Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Die versöhnte Verschiedenheit als Weg in die Zukunft

Eine Würdigung des Ökumenischen Rats der Kirchen vom Vorsitzenden der ACK Deutschland, Landesbischof Friedrich Weber

Landesbischof Dr. Friedrich Weber

Der kritischen Anfrage, ob der ÖRK heutzutage noch relevant sei, entgegnet Landesbischof Weber, ihm müsse eine „präzise Rolle im Miteinander weltweiter ökumenischer Organisationen zugewiesen werden“. Dabei sollte der ÖRK die konfessionellen Verschiedenheiten zum Strahlen bringen.

Landesbischof Dr. Friedrich Weber (Wolfenbüttel), Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) Deutschland und Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) würdigt den ÖRK mit folgendem Beitrag:

"In Deutschland haben wir im Augenblick andere Sorgen - so könnte man die Stimmung nach der Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre vor zwei Jahren beschreiben. Viele, die sich in unserem Land nach der Versammlung in der Öffentlichkeit geäußert haben, taten dies kritisch, so etwa Bischof Martin Hein und Landesbischöfin Margot Käßmann. Hat der ÖRK noch Relevanz für uns? Bringt er die Ökumene voran? Hat er die Mittel und die geistige Kraft, der ökumenischen Bewegung neuen Schwung zu geben oder sie wenigstens auf Fahrt zu halten?

In der Öffentlichkeit prägen andere Bilder das Gesicht der Ökumene: Das Miteinander auf ökumenischen wie auch konfessionellen Kirchentagen, gemeinsame Feiern zu öffentlichen Anlässen wie etwa dem Tag der deutschen Einheit, dazu markante, medienwirksame Persönlichkeiten wie etwa der Papst oder Landesbischöfin Käßmann, die mittlerweile als gesamtchristlich wahrgenommen werden. Und schließlich ist auch die Zuschreibung politisch-ethischer Kompetenz - jahrzehntelang eine Domäne des ÖRK - auf andere Expertengremien, auch innerkirchliche, übergewechselt.

Hinzu kommt, dass auch anders als in früheren Jahrzehnten charismatische Persönlichkeiten wie etwa ein Willem A. Visser `t Hooft, der fast zwanzig Jahre das Gesicht der Institution prägte, im ÖRK fehlen. Aber das gilt für die Ökumene auf Weltebene im Ganzen.

Trotz dieser kritischen Einschätzung halte ich die hier und da zu hörende Forderung der Auflösung des ÖRK für falsch. Statt dessen müsste dem ÖRK eine präzise Rolle im Miteinander weltweiter ökumenischer Organisationen zugewiesen werden, bzw. es müssten ihm Aufgaben übertragen werden, die dann in seiner ureigensten Kompetenz liegen.

Welche Rolle, welche Aufgaben könnten dies sein?

1. Wenn man aus der Arbeit der Konfessionsökumene auf den ÖRK blickt, fällt auf, dass es Überschneidungen von Arbeit auf konfessioneller Weltbundebene und Arbeit des ÖRK gibt. Anstelle dessen schwebt mir für die Zukunft vor, dem ÖRK die Aufgabe zu geben, seine Arbeit stärker auf die Arbeit der Weltbünde, etwa des Lutherischen, Reformierten und Methodistischen, zu beziehen. Der ÖRK kann diese Bünde nicht ersetzen, er kann sie auch nicht integrieren. Aber er kann dem 1948 nicht erreichten Ziel, die bilaterale und multilaterale Ökumene füreinander fruchtbar zu machen, nach sechzig Jahren etwas näher kommen. Auf der Vollversammlung in Porto Alegre wurde dazu Folgendes verabredet:

"Der Ausschuss ruft den ÖRK überdies dringend auf, den Mitgliedskirchen Gehör zu schenken und sich um größere Kohärenz in den verschiedenen Beziehungen mit den Mitgliedskirchen zu bemühen, um so verstärkte Zusammenarbeit, verbesserten Austausch von Informationen und mehr gegenseitige Konsultation zwischen allen Beteiligten (einschließlich des ÖRK-Stabes) und den ökumenischen Partnern herbeizuführen." (Bericht des Weisungsausschusses, Nr. 21)

Eine bessere Kooperation könnte Ressourcen schonen, und Synergie sollte gerade für die Ökumene kein zu verteufelndes Fremdwort sein. Wenn etwa der Vorschlag gemacht wird, die Vollversammlungen der Reformierten und des Lutherischen Weltbundes im Umfeld einer ÖRK-Vollversammlung stattfinden zu lassen, ist dies ein Schritt in die richtige Richtung.

2. Stärker als bisher sollte der ÖRK als ein Gremium verstanden werden, in dem theologisch gearbeitet wird. Ich bin dankbar dafür, dass gegenwärtig insbesondere die orthodoxen Kirchen diese theologische Arbeit im ÖRK einfordern.

Man muss sich vor Augen führen, welches Potenzial der ÖRK aufgrund seiner Mitgliedskirchen für solche theologische Arbeit bereitstellen könnte. Im ÖRK sind bis auf die römisch-katholische Kirche fast alle Traditionen vertreten, und die römisch-katholische Kirche arbeitet seit Jahrzehnten beinahe wie ein Mitglied des ÖRK mit. Zwar ist die Ausstrahlung des ÖRK, wie oben angedeutet, gegenwärtig ziemlich eingeschränkt. Aber durch die Gemeinschaft von fast 350 Kirchen besitzt er Möglichkeiten, an ökumenisch relevanten Themen zu arbeiten, wie sie breiter nicht sein könnten. Diese sollten unbedingt ergriffen werden. Denn für die theologische Arbeit auf einer solch breiten Basis brauchen wir den ÖRK.

Gegenwärtig gibt es intensive Bemühungen, nach der Möglichkeit einer gemeinsamen Anerkennung der Taufe zu suchen, wie wir sie in Deutschland dankenswerterweise auf breiter Basis erreicht haben. In diesen Bemühungen sollte nicht nachgelassen werden.

Eine weitere theologische Aufgabe für die Zukunft könnte es sein, nach neuen Methoden für theologische Dialoge zu suchen. Die Kompetenz und die Erfahrung aus den unterschiedlichen Kirchen und Traditionen sind ein Reichtum, den man unbedingt nutzen sollte.

3. Eine weitere Zukunftsperspektive des ÖRK liegt in der Verbreiterung und der Vertiefung der "koinonia" - dies ist der im ÖRK favorisierte Begriff für die Gemeinschaft der Kirchen.

Zum einen wird am ÖRK kritisiert, dass die pfingstlerischen Traditionen und die evangelikalen Protestanten noch zu wenig in den ÖRK eingebunden sind. Auch wenn durch die Einbeziehung dieser Traditionen das theologische Gespräch und die theologische Arbeit - bis hin zur Verabschiedung von gemeinsamen Erklärungen - nicht gerade einfacher wird, so geht doch der Anspruch des "World Council of Churches" dahin, möglichst viele Kirchen und Denominationen als Mitglieder zu gewinnen.

Zum anderen muss es dem ÖRK gelingen, die "koinonia" zu vertiefen. Aber der ÖRK bzw. die Mitgliedschaft in ihm ist nur so verbindlich, wie es ihm die Mitgliedskirchen zugestehen. Sollte er zu erkennen geben, dass die theologische und ökumenische Arbeit in seinen Reihen kompetent und zielführend getan wird, dann sollten auch die Mitgliedskirchen ihm (wieder) ein höheres Maß an Verbindlichkeit zugestehen.

4. Aufgabe des ÖRK ist es schließlich, die konfessionelle Traditionen nicht einzuebnen, sondern sie zum Strahlen zu bringen. Der ÖRK kann und soll keine Superkirche werden, sondern eine Gemeinschaft von Kirchen, die von den Konfessionsfamilien getragen wird und in welche diese ihre Schätze einbringen. Als ein Ort des Dialogs öffnet sich der ÖRK auf die Mitgliedskirchen und die sie prägenden christlichen Weltgemeinschaften hin, greift dankbar die sie prägenden geistlichen und theologischen Einsichten auf, um sie wiederum bereichernd aufeinander zu beziehen.

Es ist zu wünschen, dass sich auch im ÖRK das ökumenische Modell der versöhnten Verschiedenheit verstärkt Bahn bricht."

Dr. Friedrich Weber ist Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig. Von 1991 bis 2002 war Weber Propst in Wiesbaden. Davor von 1984 bis 1991 Pfarrer an der Katharinenkirche in Oppenheim am Rhein und Dekan des Dekanates Oppenheim/Rhein. Als Vikar und Pfarrer wirkte er von 1972 bis 1984 in Greetsiel in einer ev.-reformierten Gemeinde.


Quelle: Pressemeldung der VELKD vom 4. Februar 2004 (bearb.)
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Der Ökumenische Rat der Kirchen ist die umfassendste und repräsentativste Organisation der modernen ökumenischen Bewegung. Eine Reihe von Kirchenführern hatte seine Gründung bereits 1937 beschlossen, die erste Vollversammlung in Amsterdam konnte jedoch erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im August 1948, stattfinden. Erster Generalsekretär wurde Willem Visser ’t Hooft aus der Reformierten Kirche in den Niederlanden.
 

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