Weiß man, woran man glaubt?

Eine Glosse von Gudrun Kuhn

„Ich weiß, woran ich glaube!“ dichtete Ernst Moritz Arndt einst im 19. Jahrhundert. – „Ich glaube nur, was ich weiß!“ so ließ es Dieter Nuhr im Ersten jüngst verlauten. Und der eine Spruch ist so unsinnig wie der andere.

Man muss ja wohl annehmen, dass es dumme und gescheite Menschen gibt. Und dass die Gescheiten nicht unbedingt Abitur haben müssen, wohingegen die Dummen es durchaus ha­ben können. Dumme Gläubige gibt es sicher, aber – dummerweise – auch dumme Atheisten. Schade, dass letztere sich selbst im Kabarett finden. 45 Minuten hatte das Erste dafür innerhalb der Folge „Woran glaubst du?‘ eingeräumt. 45 Minuten, in denen nuhr gekalauert wurde über so wesentliche Fragen wie die, mit wem denn Kain und Abel Kinder zeugten, in denen nuhr gewitzelt wurde über Religiöse, die so doof sind, dass sie daran glauben, dass Jesus auf dem Wasser lief, in denen nuhr so getan wurde, als gebe es einen Gegensatz zwischen Glauben und Wissen – klar: die dummen Gläubigen und die gescheiten Ungläubigen. Etwa nach 30 Minuten kam dann – welch bahnbrechende neue Erkenntnis – der wertvolle Hinweis, die Bibel sei kein Geschichtsbuch. Na so was! Wer nuhr Plattheiten über die Bibel glaubt, weiß offensichtlich nicht, dass das schon der jüdische Philosoph Spinoza gelehrt hatte und nach ihm die Aufklärungstheologen und alle renommierten Bibelwissenschaftler seit dem 18. Jahrhundert. Ist scheint’s noch nicht durchgedrungen bis ins Kabarett. Oder weiß man das nuhr im Ersten nicht?
45 Minuten lang: Ich glaube nur, was ich weiß. Was der angesagte Spaßmacher nicht weiß:
‚Glauben‘ und ‚Wissen‘ kann – in seiner eigentlichen Bedeutung – nicht im gleichen Sprach­spiel verwendet werden. Nachzulesen bei Ludwig Wittgenstein, und Allgemeinplatz in der Sprachtheorie seither. Klar, wir unterscheiden, ob einer denn nun glaube oder wisse, dass es 15:30 Uhr ist. Aber ‚glauben‘ meint in dieser Alltagsverwendung ‚vermuten‘. Ansonsten ist es unsinnig, ‚Wissen‘ und ‚Glauben‘ gegeneinander auszutauschen. Ich kann nicht wissen, woran ich glaube. Und ich kann nicht glauben, was ich weiß. Weiß ich, dass mein Partner mich liebt, oder glaube ich es ihm? Weiß ich, dass die Menschenrechte unverzichtbar sind oder glaube ich es? Kann ich wissen, ob ein anderer Schmerzen hat, oder glaube ich es ihm? Weiß ich, dass morgen die Sonne aufgeht, oder muss ich es glauben? Lauter berühmte Beispielsätze aus der Philosophie. Die muss man nicht glauben. Aber wissen sollte man sie. Auch als Kabarettist. 

Wer an das Wissen „glaubt“, ist ein gefährlicher Zeitgenosse. Wer Naturwissenschaften und Kulturwissenschaften nicht unterscheidet, der zieht falsche Schlüsse aus der angeblich folgerichtig verlaufenden Geschichte, der knüpft moralische Entscheidungen an angeblich nachweisbare ökonomische Prognosen, der beansprucht ein sicheres Urteil über angeblich wahre oder falsche Kunst. Und wer nichts von Hermeneutik und Literaturwissenschaft versteht, sollte nicht über biblische Geschichten reden.

Schade, dass die gescheiten Atheisten immer weniger werden. Wie spannend wäre es, mit ihnen auf der Höhe des theologischen und philosophischen Diskurses zu argumentieren, nicht nur im Ersten, aber auch da.


Gudrun Kuhn, Nürnberg
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