Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Psalm 8

Religion nach Darwin

Charles Darwin im Gespr├Ąch mit Gott.
Von Wolfgang Achtner

Psalm 8

Ein Psalm Davids, vorzusingen auf der Gittit.
Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!
Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen, dass du vertilgest den Feind und den Rachgierigen.
Wenn ich sehe den Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:
was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. 
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan:
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,
die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.
Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

 

Liebe Gemeinde,

Sprecher: Haben Sie schon einmal vorgestellt, wie es wäre, dort zu sein, wo sich alle Rätsel des Lebens, alle Welträtsel gelöst haben. Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, dort zu sein, wo alle quälenden Fragen beantwortet werden, wo alle wissenschaftlichen Probleme mit einem gleichsam göttlichen Blick durchsichtig werden? Kurz gesagt, haben Sie sich schon einmal vorgestellt, in den Himmel zu kommen?
Nun, von der Kirche zu Himmel ist es zwar noch ein großer Schritt, aber stellen wir uns einmal vor, wir seien im Himmel und würden Zeuge der täglichen Arbeit dort oben. Dann könnten wir vielleicht folgendes erleben.
Wir befinden uns im himmlischen Thronsaal. Vor uns sitzt in würdiger Haltung Gott Vater, zu seiner Rechten sein Sohn, zu seiner Linken sehen wir einen flammenden Kraftstrom auf und nieder steigen, den Heiligen Geis. Hinter ihnen schweben die Erzengel auf und nieder und dahinter breitet sich das große Meer der frohlockenden Gläubigen aus. Wir werden Zeuge einer eindrucksvollen Begebenheit.

Teil I
Gott Vater: “Ich begrüße Euch alle ganz herzlich zu unserer heutigen Sitzung. Mein Sohn”, wendet sich Gott Vater an Christus, “kannst du uns einmal die Losung zum heutigen Tag vorlesen”?
Sohn: “Aber natürlich, Vater”. Christus kramt eine alttestamentlich Schriftrolle hervor und ließt:
“Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt.
Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast Du unter seine Füße getan.
Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.
Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen”.
Gott Vater: “Achja, der Psalm 8 ‘Was ist der Mensch’, ich höre ihn immer wieder gern, und, wie ich sehe, passt er auch zu unserem heutigen Fall. Petrus, bring uns doch mal für die Sitzung das große Buch des Lebens”.
Petrus: “Hier ist es, wir waren beim Buchstaben ‘D’”.
Gott Vater, seufzt ein wenig: “Richtig, zur Verhandlung steht heute an ‘Charles Darwin’, ein schwieriger Fall, Petrus kannst du ihn holen”?
Die Tür zum Purgatorium öffnet sich und herein tritt verlegen, die Augen niedergeschlagen, Charles Darwin.
Gott Vater: “Guten Tag, Charles. Wie geht es Dir?
Charles Darwin: “Danke, besser als ich erwartet hatte”.
Gott Vater (lächelnd): “Das freut mich, aber Du brauchst deine Augen nicht niederzuschlagen und Du kannst mich auch direkt anschauen und anreden, wie du siehst bin ich eine Person, wenn auch in dreifacher Gestalt”.
Charles Darwin: “Das ist sehr freundlich, ich würde euch auch gerne persönlich anreden, aber da ich es in meinem Leben nie gemacht habe, weiss ich die angemessene Anrede nicht”.
Gott Vater: “Aber Charles, du hast immerhin einige Semester Theologie studiert”!
Charles Darwin (sichlich peinlich berührt) stottert herum: “Ja, also, ähm, …hmm, na ja,..”
Gott Vater: “Schon gut, ich will da nicht weiter bohren, lassen wir das”.
Charles Darwin: “Ich vermute, dass ich hier in einer Art Gericht bin, dann werde ich wahrscheinlich mit ‘Euer Gnaden’ nicht ganz falsch liegen, oder”?
Gott Vater: “Ist recht, nun zur Sache. Also Charles, du bist der legändere Erfinder der Evolutionstheorie, richtig”?
Charles Darwin: “Ja, euer Gnaden”
Gott Vater: “Was hat dich dazu bewegt, diese revolutionäre Theorie zu formulieren”?
Charles Darwin, mit glänzenden Augen: “Euer Gnaden, ich bin eine leidenschaftliche Forschernatur. Ich wollte meinen Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft leisten. Das hat meinem Leben Sinn gegeben und dafür habe dafür keine Mühen und Kosten gescheut. Der Drang in die Weite hat mich auch auf meiner Forschungsreise auf der HMS Beagle um den halben Globus geführt, ich habe die ungeheure Vielfalt, …äh, … (er zögert ein wenig) ….eurer Schöpfung kennengelernt. Das hat mich so tief bewegt, dass ich verstehen wollte, woher dieser Formenreichtum kommt”.
Gott Vater: “Das sind sehr lobenswerte Motive. Aber sage mir, du hast doch in deinem Theologiestudium mit Eifer die Werke meines Dieners William Paley studiert. Er hat doch in seiner natural theology dargelegt, wie wunderbar angepasst ich die einzelnen Arten eingerichtet habe. Hat es dir nicht gereicht, von der Schönheit und klugen Einrichtung der Schöpfung auf den Schöpfer zu schließen, wie vielen anderen gläubigen Menschen auch?”
Charles Darwin: “Euer Gnaden, ich möchte Euch nicht zu nahe treten, aber Paleys Thesen schienen mir etwas zu kurzschlüssig und wissenschaftlich nicht haltbar, obwohl ich zugeben muss, dass ich von seinem Werk sehr profitiert habe”.
Gott Vater: “Du hälst also den Schluß von der Schöpfung auf den Schöpfer für nicht zwingend”?
Charles Darwin, lächelt: “Euer Gnaden, selbst die Theologen wissen inzwischen, dass Gottesbeweise keine richtigen Beweise sind”.
Gott Vater, etwas ärgerlich: “Ja, ja, die Theologen, … was die nicht alles wissen. Ein bischen mehr Glauben würde ihnen nicht schaden. Aber zurück zum Thema. Du hast die lange vertretene Theorie der Artkonstanz bestritten und an ihre Stelle die These gesetzt, dass sie zeitweilig stabile Formen sind, die sich aber über sehr lange Zeiträume durch eine nicht gesteuerte Mutation und Selektion weiterentwickeln, richtig”.
Charles Darwin: “Ja, euer Ganden”
Gott Vater: “Ich muss gestehen, eine grandiose Idee, mutig, mit so langen Zeiträumen von vielen Millionen Jahren zu rechnen, das ist ja fast schon wie bei der Ewigkeit, wenn auch eine schlechte Ewigkeit”.
Charles Darwin: “Ich brauchte diese langen Zeitläufe, damit sich kleine Veränderungen zu großen Veränderungen aufsummieren”.
Gott Vater: “Bei mir geht es etwas schneller - wenn ich wollte. Aber sag mir: Diese These hat dich doch in Konflikt mit der Kirche und ihren theologischen Lehren gebracht, was sagst du dazu”.
Charles Darwin: “Euer Gnaden, es war die Hölle, diese Anfeindungen, vor allem dieser unsägliche Bischof Wilberforce, wie er versucht hat, meine wissenschaftlichen Theorien lächerlich zu machen. 1864 hat das katholische Lehramt unter Papst Pius IX mit dem Syllabus gegen meine sogenannten modernistischen Irrtümer gekämpft – 100 Jahre lang!. Immerhin, meine Bücher wurden nicht auf den Index gesetzt. Aber, das muss ich auch sagen, die nordamerikanischen Protestanten unter der Führung von Reverend Josiah Strong waren zum großenTeil Befürworter meiner Theorie, im Gegensatz übrigens zu ihren Nachfahren, den Kreationisten, die die Evolutionstheorie sogar aus dem Unterricht verbannen wollen”.
Gott Vater: “Charles, deine Freunde, allen voran dein Bulldogge Huxley, aber auch dein deutscher Freund Ernst Haeckel, haben auch scharf geschossen”.
(Bild Haeckel)
Charles Darwin: “Ich hatte befürchtet, dass es Ärger mit der Kirche geben wird”.
Gott Vater: “Nun Charles, ist das verwunderlich? Du hast an die Stelle eines gütigen, vorauswissenden Schöpfergottes ein blindes Spiel der Kräfte gesetzt, jedenfalls so wie man mich im 19. Jahrhundert verstanden hat. Das ist nicht sehr tröstlich”.
Charles Darwin: “Ich muss gestehen, dass ich damals meine Zweifel an einem gütigen Schöpfergott hatte”.
Gott Vater: “Ach, warum?”
Charles Darwin: “Euer Gnaden, ich habe nicht nur die Schönheiten der Natur gesehen wie die frommen Theologen unter Paley, sondern auch die Grausamkeiten. Was ist mit dem Kampf ums Dasein, in dem schon tausende von Arten unwiederbringlich ausgestorben sind! Wie soll ich an einen gütigen Schöpfer glauben, der Dinosaurier, Mammute, und andere Tierarten, ja auch Menschenartgen wie z.B. die Neandertaler, einfach von der Bildfläche verschwinden läßt? Wie soll ich an einen gütigen Schöpfer glauben, der tag täglich unsagbares Leid der gequälten Kreatur, der Fressen und Gefressen werden zulässt. Das sind Fakten, euer Gnaden! Und außerdem…”, … Darwin zittert
Gott Vater: “Ja, was noch, Charles…”?
Charles Darwin: “Euer Gnaden, wenn ihr, wie ihr behauptet, ein gütiger und allmächtiger Gott seid, warum habt ihr dann meine geliebte Tochter, die fröhliche, begabte und unschuldige Annie im Alter von10 Jahren sterben lassen?
(Bild Annie)
Warum habt ihr mich und meine Frau Emma, die noch dazu schwanger war, monatelang um ihr Leben kämpfen lassen, nur um sie nach einem ständigen Wechselbad von Hoffnung und Verzweiflung kurz nach ihrem 10. Geburtstag doch sterben zu lassen? Ja, ich habe es selbst erlebt, den Kampf ums Dasein und den survival of the fittest, warum also ließet ihr meine unschuldige Tochter Annie sterben, wenn ihr ein gütiger vorausschauender Gott seid”?
Gott Vater ist sichtlich betroffen. Er räuspert sich.
Gott Vater: “Charles, ich verstehe Deinen Schmerz! Du wirst Annie wiedersehen, auch wenn Du nicht an ein Leben nach dem Tod geglaubt hast. Du hast auf Erden deine Forschungen mit den Finken begonnen und schließlich den Himmel den Spatzen überlassen. Deine gläubige Frau Emma hat mir über deinen Unglauben in dieser Hinsicht immer wieder unter Tränen berichtet – und, sie hat immer auch für dich gebetet”.
Charles Darwin, gerührt: “Ja, meine gute, gute Frau…, ist sie hier?”.

Teil II
Gott Vater: “Später. Mein lieber Charles. Wir müssen jetzt auf einen heiklen Punkt zu sprechen kommen. Du hast die Vorsehung eines gütigen Gottes durch einen Kampfplatz um das Überleben der Besten ersetzt. Du hast mir keinen Raum mehr gelassen in meiner Schöpfung. Und Leute, die eine wissenschaftliche Theorie mit der Wirklichkeit verwechseln und in Weltanschauung verwandeln, haben sich von deiner Theorie wichtige Anregungen geholt. Ich denke nur an Friedrich Nietzsche,
(Nietzsche Bild)
der immerhin meinen Tod verkündet hat, ich denke an Ernst Haeckel,
(Haeckel Bild)
aber auch Karl Marx,
(Marx Bild)
Herbert Specer.
(Spencer Bild)
Du warst zunächst gläubiger Unitarier, dann immerhin noch Deist, schließlich Agnostiker. Aber diese Herren waren unter Berufung auf dein Werk militante Atheisten und haben Millionen von Menschen verführt. Was sagst du dazu?”.
Charles Darwin: “Ich kann nichts dafür, wenn andere Leute in mein Werk mehr hineinlesen als drin steht. Ich bin Naturforscher und über Gott, den christlichen Gott, habe ich mich, zumindest öffentlich, immer nur sehr vorsichtig geäußert. Es lag mir fern, irgendjemanden von seinem Glauben abzubringen. Selbst als ich nach dem Tod meiner Tochter Annie den Glauben an dich verloren hatte, habe ich meine Familie immer noch bis zum Gottesdienst begleitet, die Kirche selbst allerdings nicht mehr betreten”.
Gott Vater: “Ich möchte deine honorigen Motive nicht in Zweifel ziehen, mein lieber Charles, aber die Sache ist mit dem Atheismus noch nicht zu Ende. Denn wenn die Schöpfung und die Zukunft dem Planen und Handeln eines gütigen Gottes entwunden ist, dann liegt der Gedanke nahe, die Entwicklung der Evolution selbst in die Hand zu nehmen, also die natürliche Zuchtwahl durch künstliche Zuchtwahl zu ersetzen”.
Charles Darwin: “Sicher, die Menschen haben schon seit vielen Tausenden von Jahren an Pflanze und Tier Züchtungen vonrgenommen”.
Gott Vater: “Charles, du weichst aus. Du weisst genau, was ich meine”.
Charles Darwin wird rot: “Ach so, ja, mein Vetter Francis Galton und mein Sohn Leonhard Darwin haben in diese Richtung gedacht”.
Gott Vater: “Wir wollen präzise sein, Charles – hier wird alles offengelgt - , ich meine mit der künstlichen Zuchtwahl die Züchtung von Menschen, die Eugenik!”
Charles Darwin schweigt.
Gott Vater: “Du schweigst? Mit Recht! In Deutschland hat dein guter Freund Ernst Haeckel
(Haeckel Bild)
vorgeschlagen, behinderte Kinder sofort nach der Geburt zu töten, das würde die Evolution der Gesellschaft beschleunigen. Er hat weiterhin vorgeschlagen, dass man Menschen mit Lepra, Krebst und Geisteskrankheiten schmerzlos töten sollte!
Auch dein Vetter Francis Galton und dein Sohn Leonhard haben nicht nur in die Richtung der Eugenik gedacht, sondern auch Versuche unternommen, die Eugenik praktisch umzusetzen. Aufbauend auf ihre Vorarbeiten wurden später in Amerika rassistische Theorien über die Minderwertigkeit der schwarzen Rasse aufgestellt, ebenso über die Minderwertigkeit der Armen, übrigens in Fortführung der pseudotheologischen Gedanken deines Bewunderers Reverend Josia Strong. Man hat in Amerika gefordert, Arme und Schwarze zu sterilisieren – auch unter Zwang. Fünf amerikanische Präsidneten waren Befürworter der Eugenik,
(Bild von Roosevelt, Taft, Wilson, Coolidge, Hoover)
Teddy Roosevelt, William Taft, Woodrow Wilson, Calvin Coolidge und Herbert Hoover. Und was wurde mir von Teddy Roosevelt berichtet? Er schrieb: “It is obvious that if in the future racial qualities are to be improved, the improving must be wrought mainly by favoring the fertility [org.:fecundity] of the worthy types. … At present we do just the reverse. There is no check to the fertility of those who are subnormal”. 1928 schlug der Kommissionsvorsitzende der American Genetic Association Harry Laughin vor,
(Bild Laughin)
die 10% der “inferior” Teile der amerikanischen Gesellschaft zu sterilisieren, um sie so auszumerzen (“eradicate”). Die großen amerikanischen Stiftungen, die Rockefeller Foundation und die Carnegie Foundation, haben eugenische Programme unterstützt, 1928 z.B. mit $325.000 mit einer grant zur Errichtung des neuen Gebäudes des Kaiser Wilhelm Institutes für Anthropologie, Eugenik und Genetik, auch als diese Forschungen unter der Regie der Nazis standen, floss der Geldstrom aus Amerika”.
Charles Darwin, entrüstet: “Das ist unfair, euer Gnaden, ich bin nie ein Rassist gewesen und habe dergleichen Dinge weder gedacht, noch gefordert. Im Gegenteil, in meiner Familie wurde aktiv gegen den Rassismus und gegen die Sklaverei gekämpft, das kann ich beweisen, hier schau auf diese Plakette”.
Zeigt die Plakette mit einem in Ketten gelegten schwarzen Sklaven mit der Aufschrift: “Am I not a man and a brother”
Charles Darwin: “Und außerdem, ich habe meine Hausangestellten aus den unteren Schichten immer sehr menschlich behandelt, ihnen ein viel besseres Auskommen gewährt als viele meiner Bekannten aus der gentry. Selbst die Tiere hatten es bei mir gut, ich habe nie jemandem auch nur ein Haar gekrümmt”.

Teil III
Gott Vater: “Charles, ich weiß, du hast ein gutes Herz, dein Verhalten ist untadelig, dein Verstand aber hat dir gesagt, dass du die Grausamkeiten in der Natur nicht ignorieren darfst, auch sie muessen theoretisch integriert werden. Das hast du mit der Theorie von dem “survival of the fittest” versucht. Aber irgendetwas ist schiefgelaufen in der angemessenen theologischen Rezeption deiner Ideen”.
Charles Darwin: “Euer Gnaden, ich hatte die Theologie auch nicht ohne Grund aufgegeben, nach dem ich eine bessere Erklärung der Entstehung der Arten gefunden hatte als mein theologischer Lehrer William Paley mit seiner natural theology. Die Reaktionen der Kirche und ihrer Theologen auf meine Theorie tat dann ein Übriges, um mich ganz von der Theologie zu verabschieden”.
Gott Vater: “Charles, ich verstehe dich. Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis. Ich sage dir: Ich bin deiner Evolutionstheorie gar nicht so abgeneigt”.
Charles Darwin: “Euer Gnaden! Ach, das hätte ich nicht gedacht, wie kommst du dazu”?
Gott Vater: “Nun, es hängt letztlich mit meinem trinitarischen Wesen zusammen”
Charles Darwin: “Euer Gnaden, ich war einmal Unitarier, wir hatten so unsere Schwierigkeiten mit der Trintät, aber sage mir, was hat Deine Heilige Trinität, die ich ja jetzt sehe, mit der Evolution zu tun. Das geht mir zu schnell”.
Gott Vater: “Ich weiss, auch die Evolution von Ideen braucht ihre Zeit. Ich möchte jetzt nicht in die Details gehen, um die Evolution mit meinem trinitarischen Wesen, genauer gesagt mit den opera ad extra, zu verknüpfen. Erst einmal müssen die Fehlentwicklungen korrigiert werden. Aber meine Theologen auf Erden machen in der Auseinandersetzung mit deinem Werk auch erst langsame Fortschritte. Gerade jetzt findet in der Evangelischen Akademie Arnoldsain eine Tagung zu diesem Thema statt”.
Charles Darwin: “Ach wie schön, das freut mich”.
Gott Vater: “Also was ist schiefgelaufen? Nun, ich denke, meine katholischen Diener haben zu lange an ihrer aristotelisch inspirierten Substanzontologie in ihrem Neothomismus festgehalten. Das hat sie intellektuell gehindert, das Werden der Schöpfung theologisch angemessen auszusagen”.
Charles Darwin: “Ich wußte gar nicht, dass das Werden, also die Evolution, in der Theologie eine Rolle spielt, zu meiner Zeit wurde Gott immer in einem Atemzug mit irgendwelchen festgefügten ewigen Ordnungen in Verbindungen gebracht ”.
Gott Vater, lächelt: “Auch Theologen sind Kinder ihrer Zeit, Charles. Aber in der Zwischenzeit hat man von der Verurteilung des Lehramtes Abstand genommen. Mein Diener Pius XII hat in seiner Enzyklika Humani Generis von 1950 den “Evolutionismus” als “Ernst zu nehmende Hypothese” bezeichnet. Und mein Diener Johannes Paul II hat 1992 gesagt: “Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu Anlass, in der Evolutionstheorie mehr al seine Hypothese zu sehen”. Ja, lieber Charles, mache Theologen übertragen den Evolutionsgedanke sogar auf mich selbst und sagen heute sogar: ‘Gottes Sein ist im Werden’.”
Gott Vater: “Aber auch der Kreationismus, wie er vor allem in einigen protestantischen Lagern vertreten wird, ist natürlich Unsinn. Gerade die Protestanten, die doch die Bibel verstehen wollen, haben sie hier in ihrer pseudorationalistischen Schriftauslegung gründlich missverstanden. Ich sehe mit großem Scherz, dass in Italien gerade die Evoltionslehre aus dem Unterricht der öffentlichen Schulen verbannt werden soll, so wie schon mal in Kansas, in den USA. Das verlangt noch nicht einmal mein Diener, der Papst”.
Charles Darwin: “Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Du und dein Wirken sind doch ganz anders als ich mir das damals gedacht habe. Hat es denn auch einmal einen Versuch von Theologen gegeben, die Evolution positiv zu sehen?”
Gott Vater: “Sicher, mein Diener Teilhard de Chardin hat die Evolution insgesamt als ein göttliches Unternehmen interpretiert, und sogar meinen Sohn als Punkt Omega, als den Zielpunkt einer universellen, kosmischen Liebe eingebaut. Er ist weit über dich hinausgegangen, mein lieber Charles”.
Charles Darwin: “Das ginge aber sogar mir zu weit. Ich wollte nur die Evolution der Arten erklären. Die Evolution als göttliches Unternehmen zu sehen, ja, Gottes Wirken mit der Evolution gleichzusetzen, das scheint mir doch eine ziemlich vorschnelle gedankenlose Vereinnahmung meiner Theorie durch Theologen zu sein. Aber das ist man ja von denen gewohnt”.
Gott Vater: “Sei nicht so streng Charles”.
Charles Darwin: “Ich bitte um Vergebung, Euer Gnaden. Aber Deine für mich unerwartete positive Einstellung zur Evolution ermutigt mich, nun auch meinerseits Euch ein Geheimnis zu verraten”.
Gott Vater: “Nämlich”?
Charles Darwin: “Nun, euer Gnaden, ich habe im Purgatorium, wohin ihr mich ja verwiesen habt, meine Zeit genutzt, um mich mit einigen meiner Zimmergenossen zu unterhalten. Es waren sehr interessante Leute darunter, auch religiöse, z.B. Schamanen, Anbeter von Muttergottheiten, von solaren Gottheiten etc.”
Gott Vater: “Und”?
Charles Darwin: “Sie haben mir von ihren Religionen erzählt. Und ich habe dabei entdeckt, dass ihre Religionen sehr gut in meine Theorie der Mutation und Selektion und Anpassung zusammenstimmen, ja dass sie sogar einen Überlebensvorteil bieten, kurz gesagt, auch die Religionen unterliegen der Evolution”
Gott Vater: “Bravo, ich sehe, du hast deine Zeit im Purgatorium genutzt, das ist ja auch der Sinn der Sache. Aber nun erkläre mir das genauer, fasse dich aber kurz, wir haben nicht mehr viel Zeit”.
Charles Darwin: “Euer Ehren, es ist eigentlich ganz einfach. Der Schamane kam aus der Gegen von Altamira und Lascaux. Er hatte dort in den Höhlen mit ihren wundervollen Malereien von wilden Tieren, die sie als göttlich verehrten,
(Bild Lascaux)
sein priesterliches Leben mit Jagdzauber zugebracht. Biologisch gesehen handelt es sich dabei um eine Probehandlung, die natürlich den zu jagenden Tieren angepaßt ist, und außerdem auf diese Weise einen Überlebensvorteil bietet. Schamanismus macht unter dem Gesichtspunkt der Angepaßtheit natürlich nur in einer Jäger und Sammlerkultur einen Sinn. Daher ist sie auch in den nachfolgenden Religionen wieder verschwunden”.
Gott Vater: “Nicht ganz Charles, heute sitzen in den Industriegesellschaften die Manager als Freizeitschamanen in den Schwitzhütten, aber ok, in der Evolution gibt es ja auch Atavismen, weiter”.
Charles Darwin: “In den nachfolgenden Ackerbaugesellschaften verliert der Schamane seinen Sinn, die Erde und die Jahreszeiten werden nun religiös wichtig. Daher entstehen Muttergottheiten, ja, der Kult der großen Mutter,
(Bild: Kybele, Ianna, Artemis, etc…)
der magna mater. Man kann ihre Existenz in allen Ackerbaugesellschaften nachweisen. Sie sind unter dem Namen Ianna, Artemis, Diana, Kybele etc. bekannt, aber machen natürlich nur in einer Ackerbaugesellschaft einen Sinn, sind dort angepasst”.
Gott Vater: “Nun ja, Blut und Boden, heilige Mutterschaft sind mir auch später noch begegnet, aber lassen wir das, weiter”.
Charles Darwin: “Ich komme zum letzten Punkt. In dem Maße, in dem die Stadtkultur entsteht, entstehen als Konkurrenz zu den Muttergottheiten der Ackerbaugesellschaften die solaren Gottheiten der hierokratischen Stadtstaate, z.B. in Babylon. Ich kann zeigen, dass in Mesopotamien der solare Gott Marduk
(Bild Marduk, Horus)
sich gegen die Muttergottheit Tiamat durchsetzt, in Ägypten der Gott Horus, schließlich als Sonnengott Amon Re, ja, sogar bei den Atzteken kennen wir den Sonnengott Quetzacoatl. Kurz gesagt: Der Sonnengott repräsentiert das männlich-rationale Prinzip, das für die Organisation höherer sozialer Gebilde notwendig ist. Und der Gipfel dieser religiösen Entwicklung ist Aegypten… . Einer meiner Zimmergenossen im Purgatorium ist ein ehemaliger Pharao. Er hat mir erzählt, dass er einst als Gott angebetet wurde und so die Stabilität des Staates garantierte. Ohne Religion, dass kann ich heute sagen, wäre die Anpassung an die jeweiligen Lebensumstände nicht gelungen”.
Charles Darwin sieht Gott erwartungsvoll an.
Gott Vater, nach langem Schweigen und Nachdenken: “Ich sehe Charles, du stellst die Religion ganz in den Dienst des ‘survival of the fittest’. Du befragst sie nach ihrem Überlebensvorteil”.
Charles Darwin: “Aber sicher, das ist doch der Sinn der Evolution”.
Gott Vater: “Lieber Charles, unsere Zeit ist leider abgelaufen, wir müssen jetzt Schluss machen. Unsere Diskussion hat neue Einsichten gebracht und neue Fragen aufgeworfen und ich sehe, du hast in deinem Purgatorium dazugelernt. Trotzdem werde ich dich noch einmal ins Purgatorium zurückschicken, dir aber drei Fragen für unser nächstes Teffen mit auf den Weg geben”.
Charles Darwin: “Ich bin gespannt, Euer Gnaden”
Gott Vater: “Erste Frage: Wenn Religion, wie Du meinst, lieber Charles, einen Überlebensvorteil bietet, was ist dann mit den Opfern dieses Überlebensvorteils. Ich kann noch präziser sein: Frage einmal deinen Zimmergenossen, den Pharao, ob er auch ‘das Schreien des Volkes der Hebräer in Ägyptenland gehört hat, (leise hinzufügend) so wie ich”.
Gott Vater: “Zweite Frage: Wie kannst du in deinem Evolutionssystem unterbringen, dass ich mich, obzwar sehr selten, Menschen offenbare, z.B. meinem Diener Mose, als ich ihm die 10 Gebote gegeben habe, von denen das erste zumindest keinen unmittelbaren Überlebensvorteil bietet”
Gott Vater: “Dritte Frage: Was ist mit den Menschen, die durch ihre religiösen Überzeugungen, ihre Unangepaßtheit, Nachteile in Kauf nehmen mußten. Ich denke an meine Propheten, die man verfolgt hat, ich denke an die Märtyrer der Kirche, ich denke an Martin Luther King, der erschossen wurde, ich denke an Dietrich Bonhoeffer, der am Fleischerhaken endete, und schließlich auch an meinen Sohn”, (Wendet sich zur Rechten).
Gott Vater: “So Charles, denke über diese Fragen bis zu unserer nächsten Zusammenkunft einmal nach, vielleicht ist der Mensch ja doch etwas mehr als eine Überlebensmaschine und hier nimm dir zum Studium das Alte Testament mit, mit dem hattest du ja auf Erden so deine Schwierigkeiten”.
Gott Vater wendet sich zur Rechten an Christus und sagt ihm: “Mein Sohn, ließ Charles doch noch mal die wichtigsten Teile aus der heutigen Losung, Psalm 8 vor”.
Christus: “Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst. Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt”.
Gott Vater: “So sei es, danke mein Sohn. Auf Wiedersehen Charles, wir sehen uns wieder; der nächste bitte”.
Charles Darwin: “Gott befohlen, euer Gnaden”
Charles Darwin geht. Unterwegs trifft er einen freundlichen älteren Herrn. Er reicht ihm die Hand und stellt sich vor. “Gestatten, Charles Darwin, Naturforscher, Erfinder der Evolution”. Der freundliche ältere Herr nimmt Haltung an und erwidert: “Angenehm, Dr. Josef Mengele, Arzt, Erfinder der Selektion”.
Darwin erschaudert und geht zurück ins Prugatorium
Amen.

Quelle: Predigtpreis 2005 Verlag der Deutschen Wirtschaft AG

Dr. habil. Wolfgang Achter
geb. 1957.
1979-1984 Studium der Evangelischen Theologie in Mainz, Göttingen und Heidelberg.
Während seines Studiums sammelte Dr. Wolfgang Achtner erste Gemeindeerfahrungen in einer reformierten Gemeinde in Amerika. Deren Lebendigkeit beeindruckte ihn sehr, er bezeichnet sich heute als „Amerikafan“ und verlebte ein Sabattical in Princeton.
Im Anschluss an sein Theologiestudium absolvierte er das Vikariat in Oberursel, das Spezialvikariat an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg (FEST) und das Pfarrviakariat in Darmstadt. Während dieser Zeit schrieb er seine Promotion zum Thema „Dialog Theologie - Naturwissenschaft“ (1999/2000). Des Weiteren studierte er Mathematik an der Fernuniversität Hagen.
Sein wissenschaftliches Interesse gilt besonders dem Verhältnis von Theologie und Naturwissenschaften. So gründete der verschiedene Arbeitskreise zum Thema „Literatur – Naturwissenschaft“. Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte des Konzeptes „Naturgesetz“ in Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie. Seit 2000 Hochschulpfarrer an der Justus-Liebig-Universität Gießen; Direktor des „Transscientia Instituts für interdisziplinäre Wissenschaftsentwicklung, Philosophie und Religion“ (www.transscientia.de).

Quelle der Angaben zur Person (bearb.): Homepage Predigtpreis des Verlags der deutschen Wirtschaft AG

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