Fürchtet Euch nicht! in einer sich verändernden Gesellschaft

Interview mit Dr. Beate Sträter, Bonn

Über 400 Lampen in roten facettierten Gehäusen formen die christliche Weihnachtsbotschaft am Gebäude der Vereins Kreuzung an Sankt Helena in Bonn. Gestaltet und konstruiert wurde der Schriftzug durch den Bonner Architekten Dominik Jörg nach einer Idee und in Zusammenarbeit mit Martin Bredenbeck von der Werkstatt Baukultur Bonn, unterstützt von der Pfarrgemeinde St. Petrus. Foto: Ayse Tasci /Pressemeldung des Vereins Kreuzung an Sankt Helena.

Dr. Beate Sträter, Schulreferentin in Bonn und im Ehrenamt Beauftragte des Reformierten Bundes für den christlich-muslimischen Dialog, spricht mit reformiert-info über ehrenamtliche Arbeit in der Hilfe für Geflüchtete, die Chance einer bunter werdenden Gesellschaft und dem Erschrecken über die Art und Weise, wie rechtes Gedankengut salonfähig wird.

  • Auf dem Gebiet Ihrer Kirchengemeinde in Bonn leben über 600 Geflüchtete in mehreren kommunalen Unterkünften. Das Engagement für diese Menschen hat die Kirchengemeinde belebt. Inwiefern?

Dr. Beate Sträter:
Für viele Menschen in der Gemeinde war das endlich mal die Gelegenheit, etwas davon umzusetzen, wozu wir durch unseren Glauben ja aufgerufen sind. Vieles im Bereich der Diakonie ist professionalisiert (was ja auch nötig ist) und verläuft im höchsten Masse organisiert. Dann sind wir in unseren Gemeinden natürlich sehr stark mit uns selbst beschäftigt, mit Strukturen, Finanzen, Bauen usw. Das macht das Engagement manchmal sehr mühselig. Die offensichtliche Not der Geflüchteten hat viele Menschen dazu gebracht, ihre eigenen Gaben wahrzunehmen und sie für andere einzusetzen. Wir haben auch gemerkt, in welchem Überfluss wir leben, wie viel wir besitzen, was wir nicht brauchen. Deshalb kann hier von Teilen noch gar nicht die Rede sein, eher von Weitergeben oder Austeilen von unserem Reichtum. Ich glaube auch, dass die meisten Menschen gerne etwas für andere tun, die meisten Menschen erleben sich selbst doch lieber von ihrer großzügigen und hilfsbereiten Seite, als eng und ichbezogen.
Weiter belebt hat viele Gemeinden sicher auch, dass Menschen dazugekommen sind, die bisher eher am Rande der Kirchengemeinden oder in Distanz zur Kirche standen. Da kommen frischer Wind und neue Impulse, sicher auch manche Anfrage, aber ich glaube das tut uns gut.

  • Seit Frühjahr 2015 sind die Ehrenamtliche engagiert, also fast ein Jahr. Kommt jetzt nach dem ersten „Willkommenshype“ die Müdigkeit? Erschlafft das Engagement?

Dass das Engagement nachlässt, nehme ich nicht unbedingt wahr. Denn wo Menschen dranbleiben, da entstehen ja auch Beziehungen. Aus der großen Gruppe der Flüchtlinge beginnt man nun einzelne wahrzunehmen, ihre Geschichte, ihre Kultur und Religion, ihre Individualität.  Man muss vielleicht auch eigene Erwartungen und Vorstellungen korrigieren. Die Gruppe der Flüchtlinge ist sehr heterogen, was ihren ethnischen, sozialen, religiösen und kulturellen Hintergrund betrifft. Es ist ein Unterschied, ob es ein Akademiker aus der Stadt oder ein Analphabet vom Land ist. Manche wollen so schnell wie möglich Deutsch lernen und hier Fuß fassen, nehmen jedes Angebot wahr, andere verlassen kaum ihr Zimmer. Und die Gründe dafür kennen wir nicht. Und letztlich liegt die letzte Entscheidung darüber, was die Menschen hier machen wollen, – und wozu sie momentan in der Lage sind – bei ihnen selbst. Insgesamt ist das ein Lernprozess für alle.

  • Was ist Ihres Erachtens momentan die größte Herausforderung für die ehrenamtliche Arbeit vor Ort?

Da gibt es einige Herauforderungen. Zum einen weiß niemand, auch nicht die Kommune, wie die weitere Entwicklung sein wird, wie viel Menschen noch kommen. Dadurch ist vieles nicht planbar. Die Frage ist natürlich auch, wie lange eine gute Begleitung möglich ist, wenn die Anzahl der Flüchtlinge in einem Stadtteil weiterwächst, was ja meist mit den Möglichkeiten dort vorhandener Unterbringungsmöglichkeiten zusammenhängt.
Was sich richtig schwierig gestaltet, ist die Koordination von Ehrenamtlichen. Mir kommt es so vor, dass eine Koordination nicht zu weit weg sein darf von der Arbeit vor Ort, aber trotzdem auch den Überblick behalten muss. Hierfür scheint mir auch eine stärkere organisatorische Einbindung Ehrenamtlicher in kommunale Strukturen hilfreich. Denn wenn die Arbeit nicht gut koordiniert wird, kann ehrenamtliches Engagement nicht dort ankommen, wo es gebraucht wird. Und es kann dann zu Frustration bei Ehrenamtlichen führen. Auch zu erkennen, was die Menschen jetzt als erstes brauchen, und was auch nicht, ist dabei wichtig.

  • Durch den Kontakt zu Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan lernen mehr Christen hierzulande Muslime persönlich kennen. Hat das Auswirkungen auf das christlich-muslimische Gespräch?

Das wird es sicher haben, doch welche es sein werden, kann ich noch gar nicht beurteilen. Zum einen hat es direkte Auswirkungen, weil wir natürlich mit unseren muslimischen Partnern in Deutschland im Austausch über die Situation sind, und auch darüber, was ihre Möglichkeiten und Grenzen bei der Begleitung von Flüchtlingen sind. Da fühlen viele Moscheevereine sich überfordert und sind oft auch nicht in die Strukturen vor Ort eingebunden. Trotzdem wird auch dort viel Unterstützung geleistet.
Die Zuwanderung von so vielen muslimischen Menschen aus arabischen Ländern verschiebt natürlich die bisherige Zusammensetzung, bisher waren über 60% der Muslime in Deutschland türkischstämmig. Was sich ja auch in der Moscheenlandschaft widerspiegelt, das wird sich ändern. In welchem Umfang sich muslimische Flüchtlinge hier religiös binden und engagieren, kann ich allerdings bisher überhaupt nicht beurteilen.
Natürlich wird es mehr muslimische Kinder an unseren Schulen und in Kindergärten geben. Da ist es sehr wichtig, dass Lehrkräfte unterstützt werden, sich Wissen und Kompetenzen erwerben, um diese Situation als Chance interreligiösen Lernens nutzen zu können

  • Vertreter jüdischer Gemeinden, wie der Zentralratspräsident Josef Schuster, befürchten, der Antisemitismus aus arabischen Ländern könnte mit Flüchtenden nach Deutschland transportiert werden. Von der in syrischen Schulbüchern propagierten Feindschaft gegen Israel erfahren wir ganz aktuell in der Graphic Novel von Riad Sattouf „Der Araber von morgen“.
    Müssen wir eine neue Welle des Antisemitismus befürchten?

Diese Befürchtungen habe ich auch mehrfach im Gespräch mit jüdischen Partnern gehört. Bisher ist mir aber kein Fall bekannt, bei dem ein Angriff auf eine Synagoge oder einzelne jüdische Menschen in Deutschland auf Flüchtlinge zurückgeht oder zugenommen hätte.
Beim Antisemitismus, wie er in der arabischen Welt verbreitet ist, werden und wurden ja Bilder und Vorstellungen aus Europa importiert. Eigentlich gibt es in vielen arabischen Ländern eine Tradition des Zusammenlebens mit jüdischen Gemeinschaften, die traditionell, wie die Christen auch, allerdings nicht gleichberechtigt waren. Mit der Gründung des Staates Israel ist diese lange Tradition abgebrochen. Ich hoffe eigentlich darauf, dass die Menschen, die hierherkommen, von politischen und religiösen Ideologien erst einmal genug haben und vorrangig mit anderen Dingen beschäftigt sind. Ob das allerdings so bleibt, auch wenn viele Menschen frustrierende Erfahrungen machen, kann ich nicht sagen.

  • Was ist zu tun?

Zum einen ist es wichtig, dass Vertreter der jüdischen und muslimischen Gemeinschaften in der Öffentlichkeit stärker als bisher deutlich machen, dass es hier in Deutschland keine Feindschaft zwischen den Religionsgemeinschaften gibt, wir hier mit gegenseitigem Respekt und Wertschätzung zusammenleben. Das zweite wäre, dass schnell auch im Bildungsbereich die Anstrengungen verstärkt werden, geschichtliches Wissen zu vermitteln und eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust zu befördern, die mit der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen verknüpft ist und die Relevanz für unser Zusammenleben heute herausstellt. Da gibt es mittlerweile sehr gute Ansätze einer modernen Holocaustdidaktik. Schulen und Lehrkräfte müssen unterstützt werden, sich fortzubilden und Projekte umsetzen zu können. Zugewanderte Schülerinnen und Schüler sind dabei keine Sondergruppe, und sollten auch nicht als solche behandelt werden.

  • Wenn Sie persönlich auf die Veränderung in unserer Gesellschaft blicken. Was empfinden Sie als erstes?

Ich empfinde die gegenwärtige Situation als eine große Chance für unsere Gesellschaft. Ich freue mich darüber, dass unsere Gesellschaft bunter wird und ich finde es spannend, wie dies auch in unserem Alltag in Zukunft erfahrbar sein wird.  Ich bin neugierig darauf, wie die Menschen, die jetzt zu uns kommen, sich in unsere Gesellschaft einbringen werden.

  • Gibt es auch eine Entwicklung, die Sie als bedrohlich oder beängstigend empfinden?

Die Art und Weise, wie rechtes Gedankengut salonfähig wird. Dabei sind es nicht nur diejenigen, die eh schon marginalisiert sind, sondern gerade auch in den sogenannten „guten“ Kreisen unsere Gesellschaft gibt es ein solides antidemokratisches, islamfeindliches, rassistisches und rechtsnationalistisches Denken in unterschiedlichen Spielarten. Die gegenwärtige Situation, der mediale Umgang mit Ereignissen wie Silvester in Köln, aber auch eine Partei wie die AfD  tragen dazu bei, dass solche Auffassungen salonfähig werden. Früher hat man es nur gedacht oder im privaten Umfeld geäußert, jetzt kann all das öffentlich diskutiert werden.

  • Bischof Markus Dröge hat Bedenken geäußert gegen die Übernahme von Kirchenämtern durch Mitglieder der AfD. Die Grundordnung seiner Landeskirche, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, sagt, dass die Mitgliedschaft in einer Partei oder Organisation, die menschenfeindliche Ziele verfolgt, mit dem Ältestenamt unvereinbar sei. Parteifunktionäre der AfD haben prompt reagiert. Der Landesvorsitzende der Berliner AfD, Georg Pazderski, rief Christen seiner Partei dazu auf, sich auch um Ämter innerhalb der Kirche zu bemühen. Die Bundessprecherin der Vereinigung „Christen in der AfD“, Anette Schultner (Hameln), bezeichnete Dröges Äußerungen gegenüber idea als „skandalös und absurd“. Schultner hielt Bischof Dröge entgegen, in den Kirchen sei es doch üblich, „alle mitzunehmen“.
    Wie sollten die Kirchen sich verhalten gegenüber AfD-Mitgliedern in den eigenen Reihen?

Es macht für mich einen Unterscheid, ob jemand Leitungsämter übernimmt oder sich als Gemeindeglied einbringt. Ein Presbyterium stellt die Kirche auch nach außen dar und das geht für mich nicht mit jemandem, der solche Positionen vertritt und auch Entscheidungen über die Arbeit in der Gemeinde trifft. Von daher finde ich Bischof Dröges Position richtig.
Das andere ist, mit allen Menschen in unseren Gemeinden im Gespräch zu bleiben, sie auch mit ihren Ängsten und Vorbehalten ernst zunehmen und zuzuhören. Eine katholische Gemeinde in meiner Nachbarschaft hat in großer Leuchtschrift den Satz „Fürchtet euch nicht!“ auf ihr Kirchenportal montiert. Darin ist christliche Botschaft für mich angesichts der aktuellen Fragen gut ausgedrückt. Es gibt allerdings auch Grenzen, wo wir bestimmten Ansichten deutlich widersprechen und aufzeigen müssen, dass das mit unserem Glauben nicht vereinbar ist.

  • Vor einigen Tagen haben sich, initiiert vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), Organisationen aus allen relevanten Gesellschaftsbereichen einer Allianz zu Weltoffenheit und gegen Fremdenhass zusammengeschlossen. Teil der Allianz sind neben dem DGB evangelische und katholische Kirche, Zentralrat der Juden, Koordinationsrat der Muslime, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Deutscher Kulturrat, Deutscher Naturschutzring und Deutscher Olympischer Sportbund.
    Erleben Sie solche Zusammenschlüsse auch auf regionaler Ebene? Sind sie hilfreich?

Bei uns in Bonn gibt es das, und in Köln natürlich auch. Das drückt auch das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis einer Stadtgesellschaft aus, in der Bürger sich beteiligen und sagen: Wir wollen uns unser Zusammenleben nicht kaputt machen lassen, wir gehören hier auch in aller Unterschiedlichkeit zusammen. Da wird ein Grundkonsens ausgedrückt, der die Voraussetzung für gelingende Aushandlungsprozesse ist. Ich finde das absolut wichtig, nötig und Mut machend.

22. Februar 2016

 

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