Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Die neue Aufmerksamkeit für Religion

Von Reinhard Hempelmann

Die gegenwärtige Religionsforschung konstatiert eine zunehmende Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität in Deutschland. Dabei wird unter dem Stichwort Religion nicht unterschieden zwischen Begeisterung für Okkultismus, Astrologie, Fußball oder gar Jesus Christus. Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) fragt kritisch: Welche Religion kehrt wieder?

Dr. Reinhard Hempelmann, 1953 in Bünde/Westfalen geboren, Pfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen ist seit 1999 Leiter der EZW und Lehrbeauftragter an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Publikationen zu den Themenbereichen: Neue Religiöse Bewegungen, Charismatisch-pentekostales Christentum, Christlicher Fundamentalismus, ökumenische Theologie.

Kurz vor Weihnachten, am 15. Dezember 2007, präsentierte die Bertelsmann Stiftung ihren „Religionsmonitor“. Er beruht auf einer quantitativen Erhebung, bei der 21 000 Menschen aus verschiedenen Weltreligionen und Kontinenten zum Thema Religiosität und Glaube repräsentativ befragt wurden. Im Blick auf Deutschland lautet das Ergebnis des Monitors, dass ca. 70 Prozent der Menschen als „religiös“ eingestuft werden können. Nahezu jeder fünfte Bundesbürger sei ein „hochreligiöser Mensch“. Ein anhaltender Trend zur Säkularisierung breiter Bevölkerungsschichten lasse sich nicht feststellen. Gleichzeitig herrsche in Deutschland eine „sehr bunte Vielfalt an religiösen Einstellungen, Bindungen und Identitäten, die auch zwischen Geschlechtern, Altersgruppen und der geographischen Herkunft große Unterschiede aufweist“.

Mit diesen Ergebnissen unterstreicht der Religionsmonitor gängige Trends gegenwärtiger Religionsforschung. Neben der vielfach erforschten Säkularisierung und Individualisierung der Religion kommt zunehmend das Phänomen ihrer Revitalisierung in den Blick. Fraglos gibt es in unserer Gesellschaft eine neue Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität. Manche sprechen von einer Re-Spiritualisierung und einer Wiederkehr der Religion. Religion kehrt wieder in neuen religiösen Bewegungen, in der Präsenz anderer Religionen, in alternativer christlicher – zum Beispiel charismatischer – Frömmigkeit, in der Spiritualisierung moderner Therapie, in der Ausbreitung japanischer und chinesischer Heilungspraktiken und buddhistischer Meditation, in fundamentalistischen Religionsformen, die den Hintergrund gewaltsamer Konflikte darstellen. Zum Phänomen der Wiederkehr der Religion wird auch die esoterisch geprägte Patchwork-Religiosität gerechnet, die in Sachen Religion aus verschiedenen Quellen schöpft, Rituale aus verschiedenen Traditionen aufgreift, dabei Mythos und Magie rehabilitiert und dem Okkultismus und der Astrologie neue Attraktivität verleiht.

Bereits die Vielfalt der Ausdrucksformen heutiger Religiosität unterstreicht allerdings die Notwendigkeit von Klärungen und Unterscheidungen. Manche Phänomene, die als Indiz für die Wiederkehr der Religion gelten, könnten auch als Hinweis auf eine fortschreitende Säkularisierung interpretiert werden. Heutige Religionsfaszination verkennt manchmal den bindenden Charakter der religiösen Überlieferung und versteht Religionen und Weltanschauungen anders als diese sich selbst verstehen. Zu fragen ist deshalb: Welche Religion kehrt wieder? Welche Formen von Religiosität gewinnen Resonanz und neue Anziehungskraft? Religiosität kann unterdrücken und befreien, verletzen und heilen. Auch der religiöse Mensch kann Gott verfehlen und seine Freiheit verlieren.

Die Ergebnisse der Befragung bestätigen, was andernorts ebenso beobachtet wurde: Auch in einer säkularisierten Kultur sind viele Menschen auf der Suche nach religiöser Erfahrung. Sie sind nicht allein durch Technikfaszination und die neuen Verheißungen von Genforschung und Neurowissenschaften bestimmt. Auch Menschen, die nicht religiös geprägt sind, erheben Einspruch gegen das geheimnisleere Wirklichkeitsverständnis einer vermeintlich durchschaubaren und beherrschbaren Welt und halten die Existenz Gottes für möglich. Die Erfahrungsarmut des Alltags macht empfänglich für die Suche nach dem „ganz Anderen“, für das Geheimnisvolle, von dem man sich erhofft, dass es den Alltag unterbricht und eine weitergehende Perspektive eröffnet. Überrascht darüber, dass „Gott die Deutschen bewegt“ (so die Tageszeitung DIE WELT vom 16.12.2007 in der Kommentierung des Religionsmonitors), waren wohl nur diejenigen, für die feststand, dass Religion in modernen Gesellschaften unausweichlich im Absterben begriffen, dass das Verschwinden der Religion eine natürliche Folge gesellschaftlicher Modernisierung sei. Dass diese Gleichung nicht zutrifft oder zumindest ergänzungsbedürftig ist, kann heute vielfältig beobachtet werden.

Die neue Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität bedeutet gleichwohl nicht, dass sich in Europa neue religiöse Erweckungen ankündigen. Dies kann weder im Blick auf das stilistisch überaus vielfältige Christentum bestätigt werden noch im Blick auf die fraglos zunehmende islamische und buddhistische Präsenz in Deutschland und Europa. In der offiziellen Pressemitteilung zum Religionsmonitor wird darauf verwiesen, dass 28 Prozent der Menschen „keinerlei religiöse Dimensionen“ in ihrer persönlichen Identität aufweisen. Solche Aussagen sind freilich in hohem Maße interpretationsbedürftig. Sie weisen dennoch mit Recht darauf hin, dass zur religiösen Gegenwartslage nicht nur Religionsfaszination, sondern auch Religionsdistanz gehört. Die Zahl der Konfessionslosen hat zu- und nicht abgenommen. Wichtig scheint mir vor allem der Hinweis des Religionsmonitors auf die „bunte Vielfalt an religiösen Einstellungen, Bindungen und Identitäten“ zu sein. Weder die Säkularisierung noch die Wiederkehr der Religion, sondern die Entwicklung in Richtung eines religiösen Pluralismus ist meines Erachtens der charakteristische Vorgang. Der religiöse Wandel in pluralistischen Gesellschaften lässt sich deshalb nicht länger mithilfe eines einzigen Mottos beschreiben. Bezeichnend ist vielmehr die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander gegenläufiger Entwicklungen: Religionsdistanz und Wiederkehr der Religion, Relativierung und Fundamentalisierung religiöser Wahrheit, Individualisierung und neue Gemeinschaftsbildung.

Die neue Aufmerksamkeit für Religion und Religiosität erinnert die Kirchen an die Notwendigkeit ihrer eigenen religiösen Profilierung. Sie sind gefordert, suchende Menschen zu begleiten, unterschiedliche Motive und Gesprächssituationen wahrzunehmen, die hinter den Suchbewegungen stehen, und die eigene spirituelle Kompetenz zu vertiefen. Aus christlicher Sicht hat die Unruhe des menschlichen Herzens, seine Suche nach Gerechtigkeit, Wahrheit und Sinn ihren Grund in der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Das Geschöpf bleibt darauf verwiesen, in das Gespräch mit dem Schöpfer einzutreten. Die Liturgie der Kirche sollte die Sehnsucht der Menschen wahrnehmen, aufgreifen und auf die christlichen Glaubenstraditionen beziehen. Auch wenn der Beitrag heutiger Religionsfaszination für die christliche Identitätsbildung begrenzt bleibt, muss die Sehnsucht, die hinter ihr steht, das kirchliche Handeln zu selbstkritischer Prüfung veranlassen.

Quelle: Materialdienst 2/08 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschaungsfragen (EZW)

Bild: RedVari, „Kontraste II“, CC-Lizenz (BY 2.0), Quelle: www.piqs.de


Reinhard Hempelmann
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