Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

… errett‘ dein armes Leben … (EG 289)

Das Wochenlied zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Die Kirche St. Klara in Nürnberg, an der Poliander wirkte und die der abgebrannten St. Martha Gemeinde als Gottesdienstkirche dient - im Bild Pfarrer Krabbe (Foto: Rieger)

So armselig finde ich mein Leben gar nicht – ein Impuls von Georg Rieger

Der Dichter des Liedtextes Johann Gramann, genannt Johannes Poliander, studierte bei Luther und Melanchthon in Wittenberg, war bei der Leipziger Disputation allerdings Sekretär von Luthers Gegenspieler Johannes Eck. Dann aber wandte er sich doch endgültig der Reformation zu und versuchte sich vergeblich als Reformator in Würzburg und Neumünster. Schließlich wurde er Pfarrer an der Kirche St. Klara in Nürnberg, in der inzwischen wieder katholischen Kirche also, in der die Nürnberger reformierte Gemeinde gerade ersatzweise ihre sonntäglichen Gottesdienste feiert. Seine letzte Station führte ihn nach Königsberg, wo er weiter reformierend (und hier auch erfolgreich) tätig war.

Sein eben dort im Ostpreußischen entstandenes Kirchenlied atmet jenen Zug des reformatorischen Geistes, der heute schwer vermittelbar ist. Es ist die fünf Strophen über immer wieder von uns armen, schwachen Menschen die Rede, die wir nur Staub sind und kindlich sein müssen vergänglich. In allen möglichen Variationen geht es immer wieder darum, dass der Mensch auf Gottes Erbarmen und seine Hilfe angewiesen ist. Ansonsten gibt es nur Leid, Vergänglichkeit und Schuld.

War das damals wirklich das weit verbreitete Lebensgefühl? War die Suche nach einem gnädigen Gott, die Luther immer wieder als leitendes Motiv unterstellt wird, tatsächlich eine Frage, die die Menschen umgetrieben hat?

Oder ist dies doch eine Theologie, die den Menschen klein und schwach machen will, um Gott umso größer und machtvoller vorführen zu können? Der Herrscher im Himmelreich mit starken Engeln an seiner Seite (4) und „Güt ohn Maßen“ (2) schafft Recht und bewahrt seine G’meine in Ewigkeit. Ohnmacht hier (unten) und Macht dort (oben).

Diese drastische Sprache können wir heute kaum mehr nachvollziehen. Wochenlied hin oder her – ich würde es nicht singen lassen. Jedenfalls nicht ohne entsprechende Einleitung oder Aufnahme in der Predigt.

Georg Rieger

 

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
 

Nach oben    E-Mail