Braucht es eine islamische Reformation?

Religions- und Missionswissenschaftler hofft auf islamische Reformkräfte

Prof. Dr. Henning Wrogemann setzte seine Hoffnung auf eine zunehmende Deutungshoheit islamischer Reformdenker.

Zur These, der Islam brauche eine Reformation, ist derzeit vieles zu hören und zu lesen. Nicht allein im Zusammenhang mit islamistischen Terroranschlägen, sondern auch im Umfeld migrationspolitischer Debatten wird die Frage nach der Reformbedürftigkeit des Islam immer wieder diskutiert. Eng verbunden hiermit ist die Frage der Auslegung heiliger Schriften wie Koran und Bibel gleichermaßen.

Zu diesem anspruchsvollen und aktuellen Themenfeld hatte der Ev. Kirchenkreis Siegen Dr. Henning Wrogemann, Professor für Religions- und Missionswissenschaft, Leiter des Instituts für Interkulturelle Theologie und Interreligiöse Studien an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel, eingeladen. Im Ev. Gemeindehaus Rödgen fanden sich am Samstagabend (12. September 2015) viele Interessierte ein, um Einsichten in eine für viele fremde Kultur zu erhalten.

Wrogemann machte zunächst deutlich, dass in westlichen Gesellschaften die Begriffe Reformation, Reform, Aufklärung große Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil sie als Garanten für eine tolerante, gerechte und zukunftsfähige Gesellschaft gelten. Den Begriff der Reformation nach christlichem Verständnis könne jedoch nicht einfach auf den Islam übertragen werden. Im hiesigen Sprachgebrauch verstehe man unter der Reformation die Neuverformung von Kirche im 16. Jahrhundert. Martin Luther und andere hätten Reformen eingefordert, was damals auch zu Kämpfen geführt habe. Die Einheit der abendländischen Kirche sei darüber zerbrochen. In der islamischen Welt gäbe es jedoch nicht im entfernten den Kirchen ähnliche Strukturen. Es gebe keine zentralen Verbände und keine für alle verbindliche Hierarchie. Wenn es so etwas wie Kirche nicht gebe, wie solle man dann von Reformation sprechen? Zudem bestehe bei Vergleichen die Gefahr, sich selbst als moderner und freiheitlicher zu stilisieren als das fremde Andere. Er erläutert den Begriff der Aufklärung, den der Philosoph Immanuel Kant als „Auszug des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ beschrieben habe. Aufklärung bedeute, gegen die Dunkelheit des Aberglaubens das Licht der Vernunft zu setzen. Dies sei im Europa des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts eine bedeutende Geistesströmung gewesen. Es stelle sich die Frage, ob und wenn ja in welcher Form es ein vergleichbares Phänomen im Islam gegeben habe. Dies werde in der Islamwissenschaft kontrovers diskutiert.

Im 19. Jahrhundert hätten sich islamische Herrschaftsformationen starken europäischen Mächten gegenüber gesehen. Frühe islamische Reformer hätten den Begriff „reformation“ aufgegriffen und gesagt, der Islam sei seinem Wesen nach modern und zu so etwas wie einer Reformation fähig. Reformdenker des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts hätten diesen Gedanken auch aufgenommen und Kritik an traditionellen Gelehrtenmeinungen innerhalb der islamischen Welt geübt. Dies sei jedoch nur im Namen der religiösen Tradition selbst möglich gewesen, da man ansonsten als Ungläubiger gegolten habe. Auch Martin Luther habe Kritik an der Kirche religiös, und zwar mit Rückgriff auf die Bibel, begründet. Er habe Missstände in der Kirche kritisiert, weil er die Kirche liebte. Luthers Lehre von der Schrift sei die Sprengkraft der Reformation gewesen. Alles, was nicht mit der Bibel übereinstimme, könne kritisiert werden, so Luther.

Wrogemann: „Für das 21. Jahrhundert und seine politischen Konflikte wird kaum eine Frage so entscheidend sein wie die Frage der Auslegung und Deutung der heiligen Schriften.“ Dies gelte für das Christentum, den Islam und auch andere Religionsformationen. Er erläutert das Schriftverständnis Luthers. Nach Luthers Lehre verstehe man die Bibel beim Lesen durch das Zeugnis des Heiligen Geistes. Die Schrift lege sich selber aus.  Auch könne jeder Christ sie selbst auslegen. Dazu habe die Schrift eine Mitte. Das sei Jesus Christus. Es sei damit nicht alles gleichwertig, was in der Bibel stehe. Wenn Christen die Bibel selbst auslegen könnten, dann sollten sie auch dazu befähigt werden. Dies habe im 16. Jahrhundert die Anfänge des protestantischen Schulwesens bedeutet. Zudem wurde die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzt. Dies bewirkte auf längere Sicht eine starke Individualisierung. Die Bedeutung der allgemeinen Kirchenlehre trat über die Jahrhunderte hinweg zurück, der persönliche Zugang zur Bibel erfuhr allgemein eine Aufwertung.

Beim Thema Reformation dächten die Menschen daran, dass die Einheit der abendländischen Kirche zerbrochen sei. So etwas habe es in der muslimischen Welt in dieser Form nicht gegeben.

Um das Thema Reformen in der islamischen Welt besser zu verstehen, müsse man zwischen der koranischen Botschaft von Mekka (610–622) und der koranischen Botschaft von Medina (622–632) unterscheiden. Suren aus der Zeit von Mekka hätten eher allgemeine Inhalte gehabt, Suren von Medina dagegen auch einzelne rechtliche Regelungen. Mohammed habe in Medina Offenbarungstexte zu allen möglichen Problemen verlautbart. Diese wurden von der Gemeinde liturgisch rezitiert und so im Gedächtnis behalten. Solange Mohammed lebte, sei kein Buch geschrieben worden. Erst in den Jahren 650-655 habe ein Redaktionsprozess stattgefunden, der zur Textsammlung des Korans als Buch geführt habe. Der Koran als Buch habe etwa 6000 Verse, davon seien etwa 100 Verse als Rechtssätze zum Zeugenrecht, Erbrecht, Strafrecht und Kriegsrecht usw. zu finden. Zudem wurden später unzählige Kurzgeschichten von Mohammed erzählt und in den Jahren etwa zwischen 800-900 unserer Zeitrechnung in Schriftform gesammelt. In diesen Sammlungen wurden nun Tausende von Regelungen zu Sitte, Benimm und Recht gegeben.

Mohammed hatte zu seinen Lebzeiten die Gemeinschaft geleitet und dafür nach muslimischem Verständnis regelmäßig göttliche Herabsendungen (von Botschaften) erhalten. Während dieser Zeit habe es auch Kriege gegeben, die ihren Niederschlag auch in Versen der koranischen Botschaft fanden. Danach und bis heute stelle sich die entscheidende Frage, ob diese Aussagen als zeitbedingt oder aber ewig gültig und damit als unveränderlich anzusehen seien. Dies gelte auch für Rechtssätze, die eine Ungleichbehandlung von Männern und Frauen sowie Muslimen und Nichtmuslimen vorsehen (etwa bei Erbrecht und Zeugenrecht usw.). Genau dies aber sei das Problem, wenn es um das Thema Demokratie und Islam gehe. Innermuslimisch werde darum gestritten, ob die Regelungen von Koran und Hadithliteratur weiterhin zwingend eine Ungleichbehandlung erfordern (so Traditionalisten) oder als nur zeitbedingt gültig anzusehen sind (so die Reformer). Die Reformer gehen dabei nicht von Normen (Einzelregelungen) aus, sondern von Werten (allgemeinen Prinzipien wie etwa Frieden und Gerechtigkeit).

Wrogemann beschreibt die verschiedenen Strömungen islamischen Lebens als Pragmatiker, wie beispielsweise viele Politiker im Islam, Traditionalisten, die sich nach den großen Rechtsschulen richteten, friedlichen wie militanten Islamisten, die die gesamte Gesellschaft nach islamischen Regeln funktionieren lassen wollen und dies womöglich mit Gewalt durchzusetzen trachten. Zudem gibt es die Reformer, wie den Syrer Muhammad Shahrur (geb. 1938), die davon ausgehen, dass der Islam die Religion der Zukunft sei und die beste aller Lebensformen, die aber Demokratie und Menschenrechte als mit dem Islam vereinbar sehen.

Der Religionswissenschaftler skizziert das Koranverständnis Shahrurs. Der gehe von der alten islamischen Lehre aus, dass der Koran unnachahmlich sei. Der Text sei fixiert, aber die Relevanz der Botschaft sei universal. Die Botschaft des Korans spräche zu jedem Menschen. Die islamische Identität könne sich nur auf den Koran berufen. Dies habe zur Konsequenz, dass alle anderen Traditionen als wandelbar oder aufgebbar erklärt werden. Er hält eine Auslegung des Korans für nötig. Für ihn spiele dabei nur das eine Rolle, was im Koran steht. Das heißt die traditionellen Auslegungen sind für ihn nicht autoritativ.

Dabei sei zu unterscheiden zwischen den Regelungen, die nur für Muhammed galten und dem Bereich der religiösen Gebräuche wie Beten und Fasten. Hinzu kommen allgemeine ethische Prinzipien, wie sie etwa den christlichen 10 Geboten entsprechen und das Gebot des Korans, „das Erlaubte zu gebieten und das Verbotene zu verbieten“. Diese koranische Formel aber könne sehr weit gefasst werden und werde im Islam kontrovers diskutiert. Letztlich gebe es noch besondere Strafregelungen. Shahrur vertrete eine so genannte „Theorie der Grenzen“. Danach gelten koranische Strafregelungen nur als Maximalregelungen. Alle anderen Rechtsetzungen dagegen unterliegen dem menschlichen vernünftigen Ermessen. Die Menschenrechte und Grundechte werden auf diese Weise als islamisch kompatibel bewertet. Wrogemann zeigt auf, dass der Reformsatz von Muhammad Shahrur gewisse Analogien zur Schriftauslegung Luthers aufweist.
Welchen Einfluss die Reformer in der islamischen Welt jedoch haben, könne zur Zeit niemand sagen.

Er habe den Eindruck, Menschen hätten Angst, dass sich der Islamische Staat immer weiter ausbreite. In islamischen Ländern habe es jedoch Bildungsanstrengungen gegeben, wie in anderen Ländern auch. Die allgemeine Schulpflicht sei im frühen 20. Jahrhundert in vielen Ländern eingeführt worden und der Anteil der Lesenden sei in den meisten mehrheitlich muslimischen Gesellschaften sehr hoch. Dadurch werde die Frage, wie sich islamische Identität zu bestimmen habe, in etlichen Ländern deutlich individueller. Hinsichtlich des Lebensstils sei eine gewisse Pluralisierung festzustellen. Dazu trage auch das Internet bei. Hinzu komme ein hoher Anteil von Frauen an den Universitäten. Auch dadurch könnten Veränderungen entstehen. Die Grundfrage sei, so Wrogemann, ob in den islamischen Ländern das Bewusstsein wachse, dass es dem gesamten Land besser gehe, wenn es auch den Minderheiten gut gehe. Die Tatsache, dass es etliche Reformdenker/innen gebe, etliche davon in westlichen Ländern lebend, sei ein Hoffnungszeichen. Es gebe einen internationalen Diskurs zu solchen Reformansätzen. Wrogemann: „Wir könnten nur hoffen, fröhlich bleiben und gemeinsam mit allen Menschen guten Willens für der Stadt Bestes arbeiten.“

Eine ausgiebige Diskussion schloss sich dem Vortrag an, in der deutlich wurde, wie schwierig historische Vergleiche zwischen westlicher und islamischer Welt sind. Wrogemann setzt auch darauf, dass in Deutschland und anderen europäischen Ländern islamische Theologie öffentlich und verantwortbar an den Universitäten gelehrt wird.

Die Besorgnis erregenden Gewaltexzesse des Islamischen Staates kamen zur Sprache und Stellen im Koran, die entsprechend Gewalt gebietend (miss)/verstanden werden können. Man könne langfristig nur darauf hoffen, so Wrogemann, dass die den Koran interpretierenden Reformdenker auch curricular an Universitäten und Schulen an Deutungshoheit gewönnen.


Karlfried Petri, Öffentlichkeitsreferent Kirchenkreis Siegen, 15. September 2015
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