Blickwechsel: Von finsteren Prognosen zur frohen Botschaft

Ein Osterlied fürs ganze Jahr

Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen

Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, schreibt im "parrinfo" zur Jahreslosung 2008.

Jahreslosung 2008:

Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben.
Johannes 14,19

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Haben Sie unter der Weihnachtsdekoration das Kind in der Krippe entdeckt? Ist Ihnen bei der Kaufhausdudelei der Text von „O du fröhliche“ durch den Kopf gegangen? Wie ist es mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr? Werden Sie sich ein bisschen Ruhe, ein bisschen Zeit in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr gönnen – für sich selbst, für das Leben? Oder nehmen die Sorgen Sie ganz in Beschlag? Die Sorge um die Gesundheit, um die Finanzlage (die ganz persönliche oder auch die unserer Kirche), um menschliche Beziehungen, um die Zukunft? In diese Tage hinein jedenfalls spricht Jesus selbst: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Kaum ist Weihnachten vorbei, beginnt bereits das neue Jahr – schon österliche Gedanken!

OSTERN ZU ALLEN ZEITEN

„Jesus lebt, mit ihm auch ich!“ Jede Strophe seines Osterliedes lässt Christian Fürchtegott Gellert beginnen mit diesem Ausruf: Jesus lebt! „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“ Ostern am Jahresanfang, Ostern zu allen Zeiten! „Ich lebe“ – die Leute um Jesus her haben das mit erlebt. „Und ihr sollt auch leben“ – er hat Menschen ins Leben zurückgebracht: den Blinden hat er das Leben neu sehen lassen, die Sünderin hat er in die Lebensgemeinschaft des Dorfes zurück gestellt, die Seele dessen, der gequält und gefangen war von schweren Gedanken, hat er wieder lebendig gemacht, Lazarus hat er ins Leben zurück geholt. „Ihr sollt auch leben!“ Ihr sollt leben im umfassenden Sinne, mit allen Sinnen.

LEBEN IN FÜLLE - TROTZ ALLER WIDERNISSE

Ich bin weit davon entfernt, vorschnell über das hinwegzugehen, was uns vom Leben zu trennen scheint. Über die Egoismen, die Arroganz, die Selbstbezogenheiten – oder über die beängstigenden Entwicklungen in der Pflege, in der Rentenfrage, über die steigende Gewalt auf Schulhöfen, über das so oft unmenschliche Tempo der Veränderungen, dem Menschen zum Opfer fallen – in der Arbeitswelt und auch in der Freizeit, über die real existierende Armut in unserem Land. Aber ich höre auch in all dem den Klang des alten Chorals, den noch älteren Satz aus dem Johannesevangelium. Ich erkenne in all dem die Grundlage meines Lebens. Ich weiß, woher ich komme und wohin ich gehe – und deshalb lebe auch ich. Ich lebe in Fülle – trotz aller Mühen, trotz aller Widernisse. Wir tun uns merkwürdig schwer in unserer evangelischen Kirche, das Leben zu genießen. Uns geht zuweilen die Sinnlichkeit ab. In unserem nicht eben als lebensfroh bekannten Westfalen fällt es uns nicht leicht, den Blick von finsteren Prognosen ab- und der frohen Botschaft zuzuwenden.

FLAMMENDES PLÄDOYER FÜR EIN LEBENDIGES LEBEN

Unser Herr selbst hält ein flammendes Plädoyer dafür – sogar und gerade angesichts des Todes –, das Leben lebendig sein zu lassen. Er leugnet nicht die Trauer, den Schmerz, die Ängste seiner Freunde – aber er tritt dieser Stimmung entgegen, er führt weg vom Weg in die Finsternis. Er: das Licht, das Leben selbst. Lassen wir uns also ins Leben rufen – und lassen Sie es uns anpacken.

„KIRCHE MIT ZUKUNFT“ VOR ORT

Im Jahr 2008 soll das, was „Kirche mit Zukunft“ heißt, als moderierter Prozess zum Abschluss kommen. Papier verändert noch keine Wirklichkeit. Jetzt wird es darum gehen, die Reformergebnisse durch Beschlüsse von Presbyterien und Synoden vor Ort in Kraft zu setzen: Orientierung am Kirchbild der EKvW, regelmäßige Mitarbeitendengespräche, Gemeinde- und Kirchenkreiskonzeptionen zum Bespiel. Auch dazu brauchen wir „Lebenskraft“. Die Impulse der von der Synode 2007 entgegengenommenen Hauptvorlage zum staatlichen Handeln in Zeiten der Globalisierung wollen diskutiert und durch das eine oder andere Projekt im Blick auf das Barmen-Jubiläum 2009 aufgenommen werden. Dabei dürfen wir die Armut, insbesondere die Kinderarmut, nicht übersehen.

AUFERWECKUNG ZUM LEBEN

Ein Jahr liegt vor uns, das auch von den Schatten des Todes berührt, aber nicht in Finsternis versinken wird. „Jesus lebt, mit ihm auch ich!
Tod, wo sind nun deine Schrecken?
Er, er lebt und wird auch mich
von den Toten auferwecken.“
Auferweckung zum Leben wünsche ich jedem und jeder ganz persönlich – und unserer Kirche im Ganzen.

„Jesus Christus spricht: Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“

Ihr

Präses Alfred Buß

Quelle: pfarrinfo Dezember 2007/Januar 2008

  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks