Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Der ‚eine Gott‘ ist christlich, umgeben von Götzen

Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel sieht Widersprüche im neuen EKD-Papier zur Religionsvielfalt – „Gegenüber Judentum und Islam mit zweierlei Maß gemessen“

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel; Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“/ Sarah Batelka

Münster, 23. Juni 2015 (exc) Theologische Widersprüche sieht der Theologe und Religionswissenschaftler Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ im neuen EKD-Dokument zur Religionsvielfalt.

Das Papier der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeige mit Blick auf die wachsende Pluralität zwar gesellschaftspolitisch Stärken, theologisch jedoch weise es Mängel auf, schreibt der Professor für interreligiöse Theologie der Uni Münster in einem Beitrag auf www.religion-und-politik.de. Das EKD-Papier beantworte die zentrale Frage, ob Christen, Juden und Muslime an denselben Gott glauben, widersprüchlich. Einerseits heiße es darin, Gott sei „der Gott aller Menschen“. Andererseits werde die Vorstellung abgelehnt, dass es die monotheistischen Religionen mit demselben Gott zu tun hätten. „Dieser innere Widerspruch macht es dem Dokument unmöglich, der religiösen Realität nicht nur Deutschlands, sondern weltweit theologisch gerecht zu werden.“

„Diese Frage ist alles andere als esoterisch“, unterstreicht der Wissenschaftler. Es gehe um Wahrheit oder Falschheit des Glaubens von Christen und Nicht-Christen und um die Praxis interreligiöser Gebete. „Das Dokument weiß, dass diese längst nicht mehr wegzudenken sind und erinnert an Schulgottesdienste, an öffentliche Buß- und Gebetsfeiern nach gemeinsam erlittenen Katastrophen, aber auch an liturgische Formen bei interreligiösen Begegnungen“.

Das EKD-Papier verwirft nach den Worten des Wissenschaftlers in einem Teil seiner Aussagen die Vorstellung, dass es sich bei den verschiedenen „Göttern“ – bei Allah, dem Gott Abrahams und Moses‘ und dem Vater Jesu Christi – um unterschiedliche Gottesbilder handeln könne, die sich trotz aller Unterschiede dennoch auf eine gemeinsame göttliche Wirklichkeit richteten. Gemäß dem Dokument macht „die Verschiedenheit der Gottesbilder […] sie zu verschiedenen Göttern und da es nicht wirklich verschiedene Götter gibt, ist allein der christliche Gott der wahre Gott“, schreibt der Forscher. Der „Gott aller Menschen“ werde so auf einen „christlichen Stammesgott reduziert, umgeben von Götzen“, auch wenn das Dokument diesen Begriff nicht verwende, schreibt Prof. Schmidt-Leukel.

„Gegenüber Juden und Muslimen mit zweierlei Maß“

Der Wissenschaftler bemängelt auch, dass das Grundsatzpapier im Verhältnis des Christentums zum Judentum und Islam „mit zweierlei Maß“ messe. „Im Hinblick auf die Frage, ob Christen und Juden an denselben Gott glauben, werden Unterschiede, etwa hinsichtlich der Frage des trinitarischen Gottesbildes und der Inkarnationslehre deutlich relativiert.“ Im Verhältnis zum Islam jedoch würden die Trinität und Inkarnation als jene Unterschiede ins Feld geführt, die die Rede vom Glauben an denselben Gott „angeblich unmöglich machen“. Die theologischen Widersprüche bezeugen nach den Worten des Wissenschaftlers, „wie unausgegoren die Wahrnehmung des Problems im höchsten theologischen Gremium der EKD“, der Kammer für Theologie, noch sei.

Positiv hebt der Religionswissenschaftler die gesellschaftspolitischen Aussagen hervor. „Die Stärken des Textes liegen in dem völlig unzweideutigen Bekenntnis zur Religionsfreiheit und dem ebenso klaren Bekenntnis zum Gleichheitsgrundsatz, in diesem Fall zur vollen rechtlichen Gleichstellung der Religionsgemeinschaften.“ Die EKD hatte das knapp 80-seitige Grundsatzpapier „Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“ vergangene Woche vorgestellt. Prof. Schmidt-Leukel leitet am Exzellenzcluster das Projekt C2-16 „Interreligiöse Theologie“. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören interreligiöse Beziehungen, der Christlich-buddhistische Dialog und die Pluralismusfähigkeit der Religionen.

weitere Infos:

Der Beitrag „Gott aller Menschen oder Stammesgott der Christen? Kritische Anmerkungen zum jüngsten Grundlagentext der EKD“ auf der Website des Exzellenzclusters: http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/

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EKD stellt Grundlagentext vor

EKD. Vielfalt ist Reichtum und Risiko. Eine größer werdende Zahl an Werten, Lebensformen und Glaubenshaltungen stellt auch Fragen an den christlichen Glauben. Die Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat im Auftrag des Rates der EKD einen Grundlagentext erarbeitet, der sich diesen Fragen stellt.
 

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