Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Bildersturm ist ebenso schöpferisch wie Bilderproduktion

EKD bedauert „Bildersturm“ der Reformation, meldete ekd.de am 13. Juli

Der Heilige Lukas malend dargestellt - von El Greco als Ikonenmaler und als Künstler, der sich nicht mehr der religiösen Orthodoxie unterwirft.

Eine Replik von Andreas Mertin

Vor 40 Jahren erschien in der Edition Suhrkamp eine Studie über „Kunst als Medium sozialer Konflikte“, die „Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution“ behandelte. Ihr Autor war Horst Bredekamp, einer der bis heute renommiertesten Kunsthistoriker der Welt. Er setzte sich in seinem Buch mit dem Phänomen des Ikonoklasmus, also des Bildersturms auseinander. Man war und ist es ja gewohnt, beim Bildersturm immer gleich etwas Böses oder Verwerfliches zu unterstellen, für das man sich quasi zu schämen habe. Horst Bredekamps Verdienst war es nun, mit diesem – übrigens bis heute fortwirkenden – Vorurteil aufgeräumt zu haben. Er schreibt:  Die bilderstürmerischen Theorien gehören zu den großen geistigen Hervorbringungen ihrer Zeit, und die Formen ihrer praktischen Übersetzung waren so vielfältig und originell wie die Impulse, die zur Herstellung der Bilder nötig waren: „Bildersturm konnte ebenso schöpferisch sein wie Bildproduktion“ (H. Bredekamp, Kunst als Medium sozialer Konflikte, Frankfurt 1975, S. 113). Und er belegt dies nicht zuletzt mit Untersuchungen des byzantinischen Bilderstreits und der Hussitenrevolution. Es gehört zu den Charakteristika der vorreformatorischen und der reformatorischen Bewegungen, die Irrwege der christlichen Religion im Blick auf die Bilder kritisch begleitet und die Geltung des 2. Gebots wieder in Kraft gesetzt zu haben. Ja, dabei haben sie auch Gewalt angewandt. Aber ganz anders, als dies in heutiger Perspektive oft erscheint. Zum einen verlief dieser Bildersturm oft „gesitteter“ als die Überlieferung es darstellt. Für Zürich wissen wir, dass zunächst alle Stifter gebeten wurden, ihre Werke aus den Kirchen abzuholen. Dann wurden die Gemeindeältesten gebeten, über jene Bilder, die von der Gemeinde angeschafft wurden, einen Gemeindebeschluss herbeizuführen. Und erst in einem dritten Schritt wurden dann tatsächlich noch verbliebene Bilder zerstört. Warum erfolgte diese Zerstörung? Sie erfolgte, weil die Bilder ein entscheidendes Argument auf einem theologischen Irrweg waren: nämlich, dass man sich durch Stiftung von Bildern eine Abkürzung zum Himmel erkaufen kann. Für diejenigen, die nicht einmal das Geld zum Leben hatten, eine ungeheure Provokation. Reiche konnten z.B. in ihrem täglichen Geschäft Wucherei betreiben und dann durch Stiftung eines Bildes einen Erlass ihrer Sündenstrafen erlangen. Wenn das kein religiöser Skandal ist, dann weiß ich es nicht. In sozialen Aufständen geht es aber selten gesittet zu. Dort sagt man nicht: Lass uns doch mal dieses Werk ins Depot hängen. Nein, sozialrevolutionäre Umbrüche setzten mit Gewalt neues Recht durch gegen einen als ebenso gewaltsam empfundenen Ungerechtigkeitszustand. Unsere religiöse Überlieferung ist da nicht weniger zimperlich, man lese einmal Amos 4,1ff.

Die Auslandsbischöfin der EKD hat sich in aller Öffentlichkeit für die evangelischen Bilderstürme entschuldigt: „Im Themenjahr zu ‚Bild und Bibel‘ stellen wir fest, dass die Bilder in vielfältigsten Formen seit langem Ausdruck evangelischer Frömmigkeit geworden sind. Die Zerstörung von Bildern lehnt die Evangelische Kirche ab“. Ich bin mir nicht sicher, ob sie meint, was sie da sagt. Lesen wir einmal in der Heiligen Schrift, Richter 6, 25ff. Da wird erzählt, wie Gideon auf ausdrücklichen Befehl Gottes eine Statue der Aschera mit Hilfe von Knechten und Stieren stürzt und verbrennt. Der klassische Fall eines biblisch bezeugten Bildersturms. Was sagt die Auslandsbischöfin der EKD dazu? Sagt sie dann: Auch eine unmittelbare Aufforderung Gottes, Kultbilder zu zerstören, rechtfertige es nicht, diese anzugreifen und Gottes Wort zu folgen: „Die Zerstörung von Bildern lehnt die Evangelische Kirche ab“? Nein, das wird sie nicht sagen. Sie wird sagen, sie meine nur die reformierten Bilderstürme, jene, bei denen Protestanten in einer Zeichenhandlung, wie sie erst das 20. Jahrhundert in der Fluxus-Kunst wiederentdeckt, jene Verdrehungen der Frohen Botschaft beseitigten, die behaupteten, Gottesbilder und Kultbilder seien geeignete Formen, auf verkürzten Wege – eben nicht über die Predigt und die Lektüre der Heiligen Schrift – zu Gott zu gelangen. Noch aber steht es da geschrieben in Exodus 20, 4: „Mache dir kein Gottesbild noch irgendein Idol von irgendetwas im Himmel oben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ Das ernst zu nehmen ist der Antrieb derer, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts Kultbilder aus den Kirchen entfernten. Und dafür braucht man sich nicht zu entschuldigen – auch nicht im Gespräch mit der Orthodoxie! Die Bilderfrage ist und bleibt zwischen Orthodoxie und Protestantismus – gleich welcher Ausprägung – ein kontroverstheologisches Thema.

Vielleicht aber reicht es für erste theo-ästhetische Erkenntnisse der EKD-Vertreter, wenn sie einmal einen Blick auf die folgenden beiden Bilder werfen würden. Beide haben dasselbe Sujet – den Heiligen Lukas, der die Madonna malt –, aber sie atmen nicht denselben Geist. Das linke zeigt ein Werk des Ikonenmalers Domínikos Theotokópoulos aus der Zeit zwischen 1560 und 1567, das rechte ein Werk des autonomen Künstlers El Greco aus dem Jahr 1605. So groß ist der auch für EKD-Augen wahrnehmbare Unterschied zwischen einer Kunst, die sich der Orthodoxie unterwirft und einer Kunst, die sich von dieser Vorgabe ikonoklastisch befreit. Es hat einen guten Grund, warum der Ikonenmaler Domínikos Theotokópoulos Griechenland verließ und über Venedig nach Toledo auswanderte und so zu El Greco wurde. Dieser Grund lautet ganz einfach: In den Bildern geht es nicht um die Darstellung des Glaubens! Es geht um die Kunst und ihre Wahrhaftigkeit! Das kann die EKD von El Greco lernen.


Lernen sollte sie aber auch, ein aufgeklärtes Verhältnis zu den historischen Bilderstürmen der Waldenser, der Hussiten, der Reformierten und vieler anderer religiöser Aufbruchsbewegungen zu entwickeln. „Bildersturm konnte ebenso schöpferisch sein wie Bildproduktion“ schrieb vor 40 Jahren Horst Bredekamp und er ergänzte: Einzig dem Kunstschaffen selbst den Glanz großer menschlicher Leistungen zusprechen heißt, die ungeheuren Anstrengungen, die zum theoretisch abgesicherten und (oder) sozialrevolutionären Bildersturm führten, unterschätzen.“ So ist es. Ich bedaure den Bildersturm der Reformation nicht. Es gibt keinen Grund dazu. Er erst ermöglichte die Emanzipation der Künste aus der Vorherrschaft der Religion. Er machte das möglich, was der Kunsthistoriker Werner Hofmann vor gut 30 Jahren „Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion“ nannte. Jene Bilder, die angeblich seit langem Ausdruck evangelischer Frömmigkeit sind, atmen nicht einmal ansatzweise den Geist der Moderne, wie er etwa in den Bildern eines reformierten Predigers wie Vincent van Gogh zum Ausdruck kommt. Die aktuellen Bilder des Protestantismus sind ein Missverständnis. Christus, darauf hat der reformierte Theologe und Schriftsteller Kurt Marti vor fast 60 Jahren hingewiesen, ist die Befreiung der Künste zur Profanität. Wenn etwas Ausdruck protestantischer Frömmigkeit ist, dann ist es die konsequente Hinwendung zur säkularen Kultur.

Andreas Mertin, Juli 2015

Weitere Texte zum Thema in der theologischen Ästhetik von Andreas Mertin auf reformiert-info.de:
http://www.reformiert-info.de/14030-0-12-2.html

Siehe auch den Kommentar auf:
http://katoptrizomena.blogspot.de/2015/07/ekd-gegen-das-alte-testament.html

Bidnachweis:
El Greco, Der heilige Lukas malt eine Ikone der Jungfrau mit dem Kind, 41,6 × 33 cm, Tempera und Gold auf Holz, 1560–1567, Benaki-Museum in Athen.
El Greco, Hl. Lukas, 1605. Öl/Lwd, 98x72 cm, Kathedrale von Toledo, Spanien.

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Dialog mit Ökumenischem Patriarchat zur Bedeutung von Bildern

EKD. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bedauert die Zerstörungen von religiösen Bildern während der Reformationszeit. Dies stellten Theologen der EKD im bilateralen theologischen Dialog mit Vertretern des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel fest, der in der vergangenen Woche in der Hamburger Missionsakademie stattfand.
Texte zum 2. Gebot - in orthodoxer, evangelisch-reformierter und jüdischer Zählung

 

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