Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Modethema Religion

Aspekte der religiösen Gegenwartskultur – von Ulrich H. J. Körtner

© Christian Schenck

Der weit verbreiteten Rede vom "Megatrend Religion" hält Körtner den "Megatrend Gottvergessenheit" entgegen. Angesichts eines kraftlos gewordenen Begriffs von "Religion", der "spirituelle Erfahrungen" in Natur-, Kunst- und Sporterlebnissen konstatiert, erinnert Körtner Theologie und Kirche an die eigentliche Frage angesichts des "Gewohnheitsatheismus": "Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele ... meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre." (Heidelberger Katechismus Frage 1)

"Glaubt man gewissen Religionssoziologen und Pastoraltheologen, dann liegt Religion voll im Trend unserer Zeit. Im Jargon moderner Trendforscher sprechen sie gar von einem „Megatrend Religion“ bzw. einem „Megatrend Spiritualität“.

Die These von der Säkularisierung Europas scheint passé. Einziger Wermutstropfen: Von der Hausse am Markt der neuen Religiosität konnten die Kirchen bislang nicht recht profitieren. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten an Boden verloren. Die Mitgliederzahlen der großen Konfessionen sind rückläufig, und die Bindung der verbliebenen Kirchenmitglieder hat sich teilweise bedrohlich gelockert. Darunter hat auch der konfessionell verantwortete Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen zu leiden.

Die Botschaft der Trendforscher ist klar: Die Kirchen dürfen den Anschluss an den Megatrend Spiritualität nicht verpassen. Am besten wäre es natürlich, man könnte sich selbst als Trendsetter neu positionieren. Aber das ist leichter gesagt als getan. Der Verdacht, dass die Kirche unter dem Label „Spiritualität“ nur alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen will, ist beim neureligiösen Publikum groß.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will sich jedoch nicht entmutigen lassen. In ihrem 2006 veröffentlichten Strategiepapier „Kirche der Freiheit“, das Perspektiven für das 21. Jahrhundert entwirft, hat sie sich einiges vorgenommen. Die evangelische Kirche will gegen den Trend der negativen demographischen Entwicklung wachsen. Die Chancen dafür stehen angeblich nicht schlecht: „Ein neues, plural geprägtes Interesse für religiöse Fragen bestimmt unsere Gegenwart, das mit dem Stichwort der Wiederkehr der Religion nur grob umrissen ist. Dieses neue religiöse Interesse muss bewusst als ein besonderes Zeitfenster für neue kirchliche Initiativen genutzt werden.“ Man beruft sich auf „Zukunftsforscher“, die von „Respiritualisierung“ als „gesellschaftlichem Megatrend“ sprechen. Und man zählt Fakten auf: So lag das Interesse an religiösen Themen im gesamten Jahr 2005 angeblich höher als in den neunziger Jahren und noch am Beginn des jetzigen Jahrzehnts. 82 Prozent aller westdeutschen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren glauben an Gott, religiöse Erziehung wird in wachsendem Maße für wichtig gehalten, und ein wachsender Anteil der deutschen Bevölkerung glaubt, dass religiöse Fragen auch in Zukunft von Bedeutung sind.

Das ist Weihnachtsgeläut in den Ohren von Kirchenleitungen und Synoden und soll auch an der Basis für Aufbruchstimmung sorgen. Nüchtern betrachtet besteht für die Kirchen jedoch kein Anlass, in Euphorie zu verfallen. Zwar weht der Geist Gottes, wo er will, aber der Megatrend Spiritualität ist eine recht windige Angelegenheit, zum Teil auch von seinen Analysten selbst erzeugte heiße Luft. Manche Trendforscher, Religionssoziologen und Pastoraltheologen beschreiben nicht etwa eindeutig vorhandene Phänomene, sondern erzeugen sie erst durch ihre Deutung. Erkenntnis und Interesse bilden eine manchmal schwer durchschaubare Melange. Wenn man ernsthaft über Realität und Fiktion der Wiederkehr der Religion diskutieren will, muss man zunächst einmal fragen, wer mit welcher Absicht vom Megatrend Religion spricht, und dann die verwendeten Begriffe wie „Religion“ oder „Spiritualität“ unter die Lupe nehmen.

Megatrend Gottvergessenheit
In der Religionsforschung spielt die Semantik eine zentrale Rolle. Was genau Religion ist, weiß niemand so recht zu sagen. Religionswissenschaft und Theologie haben unterschiedliche Definitionen parat, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. So kann der Eindruck entstehen, Religion sei das, was von interessierter Seite zur Religion erklärt wird. Dazu zählen dann auch Phänomene oder Verhaltensweisen, die von den Betroffenen selbst gar nicht als religiös empfunden werden. Religionsforscher aber behaupten, diese Menschen besser zu verstehen als sie sich selbst.

Auf diese Weise bringen es manche Religionssoziologen sogar fertig, eine früher unbekannte „unsichtbare Religion“ (Thomas Luckmann) zu ihrem Forschungsgegenstand zu erklären. Für das Unsichtbare waren ehedem Theologie und Metaphysik zuständig, dann die moderne Physik und heute offenbar die Religionssoziologie. In die Blackbox einer unsichtbaren Religion kann man im Zweifelsfall alles und jedes hineinprojizieren. Man braucht dafür nur die neue Wortschöpfung „religioid“, und schon sind je nach Belieben auch Museumsausstellungen, Marathonläufe und Massentourismus oder Fußballeidenschaft und Popkultur Erscheinungsformen des neureligiösen Megatrends.

Theologie und Kirche sollten sich allerdings fragen, worin eigentlich eine spezifisch theologische und christliche Perspektive auf die religiösen Phänomene und Tendenzen besteht, von denen heute die Rede ist. Der Auftrag der Kirche besteht doch nicht darin, sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen der neuen Spiritualität zu sichern, sondern darin, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen, das immer schon eine enorm religionskritische Kraft entfaltet hat. (...)"
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Der Vortrag war das Eingangsreferat in der Werkstatt Weltanschauungen: „Kommt die Religion oder geht die Religion?“, 31. Deutscher Evangelischer Kirchentag, Köln, 7. Juni 2007.

Zusammenfassung der grundlegenden Gedanken Körtners im weiteren Teil des Vortrags:
Die Verkündigung des Evangeliums in der heutigen Zeit steht so – wie auch schon der Apostel Paulus und Dietrich Bonhoeffer in ihrem jeweiligen Kontext – vor der entscheidenden Frage: „wie man Christus auch den Religionslosen verkündigen kann“ (Körtner, Modethema, 86). Dabei empfiehlt Körtner, anstatt von einem „Megatrend Religion“ von einem „Megatrend Gottvergessenheit“ zu sprechen – in Anbetracht des von Wolf Krötke analysierten massenhaften „Gewohnheitsatheismus“.
Angesichts der öffentlichen Massenkommunikation von kirchlichen Events, in der das Medium dazu tendiere, die Botschaft selbst zu werden, sei es Aufgabe von Theologie und Kirche, „den Entdifferenzierungs- und Verdummungstendenzen der spätindustriellen Gesellschaft entgegenzuwirken“ (Eilert Herms).
In Abgrenzung zu Vertretern eines neuen Kulturprotestantismus und einer neuen natürlichen Theologie, wie Friedrich-Wilhelm Graf und Wilhelm Gräb, die den Religionsbegriff „überdehnen“ und so „jede Bearbeitung der Sinnfrage zur Religion erklären“, sieht Körtner im „Megatrend Religion“ „letztlich die Folge semantischer Politik“ (a.a.O., 88f.). D.h., eine Vielfalt menschlicher Erfahrungen, Bedürfnisse und Haltungen wird als „religiös“ erklärt. Diese Semantik hat zur Folge, die Säkularisierung innerhalb der (kirchlichen) Religion zu übersehen.
Mit dem Heidelberger Katechismus formuliert Körtner, was „eigentlich theologisch auf dem Spiel steht“:
„Es geht nicht um ‚kleine Transzendenzen’, die man im Urlaub oder im Fußballstadium erleben kann, sondern um die Frage, was mein einziger Trost im Leben und im Sterben ist, wie es der reformierte Heidelberger Katechismus (1563) ausdrückt. Und das drängende Problem der Kirchen ist nicht der Mangel an irgendwelcher Spiritualität, sondern die Sprachnot des Glaubens, die sich in einer bisweilen erschreckenden Banalisierung christlicher Glaubensinhalte zeigt, die der Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, mit Recht als Selbstsäkularisierung der Kirche kritisiert. Die Respiritualisierung, die nun als Gegenmittel empfohlen wird, ist in Wahrheit keine Alternative, sondern bloß eine Variante solcher Selbstsäkularisierung, die sich ‚dieser Welt gleich stellt’ (Röm 12,1).“
Körtner plädiert dafür, die „Gotteskrise“ (Johann Baptist Metz) ernst zu nehmen und gleichzeitig die Gottesfrage von der ihr vorangehenden Offenbarung her zu stellen.
Somit können Christen nicht unter Absehung von Christus von Gott sprechen. Von der für den christlichen Glauben entscheidenden Offenbarung des Gottes, der der Gott Israels ist, in Jesus Christus als „Heilsbringer“ gelte es, „neu zu fragen: Was bedeutet Christus für diese Welt, und was heißt es, ein Christ zu sein?“ (a.a.O., 91)
Barbara Schenck

Dr. Ulrich H. J. Körtner ist Univ.-Professor am  Institut für Systematische Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät und am Institut für Ethik und Recht in der Medizin, Universität Wien 

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