Eine Reise zu reformierten Geschwistern in Ungarn

Interview mit Dr. Hans-Georg Ulrichs, Mitglied im Moderamen des Reformierten Bundes

Reformierte Kirche in Debrecen; Foto: M. Weinrich.

Anfang Oktober hat eine kleine Delegation im Auftrag des Moderamens des Reformierten Bundes die reformierte Kirche in Ungarn besucht.

Der Delegation gehörten der scheidende und der neue Generalsekretär an, Jörg Schmidt und Dr. Achim Detmers, sowie die Referentin für reformierte Ökumene, Pastorin Sabine Dreßler, und die Moderamensmitglieder Prof. Dr. Michael Weinrich und Dr. Hans-Georg Ulrichs.

Seine persönlichen Eindrücke nach den zahlreichen Gesprächen mit Theologen, kirchlichen und politischen Funktionären in Budapest und Debrecen schildert Hans-Georg Ulrichs im Gespräch mit reformiert-info.

reformiert-info: Gab es einen konkreten Anlass für diese Reise?

Ulrichs: Besuche unter Geschwistern sind zunächst etwas ganz Selbstverständliches. Neben denen, die sich dankenswerterweise besonders in der ökumenischen Arbeit engagieren, sollten immer wieder auch andere zu solchen Begegnungen aufbrechen. Die Ungarn-Fahrt war schon einige Zeit geplant. Ein Anlass war das überwiegend negative Bild, das unsere Medien von der ungarischen Gesellschaft und Politik zeichnen. Es ging nicht zuletzt um die Frage, wie sich die reformierte Kirche innerhalb der ungarischen Zivilgesellschaft versteht und verhält.

Die Regierung von Victor Orban gilt vielen in Westeuropa als autoritär, als europaskeptisch und gelegentlich auch als zu Russland-freundlich. Wie sehen dies die Gesprächspartner?

Ulrichs: Unter unseren Gesprächspartnern aus Kirche, Theologie und Politik waren Unterstützer Orbans, Neutrale und Kritiker. Sie waren natürlich auch unterschiedlicher Meinung und politischer Einschätzung, in einigen Dingen allerdings auch erstaunlich einig: alle argumentierten sehr differenziert und traten moderat auf, empfanden die westeuropäische Sicht auf Ungarn als ungerecht und beklagten das Fehlen einer Opposition im eigenen Land, die sich selbst zerlegt habe.

Was wird positiv an Orban und der großen Mehrheit der Fidesz gesehen?

Ulrichs: Unser erster Gesprächspartner ist als Chef der Budapester Dependance der Konrad-Adenauer-Stiftung so etwas wie ein politischer Diplomat. Er weiß sich der Fidesz als EVP-Mitglied natürlich verbunden und schätzt die politische Gestaltungskraft Orbans positiv ein. Nach vielen Jahren unklarer Politik seien in der zurückliegenden Legislaturperiode zahlreiche – vielleicht auch zu viele – Gesetze durch die 2/3-Mehrheit der Fidesz im Parlament beschlossen worden. Einige zu Recht in Europa kritisierte Gesetzesvorhaben seien modifiziert worden. Das sehr breite Spektrum der Fidesz, die eher eine Bürgerbewegung als eine traditionelle Partei sei, könne man nicht als autoritär, national-konservativ oder gar antisemitisch bezeichnen.

Und innerhalb der Kirche?

Ulrichs: Bischof Gusztáv Bölcsei legt Wert auf die Feststellung, dass Pfarrer oder andere kirchliche Mitarbeitende nicht parteipolitisch engagiert sein dürfen, während sie ein Amt in der Kirche ausüben. Dass die Regierung Orban sich positiv um die Kirchen bemüht, etwa als gesellschaftlicher Bündnispartner in Sachen Bildung, Soziales oder Familie, illustriert er am exorbitanten Ausbau diakonischer Einrichtungen in den zurückliegenden Jahren. Aber die Kirche sucht nicht von sich aus die Nähe zu Orban, der selbst erst als Erwachsener zum Glauben fand und sich betont christlich gibt.

Welche gesellschaftlichen Probleme werden benannt?

Ulrichs: Trotz einer aktiven staatlichen Beschäftigungspolitik und entgegen der Regierungs-PR gibt es Arme im Land, weil die Lebensverhältnisse gerade weit im Ostteil des Landes stark variieren können. Hier ist die diakonische Arbeit der Kirche gefordert – in diesem Zusammenhang steht auch die Arbeit an den Sinti und Roma, die auch als „Zigeuner-Mission“ – für unsere Ohren eher befremdlich – bezeichnet werden kann.

Und die kirchliche Situation?

Ulrichs: Wir haben zwei bewegende Gottesdienste erlebt: Am Samstagnachmittag wurde eine neue Kirche in einem Neubaugebiet in Gebrauch genommen – die Kirche lebt und wächst. Und am Sonntag war der Gottesdienst in der Großen Kirche in Debrecen anlässlich eines diakonischen Jubiläums stark von „Laien“ geprägt. Die schlichte Liturgie war sorgsam gestaltet und überzeugend durchgeführt. Die Psalmen, die einem selbst lieb sind, dann in einer sehr fremden Sprache mitzusingen - das ist schon überwältigend!

Gibt es drängende, spezifisch ungarische theologische Probleme?

Ulrichs: Das konnten unsere Gesprächspartner so exakt nicht identifizieren. Wie in anderen europäischen Ländern ist es die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Gesellschaft, die immer wieder hinter vielen anderen Problemen auftaucht. Auch in Ungarn gibt es einen Trend zur Säkularisierung, beklagenswert ist eine fortschreitende Individualisierung, die auch mit einer politischen und gesellschaftlichen Abstinenz einhergeht.

Welcher Ort hat am meisten Eindruck hinterlassen?

Ulrichs: Von den 10 Millionen Ungarn sind etwa 1,2 Millionen reformiert, ansonsten ist die Nation überwiegend katholisch – aber in Debrecen merkt man doch sofort, warum diese Stadt „das calvinistische Rom“ genannt wurde: eine atemberaubend schöne und reformierte Kirche, die soeben mit EU-Geldern aufwändig restauriert wurde; das reformierte Kollegium mit Elementar-, Mittel- und Oberschule sowie der theologischen Universität – letztere mit einer Bibliothek, die mir als Kirchenhistoriker Freudentränen in die Augen getrieben hat. Und dann überall ungeheuer freundliche, achtsame, zugewandte, ja liebevolle Gastgeber und Gesprächspartner – ich fühlte mich wirklich immer unter Geschwistern.

Und was war der bewegendste Augenblick?

Ulrichs: Samstagabend war der Bischof der reformierten Kirche der Ukraine zu uns nach Debrecen gekommen. Die Reformierten ungarischer Herkunft im gesamten Karpaten-Becken fühlen sich zusammengehörig, auch wenn sie staatlich getrennt leben. Was der Bischof berichtet hat über das anstrengende Leben der reformierten Christen, die ja im Westteil der Ukraine leben, war erschütternd. Allen Familien droht die Einberufung der Söhne und Ehemänner zum Militär für einen Krieg im Osten, in dem viel mehr Tote zu beklagen sind, als wir dies durch unsere Medien registrieren. Die staatlichen Ordnungen sind dabei zu implodieren oder doch wenigstens mittelfristig zu erodieren, hoheitlichen Aufgaben kann immer weniger nachgekommen werden, einige wenige Oligarchen beherrschen das Land, demokratische Strukturen und Verhältnisse erscheinen weit entfernt. Der Bischof zeigte sich in großer Sorge um die Zukunft des Landes. Die Kirchengemeinden spielen eine außerordentlich große Rolle für die Menschen in ihren alltäglichen Sorgen. Die Gemeinden dort brauchen unsere Unterstützung und die Christen unser Gebet.

Und können Sie ein persönliches Fazit der Reise ziehen?

Ulrichs: Mir ist bei den Gesprächen über die ungarischen Verhältnisse und über die ukrainische Situation deutlich geworden, wie stark unsere Vorstellungen von unseren Medien geprägt sind. Unter Geschwistern darf man gewiss auch einmal sehr unterschiedlicher Meinung sein, aber man muss aufeinander hören und sich begegnen wollen. Ich blicke voller Dankbarkeit auf die Tage in Budapest und Debrecen zurück.

Im Gespräch mit Bischof Dr. Gusztáv Bölcskei

Bischof Sándor Zán-Fábián, Transkarpatien-Ukraine und Ökumenereferent Balázs Ódor (v.l.)

 

Einweihung einer neuen Kirche in Debrecen

Bibliothek in Debrecen

 

Gespräch in der Großen Kirche Debrecen

 

10. Oktober 2014; Fotos: Michael Weinrich und Sabine Dreßler

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