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Jesus kommt nicht als Zauberkönig

Eine Predigt zum ersten Advent - Mt 21,1-5: Jesu Einzug in Jerusalem

Glasfenster in der Kathedrale Notre-Dame von Laon, um 1215

von Sylvia Bukowski

Liebe Gemeinde!

Warum weckt der Einzug Jesu in Jerusalem eigentlich so viel Aufmerksamkeit, soviel Begeisterung, soviele Erwartungen?

Manche sagen: weil Jesus auf einem Esel einreitet. Aber wer von Euch schon mal im Süden war, weiß, dass das dort– zumindest bis vor einigen Jahren, nichts Spektakuläres war. Und damals erst recht nicht. Esel waren und sind vielfach immer noch sehr gebräuchliche Transportmittel.

Also der Esel – besser die Eselin, wie es ausdrücklich heißt, kann`s allein nicht gewesen sein.

Eher war`s das Ahaerlebnis derer, die Jesus kannten, die wußten, was er gepredigt und gelehrt hat und wievielen Menschen er gutgetan hat, wieviele er geheilt hat. Auch jetzt kommt er gerade von der Heilung zweier Blinder und davor hat er den Jüngern sehr eindringlich klargemacht, dass er nicht gekommen ist, um im üblichen Sinn zu herrschen, also andere Leute kleinzuhalten. Sein Anliegen ist, dass Menschen gedient wird, dass sie aufgerichtet und zum Blühen gebracht werden. Vielleicht haben das einige von denen, die ihn jetzt so begeistert empfangen, mitgekriegt. Aber auf jeden Fall kannten die meisten die Hlg Schrift gut, vielleicht so gut wie ihr. Vielleicht sogar noch besser.

Erinnert ihr euch, wie die Thronfolge Davids entschieden wurde? fragen manche, die Jesus auf dem Esel kommen sehen. Damals hatte sich Adonia, einer der ältesten Söhne Davids, schon als zukünftigen Herrscher gesehen und sich mit Reiterstaffeln und einer protzigen Wagenkolonne mächtig in Szene gesetzt. Aber der sterbende David hat dem Propheten Nathan aufgetragen: Setze meinen Sohn Salomo auf meinen Maulesel und salbe ihn in Jerusalem vor aller Augen! Es war also ein Esel, der sichtbar machte, welcher Sohn Davids der wahre König ist!

Anderen Umstehenden fiel eine andere Bibelstelle ein: „Du Tochter Zion freue dich...Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf dem Füllen einer Eselin!“ Was der Prophet Sacharja über den verheißenen König gesagt hat, passt doch genau auf Jesus! Das fand auch Matthäus, als er die Geschichte aufgeschrieben hat. Leider hat er den folgenden Vers weggelassen, wo es bei Sachaja heißt: „Ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten allen Völkern und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum anderen...“ Das hat Jesus doch auch als seinen Auftrag betrachtet!

Aber ihr seht: Nur wer die Schrift kennt, und das heißt hier konkret: nur wer das AT, die hebräische Bibel kennt, erkennt, was es bedeutet, dass Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzieht. Das ist auch der Grund, warum sie ihn wie einen König empfangen, mit den Mitteln, die sie als arme oder gering verdienende haben: Ihre Obergewänder dienen als roter Teppich, die Palmzweige als königlicher Schmuck. Und immer mehr Leute stimmen ein in den Ruf: „Hosianna, dem Sohn Davids, Gelobt sei der, der da kommt im Namen des Herrn...“

Ihr wißt vielleicht, dass Hosianna nicht einfach nur ein Jubelruf ist. Wörtlich übersetzt heißt Hosianna: Herr hilf!

Ich stelle mir vor, an was die Leute damals gedacht haben. Manche von Ihnen haben sich sicher Hilfe für ihre persönlichen Probleme erhofft: für ihre Krankheiten, für ihre Sorge um Angehörige, für ihre finanzielle Misere. Andere dachten vielleicht eher politisch und erhofften sich von Jesus, dass er endlich Schluss macht mit der Besatzung, mit den täglichen Demütigungen, die damit einhergehen, und dass er die zynischen und korrupten Machthaber beseitigt und endlich Gerechtigkeit bringt und Frieden, der den Namen verdient. Wünsche, wie sie gegenwärtig auch viele Einwohner Jerusalems haben, aber nicht nur da.

Was würdet ihr in das Hosianna für Gedanken legen? Was erhofft, was erwartet ihr von Jesus in diesem Advent?

Es gibt viele Sehnsüchte, es gibt eine große Bedürftigkeit auch unter uns. Wir trauen uns oft bloß nicht, mit anderen offen darüber zu reden, was uns fehlt. Wir haben Angst, dass es uns als Schwäche ausgelegt werden könnte, wir schämen uns, wenn wir nicht alles aus eigener Kraft hinkriegen, wenn wir nicht wirklich so cool und unabhängig sind, wie wir gern scheinen möchten.

Und es ist ja tatsächlich ein Risiko, sich anderen zu öffnen, einzugestehen, dass man am Ende ist, dass man allein nicht mehr weiterkommt, dass man Hilfe braucht für die Ehekrise, in der man steckt, für die Probleme mit den Kindern, die man nicht in den Griff kriegt, für die Sucht, aus der man nicht loskommt. Und genauso schwer ist es, einem anderen zu sagen, was man sich von ihm wünscht: mehr Zeit, mehr Anerkennung, mehr Verständnis oder auch Vergebung! Offenheit macht verletzlich! Man kann abgewiesen werden, man kann enttäuscht werden. Das ist beides möglich. Aber wenn man endlich ausspricht, was man braucht, kann sich auch etwas Gutes entwickeln, eine Beziehung kann sich vertiefen, heilsame Veränderungen können sich auftun.

Hier bei den Hosianna-Rufen bleiben die Hoffnungen, die die Leute auf Jesus setzen, in der Öffentlichkeit unausgesprochen. Aber vielleicht hat eine Kollegin recht, die behauptet, dass die Leute, die ihre Obergewänder für Jesus ablegen, ihm damit schon zeichenhaft einen Blick gewähren auf das, was sonst immer verdeckt bleibt: auf ihr Herz!

Und ich glaube, dass tut ihr auch, wenn ihr Jesus empfangt! Ihr lasst ihn sehen, wie ihr wirklich seid, ohne die Fassaden, die ihr anderen gegenüber vielleicht aufrichtet, ohne die Masken, hinter denen ihr euch verbergt. Ihr kennt Jesus und wisst: dem kann ich vertrauen, der stellt mich nicht vor anderen bloß, der wird mir helfen.  

Aber nicht nur damals hat es auch Leute gegeben, die Jesus nur mit einem großen Fragezeichen wahrnehmen: Wer ist der? Das kann man neugierig, das kann man mit echtem Interesse fragen, aber auch spöttisch so im Sinne von: wer ist das denn?

Ihr erlebt beides, wenn ihr mit Jugendlichen in der Umgebung zu tun habt, oder mit anderen, denen Jesus fremd ist, vielleicht sogar befremdlich.

Habt ihr eine gute Antwort? Eine bessere als die Leute damals, die nur sagen: Das ist der Prophet aus Nazareth! Könnt ihr Auskunft darüber geben, wer Jesus ist, für euch persönlich, aber auch für unsere ganze Welt? Und könnt ihr das ohne fromme Floskeln sagen, die keiner so richtig versteht?

Das ist nicht einfach, daran scheitern auch manche Theologen, vielleicht die besonders häufig.

Ich nehme an, hier im Weigle Haus habt ihr Übung darin, über euren Glauben zu reden. Und ich kann nur sagen: Bleibt da dran! Unser Glaube ist keine Privatsache, die niemand anderen etwas angeht. Man muss ihn ins Gespräch bringen, man muss etwas von ihm nach außen hin zeigen können, damit die Power, die heilende, befreiende Kraft von Gottes Wort auch andere erreicht und fürs Leben stark macht.

Ich möchte euch ein Beispiel erzählen. Seit meiner Pensionierung unterrichte ich jedes Jahr für ein paar Wochen in einer der Partnerkirchen der VEM. In diesem Jahr war ich in Ruanda. Dort war vor 20 Jahren ein Völkermord, bei dem in 100 Tagen ca 1 Million Menschen abgeschlachtet worden sind. Ich habe mit einigen Überlebenden gesprochen. Eine davon ist Anisi. Sie hat ihre ganze Familie und alle Nachbarn aus ihrem Dorf verloren. Als die Mörder kamen, hatten sich alle in die Kirche geflüchtet, um Schutz zu suchen. Sie alle wurden in der Kirche ermordet. Anisi war damals in einem Internat. Deshalb hat sie überlebt. Aber ihre Seele war tot, sagt sie. Sie ist aus Ruanda weggegangen und wollte von nichts und niemandem dort mehr etwas wissen. Auch mit Gott war sie fertig. Aber nach ihrem Studium in Südafrika ist sie doch wieder nach Ruanda zurückgekehrt.  Und sie hat wieder angefangen zu beten. Zögerlich zuerst. Wütend auf Gott. Manchmal auch unter Tränen. Jetzt geht sie einmal im Jahr in ihr ehemaliges Nachbardorf, aus dem die Mörder stammen. Sie bringt den Kindern Geschenke mit, sie sammelt Spenden für deren Schulgeld. Sie sagt: Jesus hat die Bitterkeit aus meinem Herzen vertrieben. Er hat mich von Hass und Rachegedanken geheilt, die meine Seele vergiftet haben. Durch ihn kann ich vergeben. Mit seiner Hilfe will ich nun an einer friedlichen Zukunft bauen.

Ähnliches habe ich auch von anderen gehört, und ich war tief bewegt von einem Gottesdienst in einer kleinen Bambuskirche, in der überlebende Opfer und strafentlassene Mörder seit einigen Jahren gemeinsam singen, beten und Gottes Wort hören. Und ich war beschämt bei dem Gedanken, wie nachtragend ich manchmal schon bei Kleinigkeiten bin, oder wie oft sich bei uns Leute über Nichtigkeiten auf Dauer entzweien.

Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich in Ruanda gemacht habe. Und ich glaube, wir alle sind angewiesen auf das Glaubenszeugnis tapferer Christinnen und Christen, um unseren Glauben zu behalten und in ihm wachsen.

Denn Jesus kommt nicht als Zauberkönig in unsere Welt. Er verhindert nicht alles Schlimme und löst nicht alle Probleme mit einem Schlag. Er kommt unscheinbar, auf einem Esel und für viele Augen bleibt er als wahrer König Israels verborgen. Sein Weg führt ihn auch nicht in einen sichtbar spektakulären Triumpf über die Mächte der Welt. Sein Weg führt ans Kreuz, wo ihn nur noch eine zynische Aufschrift als König der Juden ausweist. Aber dort erringt er den größten Triumpf. Den Sieg über den Tod.

Daraus wächst vielen Christen, die von Leid und Verlust betroffen sind, Trost und neue Lebenskraft zu. Und wir singen mit Recht in unseren Adventsliedern von dem, der da kommt und Heil und Leben mit sich bringt. Auch für uns. Amen

 


Pfr. Sylvia Bukowski, November 2014
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