Fremdenfeindlichkeit überwinden

Dóra Kanizsai-Nagy und Balázs Acsai berichten aus der Flüchtlingsarbeit der Reformierten Kirche Ungarns

Foto: Dimény András-Vargoszz

Im Interview mit reformatus.hu schildern Dóra Kanizsai-Nagy und Balázs Acsai Ende Oktober 2015 ihren Blick auf die Ereignisse der letzten Monate. Ein Gespräch über die Ängste der breiten Öffentlichkeit, die Bedeutung der Integration, und die Arbeit der Flüchtlingsmission der Reformierten Kirche Ungarns (RKU). „Nicht jeder kann automatisch akzeptiert werden, aber statt Hassreden bräuchte es ruhige Worte und ein klares Vorgehen.“

Für reformiert-info hat Fabian Brüder, Theologiestudent in Berlin, das Interview mit freundlicher Genehmigung von reformatus.hu übersetzt.

reformatus.hu: Im Frühjahr erschien in Confessio (einem Online-Magazin der RKU) ein Artikel, in dem ihr von Migrant*innen aus dem Kosovo berichtet habt. Mittlerweile wird über sie nichts mehr berichtet. Was ist geschehen?

Dóra Kanizsai-Nagy: Es waren die klaren Botschaften aus Deutschland, die zur Bändigung der kosovarische Migrationswelle geführt haben. Im Kosovo wurde über das Auswärtige Amt eine unglaubliche Informationskampagne gestartet, und die deutsche Polizei hat dabei geholfen, die ungarischen Grenzen zu schützen. In den letzten Monaten sind die Kosovar*innen in ihrer Heimat geblieben, wir haben nicht mehr viel von ihnen gehört.

Balázs Acsai: Anfang des Jahres gab es zwischen der Regierung und dem Helsinki Komitee Streit über die Zahlen, weil im Januar die meisten Flüchtlinge aus dem Kosovo kamen, und der Bericht auf dieser Grundlage feststellte, dass nur Wirtschaftsflüchtlinge nach Ungarn kämen. Zu dem Zeitpunkt als der Bericht veröffentlicht wurde, erreichten uns jedoch auch Flüchtlinge aus Kriegsregionen.

Wer und wie viele von ihnen kamen nach Ungarn? Gibt es klare Zahlen oder nur Spekulationen?

Balázs: Es gibt Zahlen, zumal jede Person, die das Land betreten hat, registriert werden musste. Etwa 80% der Flüchtlinge kamen aus Kriegsgebieten. Nach Angaben des Amts für Einbürgerung und Staatsbürgerschaft waren unter den 47.000 Menschen, die um Asyl gebeten haben, 23.000 Syrer*innen, 10.000 Afghan*innen, über 2.000 Iraker*innen und gerade einmal 600 Personen mit ungeklärter Nationalität. Eines der Argumente gegen Migrant*innen ist, dass sie „nicht durch den Haupteingang gekommen sind“.

Wie viele Asylbewerber*innen haben vor der Krise über Grüne Grenzen, oder Offene Grenzen das Land betreten?

Dóra: Die Statistik des Amts für Einbürgerung und Staatsbürgerschaft zeigt, dass es immer schon mehr illegale als legale Migrant*innen gegeben hat. Die Genfer Flüchtlingskonvention hält fest, dass diejenigen, die aus schrecklichen Verhältnissen fliehen, ein Land nicht legal, mit einem Ausweis, betreten müssen. Alles was sie zu tun haben, ist, einen Asylantrag zu stellen sobald sie ankommen.

Balázs: Wir können auf ihre Situation nicht von unserem Standpunkt aus schauen. Die Situation jedes Einzelnen unterscheidet sich und unsere Grenzen und Bedürfnisse sind ebenso unterschiedlich. Wenn wir die menschlichen Aspekte der Einwanderung nicht bedenken führt das zu einem ebenso falschen Bild wie die überschwänglichen Reden, die alles in einem zu positiven Licht darstellen. Wenn ein Afghane den Iran ohne Pass betritt, und dabei erwischt wird, wird er möglicherweise erschossen, und selbst eine Bedrohung wie diese hält Flüchtlinge nicht zurück. Im Gegensatz zu der offiziellen Statistik sind iranischen Flüchtlingen zufolge über 6 Mio. Afghanen in den Iran migriert. Wenn jemand sein ganzes Leben über in einer Kriegsregion gelebt hat, sind seine Grenzen und seine Toleranz wahrscheinlich höher als die des Durchschnitts.

Was hat sich bei der Flüchtlingsmission der RKU in den letzten Monaten ergeben?

Dóra: Unsere Integrationsprojekte liefen: von Februar bis Juli arbeiteten wir mit Flüchtlingen, die bereits Asyl gewährt bekommen haben. Wir unterrichteten sie, haben ihnen zugehört und ihnen dabei geholfen, sich ein Leben in Budapest einzurichten. Leider konnten wir uns nicht wirklich den Neuankömmlingen widmen. Wir haben versucht, dass die von uns Betreuten auf eigenen Füßen stehen konnten, und zusätzlich mussten wir uns den administrativen Angelegenheiten widmen, die mit so einem Projekt einhergehen. Wir konnten nicht direkt helfen, aber die Jungen, die gerade erst bei uns Ungarisch gelernt hatten, begannen die Flüchtlinge, die durch Ungarn reisten, zu begleiten. Es waren ihre Sommerferien, und so haben sie die ganze Zeit an den Bahnhöfen verbracht, und für die Freiwilligenteams übersetzt. Wir haben begonnen darüber zu diskutieren, wie wir Familien mit jungen Kindern gegen Ende des Sommers helfen könnten, haben nach Wegen gesucht, ihnen einen Schlafplatz zur Verfügung zu stellen, damit sie nicht auf dem kalten Betonboden des Bahnhofs schlafen müssen. Das Ergebnis war eine nächtliche Unterkunft, so dass sie die Nacht unter einem Dach der Kirche der Schottischen Mission verbringen und sich dort erholen konnten. Sie hatten Zugang zu einer Dusche, haben Abendbrot gegessen, und sind dann zurückgekehrt zur Transitzone - in einer etwas hoffnungsvolleren Verfassung. Wir hätten das nicht ohne die ehemals von uns Betreuten geschafft. Sie haben den Flüchtlingen, die zu diesem Zeitpunkt sehr misstrauisch und besorgt waren, die für das Projekt notwendige Glaubwürdigkeit vermitteln können.

Balázs: Es war eine frustrierende Zeit. Während wir die Papierarbeit erledigten um unsere Projekte abzuschließen, haben wir zahlreiche Möglichkeiten zu helfen verpasst. Ich bin einen Tag vor der Grenzschließung nach Rözske gefahren, als Menschen die Einreise noch gewährt wurde. Die Flüchtlinge zogen entlang einer Straße voller Müll, aber es gab kein Chaos. Tausende von Menschen warteten darauf, in die Busse zu gelangen, und sie sind nicht aus der Reihe getreten um Wasser oder Essen zu erhalten, aus Angst, die nächste Abfahrt zu verpassen oder von ihren Familien getrennt zu werden. Die Polizei war sehr entgegenkommend, es war jedoch auch für sie eine eindeutig neue Situation. Ich habe die Bürger*innen bewundert, die an den Bahnhöfen und Grenzen waren. Sie waren anfangs nicht wirklich organisiert, ihr Engagement überschnitt sich, aber sie haben sich nicht auf den Aufbau irgendeines Systems verlassen, sondern taten, was sie konnten. Ohne sie wäre die Situation der Migrant*innen viel schlimmer gewesen.

Wie hat das neue Gesetz, das am 15. September in Kraft trat, die Dinge verändert?

Dóra: Die wichtigste Veränderung betrifft die Art und Weise wie Flüchtlinge das Land erreichen. Der „Kampf von Röszke“ war sehr chaotisch: Menschen erreichten die Grenze, wo die Mauer bereits errichtet war, bei 40°C, und das ganze System wurde reorganisiert. Die Freiwilligen konnten nicht von der einen auf die andere Seite um Wasser oder Essen zur Verfügung zu stellen, Menschen standen in endlosen Schlangen, und von Tausenden wurde nur etwa zehn Menschen gestattet, die Containerbüros zu betreten, die an der Grenze errichtet wurden. Trotzdem wurde den meisten nur eine Abweisung ausgestellt, in ungarischer Sprache. Wenn jemand einen Widerspruch eingelegt hätte, hätten sie keine Möglichkeit gehabt, ihre Geschichte vor Gericht zu schildern, über ihre Situation zu berichten und die Schrecken, die sie erlebt haben. Sie würden erneut zurückgewiesen, weil sie aus einem „sicheren Land“ kämen und nicht argumentieren könnten, dass sie vor Verfolgung fliehen und daher Asyl suchen. Das war zumindest die Situation in den ersten paar Tagen. Wir hoffen, dass sich dies ändert und Entscheidungen auf der Grundlage der Situation jedes Einzelnen getroffen werden.

Balázs: Was sie beweisen müssen ist, dass sie in Serbien Asyl beantragt haben, es ihnen dort aber nicht bewilligt wurde. Das ist jedoch nicht möglich. Die unterschiedlichen Aspekte des Gesetzes schaffen eine Situation, in der es praktisch jedem unmöglich ist, Asyl zu beantragen: es gibt Untersuchungen, die das klar belegen.

Viele Menschen befürchten, dass unter den Flüchtlingen auch Terrorist*innen sind, oder das die Islamische Religion und Kultur Europa fluten wird. Wie seht Ihr die Zukunft? Gibt es Grund zur Sorge?

Dóra: Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem ich dem Gesetz und der Rechtsstaatlichkeit traue. Ich habe Internationale Beziehungen studiert und die Institutionen Ungarns, der EU und der UN erforscht. Ich glaube, dass Politiker*innen nach Wegen suchen, die Krise global zu lösen, und dass die Nationale Sicherheit ihre Arbeit im Hintergrund erledigt. Wenn jeder seine Arbeit macht und wir auf lokaler Ebene die Solidarität ausweiten, dann gibt es meiner Meinung nach keinen Grund zur Sorge. In den 60er Jahren wurden Gastarbeiter*innen, die nach Frankreich und Deutschland kamen, marginalisiert, weil es kein Sozialsystem gab, das sie zu integrieren half. Diejenigen, die jetzt kommen, erreichen ein Europa, in dem es Flüchtlings-, Migrations- und Integrationsprogramme gibt. Nun gibt es geregelte Verfahren und es ist unerheblich, wie viele Menschen ankommen. Wenn wir Integration fördern, gibt es keinen Grund zur Besorgnis.

Balázs: Wovor ich Angst habe, ist die Beförderung von Hass gegenüber Gruppen und Minderheiten; und zu sehen, dass Kirchen ihre Stimme nicht immer gegen dieses Problem erheben. Was die Akzeptanz von Muslim*innen angeht, die vor ISIS und Taliban fliehen: sie willkommen zu heißen ist eine christliche Pflicht, mit all den damit verbundenen etwaigen Konsequenzen; davor habe ich nicht die geringste Angst. Hass zu verbreiten – das ist die eigentliche Bedrohung für die Sicherheit. Ich kenne eine Menge Leute, die nicht die geringste Ahnung hatten, dass Ungarn überhaupt existiert. Sie haben von diesem Land erst erfahren, weil es der erste Ort war, wo sie im Rahmen eines legalen Verfahrens Asyl erhalten haben. Sie haben Ungarn als das Land kennen gelernt, das sie akzeptiert hat. Ich denke nicht, dass extremistische Islamische Terrororganisationen jemals von Ungarn gehört haben, aber nunmehr besteht wohl die größere Wahrscheinlichkeit, dass man uns auf dem Schirm hat.

Was denkt ihr darüber, dass die meisten nicht in Ungarn bleiben, weiter nach Deutschland gehen, und von dort nach Schweden, scheinbar sehr wählerisch was ihr Ziel betrifft? Ungarn ist trotz allem doch immer noch besser als ein Kriegsgebiet, oder?

Dóra: Wenn ich mich dazu entschließe zu fliehen, aus meiner Heimat, meinem Land, dann reicht mir ein Ort, der irgendwo liegt, an dem es keine Bombardierungen gibt, nicht länger aus. Ich muss daran glauben, dass es mir möglich ist, einen Job zu finden, meine Familie zu versorgen, meine Kinder zu ernähren. Ich würde an keinem Ort mit einer feindseligen Atmosphäre bleiben.

Ist Europa bereit für so viele Asylsuchende?

Balázs: Dass ein Prozedere in der Praxis nicht funktioniert, bedeutet noch nicht, dass es falsch ist. Ein extremes Beispiel: wenn ich nur eine Handvoll Leute treffe, die getreu den Worten des Neuen Testaments ihr Leben führen, während die Mehrheit dies nicht tut, macht dies die Botschaft, der sie folgen um keinen Deut weniger wahr. Das gleiche gilt für das Flüchtlingsgesetz der EU: es hängt viel an der Interpretation, Durchführung und Kooperation. Ich sage nicht, dass wir jeder Person Asyl geben sollten, es gibt andere Optionen. Es besteht ein dezidierter Schutz für Menschen, die aus Kriegsregionen fliehen. Es lässt sie für ein Jahr bleiben, und der Punkt ist, dass, wenn der Krieg vorbei ist, sie zurückgeschickt werden können, und wir übernehmen keine langfristige Verantwortung für sie.

Dóra: Politiker*innen in Europa betonen immer mehr, dass das Problem lokal gelöst werden muss. Gleichzeitig werden der WHO die finanziellen Mittel für die Flüchtlingscamps gekürzt. Wenn wir wollen, dass Menschen dort bleiben, müssen wir für die lokalen Camps Gelder zur Verfügung stellen, so dass sie in einer Unterkunft bleiben können, die angemessen ist und an Migration gar nicht erst denken. Ich denke, dass ist das geringste was wir tun können.

Erfahren die ehemals von euch Betreuten Feindseligkeiten?

Balázs: Sie sind sehr stark und deutlich ernstere Probleme gewöhnt. Sie verstehen schlichtweg nicht, was das alles zu bedeuten hat.

Dóra: Sie werden immer trauriger und verbitterter. Sie denken darüber nach, wo sie eigentlich sind, warum ihnen gesagt wird, sie sollen das Gesetz respektieren, wenn sie eben genau dies bereits tun. Ich sorge mich um ein paar Junge, die angesichts dessen wirklich niedergeschlagen sind. All diese widersprüchlichen Statements aus ganz Europa verursachen große Probleme. Wenn wir unsere Ziel in einer ruhigen Art und Weise kommunizieren, können wir sie ebenso erreichen. Die von uns Betreuten waren nicht empört, dass im letzten Jahr von 43.000 Asylsuchenden nur 530 akzeptiert wurden. Es war ein fairer Prozess und es war in keinerlei Weise schmerzhaft oder ungerecht. Mit der Situation von Menschen zu spielen, die der Unsicherheit entflohen sind und ihnen nicht die Sicherheit zu gewähren, die jeder Mensch verdient, das ist auf Dauer schädlich.

Text: György Feke, Zsófia Fodor

Quelle: reformatus.hu/mutat/11520/

Übersetzung: Melinda Kara, Fabian Brüder

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