Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Tastende Schritte vor-läufiger Hoffnung

„Gott wird nicht zugrunde-, sondern aufrichten.“

Paul Klee: Engel, noch tastend (Ausschnitt), 1939, Kreide, Kleisterfarbe und Aquarell auf Papier auf Karton, 29,4 x 20,8 cm, Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee, Bern

Magdalene L. Frettlöh, Professorin für Systematische Theologie in Bern, skizziert im Interview mit reformiert-info ihr „eschatologisches Mobile“.

Am Anfang des Gesprächs über christliche Hoffnung stehen die Lebenserinnerungen der Berliner Psychologin und engagierten Kirchenfrau Hannah Michaelsen. Im Alter von 70 Jahren stellte Michaelsen sich der Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen ihres Lebens:  In der Nacht des 8. Mai 1945 wurde sie als achtjähriges Mädchen im Keller ihres Charlottenburger Elternhauses vergewaltigt. Jahre später nahm ihr jüdischer Ehemann, der als Fünfjähriger mit seinen Eltern nach Auschwitz deportiert worden war, sich das Leben.
Durch die Erinnerungs- und Trauerarbeit begleitete Magdalene L. Frettlöh als Seelsorgerin Hannah Michaelsen und schrieb ein Nachwort-Essay zu ihren Lebenserinnerungen „Adieu, Raphael“, die im Verlag Junge Kirche, bei Erev-Rav als Buch erschienen sind.

reformiert-info: In dem Nachwort-Essay zu „Adieu, Raphael“ zitierst du Jacques Derrida, um in Worte zu fassen, was der Tod eines geliebten Menschen für uns macht:
Der Tod erkläre jedes Mal „das Ende der Welt in ihrer Gesamtheit, das Ende jeder möglichen Welt, und jedes Mal das Ende der Welt in ihrer Gesamtheit, das Ende jeder möglichen Welt, und jedes Mal das Ende der Welt als einer einzigartigen, also unersetzlichen und also unendlichen Gesamtheit.“

Ist das eine Wahrnehmung des Todes, die uns im biblischen Zeugnis fehlt?

Frettlöh: Zunächst ist es eine Wahrnehmung des Todes, die durch Hannah Michaelsens Lebensgeschichte bestätigt wird: Dass sie nach Raphaels Tod und dem Verlust ihres ungeborenen Kindes wenige Tage später Bonn, den gemeinsamen Lebensort, fluchtartig verlassen und sich fast vier Jahrzehnte alle Erinnerungen an die schöne-schwere Hoch-Zeit ihres Lebens und auch jede Trauer versagt hat – das zeigt doch, dass für sie mit Raphaels Suizid die und nicht nur eine Welt zerbrochen ist. In den Folgejahren hat sie funktioniert, aber hat sie auch gelebt?!

Worum es Derrida geht – und das scheint mir sehr nahe am biblischen Zeugnis zu sein –, ist, auf der Einzigartigkeit und Unersetzlichkeit jeder und jedes Toten zu beharren und sich über ihren Tod nicht hinwegzutrösten, die Lücke und Leere, die sie hinterlassen, nicht zu füllen, auch nicht mit Gott! Darum ist ihm selbst eine Trauerarbeit, die – vielleicht gar in institutionalisierten Ritualen – den Verlust zu bewältigen sucht, höchst suspekt. Er entlässt die Überlebenden nicht aus der Verantwortung für die Toten. Wegweisend ist ihm dabei eine Zeile aus einem Celan-Gedicht geworden: „Die Welt ist fort, ich muß dich tragen.“ Und genau das tut Derrida in den Abschiedsreden auf seine Freunde und Kollegen: Er trägt sie.

Von der Last, die Toten zu tragen

Nicht, dass ich Derrida taufen möchte, aber ist nicht gerade das unser christliches Bekenntnis in nuce, dass nicht nur eine Welt, sondern die Welt fort ist mit dem Tod und der Auferweckung des Gekreuzigten – nämlich die Welt, die von der Macht, ja Gewalt des Todes, der nun entmachtet ist, beherrscht wurde. Und tragen wir nicht in jeder Abendmahlsfeier den, der gegangen ist: „Solches tut zu meinem Gedächtnis ...“?

Auch Derrida wusste um die ungeheure Last des Tragens der Toten, wie schwer zu ertragen es ist, dass sie, ihre Freundschaft und Freigebigkeit, ihre Worte und ihr Lächeln, ihr Schweigen und ihr Verstehen, ihre Kritik und ihr Widerspruch nicht mehr da sind. Darum brachte er den Vers Celans mit einem Hölderlin-Zitat zusammen: „Denn keiner trägt das Leben allein.“ Hannah hat in der siebenjährigen Aufarbeitung ihrer traumatischen Lebensgeschichte die Wahrheit beider Sätze erfahren und darüber gelernt, Raphael „À-dieu“ zu sagen.

Bilder der Hoffnung

reformiert-info: Dem französischen Abschiedswort À-dieu wohnt eine Hoffnung inne. Wenn du diese Hoffnung malen wolltest, welches Bild, welche Bilder siehst du?

Frettlöh: Das beim Wort genommene À-dieu weckt in mir Bilder getrosten Abschiednehmens, gelassenen Loslassen-Könnens. Es ist, als ob der gähnende Abgrund des Todes überbrückt werde, als ob von jenseits der Schwelle, vor der wir stehenbleiben müssen, eine Hand gereicht werde, die die Toten, die wir nicht länger begleiten können, empfängt, willkommen heißt und geleitet.

Oder ich denke an das leuchtende Angesicht Gottes im aaronitischen Segen: das À-dieu gönnt den Verschiedenen diese freundliche Gottesnähe auch jenseits der Todesgrenze. So verstanden, ist es ein Segenswort, das darauf setzt, dass der Tod für den Segen Gottes keine unüberwindbare Grenze darstellt, dass vielmehr der Segen jenes Lebensband ist, das Menschen diesseits und jenseits der Todesgrenze verbindet. Das À-dieu ist Ausdruck meiner Hoffnung darauf, dass die Verschiedenen – für uns unsichtbar und unserer Verfügung entzogen – nun im Licht Gottes stehen, das ihr Leben in voller Pracht erstrahlen lässt.

Solche vom wörtlich genommenen À-dieu evozierten Bilder machen davon frei, sich an die Toten zu klammern oder darüber zu verzweifeln, dass wir ihnen nun nichts Gutes mehr tun zu können. Es sind also gleichsam ent-sorgende Bilder, die uns entlasten von der Sorge um die, die nun in der Obhut des treuen Gottes sind, aber auch davon abhalten, noch länger Einfluss auf sie nehmen zu wollen. So hat ja auch Hannah es als Befreiung erlebt, ihrem Raphael 40 Jahre nach seinem Tod endlich À-dieu sagen zu können.

Selbsttötung

reformiert-info: Sich (mit)schuldig zu fühlen am Suizid eines Menschen, kann eine erdrückende Lebenslast sein. Wie begegnest du ihr als Seelsorgerin und als Theologin?

Frettlöh: Zunächst ist es wichtig, diese Schuld, das Sich-mitschuldig-Fühlen in Worte zu fassen, es sich selbst einzugestehen und auch vor einem Menschen unseres Vertrauens dazu zu stehen. Was wir aussprechen können, kann uns nicht mehr hinterrücks überfallen. Und wo wir uns einem Menschen mit unserer Schuld anvertrauen, kann diese mitgetragen werden. Die Schuld verschwindet ja nicht, sie muss getragen werden. An vielen Stellen, wo in unseren Bibelübersetzungen davon die Rede ist, dass Schuld vergeben wird, steht im biblischen Text wörtlich, dass sie getragen wird. Lasten werden bekanntlich leichter, wenn ein Anderer, eine Andere an ihnen mitträgt. Das gilt auch für die Schuldenlast.

Sodann zeigt sich in einer solchen Extremsituation eines Suizids besonders deutlich, was überhaupt zum Alltag unseres Lebens gehört: Wir können gar nicht leben, ohne uns gegenseitig vieles schuldig zu bleiben, ohne immer wieder aneinander schuldig zu werden. Das gehört mit zu den Grenzen unserer Geschöpflichkeit. Keine von uns kann ihre Hände in Unschuld waschen. Unsere Möglichkeiten füreinander sind begrenzt. Wir können einander nie alles sein und alles geben. Denn wir sind Menschen und nicht Gott. Und macht sich nicht sogar Gott angesichts des himmelschreienden Elends in der Welt schuldig? Wenn wir mit der kultischen Kategorie des Sühnopfers, einer von etwa einem Dutzend biblischer Interpretationen der Passion Jesu, den Kreuzestod Jesu als stellvertretende Sühne für unsere menschlichen Verfehlungen deuten, sollte er dann nicht auch als Sühne für Gott verstanden werden können – dafür, dass Gott so oft nicht eingegriffen hat und die Not nicht gewendet hat, dass so viel Gebete unerhört bleiben und Hilferufe ins Leere gehen ...?

Mit der eigenen Schuld leben

Im Wissen darum, dass jemand stellvertretend unsere Schuld getragen hat, mag es uns leichter fallen, mit eigener Schuld zu leben und an der Schuld anderer mitzutragen. In der Ethik Dietrich Bonhoeffers findet sich der so tröstliche Gedanke, dass Christus als wahrer Mensch nicht der einzige Unschuldige sein wollte, sondern sich so mit der schuldig gewordenen Menschheit solidarisiert hat, dass er sich ihre Schuldenberge hat aufladen lassen. Übrigens können wir das in der hebräischen Bibel auch schon von Mose lesen, der Gottes unmoralisches Angebot, sein halsstarriges, ungehorsames Volk zu vernichten, aber aus Mose ein neues großes Volk zu machen, nicht angenommen hat, sondern im Gegenzug Gott aufgefordert hat, die Schuld Seines Volkes zu tragen.

Und der allerwichtigste Trost angesichts solcher Schuld(gefühle) ist für mich eine Einsicht, die ich Karl Barth verdanke: Auch Selbsttötung kann eine Art und Weise sein, wie Gott ein Leben zurücknimmt aus den Händen dessen, dem es unerträglich geworden ist. Gott empfängt ein Leben zurück aus der Hand derjenigen, die es sich selbst genommen hat. Ein unendlich tröstlicher Gedanke – allemal angesichts dessen, dass Kirche und Theologie über Jahrhunderte verkündigt und gelehrt haben, Menschen, die sich umgebracht haben, seien in Ewigkeit von Gott getrennt. Das wurde dann auch noch dadurch demonstriert, dass sie außerhalb der Friedhofsmauern verscharrt wurden und kein kirchliches Begräbnis erhielten. Damit haben Theologie und Kirche sich selbst entsetzlich schuldig gemacht. Wie viel Not wäre angesichts von Suiziden den Zurückbleibenden erspart geblieben, wenn sie sich nicht auch noch an der Trennung ihrer Toten von Gott hätten schuldig fühlen müssen! Für Hannah war das ja die allerschlimmste Vorstellung, schuld daran zu sein, dass Raphael nach seinem Suizid für immer von Gott getrennt sei. Und kirchliche Verkündigung gab diesen Schuldgefühlen lange Zeit neue Nahrung.

Vom Jüngsten Gericht

reformiert-info: Nun sind wir schon mittendrin in der Lehre von den letzten Dingen, der Eschatologie und fangen noch einmal an mit Gott: Was macht Gott im Jüngsten Gericht? Wer ist sie, ist er im Gericht?

Frettlöh: Meine Hoffnung zielt darauf, dass Gott im Jüngsten Gericht mit Seiner Schöpfung zurechtkommt, dass Sie alle ihre Geschöpfe zurechtbringt und keines von ihnen preisgibt – weder an eine Auslöschung des gelebten Lebens noch an eine ewige Gottesferne oder gar Gottverlassenheit.

Dazu gehört für mich, dass uns aus Gottes Gedächtnis noch einmal unser ganzes Leben vergegenwärtigt wird und dass wir es lernen, mit den Augen Gottes, mit dem Blick der Gnade darauf zu schauen, und uns dann selbst so sehen können, wie Gott uns heute schon sieht: als Bilder Gottes, die den göttlichen Glanz und die göttliche Güte widerspiegeln.

Und ebenso gehört für mich dazu, dass Gott uns Rede und Antwort steht, dass wir Ihn fragen können und dass Sie uns dann die Antwort auf die Theodizeefrage nicht länger schuldig bleibt – jene Frage, wie das Elend in der Welt zusammengehen kann mit Gottes Gerechtigkeit und Güte, Allmacht und Verstehbarkeit; jene Frage, die wir hier und heute nicht beantworten können, die wir aber auch nicht zum Schweigen bringen dürfen.

In der Tradition gab es immer wieder die Vorstellung vom Jüngsten Gericht als eines hochnotpeinlichen Verhörs unter vier Augen, in dem wir Rede und Antwort zu stehen haben. Doch wenn Gericht Gespräch ist wie bereits im Garten Eden, dann sind nicht nur wir gefragt, sondern dürfen und sollen auch Gott fragen und Sie nicht aus der Verantwortung entlassen. Und als Sozialgericht wird das Jüngste Gericht auch unsere zwischenmenschlichen und mitgeschöpflichen Beziehungen im Blick haben, nicht nur unsere Gottesbeziehung.

Christus als Anwalt und Richter

Und die vielleicht wichtigste Erwartung, die ich Gott gegenüber im Jüngsten Gericht hege, ist die, dass Er Seinem eigenen Sohn zuhört. Meinen Studierenden sage ich immer wieder: Achtet in eschatologischen Entwürfen darauf, welche Rolle der Christus im Jüngsten Gericht hat. Ist er dort arbeitslos, dann stimmt mit dieser Eschatologie etwas nicht. Denn wir erwarten ja ihn als unseren Richter: Der an unserer Stelle Gerichtete tritt im Jüngsten Gericht – so meine Hoffnung – in einer Doppelrolle auf: als unser Anwalt, der für uns bei Gott eintritt, und als unser Richter. Wie kann er, der sein Leben stellvertretend für uns eingesetzt hat, gegen uns sein?! Braucht es nicht zuletzt auch dafür die Passionsmale am Auferstehungsleib, damit bis ins Jüngste Gericht erinnert bleibt, dass jedes Geschöpf in ihm, dem Gottes- und Menschensohn, seinen Tod bereits hinter sich hat?! Wie könnte Gott dann noch „nein“ auch nur zu einem von uns sagen, ohne zunichte zu machen, was Sie in der Geschichte des Christus für uns getan hat.

Übrigens – um die menschliche Freiheit mache ich mir dabei keine Sorgen. Auf sie berufen sich ja gerne jene, die die Hoffnung auf Allerlösung nicht teilen und zumindest eine eschatologische Apartheitspolitik vertreten: Die sich auf Erden als TäterInnen und Opfer gegenüberstanden, sollen auch in Ewigkeit nicht im selben Raum leben müssen. Aber ist es Freiheit, sich der neuschöpferischen Kraft eines jede und jeden zurechtbringenden Gottes zu verweigern?! Wir werden – wenn denn Auferweckung radikale Transformation, Neuschöpfung, ist – uns ja nicht unverändert als die Alten begegnen. Alles wird verwandelt sein. Wie könnten wir sonst den unverstellten Blick auf unser Leben und die Begegnung mit denen aushalten, an denen wir und die an uns schuldig geworden sind?

reformiert-info: Zum Schluss bitte ich um ein Vademekum für die Leserinnen und Leser: Eine Skizze deines eigenen theologischen Entwurfs einer Eschatologie – in wenigen Worten, entlang der „Hauptworte“:

Frettlöh: Ach nein, einen eschatologischen Ratgeber vermag ich nicht zu formulieren. Aber ich kann ein paar Motive nennen, die mir für meine eschatische Hoffnung und mein eschatologisches Mobile unverzichtbar sind:

Hoffnungsgründe

Meine Hoffnung steht auf doppeltem Grund: darauf, dass Gott schon einmal den Tod überwunden hat, nämlich als Er den gekreuzigten Nazarener aus dem Tod ins Leben rief, und dass Gott Wort hält und wahrmacht, was Sie versprochen hat. Dass Gott Jesus nicht im Tod gelassen hat, beflügelt meine Hoffnung, und die Vielzahl der unerfüllten Verheißungen befeuern meine Sehnsucht, auf dass wahr werde, dass es kein Leid, keine Tränen und keinen Tod mehr geben wird! Ich setze mein Vertrauen darauf, dass Christus uns nur einen Weckruf und Aufstand voraus ist und dass uns allen blüht, was ihm widerfahren ist.

Tastende Schritte vor-läufiger Hoffnung

Christliche Hoffnung über den Tod hinaus ist nicht unbegründet und sie hat ihre eigene Vernünftigkeit. Dennoch begeben wir uns mit ihr in einen Raum hinein, in dem noch niemand von uns war, entwerfen Bilder von etwas, was keine Auge je gesehen und kein Ohr je gehört hat. Unsere Hoffnung bleibt darum angefochten und sie ist angewiesen darauf, dass Gott sie einst bewahrheitet. So ist sie buchstäblich vor-läufig und tut gut daran, sich tastend und nicht allzu vollmundig vorzuwagen. Paul Klees Zeichnung „Engel, noch tastend“ ist mir dabei zum Leitbild meiner eschatologischen Tastversuche geworden.

Vorfreude wecken

Über Jahrhunderte ist mit Vorstellungen vom jüngsten Gericht und dem Leben nach dem Tod im dualen System von Himmel und Hölle Angst und Schrecken verbreitet worden. Diese Terrorgeschichte muss aufgearbeitet werden, auf dass mit der Wiederentdeckung biblischer Hoffnungsbilder Vorfreude auf die universale Durchsetzung der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit geweckt und Erlösung von Not und Tod, von Schuld und Schaden für alle ersehnt werden kann. Gewiss, es wird eine ernste Vorfreude sein, denn ohne Beschämung wird es wohl nicht abgehen, wenn wir noch einmal unverstellt mit unseren Lebensgeschichten konfrontiert werden. Aber auch diese Beschämung dient nicht unserer Bloßstellung, sondern sie sucht uns heim angesichts der uns alle überraschenden Gnade Gottes.

Hoffen auf Gottes Gerechtigkeit

Die aber, die göttliche Gnade und Barmherzigkeit, stehen nicht im Gegensatz zu Gottes Gerechtigkeit. Ich habe es bereits im Zusammenhang der Erwartung des Jüngsten Gerichts angedeutet: dass Gott mit allen Seinen Geschöpfen zurechtkomme, dass sich Gottes Gerechtigkeit universal durchsetze, auf dass alle teilhaben an der göttlichen Lebensfülle, an einem Leben voller Schalom, in dem alle Genüge haben, weil ihnen genug getan wurde, und sie darum vergnügt sein können – das ist der Inbegriff meiner Hoffnung. Gott wird nicht zugrunde-, sondern aufrichten.

Nichts geht verloren

Und damit eng zusammen hängt die Zuversicht, dass bei Gott kein einziges Geschöpf verloren geht und Gott niemanden aufgibt. Mehr noch: dass jedes Leben in der Auferweckung von der Gewalt des Todes befreit wird und dass es in der ihm eigenen Würde für alle sichtbar wird. „Siehe, ich mache alles neu!“ – diese Hoffnung verträgt sich nicht damit, dass Gott auch nur einen winzigen Teil Seiner Schöpfung preisgibt.

In der Bibel gibt es eindrückliche Bilder einer himmlischen Buchführung, etwa das Buch des Lebens, in dem bei Gott unsere Namen buchstäblich eingeschrieben sind. Es sind Bilder der Bewahrung irdischen Lebens, widerständisch gegen das Vergessen. Gewiss, der ganze Mensch stirbt. Die Bibel kennt keinen Dualismus von Leib und Seele und also auch keine unsterbliche Seele. Unsere Identität wird allein von Gott bewahrt – im Gedächtnis unserer Namen, die ja so etwas wie verdichtete Lebensgeschichten sind.

Namhaftes Leben

Überhaupt mag unseren Eigennamen eine große Rolle zukommen: In ihnen wird – so die biblische Metapher vom himmlischen Eingeschriebensein – unser irdisches Leben bei Gott aufbewahrt, mit ihnen werden wir aus dem Tod ins Leben gerufen, in ihnen wird uns unsere neuschöpferisch umgestaltete Identität zugeeignet. Leben im Eschaton erwarte ich als namhaftes Leben, in dem jeder und jedem Prominenz zukommt. Paulus war davon überzeugt, dass – um Christi willen – Gott für jede und jeden einst ein Lob bereithält. Es ist kein Zufall, dass in der Geschichte von Hannah und Raphael ihre beiden Namen so wichtig sind.

Hoffnungsvolle Lebensorientierung hier und heute

Eschatische Hoffnung ist keine Vertröstung auf einen St. Nimmerleinstag. Was wir erhoffen, bestimmt unser Leben in der Gegenwart. Es macht eben einen Unterschied aus für den Umgang mit unseren Mitmenschen, ob wir von der Hoffnung auf Allerlösung erfüllt sind oder ob wir davon ausgehen, dass ein Teil der Schöpfung dem Verderben anheimfällt. Wer einen strikten eschatologischen Dual vertritt, wird auch hier und heute zu Schwarz-weiß-Urteilen neigen. Wir gewinnen einen anderen Blick auf unsere Mitmenschen und Mitgeschöpfe, wenn wir darauf hoffen, dass Gott jedes Leben, so verfehlt und kaputt es auch sein mag, einst zu Ehren bringen und heilen wird.

Sehnsuchtsvolles, ungeduldiges Hoffen

Was ich mir wünsche, ist, dass es uns mit unseren eschatologischen Entwürfen gelingt, unser gegenwärtiges Leben verheißungsvoll zu orientieren und darüberhinaus Sehnsucht zu wecken, Sehnsucht auf das Kommen Gottes und Seines Messias. Wir beten mit jedem Vaterunser: „Dein Reich komme!“ Aber wäre es uns auch recht, wenn Gott diese Bitte bald erfüllte?

Womöglich sollte sich unsere eschatologische Gottesrede verbinden mit dem sehnsüchtigen Hoffen unserer Kirchenlieder und dessen Grund nachdenken: „Wir warten dein, du kommst gewiss, / die Zeit ist bald vergangen; / wir freuen uns schon überdies / mit kindlichem Verlangen. / Was wird geschehn, / wenn wir dich sehn ...“? Machen wir uns auf Überraschungen gefasst!

Juli 2014

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