Psalm der Woche

Psalm 47: Schlagt froh in die Hände, alle Völker
Christi Himmelfahrt
Ihm zu dienen,
macht uns frei.
Ihn zu gehorchen
macht uns mündig.
Ihm zu folgen
nimmt uns die Angst.




Römer 1, 7b

Was ist der ewige Grund unserer Existenz ?

Eine sehr grundsätzliche Predigt über die Gnade Gottes und unsere Existenz. Shuichi Iwamoto war Pastor in Japan in der Presbyterian Church und lebt jetzt in Lüneburg.


„Allen Geliebten Gottes, berufenen Heiligen in Rom: Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“

„Sein oder Nichtsein, das ist die Frage.“ Bei dieser sehr philosophisch klingenden Frage handelt es sich um das wohlbekannte Selbstgespräch von Hamlet, dem Helden in Shakespeares Theaterstück. Was hat diese Frage mit unserem heutigen Predigttext zu tun? Das zentrale Thema des heutigen Predigttextes ist „die Gnade Gottes“. Hat die Gnade Gottes überhaupt mit der Frage nach unserem Dasein zu tun? Auf den ersten Blick scheint es, dass das Thema „Gnade Gottes“ und die Frage nach unserer Existenz (bzw. nach unserem Dasein) nichts mit einander zu tun haben. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Denn Paulus sagt  im 1. Kor 15, 10, „Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade mir gegenüber ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.“ Mit dieser Aussage will Paulus sagen: „meine ganze Existenz verdanke ich der Gnade Gottes.“

Liebe Gemeinde, ich habe Sie jetzt schon am Anfang meiner Predigt auf den engen Zusammenhang zwischen der Gnade Gottes und unserer Existenz hingewiesen, damit Sie den roten Faden meiner heutigen Predigt nicht aus den Augen verlieren. Heute bei diesem Gottesdienst möchte ich mit Ihnen über die untrennbare, tiefe Beziehung zwischen der Gnade Gottes (und Christi) und unserer Existenz nachdenken.

Erster Teil: Frage nach dem ewigen Grund unserer Existenz

A. Unsere Welt und die Seinsfrage
I.  Der einzelne Mensch und die Existenzfrage

„Sein oder Nichtsein?“ bzw. „Leben oder Tod?“ – diese Existenzfrage stellt man sich normalerweise nicht. Aber wenn man z.B. a) wegen einer körperlichen Bedrohung  (Hungersnot, schwere Krankheiten) oder b) wegen eines schweren seelischen Konfliktes leiden muss, dann fragt man schon nach Sein oder Nichtsein bzw. nach Leben oder Tod. 

a. Existenzfrage durch körperliche Bedrohung
In meiner Jugend nach dem Ende des zweiten Weltkriegs herrschte eine Hungersnot in Japan. Um die Hungersnot zu überleben, musste meine Familie häufig Heuschrecken oder wilde Kräuter essen. Während dieser Hungersnot mussten wir uns öfter überlegen, wie wir überleben können. Und ich habe etwa seit der 8. Klasse angefangen, über den Sinn meines Lebens nachzudenken: „Wozu lebe ich?  Wozu bin ich überhaupt hier?“ 

Wenn man schwer erkrankt ist, denkt man auch über Leben und Tod nach. Als ein junger Franzose 20 Jahre alt war, erlitt er einen Verkehrsunfall und fiel ins Koma. Nach 9 Monaten im Koma erwachte er, aber sein ganzer Körper blieb gelähmt und er konnte nicht sprechen. Zwei Jahre nach dem Unfall erklärten seine Ärzte ihn für unheilbar. Er betrachtete sich selbst als lebenden Leichnam und konnte keinen Sinn in seinem Leben mehr finden. Er entschloss sich, durch Selbstmord seinem qualvollen Leben ein Ende zu setzen. Aber das konnte er allein nicht in die Tat umsetzen, weil er nur einen Daumen ein bisschen bewegen konnte. Er wurde also mit der Seinsfrage „Sein oder Nichtsein, Leben oder  Tod“ ständig konfrontiert. Er konnte vor 2 Jahren mit Hilfe seiner Mutter seinem qualvollen Leben ein Ende setzen. Bekanntlich hat auch die Ehefrau eines Ex-Bundeskanzlers  Selbstmord begangen, um ihrem qualvollen Leben ein Ende zu setzen.

b. Existenzfrage durch eine seelische Krise
Hamlet hat sich die Frage „Sein oder Nichtsein“ nicht deswegen gestellt, weil er hungerte oder entsetzliche Schmerzen leiden musste, sondern weil er in eine tiefe seelische Krise geraten ist. Seine Welt war in Ordnung, bis der Geist seines gestorbenen Vaters ihm eines Nachts erschien und erzählte, dass er von seinem jüngeren Bruder, dem jetzigen König, vergiftet worden war, und von Hamlet forderte, Rache an dem Mörder zu nehmen. Seit seiner Begegnung mit dem Geist seines gestorbenen Vaters stürzt er in zweifacher Hinsicht in eine schwere seelische Krise.

Erstens: er muss sich entscheiden, ob er Rache am Mörder seines Vaters nehmen und  als Königmörder sterben will oder nicht. Wenn nicht, muss er weiter mit dem Mörder seines Vaters zusammen leben. Dann hätte er stets im Gewissenskonflikt mit seinem nach Rache schreienden Vater leben müssen. Zweitens: angesichts der Tatsache, dass seine Mutter gleich nach dem Tod seines Vaters ausgerechnet den Mörder geheiratet hat, kann Hamlet an ihre Liebe zu seinem Vater nicht mehr glauben. Er sieht in ihr sogar nur noch eine Dirne, die seinem Vater untreu geworden ist. Er schämt sich, dass er von ihr geboren wurde. Und  er sagt zu seiner Geliebten, Ophelia: „Es wäre besser gewesen, wenn meine Mutter mich nicht geboren hätte!“ Seine heile Welt mit seinen Eltern ist plötzlich zusammengebrochen. Mit dem Zusammenbruch und Verlust seiner heilen Welt hat er auch die Heimat seiner Seele und die Wurzel seiner Identität verloren.

In dieser Welt gibt es unzählige Menschen, die in einen so tiefen seelischen Konflikt mit ihren Eltern, Lebenspartnern, Freunden oder auch mit ihren Kollegen, Vorgesetzten und staatlichen Instanzen geraten, dass sie ernsthaft mit der Frage, „Sein oder Nichtsein“ konfrontiert werden wie Hamlet.

II. Gesellschaft und  Seinsfrage
1. Die westliche christliche Gesellschaft

Hamlets seelische Krise, die durch den Verlust seiner heilen Welt ausgelöst wurde, spiegelt die Krise der christlichen abendländischen Gesellschaft, in der Shakespeare lebte und die Tragödie von Hamlet schrieb. Die damalige Gesellschaft verlor allmählich ihre traditionellen Werte und Normen. Denn der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, vom mittelalterlichen Gottesstaat zum Säkularstaat hat damals stattgefunden. Nicht nur die Staatsform, sondern auch das mittelalterliche traditionelle Bild vom Menschen, von der Welt und von Gott veränderte sich sehr tief. Die tiefgreifende Veränderung dieser Epoche hat mit der Bewegung der Renaissance im 14. Jahrhundert zuerst in Italien und dann im ganzen Europa begonnen.

a. Menschenbild:
Erstens: nach dem Menschenbild der Renaissance ist das Zentrum  des Universums nicht mehr Gott, sondern der Mensch. Die Menschen emanzipierten sich mehr und mehr von Gott und dem katholischen Gottesstaat und rückten selbst immer mehr in den Vordergrund. Dementsprechend trat Gott immer weiter in den Hintergrund zurück. Dieses Verschwinden Gottes von der Weltbühne ist besonders durch die kopernikanische Entdeckung des Sonnensystems beschleunigt worden. Denn seit dem Alten Testament glaubten die Juden und Christen, dass das Universum aus drei Teilen, nämlich aus Himmel, Erde und Unterwelt besteht. Die Erde ist im Zentrum. Gott sitzt oben über dem Himmel und direkt darunter befindet sich das Paradies. Dagegen liegt die Hölle in der Unterwelt. Gott regiert von oben über die Menschen und diese Welt. Nach solchem Weltbild konnte man sich damals konkret vorstellen, wo das Paradies liegt, in das man nach dem Tod kommt. Die hoch in den Himmel emporragenden gotischen Türme waren Ausdruck des Wunsches aller Gläubigen, dorthin zu gelangen, wo sich Gott und das Paradies befinden.

b. Gottesbild:
Nach dem Planetensystem, das Kopernikus 20 Jahre vor der Geburt Shakespeares entdeckte, ist das Zentrum des Universums nicht mehr die Erde, sondern die Sonne. Die Erde ist nur einer der Planeten, die sich um die Sonne drehen. In diesem neuen Planetensystem kann man nicht mehr konkret sagen, wo Gott sitzt, und wo das Paradies liegt. Das mittelalterliche Bild von Gott und dem Paradies ist verloren gegangen. Ob Gott und das Paradies überhaupt existieren, ist oft bezweifelt worden. Von daher ist es kein Wunder, dass der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche schließlich erklärt hat: „Gott ist tot.“ Aber kann man ohne Gott leben?

c. Gesellschaft:
Die Politik und Wirtschaft und auch das alltägliche Leben der mittelalterlichen Gesellschaft orientierten sich mehr oder weniger an Gott und am Jenseits. Aber mit dem Zusammenbruch des alten Bildes von Gott, den Menschen und der Welt ist die abendländische Gesellschaft orientierungslos geworden. Was schließlich aus der mittelalterlichen theokratischen Gesellschaft (Gottesstaat) bzw. aus dem christlichen Abendland wurde, ist ein winziger Kirchenstaat „Vatikan“ und eine in allen Lebensbereichen am Lebensgenuss orientierte kapitalistische Konsumgesellschaft. Diese westliche Konsumgesellschaft behält zwar die traditionellen christlichen Werte und Normen, aber die meisten ihrer Bürger interessieren sich heutzutage nicht mehr für das jenseitige Paradies, sondern nur noch für den Genuss des diesseitigen Lebens. Der Mammon (bzw. Kapital-Geld) und die diesseitige Konsumgesellschaft sind Ersatz für Gott und das jenseitige Paradies geworden (Man sagt: „Geld regiert die Welt“).

2. Die islamische Gesellschaft:

In den westlichen kapitalistischen Industrieländern wohnen heutzutage viele Muslime aus der arabischen Welt. Ausgerechnet in Ländern wie England oder den Niederlanden, die versuchten, die Einwanderer in ihre westliche Gesellschaft zu integrieren, gibt es radikale Muslime, die sie durch Terror bedrohen. Sie wollen auch in Europa einen Gottesstaat errichten, wie die Taliban das in Afghanistan versuchten. Auch in Deutschland wollte ein radikaler islamistischer Prediger einen Gottesstaat errichten. Die Hauptursache dafür liegt darin, dass die frommen Muslime sich nicht mit der am Genuss des diesseitigen Lebens orientierten westlichen Konsumgesellschaft identifizieren können. Besonders die radikalen islamistischen Fundamentalisten wie Selbstmordattentäter können sich weder mit der säkularisierten westlichen Konsumgesellschaft noch mit ihren eigenen verwestlichten Heimatländern identifizieren. Deswegen suchen sie die Wurzel ihrer ldentität und die ewige Heimat ihrer Seele im jenseitigen Paradies.
Kurz nach dem Bombenattentat vom 11. März bei Madrid tauchte ein Video dieser Gruppe auf. In dem Video sagt El-Qaidas Militärsprecher für Europa: „Ihr liebt das Leben, und wir lieben den Tod.“ Der Militärsprecher hat insofern Recht, als die Menschen der westlichen (und auch asiatischen) Konsumgesellschaft ihr diesseitiges Leben lieben. Aber lieben die islamistischen Fundamentalisten nur den Tod? Nein! Sie lieben das Leben viel mehr als die Menschen der europäischen oder amerikanischen oder asiatischen Konsumgesellschaft. Nur nicht das diesseitige Leben, sondern das jenseitige Leben im Paradies. Um in das Paradies als Märtyrer eingehen zu können, töten die islamistischen Selbstmordattentäter nicht nur sich selbst, sondern auch viele unschuldige Menschen.

3. Die buddhistische Gesellschaft: das Beispiel Japan

Japan ist ein Land, dessen Kultur nicht nur von der einheimischen Volksreligion „Shintoismus“, sondern auch vom „Buddhismus“ geprägt ist.  Doch die gegenwärtige japanische Gesellschaft ist eine Konsumgesellschaft, die nicht an den Werten und Normen der beiden Hauptreligionen Japans, sondern im Wesentlichen am Genuss des diesseitigen Lebens orientiert ist wie die westliche. In Japan gibt es viele jungen Menschen, die zwar ihren materiellen Wohlstand genießen, aber den Sinn ihrer Existenz nicht finden können. Vor einigen Jahren hat ein 14 jähriger Schüler  zwei Schulkameraden ermordet. Nach seinem Geständnis hat er den Mord begangen, um festzustellen, ob er wirklich existiert. Die Mordgeschichte des japanischen Schülers ist deshalb sehr brisant, weil er andere Menschen so einfach töten kann, um den Sinn seiner eigenen Existenz bzw. die Wurzel seiner eigenen Identität zu finden, wie die Selbstmordattentäter, die unschuldige Menschen einfach töten, um als Märtyrer ins Paradies einzugehen.

4. Die Erde (bzw. die Natur) und die Seinsfrage

Wir sollten nicht vergessen, dass auch die Erde bzw. die Natur nach Sein oder Nichtsein schreit. Denn  schädliche Substanzen wie Treibstoffgase und Abfälle, die die Menschen der ganzen Welt (bzw. verschiedene Fabriken, Autos, bestimmte Hausgräte usw.) ausstoßen oder produzieren, verursachen die Erwärmung der Erde, das Ozonloch und viele Naturkatastrophen (sich häufende tropische Wirbelstürme, heftige Regengüsse mit Überschwemmungen usw.). Seit 1960 ist die Temperatur  der Erde um ca. 0,5 Grad gestiegen. Das ist ein Fakt, den kein Mensch hinwegtäuschen und verneinen kann. Das heißt, in 1000 Jahren wird die Erdtemperatur um 15 Grad steigen. Das werden nicht nur viele Tiere und Pflanzen, sondern auch viele Menschen nicht überleben können. Trotzdem weigern sich die Vereinigten Staaten von Amerika das Kyoto-Protokoll zum Umweltschutz, zu unterschreiben, obwohl die USA  für 25 % des Treibstoffgases verantwortlich sind, das die Industrieländer jährlich ausstoßen.   Die Industrieländer töten unschuldige Menschen nicht direkt wie die Selbstmordattentäter, sondern indirekt, indem sie die Erde vernichten.

5. Die entscheidende Frage nach dem ewigen Grund unserer Existenz

Kurz gesagt, Hamlet bzw. Shakespeare und seine Zeitgenossen mussten sich die Existenzfrage „Sein oder Nichtsein“ deswegen stellen, weil das mittelalterliche Bild von Gott, dem Menschen und der Welt in der Übergangszeit vom Mittelalter zur Neuzeit allmählich verloren ging. Die Frage nach dem Grund der menschlichen Existenz ist eng mit der nach dem wahren, lebendigen Gott verbunden. Mit anderen Worten, der Verlust des mittelalterlichen Bildes von Gott, dem Menschen und der Welt bedeutete für die damaligen Menschen, dass sie auch den Grund ihrer Existenz verloren. Aber das mittelalterliche Bild von Gott, dem Menschen und der Welt als Grund der menschlichen  Existenz ist heutzutage nicht mehr das richtige Mittel, mit dem man die göttliche Wahrheit darstellen kann. Die Vorstellung von der Erde als Zentrum des Universums, das aus den drei Teilen von Himmel, Erde und Unterwelt besteht, und die Vorstellung von Gott, der oben im Himmel sitzt, und vom Paradies, das sich unter seinem Sitz befindet, und so weiter solche Vorstellungen sind heutzutage nicht mehr haltbar. Und an die Stelle solcher zeitbedingten Vorstellungen von Gott und dem Paradies sind der Mammon und die Konsumgesellschaft getreten. Wie ich schon erwähnt habe, sind der Mammon (das Kapital-Geld) und die diesseitige Konsumgesellschaft Ersatz für Gott und das jenseitige Paradies. Wer mit diesem Ersatz nicht zufrieden sein kann, sucht manchmal radikal nach dem Grund seiner Existenz wie ein Selbstmordattentäter oder der oben erwähnte japanische Schüler.
Aber man kann seine Existenz auf Dauer weder auf die zeitbedingte Vorstellung von Gott noch auf den Mammon noch auf den Tod anderer unschuldiger Menschen gründen. Denn solche Sachen sind irdisch und vergänglich. Während der Flutkatastrophe an der Elbe vor einigen Jahren hat ein alter Mann im Fernsehen vor seinem zerstörten Haus gesagt: „Ich habe für mein Haus mein Leben lang gearbeitet. Aber die Flut hat unser Haus über Nacht zerstört.“ „Ein törichter Mann, der sein Haus auf den Sand baut“, verliert sein Haus (bzw. seine Existenz) spätestens beim Sterben endgültig, aber „ein  kluger Mann, der sein Haus auf den Felsen baut“, verliert sein Haus  nicht. Was ist eigentlich der unvergängliche Felsen, auf den wir unsere Existenz bauen können? Das ist die entscheidende Frage in Bezug auf den ewigen Grund unserer Existenz. Auf diese Frage antwortet unser heutiger Predigttext.

Zweiter Teil: Die Gnade Gottes als der ewige Grund unserer Existenz

B. Jesus und die Existenzfrage
I. Jesu Wille und Gottes Wille

Wie steht es mit der Existenzfrage bei Jesus? Musste Jesus sich je einmal nach Sein oder Nichtsein, nach Leben oder Tod fragen? Ja, und zwar im Garten von Gethsemani. Wie wir bei der Schriftlesung gehört haben, steht Jesus da am Scheideweg seines Lebens. Er muss sich entweder für seinen eigenen Willen oder für Gottes Willen entscheiden. Jesu Wille widerspricht offensichtlich dem Willen Gottes. Warum?
Jesus betet zu Gott: ,,Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir!“ Was bedeutet das Wort „Kelch“? Der Kelch bezieht sich auf den Kelch des Zornes Gottes von Jesaja 51,17. Gott will, dass sein Sohn Jesus diesen Kelch trinkt. Dass Jesus den Kelch trinkt, heißt, dass er den Zorn Gottes über die Sünder auf sich nimmt. Das bedeutet für ihn das Nichtsein, nämlich den Kreuzestod. Er möchte dem Weg zum Kreuzestod ausweichen, wenn es möglich ist. Wenn er gewollt hätte, hätte er fliehen können, um von seinen Feinden nicht gekreuzigt zu werden. Oder er hätte die ihm anvertraute göttliche Macht ausüben können, um seine Feinde, nämlich den Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Pharisäer, die ihn umbringen wollten, zu vernichten, das Volk von der römischen Besatzungsmacht zu befreien und den messianischen Gottesstaat auf der Erde herbeizuführen. Aber der irdische Gottesstaat, den David und andere Könige errichtet hatten, ist wegen der Sünden und des Ungehorsams der Israeliten mit dem Babylonischen Exil untergegangen. Gott ist gegen die Errichtung eines solchen irdischen  Gottesstaates.
 
II. Der eigentliche Grund der Qual Jesu in Gethsemani

Jesus weiß, dass er dem Willen Gottes folgen muss. Aber er musste sich so sehr quälen, dass seine Seele zu Tode betrübt wurde, bis er seine Entscheidung treffen konnte, den Weg zum Nichtsein, zum Kreuzestod zu gehen. Aber was hat ihn so sehr gequält? Angst vor den körperlichen Schmerzen durch Folter und Kreuzigung? Oder Angst davor, dass er die Anerkennung und Verehrung, die er unter den Volksmengen erworben hat, wegen des schmachvollen Kreuzestodes als Verbrecher verliert und von den Menschen verhöhnt oder verachtet wird? Nein, das ist nicht der eigentliche Grund, warum seine Seele zu Tode betrübt wird. Natürlich möchte kein Mensch solche Qualen erleiden.
Der eigentliche Grund, warum Jesu Seele zum Tode betrübt wurde, ist erst aus dem letzten Wort seines irdischen Lebens zu erkennen. Er ruft am Kreuz laut „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, bevor er stirbt. Dass er von seinem Gott verlassen wird, bedeutet für ihn, dass er seine seelische, existenzielle Bindung an Gott verliert. Mit anderen Worten, er verliert die ewige Heimat seiner Seele und die Wurzel seiner Identität als Gottes Sohn, weil er sich nicht mit Gott, sondern mit den Sündern identifizieren und als ein verfluchter Sünder am Kreuz sterben muss. Das ist der eigentliche Grund, warum die Seele Jesu zu Tode betrübt wurde.
In Gethsemani trifft Gottes Sohn Jesus die letzte Entscheidung, dem Willen Gottes gehorsam zu folgen und das Nichtsein der Sünder durch den Kreuzestod auf sich zu nehmen, obwohl er wusste, dass er die Heimat seiner Seele bei Gott dadurch verliert. Der Verlust seines ewigen Daseins bei Gott ist die Folge dessen, dass er den Zorn Gottes über die Sünder auf sich genommen und sich mit ihnen identifiziert hat, indem er als verfluchter Sünder und Feind Gottes am Kreuz gestorben und zum Staub, nämlich zum Nichts, zurückgekehrt ist.
Obwohl Jesus seine ewige Heimat bei Gott verliert, geht er den Weg zum Kreuzestod, um aus Liebe zu den Sündern ihr vergängliches Dasein und ihr verfluchtes Schicksal des Todes auf sich zu nehmen und ihnen sein ewiges Dasein, das er bei Gott hatte, zu schenken. Diesen Austausch zwischen dem ewigen Sein und dem vergänglichen Nichtsein nennt Paulus die Gnade Christi. Bei meiner letzten Predigt habe ich 2. Kor 8,9 zitiert. Dort steht: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich war, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ Dass Jesus um unseretwillen arm wird, heißt, dass er für unser Heil unser vergängliches Dasein auf sich nimmt. Dass wir durch seine Armut reich werden, heißt, dass wir das ewige unvergängliche Sein als Gottes Kinder durch seinen Kreuzestod geschenkt bekommen.
 
III. Bekräftigung der Gnade Christi durch seine Auferstehung von den Toten

Aber zwischen dem unvergänglichen Sein des Sohnes Gottes und dem vergänglichen Nichtsein der Sünder, zwischen Leben und Tod gibt es trotz Jesu Liebe zu uns Sündern eine unüberbrückbare, unendliche Kluft und einen qualitativen Unterschied. Die Überbrückung der Kluft ist eigentlich unmöglich. Das heißt, auch der Austausch zwischen dem unvergänglichen und dem vergänglichen Dasein, zwischen Leben und Tod ist unmöglich. Aber das Unmögliche ist möglich geworden, weil Gott den für uns Sünder gekreuzigten Jesus aus dem Staub, nämlich aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen hat. Mit anderen Worten, Gott hat ihn  aus seiner allmächtigen Liebe von den Toten auferweckt. Als konkretes Vorzeichen, dass wir das ewige Dasein des Sohnes Gottes erhalten werden, sendet Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der da ruft: Abba, Vater! Kurz gesagt, die Gnade Christi als Feindesliebe zu uns Sündern ist durch die Gnade Gottes als seine allmächtige Liebe bestätigt und bekräftigt worden. Deshalb sind die Gnade Gottes und  die Gnade Christi untrennbar miteinander verbunden. Und der Friede mit Gott, der die Fülle des Lebens darstellt, wird möglich durch diese Gnade Christi (siehe Röm 5,1ff).


IV. Die Christen in Rom als Empfänger der Gnade Gottes und Christi

Paulus wünscht den Christen in Rom, dass diese Gnade und der Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus mit ihnen ist. Er nennt die Christen in Rom die  Geliebten Gottes, die berufenen Heiligen. Christen sind nach Paulus diejenigen, die in Christus sind. Alle, die Ja zur Gnade Gottes und Christi gesagt haben, sind in Christus. Wer in Christus ist, gehört zu ihm und ist von Gott geliebt. Denn von Gott erhalten sie nicht nur die neue Existenz, sondern auch dieselbe Liebe, die sein Sohn Jesus von Ewigkeit erhielt und jetzt zur Rechten Gottes erhält. Sie sind berufene Heilige. Sie sind von Gott aus dem Nichtsein ins Dasein gerufen worden, um heilig zu sein. Das Wort „heilig“ ist als Beziehungsbegriff benutzt. Das heißt, diejenigen Menschen, die zu Christus gehören, sind heilig, weil er von den Toten (den Nichtseienden) auferweckt und aus der sündigen, vergänglichen Welt befreit worden ist und jetzt bei Gott in der neuen göttlichen, heiligen Welt lebt.
Diese neue, heilige Welt bzw. das neue Paradies, zu dem wir in Christus jetzt schon gehören, existiert nicht irgendwo  in einer Ecke des Weltalls. Wir sollten nicht mehr versuchen, die Existenz Gottes und des Paradieses räumlich und zeitlich zu verstehen wie im Mittelalter. Denn der auferstandene Jesus ist Paulus plötzlich auf dem Weg nach Damaskus erschienen. Das bedeutet, dass er und Gott nicht unter dem Gesetz von Zeit und Raum, sondern in ganz anderer Weise existieren als wir und die Dinge dieser Welt. Der auferstandene lebendige Christus steht direkt vor der Tür unseres Herzens, wie er sagt, „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir“ (ApkJoh 3:20).  Wo wir diesen an die Tür unseres Herzens anklopfenden, lebendigen Christus in unser Herz aufnehmen und mit ihm leben, und wo wir in der Gnade Gottes und Christi und im Frieden mit ihm jeden Tag neu leben, denken, arbeiten und unsere Nächsten lieben, da überall existiert das neue Paradies als die ewige Heimat unserer Seele. Diese Gnade Gottes, die sich als seine allmächtige Liebe erwiesen hat, die den Tod überwinden kann, indem er seinen toten Sohn vom Nichts ins Dasein gerufen hat, ist der unvergängliche, ewige Felsen, auf den wir unsere Existenz gründen können. Denn Gott hat sein Reich und Paradies weder auf eine politische Macht noch auf einen irdischen Gottesstaat, sondern nur auf seine Gnade als seine allmächtige Feindesliebe gegründet.
 
Schlusswort:

Zum Schluss möchte ich ein kleines Beispiel erzählen, durch das wir die Botschaft des heutigen Predigttextes etwas konkreter verstehen könnten. Vor einigen Jahren wurde eine junge Frau schwanger, ihr Freund wollte das Kind nicht haben. Gegen den Willen ihres Freundes hat sie das Kind geboren. Als das Kind etwa zweieinhalb Jahre alt war, begegnete mir das Mädchen und sprach mich an: „Guck mal!“ Ich drehte mich um. Das Mädchen hatte einen schönen bunten Blumentopf mit einer Entenfigur in den Händen. Ich fragte sie: „Von wem?“ „Mama“ sagte sie zu mir mit strahlendem Gesicht. Ihr Gesicht war voll von Freude. Ich konnte sofort verstehen, warum sie mir das Geschenk ihrer Mutter unbedingt zeigen wollte. Sie wollte mich an ihrer Freude teilhaben lassen, und zwar der Freude darüber, dass sie von ihrer Mutter so sehr geliebt ist. Seine gegenwärtige glückliche Existenz verdankt dieses Mädchen seiner Mutter, die sich entschieden hat, es zur Welt zu bringen, wie Paulus der Gnade Gottes (d.h. seiner allmächtigen Liebe) seine ganze Existenz verdankt. Sie wird die Heimat ihrer Seele immer wieder in der Liebe ihrer Mutter finden, die sich ihr von ihrer Geburt an liebevoll zuwendet und ihr Dasein anerkennt und bejaht und immer für sie da ist.
Liebe Gemeinde ! Aus dieser Geschichte über das kleine Mädchen und aus Jesu Gleichnissen über den guten Hirten und den Vater des verlorenen Sohnes können wir jetzt etwas konkreter verstehen, warum Jesus die Entscheidung in Gethsemani getroffen hat, den Weg zum Kreuzestod (zum Nichtsein) zu gehen, nämlich um unser vergängliches Dasein und verfluchtes Schicksal des Todes auf sich zu nehmen und uns sein ewiges Dasein zu schenken. obwohl er die ewige Heimat seiner Seele (seine ewige Bindung an Gott) dadurch verliert (Das ist was Paulus mit der Aussage von 2Kor 8,9 meint: „obwohl er reich war, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet“). Weil der Sohn Gottes, Jesus, uns unbedingt an seiner Freude darüber teilhaben lassen wollte, dass er von seinem Vater so sehr geliebt ist, wie das kleine Mädchen mich unbedingt an seiner Freude teilhaben lassen wollte.  Und um sie an dieser Freude teilhaben zu lassen, hat Jesus die von den frommen Menschen ausgeschlossenen und am Rande der Gesellschaft lebenden verlorenen Menschen wie Zöllner und Sünder gesucht,  damit „mehr Freude auch im Himmel herrschen wird über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“. Jesus sucht jeden verlorenen Sünder, wie Gott Adam suchte, der sich nach seinem Sündenfall versteckte, in dem er ihm zurief: „Wo bist du?“
Heute ebenso wie damals sucht der auferstandene, lebendige Jesus  viele verlorene Menschen wie die von der Gesellschaft abgeschriebenen Kranken, die körperlich oder seelisch behindert oder unheilbar erkrankt sind,  verwahrloste Straßenkinder, nicht mehr gesuchte und gefragte ältere Arbeitslose, von allen Leuten vergessene ganz einsame alte Menschen, Drogensüchtige,  Obdachlose und alle sündigen Menschen, um sie an seiner Freude über die Liebe seines Vaters teilhaben zu lassen.  Wie vor 2000 Jahren sucht der auferstandene Jesus alle Menschen, insbesondere solche verlorenen Menschen. Aber diesmal steht er nicht unter dem Gesetz von Raum und Zeit. Deshalb kann er bei jedem Menschen überall da sein, wo er will, und  an der Tür seines Herzens stehen und anklopfen. 
Und wenn wir ihm die Tür öffnen, kommt er in unser Herz hinein als Geist, der ruft: Abba, Vater! Indem Gott seine Gnade, nämlich seine Liebe in unsere Herzen durch diesen in uns wohnenden Geist Christi jeden Tag neu  ausgießt (siehe Röm 5,5),  bejaht er uns als seine geliebten Kinder und ist immer für uns da, wie jene Mutter ihr kleines Mädchen als ihr geliebtes Kind aufnimmt, bejaht und immer für es da ist. Diese Gnade Gottes und Christi als allmächtige Liebe zu uns, den verlorenen Sündern, ist der ewige Grund unserer Existenz und  die ewige Heimat unserer Seele, Amen!

 
Schriftlesungen:

Altes Testament:
Genesis 3:8-10:
„Als sie Gott, den Herrn, im Garten gegen den Tagwind einherschreiten hörten, versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn, unter den Bäumen des Gartens. Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin,  und versteckte mich.“

Neues Testament:
1) Markusevangelium 14:32-36 :
„Sie kamen zu einem Grundstück, das Gethsemani heißt, und er sagte zu seinen Jüngern: Setzt euch und wartet hier, während ich bete.  33 Und er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst,  34 und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht!  35 Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorübergehe.  36 Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“

2) Lukasevangelium 15:3-7 :
„Da erzählte er ihnen ein Gleichnis und sagte:  4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?  5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,  6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wieder gefunden, das verloren war.  7 Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“

3) Lukasevangelium 15:20-24:
„20Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.  21 Da sagte der Sohn: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.  22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an.  23 Bringt das Mastkalb her, und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.  24 Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden. Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern.”


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