Mit Honig Hilfe leisten

»Hoffnung für Osteuropa«-Projektausschuss war zu Besuch in Ungarn

Die Erstaufnahmeeinrichtung war früher eine russische Kaserne. Foto: MÖWe

WESTFALEN - Hoffnung entsteht, wenn Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sich vernetzen, Gottes Gebot zur Nächstenliebe folgen und mit Geduld und Zuversicht konkrete Projekte umsetzen. So könnte ein Fazit der viertägigen Besuchsreise des westfälischen Projektausschusses »Hoffnung für Osteuropa« nach Ungarn lauten.

Bestes Beispiel: die Talentum-Schule in Göncruszka. Sie liegt nahe der Grenze zur Slowakei und wird seit vier Jahren von der evangelisch-reformierten Gemeinde Vilmany betrieben. Mit wachsendem Erfolg. Früher war es eine staatliche Schule. Als die Stadt mit Schließung drohte, übernahm die Kirchengemeinde die Organisation.

Eine Grundschule im Aufbau

Es ist eine Grundschule im Aufbau, die auch Romakinder und Pflegekinder aufnimmt. Viel ehrenamtliche Arbeit ist dabei nötig. Doch die Eltern und Gemeindemitglieder helfen gerne. Egal, ob es sich dabei um den Ausbau der Turn- und Andachtshalle handelt oder um das große Aufräumen einen Tag vor Schulbeginn Anfang September.

Ein Drittel der Kinder sind Pflegekinder, deren Familien in prekären Verhältnissen leben. Alkoholmissbrauch und häusliche Gewalt gehören oft zu ihrem Alltag. Aber auch diese Kinder haben ein Recht auf Bildung. Die Gegend nahe der slowakischen Grenze ist  Abwanderungsgebiet. Arme Romafamilien aber bleiben. Auch ihre Kinder sollen die Möglichkeit zur Schulbildung haben.

Auch für andere Kinder einsetzen

Pfarrer Levente Sohajda sagt: »Wenn ich für meine eigenen Kinder eine gute Schulbildung haben möchte und hier lebe, liegt es nahe, dass ich mich auch für andere Menschen und deren Kinder hier in der Region einsetze und mit ihnen gemeinsam eine neue Schule organisiere.«

Neben der Schule organisiert die Gemeinde ein Schutzhaus für Opfer von Gewalt und bietet Fortbildungskurse in Kinderpflege und Schwangerschaftsvorbereitung an. Zur finanziellen Unterstützung trägt ein Honigprojekt bei. Etwa 180.000 Gläser Sonnenblumen-, Akazien- und Waldhonig kann die Gemeinde jährlich produzieren. Der verkaufte Honig ist zugleich Werbeträger für das gemeindliche Regionalentwicklungsprojekt.

Alltag ist von der Landwirtschaft geprägt

Denn das ist die Talentum-Schule längst geworden. Engagierte Lehrer arbeiten gerne in Göncruszka. Hier ist der Alltag zwar stärker von der Landwirtschaft geprägt, aber das Selbermachen von Käse und der Anbau von gesundem Gemüse, gelegentliche Besuche im slowakischen Kosice und eine herausfordernde Arbeit in kleinen Klassen sind der besondere Anlass zum Bleiben.

Ein Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge

Ganz andere Einblicke standen beim Besuch in der südungarischen Stadt Debrecen im Mittelpunkt. Hier liegt eines von landesweit drei Erstaufnahmezentren für Flüchtlinge, die in Ungarn Asyl suchen. Bei Gesprächen mit dem Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung und Mitarbeitern des reformierten Flüchtlingswerkes wurde deutlich, wie stark die Arbeit von der umstrittenen Politik der Regierung beeinflusst wird.

Noch vor Kurzem lebten in der ehemaligen, russischen Kaserne über 1.600 Flüchtlinge, registriert nach den Dublin III-Kriterien und im ungarischen Asylverfahren. Doch durch die Abschreckungspolitik der aktuellen Regierung sanken die Zahlen auf zur Zeit 700. Die im reformierten Flüchtlingswerk vor Ort organisierten Pfarrer kümmern sich um die pädagogische Betreuung der Kinder, ermöglichen medizinische Beratungen und Versorgungen und begleiten die Menschen mit Traumatherapieangeboten.

Lutherische und reformierte Kirche arbeiten Hand in Hand

Die Kirchen in Ungarn organisieren gegenwärtig die humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Kosovo und Fernostasien, die in Budapests Innenstadtparks leben. Lutherische Kirche und reformiertes Flüchtlingswerk arbeiten Hand in Hand. Dabei machen sie die Erfahrung, dass die langfristige Arbeit durch die aktuelle Krise überrollt wird. Die Bereitschaft zur Hilfe – auch durch die internationalen Partner der ungarischen Kirchen – ist groß. Eine nachhaltige Entwicklung wird aber nur möglich sein, wenn die Politik auch in Ungarn akzeptiert, dass Einwanderung ein langfristiger Prozess ist, der alle Nationen Europas in den nächsten Jahren betreffen wird.

Zur Delegation gehörten Beate Brauckhoff, Pfarrerin im Kirchenkreis Dortmund, Gerd Plobner, Ökumenereferent im Kirchenkreis Dortmund und Thomas Krieger, Europareferent im Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (MÖWe). Neben den beschriebenen Projekten besuchte die Gruppe die reformierte Sozialarbeiter- und Diakonenausbildung in Nagykörös, das Immanuel-Behindertenheim in Debrecen sowie eine weitere Schul- und Betreuungseinrichtung der reformierten Kirche im nordrumänischen Oradea.

Nähere Informationen über die Talentum-Schule

Englischsprachige Infos über die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn

Englischsprachige Infos über die Evangelisch-Reformierte Kirche in Ungarn

Weitere Infos über Hoffnung für Osteuropa Westfalen


Pressemeldung der EKvW, 11. September 2015
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