Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Gott einen Raum freihalten

Bemerkungen zur Aktualität des reformatorischen Grundsatzes sola scriptura. Von Tobias Kriener

©Josef Villiger

In Karl Barths „dialektischer Lehre vom Wort Gottes“ entdeckt Tobias Kriener eine zeitgemäße Interpretation des reformatorischen Schriftverständnisses, die die biblischen Texte nicht auf das zur Zeit gerade „Angenehme“ reduziert und die Möglichkeit bietet, „dass sich je und je freie Räume auftun, in denen die Wirklichkeit Gottes hinter dem Text durchzuschimmern vermag".

I.

Die Faustformel, mit der mir in Kindheitstagen beigebracht wurde, was das unterscheidend Evangelische sei, ist ein mehrfaches „solus“: sola gratia – sola fide - solus Christus - sola scriptura. Das soll heißen: Gerettet werde ich allein aus Gnade, ohne daß ich etwas dazu tun müßte oder könnte, dieser Gnade werde ich allein durch Glauben teilhaftig oder zumindest ansichtig, meine intellektuellen oder moralischen Bemühungen helfen mir dabei nichts, die Gnade besteht allein darin, daß Christus durch sein Leiden und Sterben die Last meiner Sünde von mir genommen hat; das weiß ich nirgendwoanders her als allein aus der Bibel.

Natürlich wußten die Reformatoren sehr wohl um die vielfältigen Probleme bei der Lektüre und Auslegung der Schrift, weshalb sie ausführlich über Fragen nachdachten wie die Unterscheidung von Offenbarung und Schrift, das Verhältnis von Gesetz und Evangelium, die Mitte der Schrift, was Christum treibet, ob und wie die Schrift aus sich heraus klar und verständlich ist u.v.a.m. Die oben angeführte katechetische Faustformel findet sich allerdings nirgends in den reformatorischen Schriften, sie ist eben eine katechetische Reduktion, die ihre bestimmte Funktion hat und diese auch erfüllt.

Die Formel ,,sola scriptura" - um die es hier gehen soll - trifft gleichwohl den Kern der Sache. Besonders in den frühen Apologien seiner Theologie ruft Luther die Schrift als Instanz an, die allein imstande ist, über die Wahrheit seiner Theologie zu richten, denn Päpste und Konzilien haben erwiesenermaßen geirrt - und die exegetische Wissenschaft stand damals noch vor ihrem Siegeszug, der sie bis auf den Katheder der Richterin über richtig und falsch in allen Fragen der christlichen Lehre geführt hat; doch hätten Luther, Zwingli, Calvin und die anderen sich sicherlich auch ihr nicht unterworfen ...
Das reformatorische Schriftprinzip war also nicht etwa gedacht als eine Art Stein der Weisen, mit dem sich alle Probleme der Schriftauslegung lösen lassen. Vielmehr war es der Versuch, angesichts der offensichtlich unabdingbaren Verabschiedung der Kirche als Autorität und gegenüber der „zeitgeistigen" Alternative der Autonomie des Menschen die Autorität Gottes zu behaupten. In Auseinandersetzung mit der humanistischen Philosophie stritt Luther gegen Erasmus um die Frage der angemessenen Anthropologie: Gegen die Behauptung der Autonomie des Menschen setzte Luther die Überzeugung, daß der Mensch heteronom bestimmt wird und warb für den Freiheitsgewinn, den die Inbesitznahme durch den Willen Gottes gegenüber der Versklavung durch die unbeherrschbare Macht der „Sünde" bedeutet. Die theologischen „Freigeister" seiner Umgebung verdächtigte er desselben Autonomiebestrebens hinter ihrer Lehre und Praxis von der direkten Inspiration durch den Geist Gottes und setzte dem die Bindung an die Schrift als Inspirationsquelle entgegen. Die „Schrift- war somit nicht als solche autoritativ, sondern hatte die Funktion, Platz freizuhalten für die Autorität Gottes selbst, nachdem der Platzhalter an der Spitze der Kirche von seinem Sockel gestoßen war und der „neuzeitliche Mensch" den freigewordenen Platz sogleich selbst zu besetzten suchte.

Das reformatorische Schriftprinzip sola scriptura erweist sich somit als Versuch zur Überwindung der Alternative von kirchlicher Heteronomie und humanistischer Autonomie: Es befreit von der Autorität der kirchlichen Heteronomie und verweist zugleich durch Freihalten eines unverfügbaren Raumes auf Gott als die einzige Quelle respektheischender und respektwürdiger Autorität. Es ist also ineins der Durchbruch, der christlicher Lehre und Verkündigung wieder den Blick auf ihren eigentlichen Gegenstand öffnet, und Antwort auf die Zweifel und die Kritik des Zeitgeistes an der christlichen Lehre und Verkündigung.

II.
Dieser Doppelfunktion entsprechend war das reformatorische Schriftprinzip von Anfang an von zwei Seiten gefährdet. Einerseits stand der Freiheitsgewinn unter Anarchieverdacht und wurde sehr bald durch die Lehre von der Verbalinspiration wieder einkassiert. An die Stelle des Papstes trat der Buchstabe. Der Platz, der für die einzige Autoritätsquelle freigehalten werden sollte, wird wieder verstellt durch das autoritäre Hantieren mit dicta probantia. Die Nachwirkungen des altprotestantischen Schriftprinzips sind bis heute zu spüren in der repressiven Funktionalisierung von Bibelzitaten besonders in strittigen Fragen im Bereich von Familie und Sexualität. Das scheint mir kein Zufall zu sein, gilt doch heutzutage die Familie als letzter Hort von Autorität gegenüber dem sonst allgemein beklagten „Wetteverlust". Vor nicht allzulanger Zeit war die Schrift aber auch noch in Fragen der Staatsverfassung (Monarchie vs. Demokratie), der Wirtschaftsorganisation (paternalistische Betriebsführung vs. gewerkschaftliche Selbstorganisation und Mitbestimmung) u.a.m. ein wichtiges Argument der kirchlicher Amtsträger, sich für die jeweils autoritärste Möglichkeit zu erklären.

Als sehr viel subtiler, aber nicht weniger heikel für den Freiheitsgewinn, den das reformatorische sola scriptura bedeutete, sollte sich jedoch die seit dein 18. Jahrhundert in der Theologie zur Herrschaft gekommene Autonomie der menschlichen Vernunft erweisen. Die Gemengelage stellt sich auf diesem Feld außerordentlich komplex dar.

l. Das treibende Motiv der rationalen Bibelkritik war das Anliegen der Destruktion kirchlicher Autorität - des rekonstituierten Papsttums in der katholischen Kirche: des inzwischen installierten Systems der Orthodoxie im Protestantismus. Insofern nahm die Bibelkritik einen Urimpuls der Reformation auf.
2. Die Bibelkritik wurde zu dem zentralen Instrument der Autoritätskritik. Sie war darum im protestantischen Raum viel früher und viel durchschlagender erfolgreich als im Katholizismus, weil sie damit an das reformatorische Schriftprinzip anknüpfte: Die - nunmehr vernunftgemäß analysierte - Schrift selbst war das Kriterium der Kritik.
3. Der Unterschied gegenüber der reformatorischen Autoritätskritik durch die Schrift lag darin, daß nunmehr gegenüber der protestantischen Orthodoxie die herrschende Interpretation der Schrift zum Gegenstand der Kritik wurde, also die Schrift selber.
4. Da nicht mehr die Schrift selbst Kanon der Interpretation, sondern deren Gegenstand war, mußte ein anderer Kanon benutzt werden. Zu diesem neuen Kanon wurde das von den christlich-theologischen mit den außer- und antikirchlichen Kritikern gemeinsam gehandhabte Instrumentarium der Kritik mit den Mitteln der menschlichen Vernunft. (1)
5. Mit dem Instrumentarium kaufte die theologische Bibelwissenschaft unter der Hand auch die Intention der historischen Kritik ein: An die Stelle des Bemühens um Verstehen trat weithin das Gericht (2) über die Texte mit der autonomen Vernunft als letzter Instanz. Ihre Apotheose fand diese Haltung in dem berülunt-berüchtigten Diktum Rudolf Bultmanns im Rahmen der „Entmythologisienmgsdebatte", daß, wer einen Lichtschalter benutze, nicht länger an Wunder glauben könne.

Ulrich Luz ist also zu widersprechen: Nicht „das protestantische Schriftprinzip trug mit seiner Loslösung von der heteronomen Autorität des kirchlichen Lehramtes den Keim seiner Auflösung bereits in sich“ (3), denn als Mittel zur Überwindung der Autorität des kirchlichen Lehramtes wird es nur einseitig verstanden - das typische Mißverständis des Exegeten! Das Problem des sola scriptura in der heutigen protestantischen Exegese liegt vielmehr eben in dieser - der eigenen Auslieferung an die heteronome Autorität der menschlichen Vernunft gegenüber bewußtlosen - Verkennung der Funktion des sola scriptura: einen Raum für die Autorität Gottes offenzuhalten. Die historische Kritik dagegen kann nur Plätze anweisen: Ganz oben an die Tafel wird, je nach Schulrichtung, das Konstrukt eines historischen Jesus oder der zum Theologen mutierte Paulus gesetzt, von allen aber alles, was „kirchlicher Redaktion" verdächtig ist, an den Katzentisch verbannt.

Karl Barth hat mit seiner „dialektischen" Lehre vom Wort Gottes eine bis heute „zeitgemäße" Formel gefunden, dem reformatorischen Schriftprinzip gerecht zu werden. In dieser dialektischen Konstellation können beide Gefährdungen des sola scriptura ihre Funktion entfalten: Die Analyse biblischer Texte mit den Mitteln der menschlichen Vernunft trägt zum Verstehen bei; das Beharren auf der vorliegenden Schrift verhindert das Ausweichen vor den Problemen des Verstehens in eine Sachkritik, die die Schrift auf das der jeweiligen Zeit Angenehme und Annehmbare reduziert. Indem dieses Spannungsfeld aufgebaut und aufrechterhalten wird, ergibt sich die Möglichkeit, daß sich je und je freie Räume auftun, in denen die Wirklichkeit Gottes hinter dem Text durchzuschimmern vermag. Dazu einige persönliche Erfahrungen:

1. Einer der Angriffspunkte der historischen Kritik waren die „Widersprüche“ in der Bibel, die anscheinend die reformatorische Überzeugung davon, daß die Schrift sich selbst auslegt, schlagend widerlegten. Die historisch-kritischen Apologeten des Christentum begegneten diesen Angriffen durch ein Geschichtsmodell, in dem das eine durch das andere „überholt“ wird - mit der besonders fatalen Nebenfolge, daß das überkommene heilsgeschichtliche Modell von der „Überholung“ Israels durch die Kirche seine quasi-wissenschaftliche, an den Texten erprobte Weihe erhielt.

So erging es beispielsweise Ex 20,5, der Sanktion für die Übertretung des 2. Gebots, des Verbots von Götzendienst, das die Bestrafung noch der Kinder, Enkel und Urenkel der Übertreter vorsieht. Ez 18,20 sagt das Gegenteil: „Ein Sohn soll nicht die Schuld des Vaters, noch ein Vater die Schuld des Sohnes mittragen. Nur dem Gerechten kommt seine Gerechtigkeit zugute, und nur über den Gottlosen kommt seine Gottlosigkeit.“ Von ihren geistesgeschichtlichen Voraussetzungen her konnte historisch-kritische Exegese diese Differenz nur so werten, daß Ezechiel eine wichtige Etappe in der Entwicklung des Fortschritts in Richtung auf Individualismus und Subjektivismus darstellt, in dessen Verlauf die - so der Eindruck, der sich aus den Darstellungen vieler Alttestamentler ergibt - geradezu prähistorische Form von Religiosität des Aberglaubens an einen israelitischen bzw. jüdischen Stammesgott überwunden wurde. Ein erster Schritt selbstverständlich nur, denn die Vollendung der Entwicklung findet sich bei Jesus bzw. Paulus.

Die Krux der Interpretation von Ez 18,20 im Gegenüber zu Ex 20,5 für die, die den Wortlaut der Schrift nicht in den historischen Prozeß aufgelöst sehen wollen, (4) liegt darin, daß beides als Gotteswort überliefert ist. Ein Beispiel aus der jüdischen Tradition zeigt, wie mit dieser Krux angemessen umzugehen wäre:

Es sagte Rabbi Jose Bar Chanina:
„Vier Verordnungen verordnete Mose, unser Lehrer.
Es kamen vier Propheten und hoben sie auf. Mose sagte:
’Und Israel wird wohnen unter Druck, für sich der Quell Jakobs usw.’ (Dtn 33,28). Es kam Amos und hob es auf, wie gesagt ist: ‚Laß doch ab, wie soll Jakob bestehen’ usw. (Am 7,5); und es ist geschrieben:
’Leid war es JHWH darüber’ usw. (ebd.). Mose sagte:
’Und unter diesen Völkern wirst du nicht ruhig sein’ usw. (Dtn 28,65). Es kam Jeremia und sagte:
’Geh, ihn, Israel, ruhig zu machen’ (Jer 31,1). Mose sagte:
’Der zurückkommt auf die Schuld von Vätern an Söhnen’ (Ex 20,5). Es kam Ezechiel und hob es auf:
’Das Leben, das gesündigt hat, es soll sterben’ (Ez. 18,4). Mose sagte:
’Und ihr werdet umkommen unter den Völkern’ (Lev 26,38). Es kam Jesaja und sagte:
’Und es wird sein an diesem Tag, es wird in eine große Posaune geblasen’ usw. (Jes 27,13)“ (bMak 24a)

Es wird nicht um den heißen Brei herumgeredet. Es gibt Widersprüche in der Bibel; eine eindeutige Entscheidung wird getroffen: Das eine hebt das andere auf. Vordergründig haben wir also einen Fall von „Sachkritik" vor uns; der eine Prophet ist eben klüger als der andere, bzw. der menschheitsgeschichtliche Fortschritt ist an den Propheten Israels nicht vorbeigegangen - schließlich lebte Ezechiel ein paar hundert Jahre nach Mose. Ebensogut könnte man allerdings einen Fall von fundamentalistischem Herauswinden aus der Peinlichkeit, Gott in Widersprüche verwickelt zu finden, vorliegen sehen. Denn wird nicht verschwiegen, daß in Ex 20,1 steht: „Und Gott redete alle diese Worte und sprach“, und in Ez 18,1: „Und es erging an mich das Wort JHWHs“? Was denn nun?

Der Clou dieser Interpretation liegt darin, daß die Ausleger mit der Unterscheidung zwischen Zeugen und Bezeugtem operieren. Natürlich sind es verschiedene Menschen, die die einander entgegengesetzten Botschaften überbringen. Allerdings ist für jüdische Ohren schon auf dieser Ebene höchst ungewöhnlich, daß die anerkannte Autorität des rabbinischen Judentums, Mose, so mir nichts, dir nichts, von Randfiguren (5) außer Kraft gesetzt wird. Das ist überhaupt nur denkbar, wenn in Rechnung gestellt wird, daß Mose und die anderen in einer Beziehung nun doch auf gleicher Stufe stehen: Sie sind allesamt „Propheten", das heißt Überbringer von Gottesworten. Der Grund dafür, daß die unbestreitbare Autorität des Mose außer Kraft gesetzt wird, liegt demzufolge darin, daß Gott selber „umgedacht" hat: Zum Wohl seines Volkes Israel geht er sogar soweit, die allerhöchste Autorität Israels außer Kraft zu setzen. (6)

Diese Geschichte vermeidet also die beiden Möglichkeiten, Gott zuzustellen: durch schwarz-weißes Beharren auf den Buchstaben einerseits, durch grelles Ausmalen eines hypothetischen Bildes vom historischen Prozeß andererseits. Sie ist ein Musterbeispiel für die feine Balance zwischen der Treue zum kanonischen Text und dem autonomen Denken der AuslegerInnen. Diese Balance wird aber gerade dadurch erlangt, daß die Mitte, um die sich der Textwiderspruch und seine Auflösung gruppieren, nicht dingfest gemacht, der unaussprechliche Name nicht genannt und so ein Raum offengehalten wird, in dem er sich den Nachsinnenden als der Akteur hinter den Wörtern erweisen kann.

2. Eine zweite crux interpretum sind Passagen, die nicht (mehr - würden die meisten sagen; aber das setzt den Dünkel der zivilisatorischen Überlegenheit gegenüber früheren Generationen schon voraus) zum Geist der Zeit passen. Auf zwei Feldern der Theologie ist das zur Zeit besonders offensichtlich: der Frage des Verhältnisses von Männern und Frauen und der Frage des Verhältnisses der Christen zu den Juden. Mit Sätzen wie 1 Kor 14,34 (7) oder Joh 8,44 (8) gehen Fundamentalisten dann so um, daß sie im Beharren auf dem Buchstaben an überkommenen patriarchalistischen Gemeindestrukturen festhalten, indem sie sich z.B. gegen die Frauenordination wehren, und traditionell antijüdische Einstellungen konservieren. Die historische Kritik dagegen hat ein breites Spektrum an Methoden, sich solcher unangenehmen Sätze zu entledigen. Im Fall von 1 Kor 14,34 hilft die Textkritik (weil die Passage nicht von Paulus persönlich sei, gilt sie nicht so viel wie der ganz „evangelische" Satz: „Da ist nicht Mann und Weib ..." Gal 3,28), im Fall von Joh 8,44 nur noch die Sachkritik, mit der vieles für erledigt erklärt werden kann, weil eben die Voraussetzung gemacht wird, daß es einen Fortschritt auch in der Geschichte der Auslegung der Schrift gebe.

Die Lehre von der dreifachen Gestalt des Wortes Gottes kann helfen, beide Einseitigkeiten zu vermeiden. Sie hält die Entscheidungsfrage zwischen den beiden Ebenen des kanonischen Textes und seiner gültigen Auslegung grundsätzlich offen, weil sie für die Möglichkeit der Intervention von der davorliegenden, unverfügbaren Ebene der Wirklichkeit Gottes selber her offen ist. Darum sind die Texte nicht sakrosankt, sondern zugänglich für Auslegung, darum ist andererseits die Auslegung niemals autoritativ, sondern ist den Texten darin zutiefst verbunden, daß sie sich in ihrer eigenen Begrenztheit als vorläufiges Menschenwort mit ihnen auf derselben Ebene weiß.

Ich halte das Festhalten an solchen Passagen aus zwei Gründen für etwas geradezu Heilvolles. Einerseits halten sie den Auslegerlnnen beständig die Gefahr des Abstürzens vor Augen: Wenn schon „die Schrift“ selber - also die durch den Kanon besonders hervorgehobenen Zeugen - so grauenhaft irren kann, vor welchem Irrtum (angesichts dessen unsere Nachfahren in zwei, drei Generationen nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden) sollten wir gefeit sein? Zum anderen sind sie der Schwarz auf Weiß festgehaltene Beleg dafür, daß das Christentum als „Religion“ - das heißt als Veranstaltung von Menschen - mit allen vergleichbaren Menschenwerken auf gleicher Stufe steht; sie sind somit die in der eigenen Urkunde niedergelegte Widerlegung solcher Mythen wie der der liberalen Theologie, nach der das Christentum die fortgeschrittenste Entwicklungsstufe der Religionen sei, oder der mancher Fraktionen feministischer Theologie, nach denen das frühe Christentum in bezug auf die Stellung zur Frau über das Judentum (oder andere zeitgenössische Lebensformen) „hinausgekommen“ sei.

Die reformatorische Formel sola scriptura halte ich für hilfreich und geradezu unverzichtbar, um sich in diese Haltung einer „Solidarität der Fehlbaren“ einzuüben. Evangelische Auslegung der Schrift hat - so schwer das sein mag - ohne Fundament auszukommen - sie kann sich weder auf das Schwarz-auf-Weiß der Buchstaben noch auf die abgesicherten Erkenntnisse einer Methodik stützen. Sie ist nur möglich als Wagnis, das auf die persönliche Verantwortung genommen wird. Die AuslegerInnen werden damit zu rechnen haben, daß sie falsch liegen. Entscheidend ist, daß sie sich zu ihrer Irrtumsfähigkeit bekennen, denn so halten sie den Raum offen für andere Auslegung, also dafür, daß Gott selbst die Chance erhält, sich in anderer Auslegung zu Wort zu melden. Solches Offenhalten der Auslegungsprobleme hat die Verheißung, daß Gott sie dazu erwählen wird, zwischen ihren Zeilen verspürt zu werden. (9)

Gedruckt in: Ja und Nein. Christliche Theologie im Angesicht Israels. Festschrift zum 70. Geburtstag von Wolfgang Schrage, hrsg. von Klaus Wengst und Gerhard Saß in Zusammenarbeit mit Katja Kriener und Rainer Stuhlmann, Neukirchen-Vluyn 1998

Anmerkungen
(1) Daß dieses Instrumentarium zum Interpretationskanon wurde, war einzig historischer Kontingenz geschuldet - nämlich der Verortung der Theologie als „Wissenschaft" an der Universität. Zu anderen - unseren - Zeiten und in anderen Konstellationen konnten und können diese Funktion ebensogut andere Kanonizes ausfüllen - heutzutage beispielsweise die „Hermeneutik des Verdachts" der feministischen Bibelkritik, die womöglich nicht zuletzt deshalb so unabhängig ist, weil sie an der Universität unterrepräsentiert ist.
(2) Kritik kommt schließlich von κρίσιϛ [Griechisch: Krisis].
(3) Ulrich Luz, Was heißt „Sola Scriptura" heute? Ein Hilferuf für das protestantische Schriftprinzip, in: EvTh 57, 32.
(4) Wohlgemerkt Das Festhalten am Buchstaben führt nur in die Ratlosigkeit, aus der sich die Fundamentalisten dann mit dem selektiven Verschweigen des ihnen Unliebsamen zu retten versuchen. Das kann allerdings nur solange gelingen, wie die autoritäre Verfügungsgewalt über die LeserInnen Bestand hat, die diesen das Unliebsame selektiv verschweigt. Sobald sie sich die Schrift selbst aneignen, ist es auch um die Autorität der Autoritäten geschehen.
(5) Man muß sich dafür von dem christlich Gewohnten gründlich freimachen: Selbst ein Jesaja, durch die neutestamendiche Bezugnahme auf ihn zu dem wichtigsten Propheten, ja, dem gewichtigsten Buch des gesamten Alten Testaments im christlichen Bewußtsein geworden, ist in der jüdischen Tradition tatsächlich ein ganz kleines Licht. In Erzählungen spielen die - für uns Christen - „großen Propheten" so gut wie keine Rolle; für keines der Prophetenbücher gibt es einen Midrasch. Daran gemessen erweist sich, daß Ps und Klgl eine unvergleichlich größere Bedeutung haben; von den fünf Büchern der Tora ganz zu schweigen.
(6) Die Strukturähnlichkeit mit Barths Lehre vom Wort Gottes in seiner dreifachen Gestalt (KD I 1 §4) ist frappierend; denn selbstverständlich ist die Interpretation der Beziehung zwischen Zeugnis und Bezeugtem unmöglich ohne die voraus gesetzte Ebenbürtigkeit der Interpreten. Erzählerisch findet diese Ebenbürtigkeit ihren Ausdruck in vielen Episoden, in denen bekannte Rabbinen mit den Propheten auf Du und Du verkehren. Erinnert sei nur an die Szene, in der Mose bei Rabbi Akiva im Lehrhaus sitzt und nichts versteht, sich aber beruhigt, als ihm mitgeteilt wird, es handele sich um Lehre von Mose am Sinai (bMen 29b).
(7) Die Frauen sollen in den Gemeindeversammlungen schweigen.
(8) Ihr (die Juden) stammt vom Teufel als eurem Vater.
(9) Die Denkfigur der Dialektik bewährt sich praktisch im Streit über die Auslegung der Schrift. Darin war und ist Wolfgang Schrage ein vorbildlicher theologischer Lehrer, daß er sich nie als Verwalter von Wahrheiten gerierte, sondern in Seminar, Kolleg oder Sozietät immer die Debatte nicht nur zuließ, sondern von sich aus suchte und anstieß. Auch wenn ich mich mit so manchem nicht abzufinden vermochte, woran er nach wie vor festhält, habe ich doch bei ihm nicht zuletzt zu einem guten Teil gelernt, die Ehrfurcht vor der Katherderautorität des deutschen Professors zu verlernen. Darum halte ich die hier notierten Gedanken, so sehr sie Schrageschen „Essentials“ an manchen Punkten entgegenstehen mögen, für durchaus am Platz in einer Festschrift für ihn.

Foto: Josef Villiger, „Weite 2“, CC-Lizenz (BY 2.0); www.piqs.de


©Dr. Tobias Kriener
  • Twitter
  • Facebook
  • Google Bookmarks
 

Nach oben    E-Mail