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Wünsche und Erfüllung

Predigt zu Kolosser 2,9-10

Foto: Klaus Post / freeimages.com

Von Albrecht Thiel

Gottesdienst zur Christnacht 24.12.2014

Weihnachten - Reformierte Liturgie

Barmherziger Gott, wir danken dir,
dass du uns in der Gestalt eines Kindes begegnest.
Vor dir dürfen wir sein, wie wir sind,
ohne uns zu schämen.
Wir bitten dich, ermutige uns zu mehr Offenheit untereinander,
damit wir finden, wonach wir uns sehnen:
Verständnis für unsere Schwächen,
Vergebung für unsere Schuld,
Trost für unsere Niedergeschlagenheit
und Stärkung in allem, was uns Angst macht.
Herr, wir bitten dich für alle,
die gerade heute ein schweres Herz haben;
für die, die nicht mehr zu Hause sind in unserer Welt:
die Entwurzelten und die Verzweifelten.
Lass sie nicht allein bleiben, nicht zerbrechen.
Wir bitten dich für alle,
die sich verschlossen haben gegen die Weihnachtsbotschaft
und gegen dein heilsames Wort,
und für alle, die Hass predigen statt Liebe,
Tod statt Frieden.
Lass sie nicht bleiben, wie sie sind.
Erweiche sie, verändere sie,
öffne sie für dich und das Leben.
So nimm uns alle hinein in deinen Frieden. Amen

Liebe Gemeinde,

„Haben Sie noch einen Wunsch?“ fragt mich die Verkäuferin an der Fleischtheke.
„Sicher“, denke ich. „Viele Wünsche. Aber das möchte ich doch nicht mit dieser Frau bereden, die ich nur vom Einkaufen kenne. Meine Wünsche. Die haben doch nichts mit Fleisch und Wurst zu tun.“
„War’s das oder doch noch ‘n Wunsch?“ hakt sie etwas ungeduldig nach. Sie hat ja Recht, die anderen warten schon darauf, dass sie drankommen. Aber sie hat das bestimmt auch nicht so gemeint mit dem Wunsch, sondern das nur so gesagt. Wie man halt so mit Kunden redet. Freundlich, unverbindlich.
Ich hätte sie vielleicht zurückfragen sollen, denke ich: „Und was für Wünsche haben Sie?“ – Sie hätte wohl nur irritiert geguckt. Wünsche? Wer hat denn heute noch Wünsche?! Und wieso fragen Sie mich das?
Ja, ich weiß schon: Die berühmte Fee, die plötzlich auftaucht und irgendjemandem, der natürlich völlig überrascht ist, drei Wünsche erfüllt. Meist gibt es das nur in Witzen, die dann eine entsprechende Pointe haben. In der Wirklichkeit kann das allerdings durchaus auch in Personal-Vorstellungsgesprächen passieren[1]: Das ist kein Witz. „Sie haben drei Wünsche frei…“ sagt der Personalchef. Wenn der Bewerber dann meint, er könne mal frei und locker über seine persönlichen Vorstellungen plaudern, hat er schon verloren. Denn der Personalchef möchte vor allem herausfinden, ob der Bewerber nur egoistisch an sich denkt oder in Gesamtzusammenhängen. Also wehe, es wünscht sich einer wirklich was!
Auch die Wunschzettel, die Kinder zu Weihnachten schreiben, haben sich deutlich verändert. Früher waren es oft mühsame Versuche, dem Christkind oder Weihnachtsmann das nahezubringen, was man gern hätte. Am Rande des Briefes verziert mit gemalten weihnachtlichen Symbolen. „Heute“, erzählt der Leiter des weihnachtlichen Postamts in Himmelspforten bei Stade, wo tatsächlich viele tausend Briefe ankommen, heute „…bekommen wir ganze Versandhaus-Kataloge, in denen die Wünsche einfach angekreuzt sind".

So, liebe Gemeinde, können keine Wünsche in Erfüllung gehen. Angekreuzte Kataloge – das sind eher Bestellformulare, am besten wie bei den großen Internet-Versendern mit beigefügter Retouren-Karte. Dabei sind Wünsche oft größer als die Erfüllung. Manchmal ist auch die Erfüllung ein gutes Stück anders und größer als der Wunsch. Als ich nach dem Tod meiner Mutter ihre verschiedenen Mappen durchsah, in die sie ganz verschiedene Dinge einfach hineingelegt hatte: Geburtsurkunden neben Tierarztrechnungen und eben auch Wunschzetteln ihrer Kinder – da fand ich einen Wunschzettel von mir, geschrieben mit etwa 7 Jahren: „Ich wünsche mir ein Fahrrad. (Und dann in Klammern:) Obwohl ich weiß, dass ich das sowieso nicht kriege.“ Das war noch ein Wunsch. Einer, der mit dem Nichterfüllen rechnet. Aber man kann ja wünschen… Der große römische Philosoph Seneca hat zwar gesagt: „Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm.“[2] Aber Seneca war einer der reichsten Menschen seiner Zeit, und Reiche verstehen selten etwas von der besonderen Kraft des Wünschens. Über die Reichen wird der erwachsene Jesus später sagen: „Sie haben ihren Lohn dahin[3].“ Also: Sie haben alles, sie haben nichts mehr, was sie sich wünschen können.“

Wie geht es uns, liebe Gemeinde? Freuen wir uns an den Kindern, die sich am Lichterglanz begeistern können? Oder bedauern wir es, wenn keine kleinen Kinder mehr in der Familie da sind? Ich höre gar nicht so selten den Satz: „Was sollen wir dann noch mit Weihnachten?!“ Ganz einfach: Uns beschenken lassen. Uns, nicht nur die Kinder. Haben wir noch eine Ahnung davon, dass es noch einen ganz anderen Glanz gibt als den von elektrischen Lampen oder LED-Lämpchen? Können wir uns an Erfüllung freuen, wenn wir gar nicht mehr recht wissen, was das ist: Wünschen? Es geht um das eine große Geschenk, das Gott uns mit Jesus macht. Im Kolosser-Brief ist diese Gabe knapp in den Worten ausgedrückt:

9 In ihm wohnt die ganze göttliche Fülle wahrhaftig,
10 und in ihm seid ihr zu eurer Erfüllung gekommen.

In ihm. Gemeint ist Jesus Christus. Auf diese glänzende Mitte sollen wir hinsehen. Und sehen ein hilfloses Kind in einer Futterkrippe. Sehen daneben die Eltern, von den Erlassen der Mächtigen quer durchs Land gejagt. Sehen die Hirten, Leute ohne Landbesitz, ohne jede gesellschaftliche Stellung. Und dann legt uns unser Bibelwort nahe: Wenn Ihr wissen wollt, wenn Ihr erfahren wollt, was göttliche Fülle ist, was Glanz und Herrlichkeit ist – dann braucht Ihr Euch keine glänzenden Kirchen mit Gold auszumalen; dann müsst Ihr nicht dahin fahren, wo die Schönen und Reichen ihren Glanz verbreiten. Da, in der Krippe, fängt es an. Und zwar nicht in einer schön beleuchteten und weihnachtlich dekorierten Krippe, sondern in einem jämmerlichen Futtertrog für Tiere. Und wir müssen schon sehr genau hinsehen, damit sich uns etwas vom göttlichen Glanz erschließt. Von allein geht das nämlich nicht. Von allein reagieren wir wohl alle wie die Hirten, dass wir uns fürchten. Oder dass wir uns ärgern, dass da schon wieder ein Stall ist, in dem die Obdachlosen die Tiere nicht in Ruhe gelassen haben, sondern sich noch mit reingequetscht haben. Die Hirten fürchten sich, Maria erschrickt[4], Josef will die Flucht ergreifen[5] – so reagieren die Menschen, wenn Gottes Kraft auf unsere Erde kommen will.

Deshalb brauchen die Hirten und Maria und Josef ja auch den Engel, um zu verstehen, dass da mehr ist als sie sehen. Und wir brauchen den Engel auch, weil wir sonst nur eine Krippenidylle sehen, die wir dekorieren und am besten noch golden anstreichen, damit es wunderschön in der Nacht leuchtet. Der Engel erklärt nämlich: Das ist das Zeichen – ein Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Ein Zeichen für das Geheimnis. Ein Zeichen für das, was unaussprechlich groß ist, was unfassbar glänzend ist. Das Zeichen zeigt über sich hinaus. Und es ist tief angemessen, dass es ein Zeichen ist, dass es nicht eine Fülle von Worten ist, die sich überbieten in Schilderungen von Glanz und Herrlichkeit. Wir Menschen haben da nichts mehr zu sagen, weil uns die angemessenen Worte fehlen. Wir haben auf das Zeichen zu achten: Der große Gott macht sich klein – und das sollen wir zum Zeichen haben.
Martin Luther hat das in den Worten ausgedrückt, die wir gerade gesungen haben:

Den aller Welt Kreis nie beschloss, / Der liegt in Marien Schoß;[6]

Das ist nicht unsere Sprache, wir müssen die Worte, die fast 500 Jahre alt sind, übersetzen. Der Weltkreis, das meint den Horizont der bekannten Welt. Die Mächtigen in Rom, die Intelligenz in Athen oder Alexandria, die Frommen in Jerusalem. Sie sitzen heute woanders, aber Macht, Intelligenz und Religion gehören nach wie vor dazu, wenn es um Herrschaft geht. Die Großen damals hatten sehr genaue Vorstellungen, wie denn der sein und erscheinen sollte, der Gottes Kraft und Glanz und Herrlichkeit auf die Erde brachte. Augustus, der Kaiser, hatte es sich am einfachsten gemacht: Er hatte sich kurzerhand selbst zum Gott erklärt. Ihn konnte man auf Hunderten von Statuen sehen, allein in Israel waren zwei Städte nach ihm benannt[7]. Ein unübersehbarer Glanz. Die Intelligenz setzte auf Technik und Wissen – ohne das hätten die Römer nie ihr Weltreich bauen können. Aber immer hatte das dem Ausbau und der Sicherung der Macht zu dienen gehabt. Nicht so viel anders als in den folgenden Jahrhunderten: So viel an menschlichem Wissen und Können steht im Dienst der jeweiligen Mächtigen. Und die Frommen, die an den heiligen Traditionen Israels festhielten, sie hofften wohl auf einen neuen König David. Auf einen, der noch einmal ein Reich gründen würde. Klein zwar zwischen den Großmächten, aber doch nicht ganz klein. Sie hofften das ziemlich leise, weil so ein neuer David natürlich nicht den Römern hätte auffallen dürfen.

Aber einer, der nicht auftritt wie einer, der mehr kann und weiß als alle anderen; einer, der sich nicht den Schuh anzieht und sagt: Nach 1000 Jahren ist mit mir der neue König David da… Auf so einen war die Welt von sich aus nicht gekommen! Und was ist das für einer? Wenn es heißt in ihm wohnte die ganze Fülle – dann meint das ja nicht allein die Szene an der Krippe. Bei aller Faszination, bei aller Tiefe, auch bei aller inneren Bewegtheit, die wir an einem Tag wie heute erleben – wir wollen das, was uns zu Herzen geht, überhaupt nicht kleinreden. Wir dürfen das getrost auch mit unserer Seele ausschöpfen. Nur: Die Krippe ist ja kein Standbild. Es ist der Weg Gottes zu uns Menschen. Dieser Weg führt von der Krippe zum Kreuz. Beide sind sozusagen aus dem gleichen Holz geschnitzt. Darum gehört beides zusammen: Der Sohn des Zimmermanns ist der, der für Wahrheit und Gerechtigkeit eintritt. Bis zur letzten Konsequenz. Und umgekehrt steht auch das Kreuz im Zeichen der Engelsbotschaft: Frieden auf Erden! Bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Gehören wir denn überhaupt dazu? Oder sind die Menschen seines Wohlgefallens gar nicht wir, die wir eher ruhig und gesichert in unserem Land leben. Ja, Gott sei Dank. Wir, die wir wohl davon überzeugt sind, man müsse an den Brennpunkten der Welt doch viel mehr tun – aber doch beim besten Willen nicht wissen, wie. Wenn wir heute von Bethlehem sprechen, sind die Menschen von Gottes Wohlgefallen nicht viel eher die, die in Israel und Gaza trotz allen Hasses und trotz aller Gewalt Schritte zum Frieden gehen? Es gibt sie ja, die Menschen, die in diesem Pulverfass ganz normal miteinander leben. Oder sind die nach Gottes Wohlgefallen, die den Millionen Flüchtlingen vor dem Terror des sog. „Islamischen Staates“ in irgendeiner Form beistehen. Christen, Jesiden, Juden, Moslems anderer Glaubensrichtungen?

Es ist wohl angemessen, wenn wir an diesem Fest des Friedens auch dahin blicken, wo der Unfrieden um sich greift. Aber Weihnachten ist durchaus nicht nur für die Armen und Leidenden. Die Erfüllung, die größer ist und weiter reicht als alle Wünsche – das ist Gottes Botschaft für die ganze Welt. Es ist eine Großherzigkeit Gottes, die sich durch die Weihnachtsgeschichte zieht. Er fragt nicht nach dem rechten Glauben der Beteiligten oder dem vorbildlichen Leben – er gibt einfach. Und auch in unserem Bibelwort im Kolosserbrief wird die göttliche Fülle nicht nur denen zugesagt, die besonders fest im Glauben stehen. Da steht einfach der Satz Ihr habt Jesus Christus als Herrn angenommen. Mehr nicht. Das „…genügt offenbar, um die Gemeinde in das geradezu strahlende Licht einer ungetrübten Weihnachtsfreude zu tauchen…“[8].

Ja, ungetrübt. Wir dürfen es uns gefallen lassen, uns von der überaus großen Gabe der Weihnachtsgeschichte beschenken zu lassen. Von all dem, was uns Gott damit geben will. Denn es ist ein Tun, ein Handeln, was da vor unseren Augen geschieht. Gott ist nicht einfach die LIEBE. Als wenn das so eine Art göttliches Prinzip der Schöpfung wäre, das wir Menschen nur leider meist zuschütten. Nein, an kaum einer Stelle sehen wir das so klar wie in der Weihnachtsgeschichte, dass Gott nicht irgendein Prinzip ist, sondern er liebt. Und er tut das so, dass ihm unsere kleine Welt mit ihrer Gewalt und Rücksichtslosigkeit nicht egal ist, sondern dass er sich da mitten hineinbegibt. Er gibt sich für uns dahin. Und er ist auch nicht einfach nur ein bisschen gnädig, sondern er übt und lebt Gnade, indem sein Sohn auch zum Menschensohn wird[9].

Und wir? Eine Erfüllung, die größer ist als unsere Wünsche. Das klingt so ein bisschen um die Ecke gedacht. Was mir dazu einfiel, war die Geschichte, die sich genau vor 100 Jahren abspielte[10]. In den finstersten Zeiten des 1. Weltkrieges, als sich Deutsche und Engländer in den Schützengräben gegenüber lagen. Und sich nichts weiter wünschten als Ruhe und Überleben. Und dann kennen wir die Berichte von beiden Seiten, wie das wider alles Erwarten passierte. „Hey, Bob, sie singen Weihnachtslieder und haben überall an ihren Gräben Weihnachtsbäume aufgestellt“, sagt ein Engländer zu seinem Kameraden über die Deutschen. Und ganz ohne einen Erlass von oben wurde tagelang nicht geschossen, man spielte Fußball mit- und gegeneinander, tauschte deutsche Pickelhelme gegen englischen Tabak und Corned Beef. Den Leuten kam es vor, als ob das alles nicht wahr sein dürfte. Otto Hahn, später der berühmte Kernphysiker, schreibt in sein Notizbuch: „Sollte man sich nun über all dies freuen, oder soll man entrüstet sein? Ich selbst freue mich in meinem tiefsten Innern über diesen Frieden von einem Tag. Äußerlich halte ich den Leuten natürlich einen Vortrag, dass man das nicht dürfe.“

Die deutsche Militärzensur hat die Nachricht darüber unterdrückt, in England dagegen erschien am 8. Januar im „Daily Mirror“ ein großes Foto von deutschen und englischen Soldaten auf der Titelseite. Die große Ausnahme im Meer des Hasses. Frieden für einen Tag. Aber so kann es geschehen und keiner weiß genau, wie.

Wir blicken zu Weihnachten über solchen kleinen Frieden hinaus und halten uns zugleich daran fest. Ja, es kann gehen. Und weil es gehen kann, darum ist die Erfüllung nicht nur ein Traum. Sondern es ist so, wie unser Bibelwort sagt: In ihm wohnt die ganze göttliche Fülle wahrhaftig. Und weil das so ist, dass dort auch unsere Erfüllung ist – darum blicken wir nach vorn zu dem hin, der uns zu unserer Erfüllung bringen will. Amen.


[1] http://www.zeit.de/karriere/bewerbung/2014-11/fangfragen-bewerber-antworten-drei-wuensche-frei

[2] Vom glücklichen Leben.

[3] Mt 6,2.

[4] Lk 1,29.

[5] Mt 1, 19.

[6] Gelobet seist du, Jesu Christ, EG 23, 3.

[7] Caesarea am Meer und Caesarea Philippi.

[8] H. Stoevesandt, GPM 32/1 (1977), 47.

[9] K. Barth: „Gott ist nicht nur die Liebe, sondern er liebt, und er liebt den Menschen so sehr, dass er sich für ihn dahingibt. Er ist nicht nur gnädig, sondern er übt Gnade; und er tut es, indem er als Gottessohn auch Menschensohn wird (….) “ - KD IV,2, 95.

[10] FAZ vom 14.12.2014, S.11 (Peter Carstens).

 


Albrecht Thiel, Pfr.
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