Religionen ähneln einander in ihrer Vielfalt

Religionswissenschaftler Perry Schmidt-Leukel hält als erster Deutscher seit 30 Jahren die renommierten Gifford Lectures

Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel (Foto: Exzellenzcluster „Religion und Politik“/ Sarah Batelka)

Münster, 5. Oktober 2015 (exc) Herkömmliche Theologien geben nach Einschätzung des Religionswissenschaftlers und Theologen Prof. Dr. Perry Schmidt-Leukel nicht ausreichend Antwort auf die wachsende Herausforderung der religiösen Vielfalt und Konflikte. „Statt Theologie weiterhin religionsspezifisch zu betreiben, sollten wir auf eine interreligiöse Theologie setzen“, sagt der Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Religion und Politik“.

Diese „Theologie der Zukunft“ zeige, dass Religionen wie Christentum, Islam und Buddhismus einander viel ähnlicher seien als bislang angenommen und zwar mit Blick auf ihre jeweilige interne Vielfalt. „Das, was die Religionen voneinander unterscheidet, findet sich oft in anderer Form auch als Unterschiede innerhalb der eigenen Religion wieder. Diese Erkenntnis erlaubt die Ausweitung ökumenischer Theologie zur interreligiösen Theologie“, so Prof. Schmidt-Leukel, der als erster Deutscher seit 30 Jahren die renommierten „Gifford Lectures“ in Schottland hält. In der Vortragsreihe vom 12. bis 21. Oktober präsentiert er erstmals eine neue Theorie der Religionsvielfalt. Die Einladung zu den Giffords ist eine der höchsten internationalen akademischen Auszeichnungen auf dem Gebiet der Religionsphilosophie und Theologie.

„Im Unterschied zur interkulturellen Philosophie nimmt interreligiöse Theologie den Bekenntnischarakter von Religionen ernst“, sagt der Wissenschaftler. Hinter den Bekenntnissen zu Muhammad als „Propheten“, zu Jesus als „Sohn Gottes“ und zu Gautama als „Buddha“ zeigten sich grundlegende Gemeinsamkeiten in den Motiven: „Bei den Muslimen wird das Wort Gottes zum Text, wie im Fall des Koran, während es bei den Christen zur Person wird, wie im Fall Jesu. Aber beide Religionen kennen auch das andere Konzept und in beiden Fällen geht es darum, wie die Gegenwart Gottes im Akt der göttlichen Offenbarung zu verstehen ist“, so der Theologe. Oft liege sogar hinter der Ablehnung anderer Glaubensvorstellungen mehr Gemeinsamkeit als man denke, etwa, wenn etwas abgelehnt wird, was der andere in dieser Form gar nicht vertritt. „Statt andere Religionen als Gefahr zu sehen, können sie den eigenen Glauben bereichern.“ Daher ziehe eine interreligiöse Theologie nicht nur Heilige Schriften der eigenen Religion heran, sondern auch die der anderen. „Das bietet große Chancen im Umgang mit der wachsenden religiösen Pluralität in unserer Gesellschaft.“

„Fraktale Muster wie bei Farn und Blumenkohl“

Prof. Schmidt-Leukel hat die „Fraktale Theorie der Religionsvielfalt“ in Anlehnung an die Fraktal-Theorie des Mathematikers Benoît Mandelbrot (1924-2010) entwickelt, nach der Objekte in der Natur wie Farnpflanzen oder Blumenkohl aus verkleinerten Kopien ihrer selbst zusammengesetzt sind. Interreligiöse Theologie kann nach Schmidt-Leukel von einem fraktalen Verständnis religiöser Vielfalt unterstützt werden. „Die fremde Religion und der Andersgläubige sind weniger fremd als man zunächst glaubt“, unterstreicht der Forscher. „Die neue Theorie bietet eine Alternative zur verbreiteten Ansicht, dass Religionen unvereinbar und nicht vergleichbar sind.“

„Grundlegende Muster religiöser Vielfalt spiegeln sich in der Vielfalt innerhalb jeder Religion und letztlich innerhalb der im einzelnen Menschen angelegten religiösen Möglichkeiten wider“, erläutert der Theologe. Zwischen einem konservativen Verständnis von Theologie und einer interreligiösen Theologie bestehe also mehr Kontinuität als gedacht: „Im interreligiösen theologischen Diskurs begegnen in neuer Form Themen und Fragen wieder, die auch aus der theologischen Tradition der eigenen Religion bekannt sind. Der Schlüssel zum Verständnis fremder Religionen liegt somit auch in der eigenen.“

Die Gifford-Reihe trägt den Titel „Interreligious Theology: The Future Shape of Theology“ („Interreligiöse Theologie: Die zukünftige Gestalt der Theologie“). Darin präsentiert Prof. Schmidt-Leukel Forschungsergebnisse des Projekts C2-16 „Interreligiöse Theologie“ am Exzellenzcluster. Der erste Vortrag „Interreligious Theology: Whither and Why“ erläutert Prinzipien und Methodik der religionsübergreifenden Theologie. Die Vorträge zwei bis vier führen dies beispielhaft aus, anhand der muslimischen, christlichen und buddhistischen Bekenntnisse zu Muhammad als dem letzten Propheten, zu Jesus als Sohn Gottes und zu Gautama als dem Buddha. Die „Fraktale Theorie zur religiösen Vielfalt“ präsentiert Prof. Schmidt-Leukel im Abschlussvortrag, „Towards a Fractal Theory of Religious Diversity“.

„Vorurteile über andere Religionen überwinden“

Herkömmliche Theologien aller Religionen werden sich nach Einschätzung des Wissenschaftlers über kurz oder lang in Richtung der Interreligiösen Theologie entwickeln. Diese Form, Theologie zu betreiben und Glaubensinhalte zu reflektieren, bringe verschiedene konfessionelle und religiöse Perspektiven beständig in Austausch miteinander. „Der interreligiösen Theologie geht es darum, die Gründe und Motive religiöser Bekenntnisse zu verstehen und gegebenenfalls zu teilen.“ Sie könne Gläubigen helfen, Vorurteile zu überwinden und Wertschätzung für andere Religionen zu entwickeln. „Vor diesem Hintergrund ist der Dialog der Religionen, der gesellschaftlich auf vielen Ebenen angestrebt wird, als theologische Aktivität im strengen Sinne zu verstehen“, so der Forscher. Es gehe dabei nicht nur um friedliche Koexistenz, sondern darum, sich über Religionsgrenzen hinweg „mit jenen großen Fragen auseinanderzusetzen, die die Menschheit seit jeher in allen Kulturen und Religionen bewegt haben.“ Allerdings dürfe interreligiöse Theologie nicht als Theologie einer weltweiten „Einheitsreligion“ missverstanden werden.

Die fünf Vorlesungen in der renommierten Gifford Reihe werden zunächst in englischer Sprache, später in deutscher Sprache veröffentlicht. Mit Chancen und Problemen interreligiöser Theologie befasst sich auch der Sammelband „Interreligiöse Theologie“, den der Wissenschaftler mit dem evangelischen Basler Theologen Prof. Dr. Reinhold Bernhardt 2013 herausgegeben hat. Prof. Perry Schmidt-Leukel ist seit 2009 Direktor des Seminars für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster und Mitglied des Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Von 2000 bis 2009 war er Professor für Religionswissenschaft und Systematische Theologie der Universität Glasgow. Seine Forschungsschwerpunkte lauten Theologie der Religionen, Interreligiöse Beziehungen, Christlich-buddhistischer Dialog, interreligiöse Theologie und Pluralismusfähigkeit der Religionen. (ska/vvm)

Die Gifford Lectures

Die vier schottischen Universitäten Edinburgh, Glasgow, St. Andrews und Aberdeen laden bereits seit 1888 alle ein bis zwei Jahre zu der Vorlesungsreihe ein. Der Richter und Rechtsanwalt Adam Lord Gifford (1820-1887) stiftete sie zur Förderung der „natürlichen Theologie im weitesten Sinn“. Heute verstehen die Universitäten dies im Sinne einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Religion, die der Frage nach der Vernünftigkeit und möglichen Wahrheit von Religion nachgeht.

Die ersten Gifford Lectures hielt zwischen 1888 und 1892 der deutsche Religionswissenschaftler Friedrich Max Müller in Glasgow. Es folgten zahlreiche angesehene Forscherinnen und Forscher vorwiegend aus den Disziplinen Theologie, Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaften. Aus Deutschland hielt zuletzt von 1984 bis 1985 der deutsche evangelische Theologe Prof. Dr. Jürgen Moltmann die Gifford Lectures.

Zu den Gifford Lecturers gehören der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1900-1902), der französische Philosoph und Literaturnobelpreisträger Henri Bergson (1913-1914), der schottische Ethnologe und Philologe James Frazer (1923-1925), der deutsch-französische Arzt und Philosoph Albert Schweitzer (1934-1935), der Schweizer evangelisch-reformierte Theologe Karl Barth (1936-1938), der deutsche und später US-amerikanische evangelische Theologe Paul Tillich (1952-1954), der Marburger evangelische Theologe Rudolf Bultmann (1954-1955), der deutsche Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1955-1956) sowie der deutsche Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker (1959).

Gifford Lectures hielten auch die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt (1973), die anglo-irische Schriftstellerin Iris Murdoch (1981-1982), die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum (1992-1993), der kanadische Philosoph Charles Taylor (1998-1999) und der US-amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky (2004-2005). Zu den weltweit renommiertesten Referenten der Gifford Lectures gehören zudem die Philosophen Alfred North Whitehead (1927-1928), Gabriel Marcel (1949-1950), Alfred Ayer (1972-1973), Ninian Smart (1979-1980), Richard Swinburne (1982-1984), Paul Ricoeur (1985-1986), Antony Flew (1986-1987), John Hick (1986-1987), Raimon Panikkar (1988-1989), Hilary Putnam (1990-1991), Keith Ward (1993-1994), Michael Dummett (1996-1997) und Alvin Plantinga (2004-2005). (vvm)

Programm der Gifford Lectures “Interreligious Theology: The Future Shape of Theology”

13. Oktober 2015: Interreligious Theology: Whither and Why?

14. Oktober 2015: The Prophet and the Son

15. Oktober 2015: The Son and the Buddha

20. Oktober 2015: The Buddha and the Prophet

21. Oktober 2015: Towards a Fractal Theory of Religious Diversity

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