Menschenhandel - Zeit zu reden, Zeit zu handeln!

Eine internationale Konsultation zu „Human Trafficking“ - Menschenhandel weltweit

©Bild: VEM

Knapp 20 Fachleute und Delegierte aus europäischen Kirchen und sozialen Organisationen kamen vom 22.-24.10.15 beim Reformierten Bund in Hannover zusammen, um das schwierige Thema Menschenhandel zu beraten. Sie folgten damit der Einladung des Europäischen Gebietes der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und des Reformierten Bundes.

Schon im vergangenen Jahr hatte die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK) dazu eine Kampagne gestartet; nun sollte die Situation in Europa genauer in den Blick genommen werden. Dazu waren einerseits Berichte aus den Niederlanden, Belgien, der Slowakei, Schottland, Ungarn, Italien, Spanien zu hören, andererseits konnten sich die Teilnehmenden, unter ihnen auch Vertreter der Evangelisch-reformierten Kirche und der Lippischen LAndeskirche, durch Vorträge seitens der Vereinigten Ev. Mission (VEM), Wuppertal, und der Europäischen Konferenz der Kommission der Kirchen für Migranten in Europa (CCME), Brüssel, informieren und beraten lassen.

Drittgrößter Wirtschaftszweig

Menschenhandel ist weltweit der drittgrößte Wirtschaftzweig organisierter Kriminalität, gleich nach Waffen- und Drogenhandel. Er findet überall statt und ist ein komplexes, ständig wechselndes System, in dem durch die Zusammenarbeit verschiedener Akteure Frauen, Männer und Kinder entwürdigt, entrechtet, gequält und ermordet werden, z.B. als Kindersoldaten, als Arbeits- und Sexsklaven. 

Was im rechtlichen Sinn unter Menschenhandel zu verstehen ist, beschreibt die international gültige Definition der Vereinten Nationen („Palermo-Protokoll“) wie folgt: Der Ausdruck „Menschenhandel" bezeichnet die „Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder durch Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung.
Ausbeutung umfasst mindestens die Ausnutzung der Prostitution anderer oder andere Formen sexueller Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, Sklaverei oder sklavereiähnliche Praktiken, Leibeigenschaft oder die Entnahme von Organen“.

Armut, Perspektivlosigkeit und Gefährdung durch Krieg und Gewalt stehen ursächlich am Anfang des Leidensweges von Menschen, die auf scheinbar verlockende Arbeitsangebote eingehen, entführt oder verkauft werden. Ausbeutung und Gefangenschaft, Erpressung und Schuldknechtschaft, Missbrauch und Vergewaltigungen gehören zum Martyrium, das dann folgt. Die wenigsten schaffen es, sich daraus zu befreien. Selbst wenn dies z.B. mit Hilfe einer Menschenrechtsorganisation gelingt, steht die Frage im Raum: Welche Alternative bietet sich für die Opfer? Wie lässt sich ein neues Leben organisieren und finanzieren, wie lässt sich eine gesicherte Arbeit beschaffen, wie gelingt eine Rückführung in die ursprüngliche Umgebung und Gemeinschaft?Dieses Dilemma wurde in den Berichten auf unterschiedliche Weise immer wieder deutlich. Ebenso die Frage, ob etwa Legalisierung von Prostitution – in Deutschland und in den Niederlanden in der Diskussion – Abhängigkeiten und Ausbeutung begünstige oder aber Prostituierten eine gewisse Rechtssicherheit verschaffen kann. Hier gehen Expertenmeinungen auseinander: die Einschränkung durch ein Verbot kann einerseits Prostitution eindämmen, andererseits wird der Zugang von Hilfsorganisationen zu Opfern, die dann nur in der Illegalität arbeiten, erschwert.

Was können die Kirchen tun?

Was können die Kirchen tun? Auch diese Frage wurde intensiv diskutiert. Dabei wurde schnell deutlich, dass es zunächst um schlicht darum geht, Tatsachen wahrzunehmen: Menschen werden zur Ware gemacht und als solche gehandelt, überall. Dennoch wird das schwierige und unangenehme Thema oft ignoriert, auch seitens der Kirchen. Gerade sie aber haben noch die Chance, dort aktiv zu werden, wo es oft genug keine sonstige angemessene soziale Infrastruktur mehr gibt.

Aufklärung der Öffentlichkeit und Unterstützung von Opfern sind genuin kirchliche Aufgaben, und in besonderer Weise in der Jugendarbeit: Jugendliche über ihre Rechte aufzuklären, ihnen Bildung zu verschaffen und Selbstvertrauen zu vermitteln, und dabei ihre Hoffnungen und Vorstellungen vom Leben ernstzunehmen, sind wichtige Schritte, um junge Menschen stark zu machen und vor möglichen Gefährdungen zu schützen.

Schließlich zeigte die Debatte, wie notwendig es ist, auch das eigene theologische Denken in den verschiedenen Ländern mit ihren eigenen theologischen Traditionen und Prägungen zu überdenken: trauen sich die Opfer, bei der Kirche um Unterstützung zu suchen oder erfahren sie dort eher Misstrauen und Ablehnung? Welches Verständnis von „Würde“ und „Wert“ bestimmt alltägliches kirchliches Reden und Handeln? Wie kann Kirche dazu beitragen, Geschändeten zu helfen, ihre Traumata zu bearbeiten und das Gefühl für die eigene unverbrüchliche Würde wiederzufinden? Wie wird Versöhnung angesichts zerstörter Biographien gelebt?

Zu den Empfehlungen am Ende der Konsultation gehörte dann auch der Vorschlag einer gezielten Zusammenarbeit von Kirchen der Länder, denen Arbeits- oder Sexsklaven entstammen, mit den Kirchen dort, wohin Menschen zur Zwangsarbeit verbracht werden.

Um auf Gemeindeebene das Thema präsent und verständlich zu machen, so ein weiterer Vorschlag, soll liturgisches Material für Andachten und Gottesdienste erarbeitet bzw. gesammelt werden.

Es ist höchste Zeit, überall darüber zu reden und gemeinsam zu handeln, darin waren sich alle Beteiligten der Konsultation einig.

weitere Infos:
http://www.vemission.org


Sabine Dreßler, Referentin für reformierte Ökumene, 26. Oktober 2015; Foto unten: Anna Krüger
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