Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Feministische Theologie und Bilderverbot

„Gott ist doch ganz anders, als wir immer dachten“.

Ohne Titel - Fotografie © Andreas Olbrich

Von Kune Biezeveld.

Das Bilderverbot ernst zu nehmen, ist seit Jahren in feministischer Theologie eine grundlegende Forderung und ein besonderes Gebot für Theologinnen und Theologen, die um eine geschlechtergerechte Sprache ringen.
Professorin Dr. Kune Biezeveld entwirft eine neue Perspektive auf das Bilderverbot.

Feministische Theologie verdankt ihre Entstehung dem Vorwurf, klassische Theologie missachte das Bilderverbot, schreibt Professorin Dr. Kune Biezeveld, Leiden in der Internetzeitschrift lectio difficilior. So kann z.B. die einseitige und ausschließliche Rede von Gott als dem „Vater“ das Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen, missachten.

Im Gespräch mit Karl Barth und Paul Ricœur
Kune Biezeveld nimmt das Gespräch auf mit Karl Barths Rede von der Unmöglichkeit, als Menschen und von Gott reden zu können und es doch tun zu sollen, und mit Paul Ricœurs Überlegungen zum kreativen Sprachspiel mit Bildern (Metaphern), die neue Wirklichkeiten schaffen, ohne dass eine Metapher alles sagen kann.

In einem geschichtlichen Blick auf das Bilderverbot beschreibt Biezeveld, wie das Gebot dazu diente, zwischen „Schmutz“ und „Reinem“ zu unterscheiden, zwischem dem, was nicht in ein System passte, und dem, was dazu gehörte.

Der eine Gott der Geschichte und die Gottheiten der Fruchtbarkeit
In ihrer Gender-Perspektive auf das Bilderverbot, zeigt Biezeveld, wie in der alttestamentlichen Forschung das Bilderverbot verstanden wurde als Abgrenzung des einen Gottes Israels von den vielen Göttern Kanaans und als eines Gottes der Geschichte von den Gottheiten der Fruchtbarkeit. Diese Sichtweise missachtet, dass „Fruchtbarkeit“ ein „vielförmiges und vielfarbiges Phänomen“ ist. Darunter falle „die Gabe der Erstlinge von Feld und Herde; das Opfer des Erstgeborenen; Zeugung, Schwangerschaft und Geburt; Kinderlosigkeit; Gelübde zur Erlangung von Nachkommenschaft; das Wetter und die Jahreszeiten; das Motiv des Guten Hirten; die Baumsymbolik; die Segenstheologie…“ Viele dieser Aspekte seien längst in zeitgenössische biblische und systematische Theologie übernommen, allerdings „geläutert“, untergeordnet dem Handeln des Gottes der Geschichte. Diese Erkenntnis, so Biezeveld, nehme einem die Möglichkeit, „eine Berufung auf das Bilderverbot weiterhin mit dem früher einmal festgesetzten Unterschied zwischen “Schmutzigem” und “Reinem” zu kombinieren.“ So könne vermieden werden, „dass das Bilderverbot immer nach einer der beiden Richtungen hin ausgezogen wird: Hier das “ist”, dort das “ist nicht”; hier Offenbarung, dort Projektion; hier das freie Wort, dort das der Natur verhaftete, manipulierbare Bild. Erst so kehrt das Bilderverbot in das Spannungsfeld zurück, in das es eigentlich hineingehört: Gleichzeitig in das “ist” und das “ist nicht”.

Der Gott Israels und seine Aschera
Und dann noch ein „Trumpf“ in der Argumentation, ein archäologischer Fund. Auf alten Inschriften ist vom Gott Israels mit seiner Partnerin Aschera zu lesen: „Dieser Fund passt nicht zum Bild eines Gottes, dessen Identität per se jegliche Verbindung mit einem weiblichen Pendant ausschlösse bzw. sogar ausschließen muss. Dieser Fund passt allerdings sehr wohl zum grundsätzlichen Sinn des Bilderverbots: Schlussendlich ist Gott doch ganz anders, als wir immer dachten.“
Hier können Sie selbst nachlesen:

Der Splitter und das Bild

Das Bilderverbot aus neuer Perspektive

von Prof. Dr. Kune Biezeveld,
Professorin für Frauenstudien an der
Theologischen Fakultät der Universität Leiden/ Niederlande

Übersetzung Anna Kiesow

Immer wieder scheint das sogenannte “Bilderverbot” einem fruchtbaren Gespräch zwischen feministischer und “klassischer” Theologie im Wege zu stehen. In den gegenwärtigen theologischen Debatten steht der Begriff “Bilderverbot” als Chiffre für den Graben, der jegliche menschliche Rede von Gott und Gott an sich trennt. Indem Gott letztendlich doch immer “der ganz Andere” ist, entzieht Gott sich all unseren Entwürfen und Konzepten, unseren Metaphern und Modellen. Diese Überzeugung impliziert allerdings nicht, dass
jegliches Reden von Gott unmöglich sei, obwohl beispielsweise die sogenannte “negative Theologie” genau diese Annahme als theoretische Prämisse benutzt. Der theologische Mainstream allerdings hat sich Karl Barths Diktum zu Herzen genommen: “Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben”.

Allerdings wird die Theologie auf dieser Grundlage auch immer mit der anderen Seite des Bilderverbots konfrontiert; denn wir können den Abstand zwischen Gott und unseren sprachlichen Möglichkeiten nicht nur zu gering veranschlagen, sondern auch zu groß. Wir schaffen uns dann unsere eigenen Bilder von Gott, ohne uns groß darum zu kümmern, wer dieser Gott eigentlich sein will. Nach beiden Richtungen hin scheint das Bilderverbot eine besondere Rolle in der Auseinandersetzung zwischen feministischer und “klassischer” Theologie zu spielen: Beide Seiten behaupten, dass die jeweils andere Seite das Bilderverbot missachte. In Bezug auf die feministische Theologie kann sogar gesagt werden, daß sie ihre Entstehung dem Vorwurf verdankt, die klassische Theologie missachte das Bilderverbot. Parallel zu einem wachsenden feministischen Bewusstsein in den 1950-1960er Jahren wurde die Macht der Sprache entdeckt: “Wer die Welt benennt, besitzt sie,” wurde feministischer Konsens. Auf die Theologie angewandt, bedeutete dies, dass auch die Sprache der theologischen Tradition als Machtinstrument benannt wurde und “im Namen Gottes” gesprochene Worte als bloße Worte “mächtiger Männer” entlarvt wurden. Die Reaktion feministischer TheologInnen war ein Bildersturm, der sich auf genau diese Sprache richtete – und so die eine Hälfte des Bilderverbots konsequent umsetzte. >>> mehr zum Download

Kune Biezeveld

© Biezeveld, Splitter und Bild lectio difficilior 2/2003 ISSN 1661-3317 http://www.lectio.unibe.ch

Kune Biezeveld (* 1948) ist protestantische Theologin, Dozentin für
Dogmatik und Professorin für Frauenstudien an der theologischen
Fakultät der Universität Leiden.
Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Neuformulierung christlicher
Theologie aus feministischer Perspektive.

Anschrift:

Prof. Kune Biezeveld,
Faculteit der Godgeleerdheid
Postbus 9515
2300 RA Leiden
Niederlande.

Barbara Schenck
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