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Optional ein Stichwort zur weiteren Eingrenzung:

 

 

 

Sich ganz auf Jesus einlassen - Predigt zu Lk 9,57-62

von Ilka Werner, Superintendentin in Solingen

Loths Flucht von Albrecht Dürer

"...unsere ganze bürgerliche, reiche Welt aufs Spiel setzen, um ein Reich des Lebens für alle zu errichten..."

Sich ganz auf Jesus einlassen:
Jesus und seine Jünger und Jüngerinnen sind auf dem Weg nach Jerusalem – und:
„unterwegs sagte jemand zu Jesus: „Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!“ Jesus antwortete ihm: „Die Füchse haben ihren Bau, und die Vögel haben ihr Nest. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.“ 

Einen anderen forderte Jesus auf: „Folge mir!“ Aber der sagte: „Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen und meinen Vater zu begraben.“ Aber Jesus antwortete ihm: „Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben. Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes.“

Wieder ein anderer sagte zu Jesus: „Ich will dir folgen, Herr! Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.“ Aber Jesus sagte zu ihm: „Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“

 

Liebe Gemeinde,

ganz schön streng, ganz schön kompromisslos tritt Jesus hier auf, nicht mal religiöse Pflichten oder einfache Höflichkeit dürfen das Mit-Ihm-Gehen aufhalten.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie das hören? Mich macht es ein bißchen nervös, und ich frage mich, wo diese Strenge herkommt und was sie heute bedeuten kann, und was dieser Text von uns will.
Gucken wir uns den Text und die Situation, die er beschreibt, genauer an: Jesus und die Seinen sind nach Jerusalem aufgebrochen, um zum Passafest in der Stadt zu sein. Vorher waren sie in Galiläa herumgezogen, am See Genezareth, da war der Weg das Ziel, und die Leute, die gute Worte und Heilung brauchten, der Grund für die Wanderungen. Diese Zeit ist vorbei, Jesus weiß das.
Und er hat es den Jüngern und den Freundinnen und Anhängern mehrfach angekündigt, hat ihnen gesagt, dass sie in die Hauptstadt gehen und dass ihn dort die Gewalt der Gegenbewegung töten wird. Der Aufbruch nach Jerusalem ist also der Anfang vom Ende der Lebensgemeinschaft um Jesus, wer jetzt mitkommt, muss sich ganz entschieden haben, und darf die Konsequenzen, auch die Gefahr, nicht fürchten. Jetzt hat der Weg ein Ziel.

Und das Evangelium berichtet von drei Begegnungen auf dieser ersten Weg-Etappe, den drei Begegnungen, die unseren Predigttext ausmachen. Und die zeigen, dass es jetzt drauf ankommt. Jetzt muss alles andere zurückstehen.

Der letzte Satz bringt es auf den Punkt: Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes. Ein Bild aus dem Alltag, damals, aus dem bäuerlichen Alltag. Gepflügt wurde mit Ochsengespannen, und man oder frau brauchte alle Konzentration, um bei dem oft steinigen Boden und den oft störrischen Ochsen den Pflug gerade zu halten – und gerade Furchen zu pflügen. Wer sich umguckt, um das zu kontrollieren, um sicher zu sein, dass die Linie stimmt, gerade der oder die verbaselt es, pflügt krumme Furchen und verliert die Linie. Wer die Hand an den Pflug legt – wer diese Aufgabe anpackt –, muss sich sicher sein. Unsichere Blicke zurück zerstören das Ergebnis.
Will sagen: Wer Jesus jetzt – auf dem Weg nach Jerusalem – nachfolgen will, muss sich sicher sein. Unsichere Blicke zurück zerstören die Entschiedenheit.

Wer jetzt mit Jesus geht, verlässt sein altes Leben, er oder sie kann das jetzt nicht mehr auf Probe machen oder mal auf Zeit, ich nehme an, darum wird so barsch verboten, der Höflichkeit und den familiären Pflichten Genüge zu tun. Warum jetzt noch zur Beerdigung gehen, warum Abschied nehmen, wenn man sich sowieso löst von der Familie, distanziert vom alten Leben, verabschiedet von den alten Zielen, aufbricht in das Lebensreich Gottes und bereit ist, dafür durch den Tod zu gehen? Warum, wenn es so ist, eine Schroffheit zu vermeiden suchen und noch einmal so tun, als gehöre man dazu, wenn man doch entschlossen ist zu gehen, sich auf etwas ganz anderes einzulassen?

Die drei Begegnungsgeschichten auf dem ersten Wegstück nach Jerusalem sind Entscheidungsgeschichten: Ganz oder gar nicht, jetzt oder nie, so klingt es durch alle durch. Ich habe diese Geschichten schon oft gelesen, und irgendwie habe ich mir immer vorgestellt, dass die Leute eine Wahl hatten, dass sie im Prinzip genauso gut in ihrem alten Leben bleiben könnten wie Jesus nachfolgen, dass also beides möglich sei.
Dieses Mal kam mir beim Lesen etwas anderes in den Sinn. Zum Stichwort „zurückschauen“ bei dem Pflugwort fiel mir Lots Frau ein, die – wir haben es als Schriftlesung gehört (1.Mose 19, 15.16.17.23-26) –, bei der Flucht aus Sodom hinter sich sieht und zur Salzsäule erstarrt. Lots Frau, leider wissen wir ihren Namen nicht, – Lots Frau verlässt ihre Stadt nicht freiwillig. Sie folgt, wie ihr Mann und die Töchter, den Warnungen der Engelmänner, die zu Besuch gekommen sind und die Vernichtung der Stadt angekündigt haben. Keine Ahnung, ob sie den Engelmännern glaubt, oder ohne Überzeugung mit den Töchtern ihrem Mann folgt. Gefragt wird sie nicht. Gefragt werden, so berichtet die Bibel, nur die Verlobten der Töchter, aber die kommen nicht mit und darum am Ende um.
Lots Frau steht also nicht vor einer Wahl, die auch anders hätte ausfallen können. Vielleicht hat sie gesagt: „Lot, lass mich noch von meiner Freundin Abschied nehmen und der Nachbarin den geliehenen Krug zurückgeben.“ Und er hat vielleicht geantwortet: „Dazu ist keine Zeit. Gott hat die Engelmänner geschickt, uns zu retten, und wir müssen jetzt mitgehen, jetzt sofort, oder es ist zu spät.“
Und beim Morgengrauen sind sie los, flüchten in Richtung Zoar, und der Frau wird erst auf dem Weg klar, dass sie die Welt mit den Nachbarinnen und Freundinnen und deren Gemeinschaft, und die alltägliche Solidarität des Borgens und Teilens und Einander-Beistehens endgültig verlassen hat; es wird ihr klar, dass diese Welt noch andere Ebenen hatte als die Frauenwelt des Alltäglichen und dass diese anderen Ebenen von Machtstreben, Unmoral, Gier und Geiz und Unterdrückung dominiert sind und zerstörerische Folgen haben – und sie dreht sich um, wirft noch einmal einen Blick zurück, und sieht die brennenden Folgen und die zerstörerischen Konsequenzen und das Ende ihrer Stadt – und erstarrt.
Alles Leben verlässt sie. Alle Lebendigkeit. Alle Kraft.
Das untergehende alte Leben nimmt sie gefangen.

Vielleicht erkennt sie noch, dass es wirklich keine Wahl war, den Engelmännern zu folgen, sondern die einzige Chance. Auf jeden Fall erkennt sie es zu spät. Für sie ist es zu spät.
Sie kommt nicht an in der sicheren Zuflucht, sie kommt nicht an im Reich Gottes.

Ich meine, ein Stück dieser Fluchtgeschichte gehört mit in die Begegnungen mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem: ein Stück Erkenntnis, dass es nicht einfach eine Wahl ist, ob jemand mit Jesus sein will oder eben nicht, sondern dass es eine Frage von Sein oder Nichtsein ist, das Mit-Jesus-Sein und das Ankommen im Reich Gottes. Weil das Wesen dieser Welt vergeht. Weil die armen Bauern und Fischerinnen, die Jesus folgten, das nicht aus moralischen Gründen taten, sondern weil er Lebensworte sprach, und ansonsten um sie herum nur bittere Armut und Todesnähe war. Und weil für sie das Reich Gottes nicht ein heiliges Irgendwann-Mal war, sondern einfach die einzige Möglichkeit, zu leben, Frieden zu haben und Schuhe und zu essen und zur Arbeit oder zur Schule gehen zu können. Und dass die Entscheidung darin bestand, sich von den inneren Bindungen der Armut und der Überzeugung, nichts zu können und zu nichts zu taugen, zu lösen, eben beherzt den Pflug zu fassen und zu sagen: Ich kann das, ich kann mit diesem Jesus aufbrechen in das Reich des Lebens – und zu pflügen, ohne unsicher zurückzublicken, ob denn die Furche auch gerade würde.

Das Zusammenlesen mit der Fluchtgeschichte von Lots Familie macht deutlich, dass das Sich-Ganz-Auf-Jesus einlassen nicht etwas ist, was man tun oder auch lassen kann, sondern schlicht der Weg zum Leben, während der Alltag ohne Jesus zum Tode oder in die Katastrophe führt. Wir haben die Wahl zwischen Leben und Tod, und auf der Seite Jesu ist das Leben.

Wir? Ist das denn für uns heute so? Ich denke, diese Dringlichkeit kennen wir heute nicht, oder zumindest nehmen wir sie nicht wahr. Und wir predigen sie uns auch nicht – gegenseitig oder von der Kanzel herab. Wir suchen und finden immer wieder Auslegungen, die es möglich machen, dass Mit-Jesus-Sein und das Im-Alten-Leben-Bleiben zu verbinden. Ich will das auch nicht mies machen. Aber ich finde auch, wir sollten die Schroffheit Jesu in diesen Texten nicht wegreden, bloß, weil wir eine Wahl haben, mit oder ohne Jesus zu leben. Und weil wir darum das Reich Gottes zum Heiligen Irgendwann-Mal gemacht haben und vergessen, dass es damit zuallererst und ganz einfach darum geht, zu wissen, wem man in ein Land des Lebens folgen kann.

Denn die Geschichte von Lots Frau ist heute ja ganz aktuell und alltäglich: Wie viele Menschen gehen auf die Flucht, weil ihre alte Welt zusammenbricht unter den Folgen der Machtgier und Brutalität von Herrschercliquen oder Terrormilizen, weil ihre alte Welt keine Sicherheit und Zukunft bieten kann und an den Konsequenzen von Unmoral, Wirtschaftsimperialimus und der Unersättlichkeit der ersten Welt zerbricht, weil ihr altes Leben todgeweiht ist. Wie viele Frauen brechen mit ihren Kindern auf, um denen ein besseres Leben zu ermöglichen, und schauen sich auf der Flucht noch einmal um und sehen ihre brennenden Häuser, Dörfer, Städte und erstarren innerlich und können den Kindern, um die es doch geht, kaum noch emotionale Heimat geben. Wie viele Familien schicken ihre jungen, gesunden, ungebundenen Männer los in ein besseres Land, zum Geldverdienen, damit die Sippe überleben kann, und wie viele dieser Männer ertrinken irgendwann in den Fluten des Mittelmeeres oder werden so gerade eben gerettet und sind innerlich erstarrt vor Enttäuschung, wenn sie in Europa dann von Pontius nach Pilatus geschickt und am Ende wieder abgeschoben werden. Sie alle hatten sich entschieden, den Gerüchten über das gelobte Land zu folgen, sie hatten sich entschieden, weil sie eben nicht die Wahl hatten, sondern nur eine Chance, das Reich des Lebens zu erreichen: Europa. Deutschland.

Hier ist nicht das Reich Gottes, wollen Sie einwenden? Ja, Sie haben Recht, hier ist nicht das Reich Gottes. Aber ein gutes Stück von ihm sollte in uns sein, und dazu führen, dass wir zum Reich des Lebens werden für die Flüchtlinge, die keine Wahl hatten, die oft genug durch ihren Blick zurück so traumatisiert sind, dass es vielleicht zu spät für sie ist wie für Lots Frau, aber vielleicht auch nicht, denn wir heute wissen doch, wie man selbst Erstarrte wieder ins Leben führen kann durch Seelsorge und Therapie und das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Ein ganzes Stück Reich Gottes kann unser Deutschland für Flüchtlinge sein, wenn wir alle mithelfen.

Es kann aber auch sein, dass wir an dem Schicksal der Fliehenden sozusagen theologisch erkennen, dass wir selbst gar nicht so sehr die Wahl haben, ob wir Jesus nachfolgen wollen oder eben nicht, sondern dass auch unsere alte Welt kurz davor ist, an den Folgen von Gier und Gewalt und den Konsequenzen von Egoismus und maßlosem Wachstum kaputtzugehen, und dass es längst auch für uns darauf ankommt, das Reich des Lebens zu erreichen. Und dass wir eigentlich nur eine Wahl haben: uns ganz auf Jesus einzulassen, und unsere ganze bürgerliche, reiche Welt aufs Spiel zu setzen, um ein Reich des Lebens für alle zu errichten. Ein Reich des Lebens, dass kaum noch vom Reich Gottes zu unterscheiden wäre, außer, dass Gottes Gerechtigkeit und seine Lebendigkeit und seine Barmherzigkeit immer noch mehr sind als alle Reiche des Himmels und der Erde.
Lassen Sie uns das nicht gleich abtun: Dass wir nur eine Wahl haben, das alte Leben zu verlassen, und das Jesu Worte in unserem Predigttext deshalb so schroff sind, weil es ums Leben geht, auch, – und dass ist ja sein Weg, auf dem er uns mitnimmt – ums Leben durch den Tod hindurch.

Die Hand an den Pflug legen. Nicht zurück sehen. Nicht erstarren. Lebendig bleiben. Dazu können wir uns entscheiden.

Amen.

Dr. Ilka Werner, Predigt für Höhscheid (Solingen), 8. März 2015

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