Das Neue Testament setzt die normative Geltung des Alten Testaments voraus

Widerspruch zu Professor Dr. Rochus Leonhardt, „Viel Lärm um nichts“, in Zeitzeichen 6/2015

Friedhelm Pieper, Juni 2015

Der Beitrag von Rochus Leonhardt, auf den Friedhelm Pieper sich bezieht, ist online nicht zu lesen, Anm. Red.

1. Unter Verweis auf Gerhard Ebeling und Wilfried Joest betont Rochus Leonhardt nachdrücklich „die theologische Priorität des Neuen Testaments“ gegenüber einer „sekundär“ zu fassenden Geltung des Alten Testaments in der Kirche.

2. Die Wahrnehmung einer Priorität des Neuen Testaments ist mit Blick auf das in den neutestamentlichen Schriften bekundete, den christlichen Glauben und die Kirche konstituierende,  Christusgeschehen als eine Anfangsperspektive naheliegend.

3. Nimmt man diese Anfangsperspektive ernst, wird man von ihr in den Raum der neutestamentlichen Schriften hineingeführt.

4. Beim Lesen der Texte des Neuen Testaments zeigt sich: für die Autoren des NT gibt es eine normative "Schrift"  (z.B. Röm 4,3, Lk 4,21), nämlich die Bibel des Volkes Israel, also: die Bücher Mose, die Propheten und übrige Schriften (vgl.Lk 24,27). Für die neutestamentlichen Autoren enthält diese „Schrift“ die zuverlässige und authentische Kunde von Gott, von seinem Bund mit dem Volk Israel, der messianischen Hoffnung auf Erneuerung der Welt sowie von den diesem Bund und dieser Hoffnung entsprechenden Lebensregeln. Diese „Schrift“ des Volkes Israel nehmen die Autoren des Neuen Testaments als Grundlage und durchgehenden Bezugspunkt ihrer theologischen Deutungsarbeit.

5. Aus dieser für die Autoren des NT normativen "Schrift" erarbeiten sie die theologische Bedeutung des Christusgeschehens. Dies stellt danach nicht irgendeine mysteriöse Erfahrung dar, sondern wird als ein Offenbarungsgeschehen des Gottes Israels verstanden. Das Christusgeschehen wird im NT theologisch gedeutet als eine Vergegenwärtigung („Erfüllung“) der in der Bibel des Volkes Israel und der frühen Christen verschrifteten und darin theologisch reflektierten Erfahrungen mit Gott und deren wahrgenommene, auf künftige Realisierungen drängenden Potentiale der rettenden, heilenden und richtenden Zuwendung Gottes.

6. Der systematisch-theologische Ertrag des Lesens der neutestamentlichen Schriften lautet daher: Das Neue Testament selbst setzt die normative Geltung der grundlegenden Heiligen Schrift der frühen Christenheit voraus, also des in der Kirche später sogenannten „Alten Testaments“. Die Schriften des NT kamen später hinzu und wurden von der Kirche zusätzlich zu den bisher geltenden Schriften der Bibel Israels und der frühen Christen als normative Texte in den Kanon der frühchristlichen Heiligen Schrift aufgenommen. Die später sogenannten "alttestamentlichen Schriften" bilden also von vornherein auch die Grundlage der sich entwickelnden christlichen Bibel und des darauf sich gründenden christlichen Glaubens. Daraus ist der bis heute in den christlichen Kirchen geltende Sprachgebrauch von der „Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments“ entstanden. Anders gesagt: Das Neue Testament selbst schreibt die normative Geltung des Alten Testaments für die christliche Kirche und deren Theologie fest. Wer heute „Priorität des Neuen Testaments!“ ruft, dem ruft das Neue Testament zu: „normative Geltung des Alten Testaments!“.

7. Der Versuch, das Alte Testament auf der Linie von Rochus Leonhardt und Notger Slenczka auf ein Dokument der „vor- beziehungsweise außerchristlichen Religionsgeschichte“ zu reduzieren, übersieht fatal, dass historisch und theologisch das AT die Heilige Schrift der frühen Kirche war und also elementarer Teil der christlichen Religionsgeschichte wurde.

8. Es ist in erheblichem Maße irritierend, dass Leonhardt die von ihm wahrgenommene religionsgeschichtliche Verortung des AT glaubt unbedingt mit der These von Dietz Lange zusammenfassen zu sollen, für den gilt: „Für das heutige Christentum ist der Glaube des jüdischen Volkes an seine Erwählung kein eigener Glaubensartikel mehr“. Was, so fragt man sich, ist die anfängliche These von der „Priorität des NT“ eigentlich wert, wenn dann von Leonhardt eine derartige Interpretation der Religionsgeschichte als Zusammenfassung der systematisch-theologischen Reflexion in Bezug auf das Verhältnis der beiden Kanonteile angeboten wird? Bekanntlich hat Paulus dagegen dem Christentum die bleibende Erwählung des Volkes Israel ins theologische Stammbuch geschrieben (Römer 9 - 11). Dies wurde von den Kirchen nach 1945 neu entdeckt und ist inzwischen als christliches Bekenntnis in den Grundordnungen evangelischer Kirchen festgehalten. Dass Leonhardt die These von Lange kritiklos zitiert, ohne den eklatanten Widerspruch zur paulinischen Theologie wahrzunehmen, noch den in dieser Hinsicht gerade gegenläufigen Erkenntnisweg der Kirchen, befremdet zutiefst.

9. Es drängen sich entsprechend kritische Rückfragen auf: Glauben Dietz Lange und Rochus Leonhardt, sie könnten Sprachrohr für "das (!) heutige Christentum" sein? Nach Paulus bezieht sich der Glaube auf den erwählenden Gott, der seine Erwählung Israels nicht gekündigt hat. Wollen Dietz Lange und Rochus Leonhardt in Abkehr von der gegenwärtigen Lerngeschichte der christlichen Kirchen in der Rezeption der paulinischen Einsicht von der bleibenden Erwählung der Juden nun zurückkehren zu der alten kirchlichen Lehre vom "gekündigten Bund"?

10. Mit Falk Wagner stellt Leonhardt einen theologischen „Außenseiter“ vor, der wie Slenczka die Kanonizität des AT bestreitet. Ein Blick in die Texte des Neuen Testaments würde allerdings zeigen, dass die Kanonizität des AT für die neutestamentlichen Autoren das Christusgeschehen gerade erhellt und nicht, wie Wagner offenbar vermutet, „verstellt“.

11. Die Kirche liest die Texte beider Testamente auch inhaltlich wertend von dem für sie zentralen Christusgeschehen her und nimmt die Texte beider Bibelteile so auch mit unterschiedlichem normativen Gewicht wahr.

12. Damit allerdings eine formale wertende Perspektive gegenüber den jeweiligen ganzen Textkorpora zu verbinden, führt in die Irre. Die von Leonhardt als Konsens der evangelischen Systematiker behauptete normative Differenz zwischen den beiden Kanonteilen kann in der Perspektive seines Artikels („Priorität des NT!“) nur die geringere normative Geltung des gesamten Alten Testaments bedeuten. In dieser Perspektive würden aber bedeutende theologische Aspekte abgewertet. Man denke nur an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die Zehn Gebote oder die Gerechtigkeitsforderungen der Propheten sowie deren Friedensvisionen ("Schwerter zu Pflugscharen!"). Sollen nun solche gewichtigen Themen – allein weil sie formal dem Alten Testament zuzuordnen sind - einen geringeren normativen Wert für die christliche Kirche haben als etwa die sogenannten „Haustafeln“ der neutestamentlichen Briefe mit deren kontextgebundenen Forderungen zur Unterordnung der Frau (vgl. Kol. 3,18ff) – nur weil eben diese sich im Neuen Testament befinden?

13. Ist es zutreffend, dass  sich das „Gros der systematisch-theologischen Fachkollegen“ – wie Leonhardt behauptet - in dieser Perspektive einer Minderbewertung des Alten Testamentes tatsächlich wiederfindet?  Woher sonst gewinnen sie ihre Aussagen etwa zur Schöpfung, zur Anthropologie und zur Ethik?

14. Theologisch sinnvoll ist dagegen, von der grundsätzlichen normativen Äquivalenz der beiden Testamente auszugehen und normative Wertungen in Bezug auf einzelne biblische Texte des Alten und des Neuen Testaments inhaltlich zu begründen.

15. Rochus Leonhardt ist zuzustimmen in seiner Kritik an dem Sprachgebrauch Notger Slenczkas. Dessen bekundeter Respekt gegenüber dem Judentum wird in der Tat durch seinen Sprachgebrauch im Marburger Jahrbuch Theologie XXV deutlich konterkariert.

16. Leonhardt verweist ebenfalls zu Recht auf den widersprüchlichen Kanonbegriff Slenczkas. Es fällt ja auf, dass Notger Slenczka inzwischen seine These, die den aktuellen Kanon-Streit hervorgerufenen hat, nicht mehr wiederholt, wonach „das AT in der Tat, wie Harnack vorgeschlagen hat, eine kanonische Geltung in der Kirche nicht haben sollte“. Nun wäre das AT nach den jüngsten Einlassungen Slenczkas „Teil des Bibelkanons“ und es würde jetzt darum gehen, „welchen normativen Rang genau das Alte Testament im 'Bibelkanon' hat" (Zeitzeichen 6/2015). Hat Slenczka damit seine These von 2013 zurückgenommen?

17. Mit Blick auf die Perspektive von Frank Crüsemann, der das Alte Testament als „Wahrheitsraum“ des Neuen Testaments deutet, urteilt Leonhardt: „Die historisch richtige Feststellung, das Alte Testament sei der Wahrheitsraum des Neuen, bedeutet keineswegs zwingend, dass das Christentum bleibend in den Wahrheitsraum seiner historischen Ursprünge eingespannt bleiben muss“. Dazu ist zu sagen: Wer das NT aus dem Sinnraum des AT herausoperieren möchte, zerstört die These von der Priorität des Neuen Testaments, das von seinen Autoren in dem Sinnraum des Alten Testaments beheimatet wurde.

Dank: Herzlich danken möchte ich Professor Dr. Peter von der Osten-Sacken sowie Professor Dr. Martin Stöhr für anregende und weiterführende Rückmeldungen und Gespräche!


Pfr. Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident der Gesellschaften für christlich-jüdischen Zusammenarbeit, Deutscher Koordinierungsrat, Bad Nauheim
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