Ha'aretz da, aber kein Cash

Nes Ammim - aus dem Alltag in einem nicht-alltäglichen Dorf in Israel. 13. Kapitel

Foto: Hmbr / CC-BY-2.5

Alltag mit den Meldungen der Wochenendausgabe von Haaretz und wenig Cash - von Tobias Kriener

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Ab heute Ha'aretz!

6.10.2016

Besonders erfreulich: Heute ist erstmals die englische Ha'aretz gekommen! Ab jetzt haben wir endlich eine Tageszeitung in Nes Ammim. Daher weiß ich nun, dass es gestern Raketen auf Sderot gab und israelische Vergeltungsangriffe auf Gaza, wobei ein Kampfflugzeug abstürzte und der Pilot ums Leben kam; dass seit gestern „Women Wage Peace“ eine zweiwöchige Demo durch Israel bis vor den Amtssitz des Premierministers machen (sie haben in Rosh HaNikrah angefangen – schade, dass ich das nicht vorher wusste – man hätte sich das mal angucken können...) Und natürlich interessante Kommentare zum Zeitgeschehen, z.B. einen „Nachruf“ von Amira Hass auf Schimon Peres, der die Lobgesänge auf ihn kräftig gegen den Strich bürstet.

Und es kam ein super-nettes care-Paket aus Stuttgart – mit Schuhcreme (!) und einem Kartenspiel als nachträglichem Geburtstagsgeschenk.

Sonst wieder viele Kleinigkeiten erledigt. Routine stellt sich ein – was das Leben deutlich leichter - aber natürlich auch weniger aufregend macht. Wieder keine Bilder. Ich hoffe, Ihr bleibt mir trotzdem treu...

Kein Cash...

7.10.2016

Heute hatte ich mal wieder so eine Begegnung der 3. Art mit der israelischen Wirklichkeit.

Ich bin mal wieder nach Naharija geradelt, weil ich die Freitagszeitung holen und dabei schnell Geld abheben wollte.

Auf dem Weg habe ich erstmals in der römischen Villa am Rande von Shavei Zion Station gemacht. Wie ich da so stand und den Blick von der Terrasse der Überreste dieser Prachtvilla aufs azurblaue Meer und den im Dunst mehr zu erahnenden als wirklich zu sehenden Karmel schweifen ließ, kam ich schwer ins Grübeln darüber, dass vor vielleicht 1800 Jahren hier die damaligen Superreichen ein unglaublich schönes Anwesen mit diesem fantastischen Panorama gehabt haben. Ich wünsche ihnen, dass sie es genießen konnten, auf ihrer Terrasse mit den schönen Mosaiken zu sitzen und Früchte zu essen und einen Becher Wein zu schlürfen. Und je mehr ich mich in diese Situation hineinversetzte, desto mehr kam mir unsere Vergänglichkeit zu Bewusstsein: 1800 Jahre ist das jetzt her, dass sie hier ihr Luxusleben genossen – und nun sind davon nur noch die Reste der Mosaiken geblieben. Die Menschen sind längst gestorben. Die Pracht liegt im Staub. Das Meer allerdings ist noch dasselbe Meer, und das Rauschen der Wellen klingt immer gleich – das haben auch sie damals schon gehört – und das wird auch noch in 1800 Jahren zu hören sein, wenn wir längst nicht mehr sind...

Na ja – dann also weiter nach Naharija. Bei der Bank Diskont kriegte ich nicht mehr als 1200 Schekel aus dem Automaten; bei der Bank HaPoalim dann nochmal 600; bei irgendeiner kleineren Bank dann nochmal 500; die Bank Leumi wollte mir nicht mal mehr 400 gönnen. Ich bin jeweils rein um zu fragen, was denn los ist. Großes Schulterzucken. Bei der dritten Station erhielt ich dann schließlich die Auskunft, dass bei ausländischen Karten halt wohl so ein niedriges Tageslimit gesetzt ist. Ich muss also jetzt fast täglich zur Bank, damit ich für Anfang November, wenn unsere Wohnung fertig ist, die Kaution zusammen habe...

Auf dem Rückweg habe ich erstmals einen Kaffee im „Cafe Pinguin“ getrunken, wo es total tiefenentspannten Blues aus dem Lautsprecher gab. Und einen weiteren Kaffee habe ich in meiner Lieblingsstrandbar in Shavei Zion getrunken; auch hier gab's (erstmals) Musik – aber zum Glück super-coolen Cool-Jazz!


Dr. Tobias Kriener, Studienleiter in Nes Ammim, Oktober 2016
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Leben in Israel zwischen Golan und Sinai, Mittelmeer und Jordan, unter Juden, Muslimen, Christen, Agnostikern,Touristen, Freiwilligen - Volontären, Israelis, Palästinensern, Deutschen, Niederländern, Schweden, Amerikanern undundund

Ein Fortsetzungs-Tagebuch auf reformiert-info. Von Tobias Kriener