alle Maße, / die dich gebracht auf diese Marterstraße! / Ich lebte mit der Welt in Lust und Freuden / und  du musst leiden
(Evangelisches Gesangbuch 81, 6)

Wer sich von der Liebe Gottes anstecken lässt, geht das Risiko des Leidens ein.

„Jede Beziehung zu einem anderen Menschen macht uns verwundbar, je größer die Liebe, desto verwundbarer der Liebende. Wer in sich selber ruht, keinen braucht, autark ist, den wird auch weniger Schmerz treffen. Aber Christus, der in die Liebe ruft, hat nie empfohlen, Schmerzen zu vermeiden, sich zu sparen, wie die Stoiker es anrieten. Er rief in eine Bewegung hinein, eine diesseitige Transzendenz, die mit ihrem Leben bezahlt, was sie ersehnt, das Reich Gottes. Die Nachfolge Christi sensibilisiert Menschen, sie macht sie aufmerksam, nachdenklicher, empfindlicher und verwundbarer.“ 

Mit diesen Worten hat die Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) dem Zusammenhang von Liebe und Leiden nachgespürt. Gottes Liebe in Christi Leiden zu erkennen und dankbar für sich anzunehmen, bedeutet: Die Liebesbewegung Gottes in der eigenen Zeit durch eigenes Tun immer neu erfahrbar werden lassen. Das Leiden der Welt aber lässt in uns oft den Wunsch nach einer Elefantenhaut wachsen: Hungersnöte, Kriege und Naturkatastrophen – immer und immer wieder. Das verleitet zum Wegsehen und zum inneren Abschotten. In der Nachfolge Christi sind dagegen unsere Sensibilität und unsere Fähigkeit zum Mitleiden gefragt. Gefragt sind unsere liebevolle Solidarität mit Opfern und unsere barmherzige Hilfe für Leidende.

Das ist eine tiefe Wahrheit der biblischen Karfreitagsbotschaft: Wer auf Gottes Liebe im leidenden Christus vertraut, der wird in seinem Leiden und Sterben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben!

Hannover, 16. April 2014

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