Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Zieh ein zu deinen Toren

EG 133 - Wochenlied zum Sonntag Rogate

Foto: Mateusz Stachowski/freeimages.com

Ein Impuls von Sylvia Bukowski

Bei einem Lied mit so vielen Strophen muss man auswählen. Die Strophen 8 und 9 sollten m.E. aber nie fehlen. Meine Begründung: Jeder kennt Konflikte, die völlig verfahren scheinen. Alle Parteien wollen nur eins: Recht behalten. Um jeden Preis. Und oft genug ist der Preis hoch, nimmt die Verletzung oder sogar die Zerstörung des anderen in Kauf. Das ist in persönlichen Zerwürfnissen nicht anders als in politischen Konflikten. Als Paradebeispiel dafür gilt vielen der Nahostkonflikt, in dem sich die politischen Fronten auf Kosten der Bevölkerung immer mehr verhärten. Alle Versuche zu einem gerechten Frieden für Israelis und Palästinenser zu kommen, sind bisher an der Sturheit der führenden Politiker gescheitert.

Darüber regen sich viele gutmeinenden Christen auf, ergreifen leidenschaftlich Partei für die eine oder die andere Seite und verteufeln den jeweiligen Gegner. Yohanna Katanacho, Dozent in Bethlehem, betont dagegen wie viele andere palästinensische Christen immer wieder: Wir brauchen keine einseitige Unterstützung. Wir brauchen Menschen mit einer Vision für unser Zusammenleben! Ich ergänze: Menschen, die singen und beten: „...Du Herr, hast selbst in Händen, die ganze weite Welt, kannst Menschenherzen wenden, wie es dir wohlgefällt; so gib doch deine Gnad zu Fried und Liebesbanden, verknüpf in allen Landen, was sich getrennet hat.“ (Strophe 8)

Während das Eintreten für die Opfer gewalttätiger Konflikte und menschlicher Gleichgültigkeit überall in christlichen Fürbitten vorkommt, wird oft vergessen, dass die Bibel uns auch die Fürbitte für Menschen ans Herz legt, die sich an Gott und Menschen vergehen und schwere Schuld auf sich laden. (2Mose 32,7-14, der Predigttext für diesen Sonntag ist dafür ein Beispiel) Auch für die Täter sollen wir in die Bresche treten, denn für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle. Er kann jedes Menschenherz wenden, auch das eines Terroristen oder kaltblütigen Ausbeuters! Diese heilsame Veränderung ist Werk des heiligen Geistes. „Zeuch ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast“ bittet Paul Gerhard Gottes Geist in diesem Choral und weitet die individuelle Bitte im Folgenden aus auf seine zeitgenössische Gesellschaft, die immer noch gezeichnet ist von den Wunden des 30jährigen Krieges. Bis zu 40% der deutschen Bevölkerung sind damals umgekommen, und ganz Mitteleuropa ist auf Jahre hinaus verwüstet.

Die Bitte, die Paul Gerhardt in Strophe 9 äußert, ist auch heute hochaktuell im Blick auf das zerbombte Syrien und die vielen Orte unserer Erde, wo Menschen drangsaliert, Christen verfolgt und heilige Stätten zerstört werden: „Erhebe dich und steure dem Herzleid auf der Erd; bring wieder und erneu`re die Wohlfahrt deiner Herd. Lass blühen wie zuvor die Länder, so verheeret, die Kirchen, so zerstöret durch Krieg und Feuerszorn.“

Ein Choral, der uns lehrt, die Welt so wie sie ist ins Gebet zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass Gott sich bewegen lässt – über unser Bitten und Verstehen hinaus.


Sylvia Bukowski, 25. Mai 2014
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Ein Impuls zum Wochenlied von Sylvia Bukowski

 

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