Wie übersetzt man Sparpolitik?

Mittwochs-Kolumne - Paul Oppenheim

Das lächelnde Sparschwein unterstreicht die Schönfärberei des Worts "Sparpolitik".

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Dieser berühmte Satz stammt vom Philosophen Ludwig Wittgenstein, und wie wahr er ist, wird uns auf der politischen Bühne Europas vorgeführt.

Wer glaubt, durch Beseitigung von Grenzkontrollen, Zöllen und Schlagbäumen seien die Grenzen in Europa beseitigt, täuscht sich gewaltig. Die unüberwindlichsten Grenzen sind und bleiben nämlich die Sprachgrenzen. Es gibt eine gemeinsame Währung, und auch eine einheitliche Besteuerung wäre denkbar, niemals jedoch eine gemeinsame Sprache.

Allein die Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission beschäftigt über 2.500 Übersetzerinnen und Übersetzer, das Europäische Parlament noch einmal so viele. Es gilt bei 24 gleichberechtigten Amtssprachen, 552 mögliche Kombinationen zu bewältigen, die theoretisch bei jedem europäischen Dokument und bei jeder Ansprache anfallen können. Außerdem gibt es noch die zahlreichen sogenannten „Sprachjuristen“, die beim Europäischen Gerichtshof dafür sorgen, dass europäisches Recht in allen europäischen Ländern gleichermaßen ausgelegt werden kann. Dieses bürokratische Pfingstwunder hat etwas Atemberaubendes an sich!

An einem Beispiel ist mir aber deutlich geworden, dass trotz dieses gewaltigen Aufwands die Sprachbarrieren in Europa bestehen bleiben, und jede Menge Konfliktpotential beinhalten. Ich denke an den leidigen Streit um Griechenlands Finanzen, in dessen Mittelpunkt der Begriff der „Sparpolitik“ steht. Finanzminister Wolfgang Schäuble, die deutsche Bundeskanzlerin und auch der deutsche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz verwenden konsequent diesen Begriff, um zu erklären, was sie von Griechenland erwarten und wir stimmen ihnen zu, weil Sparsamkeit eine Tugend ist und für uns die Volksweisheit gilt: „Sparst du in der Zeit, so hast du in der Not“. Sparen ist also eine gute Sache, weil man am Ende einen Gewinn davon hat. Wer wollte hierzulande dagegen etwas einwenden?

Woher also rührt die Verstocktheit der Griechen? Wie konnte Herr Tsipras mit seinen Angriffen auf das angebliche deutsche Spardiktat die Wahl in Griechenland gewinnen? Schon Hollande gewann seinerzeit die Präsidentschaftswahl in Frankreich mit dem Versprechen, die „Sparpolitik“ von Frau Merkel abzuschaffen. Auch in Italien, Portugal und Spanien ist die „Sparpolitik“ verhasst. Woher kommt das?

Es hat sprachliche Gründe, denn nur im Deutschen verwendet man für eine strenge staatliche Ausgabendisziplin den Begriff „Sparpolitik“. Auf Französisch spricht man hingegen von austerité, abgeleitet vom lateinischen Wort austeritas bzw. dem altgriechischen austerótes, die Herbheit und Strenge bedeuten. Der Franzose denkt zuerst an die Kargheit einer Mönchszelle und an strenge Askese. Ganz ähnlich empfindet der Italiener, wenn er austerità hört. Die Briten verbinden mit dem Wort austerity die entbehrungsreiche Zeit des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre. Wenn Griechen das Wort litotita hören, assoziieren sie damit nur karge Schlichtheit und Mangel.

Welcher normale Mensch lehnt sich nicht gegen die Zumutung des Verzichts auf, nur um des Verzichtens willen? Wer wählt eine Regierung, die nur Entbehrungen und ein armseliges karges Leben in Aussicht stellt?

Inzwischen verwenden einige deutsche Journalisten und Politiker das relatinisierte Wort „Austerität“ bzw. „Austeritätspolitik“. Das Fremdwort lässt uns innehalten. Es lässt uns aufhorchen und vielleicht erahnen, dass der Begriff der Sparpolitik, etwas von Schönfärberei an sich hat. Auf jeden Fall zeigt dieses Beispiel, dass es mehr bedarf als vieler Dolmetscher und Übersetzer, um den Fluch rückgängig zu machen, mit dem Gott den Hochmut der Menschen belegt hat, als sie noch „eine Sprache hatten und dieselben Worte“ (Genesis 11,1).

Paul Oppenheim, 11. März 2015

 

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