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Krieg ist nicht alternativlos

Mittwochs-Kolumne. Von Paul Oppenheim

Foto: kisha walton / freeimages.com

Als vor hundert Jahren jener Krieg ausbrach, der heute als Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts gilt, glaubte man überall in Europa, es gäbe keine Alternative zum bewaffneten Kampf. Das Erstaunlichste ist im Rückblick der Konsens, der den Kriegsausbruch ermöglicht hat.

Es ging um Solidarität und Bündnistreue, und wer wollte in Frage stellen, dass man einem Bundesgenossen beizustehen hat?  Selbst die deutschen Sozialdemokraten unterstützten aus Pflichtpathos jenen Krieg um den Preis ihrer eigenen Glaubwürdigkeit.

Gibt es Anzeichen dafür, dass wir in eine ähnliche Stimmungslage hineinschliddern?

„Frankreich befindet sich im Krieg“ erklärt Monsieur Hollande. Zur Verkündung seiner Kriegserklärung wählt der sozialistische Präsident  ausgerechnet das Schloss von Versailles. Die Inszenierung ist grandios. Nach Napoleon III, war es Präsident Sarkozy, der zum ersten Mal das Parlament und den Senat im Juni 2009 nach Versailles einberief und Viele sagten ihm Größenwahn nach. Jetzt hat es Franҫois Hollande getan und allenthalben dafür Zustimmung erfahren. Zu Tausenden melden sich junge Franzosen bei den Rekrutierungsbüros der Armee.

Mit Kriegsrhetorik, Besuchen auf Kriegsschiffen, Beschwören der europäischen Solidarität soll abgelenkt werden von den Wurzeln von Extremismus und Terrorismus im eigenen Land. Nicht in der verfehlten Sozial-, Bildungs- und Integrationspolitik Frankreichs, sondern bei den Terrormilizen von Daesch (so genannter „Islamischer Staat“) wird die Hauptursache des Übels gesucht.

Deutschland folgt der Logik des Nachbarn, ebenso wie Großbritannien. Die deutsche Luftwaffe soll über Syrien fliegen. Dabei beruft man sich auf eine Beistandsklausel in den europäischen Verträgen, die nur bei Angriffen von außen und nicht bei Gefährdung durch inländische Terroristen greift.

Eine Sogwirkung wird spürbar. Es ist deutlich, dass sich europäische Politiker gegenseitig in eine Kriegsstimmung hineinsteigern. Die Medien schalten in den Modus der Kriegsberichterstattung und man erkennt, wie sich das Szenario geradezu zwangsläufig ausweitet.

Die Worte Sigmar Gabriels an die Adresse Saudi Arabiens hören sich programmatisch an: „Die Zeit des Wegschauens ist vorbei“. Damit wird unterstellt, dass man längst weiß, wo der wahre Feind ist. Immer häufiger wird die saudische Staatsreligion mit den extremsten Formen des Islamismus in Verbindung gebracht. In Talkshows wird laut darüber nachgedacht, ob nicht die wahre Quelle islamistischer Gefahr in Saudi Arabien liegt. Scheinbar sind bei niedrigen Ölpreisen und weltweiter Überproduktion des Rohstoffs solche Gedanken auf einmal zulässig.

Zahlreiche Historiker beschreiben, wie der Ausbruch des ersten Weltkriegs den Zeitgenossen unausweichlich schien. Man war geradezu erleichtert als er begann.

Erleben wir Ähnliches mit der Ausweitung des Krieges gegen den Terror, der nach Afghanistan, dem Irak, Libyen, Daesch nun auch Saudi Arabien und vielleicht noch andere islamische Staaten ins Visier nimmt? Noch gibt es Stimmen, die eine andere Sprache sprechen. Auf sie gilt es zu hören!

Paul Oppenheim, 9. Dezember 2015

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