Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Markus 14, 41f.; Sprüche 26,14. 6, 6

Die ''Todsünde'' Trägheit

"Wenn wir über die Trägheit als Sünde reden, werden wir also aufpassen müssen, tatsächlich nur das im Blick zu haben, worum es geht: Während Erholung immer wieder neue Kraft gibt, raubt die Trägheit Kraft. 'Trägheit macht schläfrig', heißt es im Sprüchebuch. Ein richtiger Teufelskreis also: Die Trägheit betäubt mich mit einem Nebel von nicht endender Müdigkeit." Von Volker Haarmann

Liebe Gemeinde,
„ein Fauler wendet sich in seinem Bett wie die Tür in der Angel“ (Spr 26,14), so weiß es das Sprüchebuch. – „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte.“ (Spr 6,6) – Nein, die Faulheit kommt nicht gut weg in den biblischen Texten. Und auch bei uns heutzutage hat sich das kaum geändert: „Müßiggang ist aller Laster Anfang,“ sagt der Volksmund. Ein Faulpelz hat nicht viel zu erwarten in unserer Gesellschaft, in der es üblich geworden ist, mit Stress anzugeben. Mein Kalender ist noch viel voller als deiner. Ein Spiel, das in unserem beschleunigten Alltag immer wieder gerne gespielt wird.
Zwei Missverständnisse möchte ich deshalb ausdrücklich vermeiden, wenn ich in dieser Situation über Trägheit nachdenke: Nicht überall, wo es keine Arbeit gibt, herrscht zwangsläufig Trägheit. Die Arbeiter im Weinberg z.B., die im Gleichnis bis zur sechsten, neunten oder gar bis zur elften Stunde ohne Arbeit auf dem Markt stehen, sie sind nicht träge oder stehen „müßig“ da, wie es in der Lutherübersetzung heißt, sondern sie sind arbeitslos. Freier Arbeitsmarkt, keine Job-Angebote. Niemand hatte sie eingestellt.
Und ein zweites: Wer nach verrichteter Arbeit Ruhe und Erholung genießt, ist ebenso wenig als träge zu bezeichnen. „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil Er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Er geschaffen und gemacht hatte.“ Ruhe nach vollbrachter Arbeit ist der Bibel ein hohes Gut und keinesfalls mit Faulheit zu verwechseln. Wenn wir über die Trägheit als Sünde reden, werden wir also aufpassen müssen, tatsächlich nur das im Blick zu haben, worum es geht: Während Erholung immer wieder neue Kraft gibt, raubt die Trägheit Kraft. „Trägheit macht schläfrig“, heißt es im Sprüchebuch. Ein richtiger Teufelskreis also: Die Trägheit betäubt mich mit einem Nebel von nicht endender Müdigkeit. Die vorhandene Kraft nimmt stetig ab, nicht zu. Trägheit unterscheidet sich also darin von erholsamer Ruhe, dass sie zerstörerisch wirkt und gerade nicht heilsam und wohltuend.

Wann und wo, so frage ich mich, herrscht in meinem Leben ein solch träger Stillstand, Trägheit als Sünde? Ist es Sünde, dass ich mich seit Wochen davor drücke, meine Steuererklärung fertig zu machen? Geht es um die to-do-Liste mit Briefen, die ich seit einiger Zeit schon schreiben wollte aber irgendwie noch nicht dazu kam? War es die verhängnisvolle Trägheit, die mich Freitag Abend dann doch lieber ins Kino gehen ließ, als noch weiter an meinem Schreibtisch zu arbeiten?
Nein, ich denke das alles fällt nicht unter die Trägheit als Sünde. Sollten Sie vergleichbare eigene Erfahrungen vor Augen haben, möchte ich Sie an dieser Stelle gerne beruhigen. Das alles können wir getrost beiseite legen. – Die Trägheit in ihrer fiesen Form trägt ein ganz anders Gewand. Sie ist viel schrecklicher und zerstörerischer. Sie ist viel beunruhigender. Ich denke beispielsweise an die Trägheit, mit der wir noch immer den Warnungen vor einer menschenverschuldeten Klimakatastrophe begegnen. Seit wie vielen Jahren hören wir von den schrecklichen Folgen, die uns die Klimaforscher ankündigen. Nein, nicht, dass uns das egal wäre, aber eh wir nicht am eigenen Leib zu spüren beginnen, wie der Hurrikan Cyrill über unsere Dächer fegt, können wir doch ganz erfolgreich die Konsequenzen unserer Lebensführung verdrängen. „Europa setzt sich ehrgeizige Klimaziele“, titelte die Süddeutsche Zeitung gestern. Und doch, so denke ich, sind wir noch viel zu langsam und zu träge, in allem was wir für den Erhalt der Schöpfung tun. Das Wirtschaftswachstum dürfe nicht gebremst werden. Die Autoindustrie vertrage eben kein Tempolimit. Es gibt tausend Gründe, dann doch erst mal alles beim alten zu belassen. Oder ein Klimaschutzprotokoll auszuhandeln und dann mit der Umsetzung erst einmal abzuwarten. Bestenfalls halbherzig zu beginnen. Ökosteuer, Kyoto-Protokoll, Emissionshandel. – Was für eine Trägheit!
Trägheit begegnet uns also, so möchte ich festhalten, zuerst und vor allem als Verantwortungslosigkeit und als Gleichgültigkeit. Egoistische Gleichgültigkeit. Trägheit als Verweigerung der Solidarität mit meinen Mitmenschen. Als Verweigerung der Solidarität mit unseren Kindern, die die Last unserer Umweltzerstörung werden tragen müssen. – „Erlösung beginnt, wo Gleichgültigkeit aufhört“, hat Eli Wiesel gesagt.

Trägheit als Gleichgültigkeit ist ein lebensbedrohliches Phänomen und deshalb Sünde. Sie ist durch gute Appelle allein nicht zu besiegen. Was aber können wir tun? Wie können wir gegen solch zerstörerische Trägheit angehen? Anhand von Petrus mache ich mich auf die Spurensuche in meiner Bibel. Petrus, so erinnere ich mich, schläft an entscheidenden Stellen immer wieder ein, verschläft das wichtigste. Vielleicht kann Petrus uns auf eine Spur führen, wie der Trägheit beizukommen ist.
Petrus verschläft zunächst die Verklärung Jesu, als Mose und Elia zusammen mit Jesus auf dem Berg erscheinen. Da heißt es von Petrus, dass er „voller Schlaf war“ und erst aufwacht, als Mose und Elia schon bald wieder entschwinden. Und noch dramatischer, wir haben es eben in der Lesung gehört: Als Jesus im Garten Gethsemane betet, schlafen Petrus und die anderen Jünger immer wieder ein. Bleibet hier, wachet mit mir, bittet Jesus. Aber Petrus und die anderen schlafen. Wissen sie denn nicht um den Ernst der Lage? Oder sind sie schon mit dem Wachbleiben überfordert? Warum Petrus einschläft, bleibt im Dunkeln. Jedenfalls ist Jesus enttäuscht und empfindet die Trägheit seiner engsten Begleiter als das, was sie ist, mangelnde Solidarität: „Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, laßt uns gehen!“ (Mk 14,41f)

Warum ist es eigentlich gerade Petrus, dessen Trägheit bei der Verklärung und im Garten Gethsemane erzählt wird, frage ich mich. Was zeichnet Petrus aus? Eigentlich ist Petrus doch ein ganz aktiver und mutiger unter den Jüngerinnen und Jüngern Jesu. War er es nicht, der ohne zu Zögern über Bord sprang, als Jesus über das Wasser des Sees zu ihrem Boot kam? War Petrus nicht der einzige, der diesen Gang über das Wasser gewagt hatte, damals, an diesem stürmischen Tag? – Ja, schon, allerdings wäre sein Gang über das Wasser beinahe im Desaster geendet. Als er die hohen Wellen um sich herum aus der Nähe sah, als er das Sausen und Brausen des Wasser unter seinen Füßen spürte, da bekam er es so mit der Angst zu tun, dass all sein Gottvertrauen im Nu verflogen war. Langsam begann er in die Tiefen des Sees zu gleiten. – Hätte Jesus nicht die Hand nach ihm ausgestreckt und ihn gerettet, er wäre untergegangen. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ fragt Jesus. Und er bringt Petrus in das Boot und der Wind legt sich.
Auf den ersten Blick nicht gerade eine Geschichte über die Trägheit des Petrus. Oder doch!? Die Sorge, die ihn auf dem Wasser befällt, Jesus deutet sie als Kleinglauben. Wenn es drauf ankommt, versagt Petrus der Mut, schwindet ihm sein Gottvertrauen. Der Kleinglaube des Petrus, so möchte ich behaupten, ist im Grunde nichts anderes als Trägheit. Nämlich die Trägheit, sich nicht von Gottes Zusage tragen zu lassen.
Neben der Trägheit als Gleichgültigkeit gegenüber meinen Mitmenschen haben wir hier also die zweite Erscheinungsform von gefährlicher Trägheit: Die Trägheit nicht darauf vertrauen zu wollen, dass Gott unsere Füße auf festen Boden gestellt hat. Dass Er unseren Fuß nicht gleiten lässt. Dass Israels und unser Hüter nicht schläft und nicht schlummert. Dass unser Gott das genaue Gegenteil jeglicher Trägheit ist, dass er nämlich zuverlässig und treu an unserer Seite steht. – „Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ fragt Jesus seine Jünger in der Bergpredigt.

Was würde sich also ändern, wenn die Trägheit aus meinem Leben verschwände? Zwei Dinge: Ich bin meinen Mitmenschen gegenüber nicht mehr gleichgültig, sondern lerne, Verantwortung zu übernehmen. Und zweitens: Ich erinnere mich daran, dass ich ein verantwortungsvolles Leben führen kann, weil unser Gott treu ist, der uns trägt. Weil Er meine Füße auf weiten Raum stellt. Weil ich, ohne Sorge, Er ließe mich in den Fluten ertrinken, mutig über’s Wasser voranschreiten und die nötigen Schritte unternehmen kann. Um zu tun, was in meiner Macht steht, um unsere Schöpfung zu bewahren. Um zu tun, was zu tun ist, wenn mir meine Mitmenschen und nachfolgenden Generationen nicht gleichgültig sind. Befreit ans Werk gehen und das Notwendige tun. Dann aber auch ruhen!

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas, so erzählte Heinrich Böll, liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren.
,,Sie werden heute einen guten Fang machen.“ Sagt der Tourist. Kopfschütteln des Fischers. ,Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist.“ Kopfnicken des Fischers. ,,Sie werden also nicht ausfahren?“ Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Er kann die Frage nicht mehr unterdrücken: ,,Aber warum fahren Sie nicht aus?“ Die Antwort kommt prompt und knapp. ,,Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.“ - ,,War der Fang gut?“ - ,,Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug“, sagt der Fischer.
,,Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen“, fährt der Tourist nach einer Weile fort, ,,aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen ... stellen Sie sich das mal vor.“ Der Fischer nickt. ,,Sie würden“, fährt der Tourist fort, ,,nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?“ Der Fischer schüttelt den Kopf. „Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden...“, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, ,,Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren - und dann...“, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat. ,,Was dann?“ fragt er leise.
,,Dann“, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, ,,dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken.“ ,,Aber das tu ich ja schon jetzt“, sagte der Fischer, ,,ich sitze beruhigt am Hafen und döse.“
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Und der Friede Gottes, der all unsere Vernunft übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Die Predigt hielt Volker Haarmann am 11. März 2007 als Vikar in Wuppertal. Die Predigt ist Teil einer Reihe zu den "Todsünden". Die Predigtreihe ist online veröffentlicht auf der Homepage der Evangelischen Gemeinde Unterbarmen-Mitte.

 


Volker Haarmann, Wuppertal
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Klarstellungen zu einem missverständlichen Glaubensinhalt

Pfr. D. Peter Bukowski, Moderator des Reformierten Bundes und Direktor des Seminars für pastorale Aus- und Fortbildung Wuppertal schreibt über die Sünde - ihre Erkenntnis und ihr Unwesen.
 

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