Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Gottes Wille in der Theologie Calvins

Gesetzestafeln aus der Französischen Kirche in Groß Ziethen (Uckermark)

"Gottes Wille in allen Bereichen des Lebens" - von François Dermange, Genf.

Gottes Wille in allen Bereichen des Lebens

Welchen Stellenwert hat der Wille Gottes in meinem Leben? Eine zentrale Frage. Calvin entfaltet sie in mehreren Richtungen und fragt: Will ich den Willen Gottes wirklich befolgen? Wie erkenne ich ihn? Wie setze ich ihn in die Praxis um? Diese Fragen sollen im Folgenden kurz behandelt werden:

1. Welchen Stellenwert hat der Wille Gottes in meinem Leben?
Sagen wir es ungeschminkt: Spontan will kein Mensch, so Calvins Auffassung, den Willen Gottes befolgen. Dank unseren natürlichen Fähigkeiten nehmen wir mancherlei gute Dinge wahr bezüglich Gerechtigkeit oder unserer Pflichten den anderen gegenüber; diese befolgen wir denn auch in der Erwartung, dass die anderen sich uns gegenüber gleich verhalten. Vom Willen Gottes aber, wie er in der ersten Tafel des Dekalogs zum Ausdruck kommt, wollen wir nichts wissen. Spontan gelingt es uns weder Gott zu ehren noch ihn aus ganzem Herzen zu lieben. Denn wir vermögen Gottes Willen nicht zu vernehmen, weil wir in unserer Selbstliebe völlig verblendet sind. Wir sind überzeugt, besser als Gott zu wissen, was unser Glück befördert. Das macht uns schliesslich glauben, Gott, der nicht unseren Willen befolgt, sei unser Feind. Stellt er Gebote und Verbote auf, vernehmen wir nur die Verbote, die uns daran hindern, unser Leben zu leben.
Gott muss unsere Aufmerksamkeit deshalb zuallererst von uns selbst ablenken und uns aus unserer Trägheit locken. Er muss das hehre Bild erschüttern, das wir uns von uns selbst machen, und dabei oft dem Selbstvertrauen, der Tugend, dem Willen, dem Denken und den Regungen hart zusetzen. Diesen Moment der Erniedrigung braucht es, damit wir «den alten Menschen ausziehen» «und unsere gewöhnliche Natur» völlig vergehen lassen. Aber sobald Gott weiss, dass er gehört wird, schlägt er einen anderen Ton an, will uns nicht mehr Zwang antun, setzt vielmehr auf Barmherzigkeit statt auf Strenge. Er lockt uns, indem er uns zeigt, was das wahre Glück ist, nämlich weniger ein Zustand als vielmehr eine Verbindung: akzeptiert sein um unser selbst willen und obwohl wir inakzeptabel sind. Befreit, Vergebung empfangend, angenommen und zu seinen Kindern gezählt, wissen wir, dass wir Gott gehören und dass Gott in seiner Liebe nicht versagen wird. >>> PDF

Professor Dr. François Dermange, Genf

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