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Bilder predigen! Predigen Bilder?

Sigmar Polke: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ (1969) - Exodus 20,4-6

Den echten Polke gibt's hier leider nicht.

von Michael Ebener, Göttingen

Predigt in der Reihe: Bilder predigen! Predigen Bilder?
zum Themenjahr „Bild + Bibel“ in der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Göttingen

Das Bild von Sigmar Polke kann aus urheberrechtlichen Gründen nicht auf reformiert-info gezeigt werden. Hier ist es online:
http://www.artmagazine.cc/

1.
„Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ – Es ist 1969, als der Maler Sigmar Polke (1941-2010) diese Stimmen hört und umgehend Folge leistet.

Dass er das tut, ist nicht selbstverständlich.
Es sind Umbruchszeiten, damals. Autoritäten müssen ihre Anordnungen auf einmal vor den Massen rechtfertigen. Studenten sind auf den Straßen, Barrikaden brennen. Diejenigen, die das Sagen haben, sind von ihren Kathedern und Kanzeln gestoßen und sitzen da im Muff tausendjähriger Talare. Wer hat noch zu befehlen? Tage- und nächtelang wird diskutiert und am Ende basisdemokratisch abgestimmt!

„Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ ist der bester Bild-Witz des Malers Sigmar Polke. Ein Bild, auf dem fast nichts zu sehen ist und das kein Geheimnis hat. Ein Bild, auf dem es nichts zu entdecken gibt, als eben jene rechte obere schwarze Ecke, die sich in die 1,50 Meter mal 1,25 Meter große weiße Leinwand schiebt.

Sigmar Polke ist ein Kind der deutschen Nachkriegszeit und ein junger Mann in den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten Sechziger.
Er beginnt als Glasmaler und erhält seine Ausbildung als Maler später an der Kunstakademie Düsseldorf. Das klingt provinzieller als es ist! Von dort aus mischt er mit einer Clique Künstlerfreunden die rheinische Kunstszene auf: Ein Paradiesvogel mit schütteren blonden Haaren und viel zu großer Pilotenbrille.

Kunstgeschichtlich betrachtet gehört diese Zeit der Pop-Art.
Die Konsumwelt mit ihren bunten Werbetafeln, Suppendosen, Waschmittelkartons und Comics ist auf einmal kunstwürdig und der höchste Zweck künstlerischer Existenz ist das Geldverdienen. Zusammen mit seinen Freunden ruft Polke für Deutschland den „Kapitalistischen Realismus“ aus und hält der Pop Art-Bewegung den Spiegel vor. „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass eines Tages gute Bilder gemalt werden, wir müssen die Sache selber in die Hand nehmen“ sagt er und will die Malerei noch einmal retten.

Seine Mittel sind Witz und Ironie: „Höhere Wesen befahlen…“. Später findet er seinen Stil in gerasterten Buch- und Zeitungsmotiven, die er quadratmetergroß auf Leinwände bringt. Polke hat zudem ein fast alchemistisches Interesse an Farbverläufen und kippt giftige Substanzen auf Bildgründe, um besondere Wirkungen zu erzielen. Diese Bilder vernichten sich dann mitunter selbst!
Drei Mal hat Polke einen Auftritt auf der Kasseler Documenta. Bis in die neunziger Jahre wirkt er als Professor an der Kunsthochschule Hamburg. Er stirbt 2010 an einer Krebserkrankung. Im letzten Jahr ehrt ihn das New Yorker MOMA mit einer großen Retrospektive.
Polke ist einer der am höchsten gehandelten Maler der Gegenwart!

2.
Warum gehört „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ in eine Reihe reformierter „Bildpredigten“?

Zuerst: „Reformierter“ kann kein Bild sein!
Diese lakonische Strenge, das schlichte, bescheidene Schwarz-Weiß, die dürren Lettern in Schreibmaschinenschrift: Sich mehr dem Bild verweigern, kann kein Bild! Und das passt doch in eine Kirche, in der keine Bilder sein dürfen. Noch weniger als die rechte obere Ecke schwarz, kann man nicht malen.

Zudem hat der Titel religiösen Bezug.
Von höheren Wesen ist die Rede, die auf die Bildproduktion per Befehl Einfluss nehmen. Gottheiten sagen an, Menschen führen aus: ein gängiges Schema religiöser Überlieferung!

Polke stammt aus christlichem Elternhaus und kann Religion erkennen, wenn er ihr begegnet. Aber heilig ist ihm ist nichts. Die beißende Ironie des Bildes liegt darin, dass sich hier ein Künstler über eine Kunst lustig macht, die in den entleerten Himmel gehoben ist.
In der Moderne hat Gott seinen himmlischen Ort für viele Menschen verloren und Kunst und Kultur sind an die Stelle höherer Wesen und höchster Werte getreten. Heutzutage, und auch 1969 schon, kann der Mensch an die Kunst glauben und sich in den genialischen Werken einzelner Künstler, die unbezahlbar werden, der eigenen Unvollkommenheit trösten! Kunst inszeniert sich in weißen Räumen und gewaltigen Museumsfluchten und soll beim Betrachter Erhabenheitsgefühle auslösen, fast religiöse Scheu und Ehrfurcht.

Warum senken wir beim Museumsbesuch vor einem Stück Leinwand und ein paar Kleksen die Stimme? Dafür gibt es keinen Grund, außer jenem Nimbus von Ergriffenheit, der sich über die Betrachtenden legt, weil alle anderen ebenfalls schweigen. Sphinxhaft in einer Raumecke sitzende Museumswächter tun ein Übriges.

Polkes Bild ist ein schnodderiger Witz - eine bildkritische Satire moderner Überhöhung von Farbe und Leinwand, der Idee genialischer Inspiration und einem Glauben an den höheren Sinn künstlerischer Werke: Höheren Wesen mögen ja befehlen, aber ganz bestimmt nicht, wie wir die Ecken anmalen sollen!

Polke gibt das Produzieren von Bildern Zeit seines Lebens nie auf, er kann und will nichts anderes. Über seine Gemälde sagt er einmal, sie seien „Bilder, die auf die Netzhaut wirken und ein Verlangen nach dem unbekannten Mysterium wecken.“
Leinwand und Farbe wecken ein Verlangen! Aber die Stelle dahinter bleibt frei, keine menschliche Überhöhung von Idee und Wirkung reicht dorthin. Das Unbekannte entzieht sich der Abbildung. In dieser Haltung ist der Künstler „reformierter“, als er wohl selbst wusste.

3.
Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!

Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten (Exodus 20, 4-6).

Dem zweiten Gebot schenken wir in reformierter Tradition besondere Beachtung. Das haben wir von unseren älteren jüdischen Geschwistern gelernt und sind uns mit Menschen muslimischen Glaubens darin einig. Gott entzieht sich allen Versuchen, IHN ins Bild zu fassen, weil ein auch Gottesbild nichts anderes zeigen könnte, als das, was wir schon wissen und was menschenmöglich vorstellbar ist.

Die offensichtlichste Verbindung von Gebot und Polkes Bild ist die Tatsache, dass in beidem „Höhere Wesen“ im Befehlsmodus Einfluss auf menschliche Bildproduktion nehmen.
Es scheint, als sei das Produzieren von Bildern eine gefährliche Sache und ohne die Einflussnahme höherer Wesen etwas, das unsere menschlichen Fähigkeiten überfordert. Dass dem so ist, konnten wir beim Ostergottesdienst live erleben: Ein niedliches Zwillingspärchens wird getauft und gerade als das Wasser über die Köpfchen träufelt, steht ein halbes Dutzend Familienangehörige mit ihren Smartphones hier im Kreis und überführt die heilige Handlung in digitale Bilddateien. Wir haben den Vorfall im Presbyterium dann besprochen und werden in Zukunft wieder strenger sein: „Höhere Wesen befehlen: Im Gottesdienst wird nicht fotografiert!“

Der Drang, das Heilige ins Dingliche zu ziehen, das Unsagbare ins Wort, das Unsichtbare ins Bild, ist uns Menschen eigen. Und dieser Drang entspringt nicht allein menschlicher Überheblichkeit, sondern ist oft unserer Armut geschuldet. Der Glaube an einen unsichtbaren Gott ist eine Zumutung. Wie soll man Vertrauen haben zu jemandem, den man nicht sieht?

Als Mose bei Gott auf dem Heiligen Berg ist und die Zehn Gebote empfängt, halten die Kinder Israels die eigene Leere nicht aus, werfen ihr weniges Gold zusammen und fertigen ein hohles Stierbild, um das sie dann tanzen. Ein bisschen Material, ein bisschen Kunsthandwerk soll die Lücke füllen! Die Geschichte endet im vorläufigen Zerwürfnis. Gott hält sich aber nicht an die eigene Drohung, die Missetat der Väter heimzusuchen bis ins dritte und vierte Glied. Das Kalb ist ja auch nur ein armseliger Klumpen, als es vom Sockel gehauen wird: Gott ist kein Ding!

Gott ist auch nicht im Ding.
Und das ist der ursprüngliche Horizont antiker Bildwirklichkeit, in die das zweite Gebot hineingesagt ist. Die Umwelt Israels verehrt das göttliche Geheimnis in den Bildstatuen seiner Götter. Vor diesen Bildern werden die Opfer niedergelegt und am anderen Morgen haben die Priester die Gaben entfernt, so als habe die Gottheit sie selbst sich einverleibt.
Das Götterbild ist nicht bloß Abbild, Hinweis auf ein unbekanntes Mysterium, sondern es ist die Gottheit – nicht Holz, Stein und Gold in Göttergestalt, sondern Osiris und Isis, Marduk und Baal, knallbunt und in 3D.

Wer ein solches Götterbild zerstört, trifft die Gläubigen ins Mark. Israel aber hat seinen Gott im Wort und im Herzen - jeder Zerstörung, jeder Schändung entzogen! Der biblische Glaube verweigert sich der bunten Vielfalt. Und mit ihm Judentum, Christentum - besonders das reformierter Prägung! - und Islam.
Einige sagen heute, diese Strenge habe in der Folge Schlimmes bewirkt: Bildersturm und Absolutheitsanspruch, religiöse Verkniffenheit und rechter Winkel gegen orgiastisches Fest der Lebensfülle! Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber das Befreiungspotential des biblischen Gebotes steht daneben.

Zuerst einmal befreit das Bilderverbot uns zu uns selbst: Gott hat uns Menschen geschaffen zu seinem Bilde – zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau Gen 1, 27.
Es gibt kein äußeres oder inneres Bild, dem wir entsprechen müssen: nicht dem Bild, das andere von uns haben und auch nicht das Bild, das wir uns von uns selbst machen. Das ist eine interessante Perspektive - nicht nur für die Generation „Selfie“ und „GNTM“. Das Bild Gottes, nach dem wir geschaffen sind, hängt nicht an äußeren Merkmalen, sondern feiert in der Unterscheidung die Vielfalt des Lebens in all seinen Formen. Gott zeigt uns kein anderes Bild SEINER selbst, als das im Antlitz des Nächsten - der Schwester, des Bruders! Und wo könnte man einander besser wahrnehmen, als in einem bildleeren Raum, in dem man sich beim Gottesdienst gegenübersitzt?

Manchmal geben wir allerdings ein sehr schwaches Bild Gottes ab.
Und da hilft es, zur Entlastung den Blick auf Christus zu richten: Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung Kolosser 1, 15. Und auch hier hängt nichts an äußeren Merkmalen, an langen Haaren, Gewand und Sandalen, sondern an dem, was wir von Christus wissen und glauben. Jesus hat sich denen zugewandt hat, deren Ansehen gering war und die am Rand und im Dunklen lebten. Er hat sich denen zugewandt, die an eigenen und gesellschaftlichen Ansprüchen scheiterten. Ein Kreuz mit Korpus, mit Körper, brauchen wir nicht, wollen wir nicht, denn dort hängt Christus längst nicht mehr! Seine Hände aber bleiben geöffnet zu aller Welt hin - zu all ihren Kindern.

Unsere Zeit treibt in digitaler Flut Schindluder mit dem Bild des Menschen.
Bilder werden in nie dagewesener Form dazu benutzt, Menschen zu manipulieren und gegeneinander auszuhetzen. Mit Bildern wird verletzt, erniedrigt und in den Dreck gezerrt: Bildkritisch sein, ist da eine reformierte Tugend! Das Bild an sich, gerade das politische, hat keine Wahrheit. Und wir werden wach, wenn höhere Wesen Bilder für ihre Zwecke nutzen. Das Bilderverbot befreit von religiösen Festlegungen: „So ist unser Gott – nur so ist unser Gott!“ Es macht aber auch allergisch gegen Ideologien, bei denen Götterbilder, bildliche Wortformeln und Angstparolen tumben Massen oder Kampfverbänden vorweg ziehen.

Natürlich redet die Bibel in Bildern von Gott. - Wie könnte sie nicht?
Unser Reden und Denken, unser Fühlen und Empfinden ist nicht abstrakt, sondern hat Anhalt in der Welt der Dinge. Auch das Geistige strebt eine Form an! Aber die Bibel verwendet bewusst eine Vielzahl und Vielfalt von Bildern um zu beschreiben, wie Gott in der Schöpfung, an seinen Menschen wirkt: männlich, weiblich, dinglich, dynamisch. Gott ist nicht Hirte und Hand, Vater und Mutter, Sonne und Schild, sondern Gott verhält sich wie Hirte und Hand, wie Vater und Mutter, wie Sonne und Schild.

Von solchen Bildern könnte der Maler Sigmar Polke erst Recht sagen, dass sie auf die Netzhaut oder aufs Trommelfell oder im Herzen wirken und ein Verlangen nach dem unbekannten Mysterium wecken“!
Gott mag im Wind, im Beben, im Feuer verborgen sein, aber viel öfter noch ist er dahinter, im stillen sanften Sausen (I. Könige 19,12). Und wenn ER ist, dann ist ER Liebe (I. Johannes 4, 16). Und DIE lässt sich nicht in einen Rahmen pressen oder auf einen hohe Sockel stellen – DIE bleibt frei, unverfügbar, ist in keinem Bild wirklich zu fassen, nur zu erfühlen und zu erleben.
Amen.

Pastor Michael Ebener, 14. Juni 2015

 

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