Glaube und Politik – und Gebet

Predigt zu 1. Petr. 4,7

© G. Rieger

Liebe Gemeinde,

„Glaube und Politik“ – unter diesem programmatischen Titel werden wir in den kommenden Tagen im Austausch sein, lehrend und lernend. In diesem Spannungsverhältnis von Glaube und Politik leben wir als Hörende und Handelnde, als Christen in Sonntag und Alltag in der Welt von heute.

Ich möchte daraus aber eine Trias machen und die beiden Bereiche von „Glaube und Politik“ um den des „Gebetes“ ergänzen. Und zwar unter Aufnahme eines Verses aus dem für den heutigen Sonntag vorgesehenen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief, wo es heißt: „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“ (1. Petr. 4,7)

Ich beginne mit einer persönlichen Erinnerung, dem 1. Bild: Frühjahr 1989: ein Gottesdienst in der Kapstädter St. Georges Cathedral, der Predigtkirche des damaligen Erzbischofs der Anglican Church, Desmond Tutu. Er leitet den Gottesdienst zusammen mit dem zu dieser Zeit als Moderator der Dutch Reformed Mission Church amtierenden Allan Boesak und anderen Kirchenführern. Die große Kirche mitten in der Innenstadt ist übervoll von Menschen verschiedenster Konfessionen, Hautfarben, Herkunft und Alter. Christen, Apartheidopfer und –gegner, Fromme und Aktivisten, „normale“ Gemeindeglieder und politische Prominenz treffen sich im schützenden Raum der Kirche. Hören, singen, beten, klagen, loben und schweigen miteinander, informieren einander. Lassen sich stärken durch die Kraft des gemeinsamen Gebets und aus dem Hören auf das Wort Gottes.

Draußen sind ebenso viele Menschen: Polizisten in Uniform und Zivil, Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft, allesamt schwer bewaffnet. Demonstrationen sind zu der Zeit noch verboten, Gottesdienste kann man nicht so leicht verbieten, auch, wenn sie politischen Inhalts sind. Nervös sind deshalb alle, die draußen und die drinnen; niemand weiß, wie die Staatsgewalt reagieren wird, die Spannung ist wie mit Händen zu greifen. „How long, O Lord? Will you forget me for ever? How long will you hide your face from me?“

Die Predigt Allan Boesaks greift zurück auf die Sammlung der Gebete Israels und wird allein schon durch das Verlesen des 13. Psalms selbst zum Gebet:

„How long must I bear pain in my soul, and have sorrow in my heart all day long?
How long shall my enemy be exalted over me?
(Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?)
Consider and answer me, O Lord my God!

Give light to my eyes, or I will sleep the sleep of death,
and my enemy will say, ‘I have prevailed’;
( und meine Widersacher freuen sich, dass ich wanke.)
But I trusted in your steadfast love;
my heart shall rejoice in your salvation.
(Ich aber traue darauf, dass du so gnädig bist...
Ich will dem HERRN singen, dass er so wohl an mir tut.)“ 

In dieser Situation, im letzten Jahr der Apartheid in Südafrika, als noch niemand weiß, wie die Zukunft aussehen wird, ja, nicht einmal, wie lange – „how long“ – die Unterdrückung und Entrechtung noch anhalten wird, nehmen Menschen Zuflucht zum Gebet. Und die Psalmen bedürfen keiner Interpretation, keiner Auslegung. So klar wissen sie davon zu sagen, was Menschen ängstigt und quält; so eindeutig sprechen Israels Gebete in die politische Situation von damals hinein; so machtvoll sind die Worte der Hoffnung, gesungen von vielen Generationen zuvor, und so offen sind diese Worte, die von weither kommen, dass die Gedemütigten und die Unbeugsamen, die Geschlagenen und die Kämpfenden sich in ihnen bergen können und ihre Zuversicht auf Gott darin finden.

Und dieses Vertrauen auf Gott, in dessen Ohr diese Bitten nicht ohne Echo bleiben, diese innere Gewissheit, dass der hörende und sehende Gott eingreifen wird und die Zeiten wenden wird, das halten die Menschen in der Kircheihren Unterdrückern und der Staatsmacht draußen vor der Tür wie ein Schutzschild entgegen.

"How long, O Lord?" –es ist wohl ein Gebet der Klage, und gleichzeitig doch so wachsam und so besonnen im Wahrnehmen der Realitäten – und genau darin so kraftvoll. Das Gebet, der vernehmbare, öffentliche Ruf zu Gott, wird damit zur politischen Zeitansage. Und die Versammlung derer unter dem Gebet, der Gottesdienst insgesamt, wird zum Akt des Widerstands in der Diktatur. „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“ Dies, wie gesagt, ein Ausschnitt aus dem Text für heute.

Die Aufforderung im 1. Petrusbrief ist natürlich keine Mahnung zum Beten generell. Das wird die Gemeinde, an die der Verfasser sich richtet, ohnehin getan haben. Es geht hier vielmehr um die Art und Weise, in der und mit der gebetet wird, es geht um die Angemessenheit des Gebets, und zwar um das der Situation gemäße. Noch stellt ja die Naherwartung der Wiederkunft Christi den Hintergrund der Ausführungen des Verfassers dar – wenn gleichzeitig auch sein Brief in Teilen davon handelt, wie man gewissermaßen „zwischen den Zeiten“ lebt, notwendigerweise noch in den bestehenden Strukturen, aber ohne sich vollkommen in dieser Welt einzurichten, vielmehr bereit ist für die alles verändernde Gegenwart Gottes.

Folglich soll das Beten in besonnener und nüchterner Weise geschehen, wachsam, wie die biblischen Schriften in diesem Zusammenhang oft betonen. Um es mit Calvins Übersetzung dieses Apostelwortes zu sagen: „Mäßigkeit“ und „Nüchternheit“ ist die geforderte Haltung, wenn Menschen aus der Perspektive der bald anbrechenden Gottesherrschaft beten.

Zitat Calvin: „Übrigens könnte man einwenden, dass, seitdem Petrus dies schrieb, eine lange Reihe von Zeitaltern verflossen sei und man doch nichts vom Ende gesehen habe. Aber die Zeit dünkt uns nur darum so lang, weil wir ihre Länge mit den Maßstäben dieses vergänglichen Lebens messen. Könnten wir die ewige Dauer des zukünftigen Lebens anschauen, so würden viele Jahrhunderte uns wie ein Augenblick dünken... Übrigens sollten wir uns an den Grundsatz halten: seitdem Christus einmal erschienen ist, bleibt für die Gläubigen nichts anders übrig, als mit gespanntem Gemüt ständig seiner zweiten Ankunft entgegenzuharren.“[1]

Noch ein Anderes erfordert allerdings solche Wachsamkeit: Die Adressaten des Petrusbriefes benötigen den nüchternen Blick auf die Welt, in der sie leben, weil ihre Situation von großer Unsicherheit geprägt ist. Fremd sind diese Christen ihrer Umgebung in ihrem Glauben, ihrer religiösen Praxis, in einer gewissen Exklusivität, in ihrer Ablehnung den Forderungen des römischen Kaiserkults gegenüber, durch alles, was sie per se vom gemeinschaftlichen, öffentlichen Leben trennt. Diese Fremdheit wird einen Großteil ihrer Identität bestimmen, man könnte fast sagen, sie wird zum Wesensmerkmal ihrer Existenz.

Und in ihrer unbedingten Zugehörigkeit zu Gott und der neuen Gemeinschaft in ihm, im Festhalten an der Überzeugung von der baldigen Wiederkunft Christi, werden sie – als Minderheit – unausweichlich zu Außenseitern in der damaligen Gesellschaft. Eine solche Existenz, zwischen schon geschehener Befreiung zu einem neuen Leben resp. einem neuen Lebensstil und der Gefährdung in der realen (Noch-)Welt – was für ein täglicher, schwieriger Balanceakt. Darum:

„So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“ Denn ein klarer Kopf lässt sich nicht so leicht täuschen und irre- und bangemachen – und das Gebet, das eben keine Weltflucht sein soll, braucht genau einen solchen. Wie fragil die Existenz derer sein kann, die sich aufgrund ihres Glaubens gegen die Mehrheitsmeinung stellen, wie ausgesetzt sie sein können, das wissen wir aus vielen Beispielen der Geschichte, möglicherweise aus unserem eigenen Leben.Wie gefährdet diejenigen, die sich nicht irre machen lassen, sich nicht täuschen lassen von dem, was vor Augen ist und die Wahrheit verleugnet, sie beschämt und verrät, das kennen wir auch durch die Biographien und Glaubenswege derer, von denen wir in der kommenden Woche noch hören werden. Und wie einsam zuweilen die, denen ihr Bekenntnis keine andere Wahl lässt als in letzter Konsequenz das eigene Leben auf’s Spiel zu setzen.

„So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“ Solches Beten mit kühlem Kopf, aber einem heißem Herzen, solche Hinwendung zu Gott, die oft genug zur kritischen Distanz dem Weltgeschehen gegenüber führt, ja, führen muss, die gerät dann zum politischen Akt. Weil sich in unserem Gebet ausdrückt, was uns unbedingt angeht, was uns keine Ruhe lässt, was uns erfüllt und uns das Leben lieben lässt, woran wir leiden und was wir deshalb Gott nicht verschweigen. In der Klage, im Lob, im Dank, in der Fürbitte. So treffen sich auch Glaube und Politik, diese untrennbaren Seiten christlicher Existenz, im Beten, das zum Handeln wird. Um mit Barth zu sprechen: „Die Hände zum Gebet falten, ist der Anfang der Auflehnung gegen die Unordnungen der Welt.“[2]

2. Bild, auch dieses, was ja kein Zufall ist, geht auf das Jahr 1989 zurück:

Die Erinnerung des kürzlich verstorbenen ehemaligen Pfarrers der Nikolaikirche in Leipzig, Christian Führer, dessen Montagsdemos und Friedensgebete Geschichte gestaltet und geschrieben haben. In einem seiner letzten Interviews aus dem vergangenen Jahr entgegnet er auf die Frage, wie stolz er darauf sei, als friedlicher deutscher Revolutionär in die Geschichte eingegangen zu sein:

„Weniger stolz, als vielmehr dankbar, dass diese Revolution friedlich, nach Jesu Maxime der Gewaltlosigkeit verlief. Bereits ab 1988 wurden unsere Friedensgebete immer mehr zum Zufluchtsort. Es kamen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung, gläubige und ungläubige, fast alle Kinder der Diktatur, erst die der Nazis, dann die der Realsozialisten. Sie alle haben sich auf die Seligpreisungen der Bergpredigt eingelassen. Ich habe eines der Worte Jesu einmal so formuliert: „Ihr seid das Salz der Erde, also mischt Euch ein.“ Beten und handeln gehören zusammen, drinnen und draußen, Altar und Straße. Die Botschaft des Evangeliums wurde auf den Leipziger Ring getragen, trotz der Drohgebärden des Staates, und in die beiden Worte gekleidet: „Keine Gewalt.“ Etwas Größeres habe ich nie erlebt.“[3]

„So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.“

Denn solches Beten ist Wahrnehmung – zuerst das Wahrnehmen Gottes als unseres Gegenübers, dem Ort unserer Zuflucht und Hinwendung, weil er der Ort unseres Herkommens ist, und die Wahrheit unseres Lebens. Solches Beten ist gleichermaßen die Wahrnehmung der Welt, an der wir Anteil haben, die wir lieben und an der wir leiden und die wir deshalb vor Gott bringen. Solches Beten ist das Wahrnehmen und Für-wahr-achten dessen, was wir durch Gottes Wort und seine Gegenwart erfahren für unser Leben und Handeln.

Solches Beten ist Ausdruck des tiefen Vertrauens, dass unsere Gedanken und Worte, die ausgesprochenen und die ungesagten, nicht ins Leere gehen. Solches Beten ist der Gang und die Rückkehr zur Quelle unserer Kraft und Hoffnung. Auf solches Beten ist diese Welt angewiesen – immer wieder, immer neu, immer anders – und doch können wir uns, zumal dann, wenn uns die Worte fehlen und wir nicht mehr wissen, was wir beten sollen, in der Sprache derer bergen, die vor uns waren. Und werden unsere Zukunft darin finden.

Und der Friede Gottes...

Amen

Gehalten anlässlich der Eröffnung der Reformierten Sommeruniversität am 17.8.2014 in der Universitätskirche in Münster

 


[1] Calvin, Kommentar zum 1. Petrusbrief
[2] zitiert nach M. Hofheinz, Er ist unser Friede, S. 144
[3] Interview mit der Leipziger Volkszeitung, 2. März 2013

Sabine Dressler