2018 ist Schleiermacher-Jahr

Das Reformationsjubiläum geht weiter

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Im Jahr 2018 ist der 250. Geburtstag Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers. Dass Schleiermacher reformiert war, ist vielen Reformierten gar nicht bewusst.

Im Jahr eins nach dem Reformationsjubiläum – von manchen Reformierten als Lutherfestspiele wahrgenommen – beginnt das von der EKD proklamierte Karl-Barth-Jahr. Wenn wir am 10. Dezember des fünfzigsten Todestages des großen reformierten Theologen gedenken, wird es um Barths bleibende Bedeutung für den theologischen Diskurs und die kirchliche Verkündigung unserer Zeit gehen. Das soll gerade auch an Barths vor einhundert Jahren veröffentlichtem Römerbrief-Buch gezeigt werden. „Karl Barth“, befand Eberhard Jüngel schon vor Jahrzehnten, „hat seiner Zeit viel gegeben. Sie hat zu wenig genommen. Es ist zu vermuten, dass die Zukunft der Theologie Karl Barths […] noch vor uns liegt.“ Wer (noch) orthodoxer gesinnt ist, wird im Herbst die Dordrechter Synode und deren soteriologische Diskussionen feiern (zumal die Historizität des Weseler Konvents 1568 jüngst wieder in Zweifel gezogen wurde und dieses für das reformierte Tafelsilber der presbyterial-synodalen Kirchenordnung wichtige Datum als Festanlass auszufallen droht). Und wer es politischer mag – was unter Reformierten vorzukommen pflegt –, wird Anfang Mai an den zweihundertsten Geburtstag von Karl Marx denken.

Am 21. November ist in diesem Jahr allerdings nicht nur der Buß- und Bettag, sondern auch der 250. Geburtstag Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers. Dass Schleiermacher reformiert war, ist vielen Reformierten gar nicht bewusst – manchen Schleiermacher-Anhängern übrigens auch nicht. Dabei war Schleiermacher ein Vierteljahrhundert (1809-1834) lang reformierter Pfarrer der Dreifaltigkeitsgemeinde in Berlin, wie zuvor schon reformierter Seelsorger an der Charité und Hofprediger im pommerschen Stolp. Dass die epochale Gestalt Schleiermacher bei den Reformierten übel beleumdet ist, hat mit jener anderen gleich epochalen Gestalt zu tun: Karl Barths Auseinandersetzung mit dem „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“. Barth hat Schleiermacher in dessen mit den Namen Ritschl, Troeltsch und Harnack verbundenen Wirkungsgeschichte des späten 19. Jahrhunderts wahrgenommen und ihn als den Ahnherrn der von ihm inkriminierten liberalen Theologie ausgemacht. Barthianer haben diese theologiegeschichtliche Polemik weitergetrieben und in Schleiermacher den Gottseibeiuns der neueren Theologiegeschichte gesehen.

Der Basler dagegen hat dem Berliner seinen (wenn auch gelegentlich grimmigen) Respekt angesichts seiner theologiegeschichtlichen Bedeutung in der Transformation von der Aufklärung zur Romantik nicht versagt, denn Schleiermachers „ist für uns nicht überwunden. Wenn irgendeiner heute mitredet in der protestantischen Theologie, als ob er mitten unter uns stünde, so ist es Schleiermacher. Paulus und die Reformation studiert man, mit den Auge Schleiermachers aber sieht man, und in seinen Bahnen denkt man. Das gilt auch da, wo man den wichtigsten seiner Theologumena oder gar ihrer Gesamtheit kritisch oder ablehnend gegenübersteht.“1 Und berühmt ist sein konziliantes, in der Sache aber klares, pneumatologisch pointiertes hervorhebendes Nachwort zur Schleiermacher-Auswahl von Heinz Bolli.2 Originell ist Barths Zugriff auf das Werk Schleiermachers allemal: In seiner Göttinger Schleiermacher-Vorlesung (1923/24) zeichnet er Schleiermachers Theologie anhand von dessen Predigten nach. Das ist eine wichtige Korrektur einer verengten Schleiermacher-Lektüre, die mit seinen „Reden über die Religion“ (1799), mit den Monologen (1800), bestenfalls noch mit der Glaubenslehre (1821/22) auszukommen meint. Daran hat sich bis in die aktuelle Schleiermacher-Rezeption wenig geändert.3

2018 ist als Schleiermacher-Jahr auch ein reformiertes Ereignis. Die Sommeruniversität des Seminars für Reformierte Theologie an der Universität Münster wird sich im August unter der Leitung von Professorin Anne Käfer mit Schleiermacher befassen. In Berlin hat die Landeskirche eine digitale Schleiermacher-Plattform geschaffen; hier sollen Informationen und Materialien etwa für Gemeindeveranstaltungen eingestellt werden. Daneben wird es wohl – wie schon im Januar mit Micha Brumliks Vortrag zu „Schleiermacher und die Juden“ – kleinere Veranstaltungen geben. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften veranstaltet vom 21.-23. November ein Schleiermacher-Hegel-Symposion. In Halle, dem Ort der ersten Professur Schleiermachers, ist für den 16./17. November eine Tagung geplant, auf der Martin Laube, Professor für reformierte Theologie in Göttingen, den Hauptvortrag halten wird; dazu bieten Workshops Gelegenheit, die aktuelle Schleiermacher-Forschung kennen zu lernen.

Eine erneute reformierte Beschäftigung mit Schleiermacher kann bei ihm als reformiertem Gemeindepfarrer ansetzen. Seinerzeit wurde Schleiermacher zuerst als Pastor wahrgenommen, was schon sein Grabredner Friedrich August Pischon betonte.4 Das entsprach wohl auch seinem Selbstverständnis. Legendär gut besucht waren seine Gottesdienste in der Dreifaltigkeitskirche, seine veröffentlichten Predigten erschienen in so hohen und vielen Auflagen, dass noch heute die Bände antiquarisch überaus billig zu haben sind. Schleiermachers Predigten sind heute in Sammelwerken greifbar und selbstverständlich in der großen Kritischen Gesamtausgabe. Wer diese Predigten liest, wird homiletische Impulse aufnehmen, die auch reformierte Anliegen sind wie etwa die biblische Reihenpredigt, die lectio continua, das Alte Testament, über das Schleiermacher zwar selten predigt, das er aber in seinen Predigten oft heranzieht. Beispielhaft ist auch seine entschiedene Zeitgenossenschaft, was sich besonders in seiner Sprache äußert. Interessant ist sein Verständnis der Predigtperson: In ihr kommt der Glaube der versammelten Gemeinde zu Wort. Seine Autorität und Wirkung verdankt sich ganz seinem Zeugnis, nicht einem „Amt“. Dass nüchterne Reformierte sich an der ausgeprägten Emotionalität dieser Predigten, mit denen sich der Prediger oft selbst zu Tränen rührte,5 stoßen, ist so unvermeidlich wie möglicherweise homiletisch förderlich. Und der (reformierte) Pietismus wird sich an Schleiermachers in den Predigten bezeugter inniger Jesus-Frömmigkeit freuen.

Im Zusammenhang mit Schleiermacher und seiner Rezeption wird noch viel wissenschaftliche Arbeit zu leisten sein. Auf den Emder Tagungen zur Geschichte des reformierten Protestantismus wird bislang wenig zu Schleiermacher vorgetragen. Nur ein Hinweis: Im Dienst der Evangelisch-reformierten Kirche war beispielsweise der Herausgeber von Schleiermachers voluminöser Praktischer Theologie,6 Jacob Frerichs (1802-1870), Pastor in Dykhausen und Neustadtgödens, eine interessante Figur, die einmal eine prosopographische Studie lohnte.

Schleiermacher-Lektüre und relecture könnten dazu führen, dass wir uns des liberalen Teils unserer reformierten Tradition wieder bewusster werden. Gemeinden und ihre Pastor/innen erleben vielleicht die eine oder andere Inspiration in der Beschäftigung mit Schleiermacher. Reformierte Theologie bringt sich damit auch wieder stärker in den aktuell vorherrschenden systematisch-theologischen Diskurs ein. Dass man es bei der Schleiermacherei vor, im und nach dem November auch mit dem Esprit des alten Baslers versuchen kann, braucht kaum gesagt zu werden. Der von uns bald darauf gefeierte Karl Barth jedenfalls würde nach meinem Dafürhalten über uns milde spotten, wenn wir Schleiermacher zu seinem Jubiläum nicht unsere Aufmerksamkeit geben. Die Auseinandersetzung auch mit theologischen Fragwürdigkeiten verhilft ja dazu, eigene theologische Positionen zu klären und zu akzentuieren. Und selbstverständlich werden wir auch die Grenzen der Bedeutung Schleiermachers für unsere heutige im globalen Zusammenhang betriebene Theologie (z.B. mit ihren postkolonialen Diskursen) sehen.

Sollte darüber hinaus noch Gedenkpotenzial vorhanden sein: Am 29. Mai feiern wir ebenfalls den 250. Geburtstag des bedeutenden reformierten Erweckungspredigers Gottfried Menken …

1 Karl Barth, Die Theologie Schleiermachers. Vorlesung Göttingen 1923/24, hg. von Dietrich Ritschl, Karl Barth Gesamtausgabe 11, Zürich 1978, 1.

2 Heinz Bolli (Hg.), Schleiermacher-Auswahl. Mit einem Nachwort von Karl Barth, Gütersloh 1968.

3 Jüngst erschienen ist das von Martin Ohst herausgegebene Schleiermacher-Handbuch, Tübingen 2017. Biographisch ist weiterhin maßgeblich Kurt Nowak, Schleiermacher. Leben, Werk und Wirkung, Göttingen 2001. Eine Einordnung geistesgeschichtliche Kontexte bietet Jan Rohls, Protestantische Theologie der Neuzeit, Band 1: Die Voraussetzungen und das 19. Jahrhundert, Tübingen 1997. Wer es belletristisch mag, greife zu Klaas Huizing, Frau Jette Herz, München 2005.

4 Nowak, Schleiermacher 454. Schleiermacher dezidiert als Gemeindetheologen versteht die Amsterdamer Theologin Heleen Zorgdrager: dies./Theo L. Hettema, Schleiermacher and the Reshaping of Protestantism: Credits for the 21st Century: V. Küster (Hg.), Reshaping Protestantism in a Global Context, Münster 2009, 195-208 und schon ihre Dissertation: Theologie die verschil maakt. Taal en seksedifferentie als sleutels tot Schleiermachers denken, Zoetermeer 2003.

5 Nowak, Schleiermacher 391 mit Anm. 20.

6 Die praktische Theologie nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen. Aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen herausgegeben von Jacob Frerichs, Sämmtliche Werke Abteillung 1, Band 13, Berlin 1850, ND 2010.


Karl Friedrich Ulrichs
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