Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Der Heilige Geist als Geist Jesu Christi

Zur aktuellen Bedeutung der Pneumatologie Karl Barths. Von Wolf Krötke

©Andreas Olbrich

I. Der Heilige Geist und die theologische Aufgabe des Prüfens der Geister
II. Das Werk des Heiligen Geist in der universalen Geschichte Gottes mit der Menschheit
III. Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes

Wolf Krötke, Der Heilige Geist als Geist Jesu Christi. Zur aktuellen Bedeutung der Pneumatologie Karl Barths. Vorlesung am Presbyterian College and Theological seminary in Seoul am 30.10.2007. PDF

I. Der Heilige Geist und die theologische Aufgabe des Prüfens der Geister
Eine christliche Kirche lebt in der Gewissheit, dass sich ihr Dasein in der Welt nicht der Aktivität von Menschen verdankt. Ebenso können die einzelnen Glieder einer christlichen Kirche ihren Glauben an Gott nicht so verstehen, dass er ihren eigenen Fähigkeiten entspringt. Die Kirche wie der Glaube von Menschen sind Gottes Werk. Das bekennen jede Kirche und alle Glaubenden, indem sie sich zum Heiligen Geist bekennen. Der Heilige Geist ist Gott, der wirksam dafür sorgt, dass gestern, heute und morgen die christliche Kirche existiert. Der Heilige Geist ist Gott, der Menschen dazu befähigt, an ihn zu glauben und von ihm zu reden. Der Heilige Geist ist also Gott, der sich in Menschen, wie wir es sind, in der Welt aller übrigen Menschen als lebendig und wirksam erweist.  

Das ist auf der einen Seite etwas ganz Wunderbares und Großartiges. Menschen, die glauben und Glieder der Kirche sind, können in der Gewissheit leben, dass Gott sich mit ihnen verbündet hat. Wie sie leben und was sie tun, kommt nicht aus der verwirrenden Vielfalt menschlicher Ideen und Einfälle, die morgen schon veraltet sind. Es ist von Gott initiiert und von Gott getragen. Es ist ausgerüstet mit „Kraft aus der Höhe“ des Lebens Gottes (vgl. Lk 24, 49), die stärker und ausdauernder ist als alle menschlichen Kräfte. Die christliche Kirche und alle Glaubenden können darum in großer Freiheit leben und in großer Gelassenheit den Weg gehen, auf den Gottes Heiliger Geist sie führt. Sie sind ja nicht letztlich verantwortlich für das, was sie als Geschöpfe des Heiligen Geistes in dieser Welt zu sagen und darzustellen haben. Die Sorge, ob sie in der Welt „erfolgreich“ sein können oder im Vergleich mit anderen Weltanschauungen und Religionen „konkurrenzfähig“ sind, ist ihnen abgenommen. Dafür, dass es sie gibt und dass sie einen Auftrag und Gebote für ihr Leben haben, ist Gott verantwortlich. Im Glauben an den Heiligen Geist und unter beständiger Anrufung des Heiligen Geistes vertrauen alle einzelnen Glaubenden darauf, dass Gott alles richtig gemacht hat und macht, indem er mit seinem Geist gerade sie zum Glauben erweckt und zu Gliedern der Kirche berufen hat.

Auf der anderen Seite ist die Gewissheit, dass der Heilige Geist die Kirche und den Glauben von Menschen gewirkt hat und wirkt, aber auch großen Anfechtungen und vielen Problemen ausgesetzt. Denn wir bleiben, indem wir zur Kirche Jesu Christi gehören und glauben, irrtumsfähige Menschen mit begrenzten Einsichten und daraus folgenden kurzsichtigen Entscheidungen. Uns beeinflussen sehr viele andere Geister aus allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, weltanschaulichen, religiösen oder einfach alltäglichen Lebens unserer Umwelt. Wir vermischen Gottes Heiligen Geist mit diesen menschlichen Geisteskräften, zu denen auch die Kräfte menschlicher Religiosität gehören. Wir bleiben in dem allem Sünderinnen und Sünder, die mit ihrer Gottesferne das Werk des Heiligen Geistes wieder und wieder verzerren oder gar zugrunde zu richten. Wir haben in der deutschen Geschichte ein schreckliches Beispiel dafür, als die sogenannten. „Deutschen Christen“ zu Beginn der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts anfingen, den Heiligen Geist mit dem Geist der deutschen Rasse zu identifizieren. Aber auch sonst kann bis heute gelten: Die große Gewissheit, dass Gott uns zu Christinnen und Christen und damit zu seiner Kirche gemacht hat, ist in dieser Welt immer wieder von der Ungewissheit angefochten, ob es wirklich der Heilige Geist ist, der unser christliches Leben bestimmt.

Warum – werden wir uns zum Beispiel fragen – hat Gottes Heiliger Geist nicht die Kraft, wenigstens die Christinnen und Christen zu einer Gemeinschaft zusammen zu schließen, die sich über ihr Wesen und ihren Auftrag einig ist? Die Christenheit von heute stellt sich als eine zersplitterte Gemeinschaft dar, in der eine Konfessionskirche der anderen bestreitet, wahrhaft aus der Kraft des Heiligen Geistes zu leben. Der römisch-katholische deutsche Papst in Rom hat das leider gerade wieder im Blick auf die protestantischen Kirchen getan. Warum – werden wir weiter fragen – haben sich die christlichen Kirchen in ihrer Geschichte und bis heute von allzu weltlichen Interessen in Anspruch nehmen lassen, die gar nichts mit dem Heiligen Geist der Menschenliebe Gottes zu tun hatten und haben? Warum – das ist die Frage, die mich an dem Ort, an dem ich lebe, vor allem beschäftigt – konnte es dazu kommen, dass im Lande der Reformation der Kirche, also in Deutschland, heute die Menschen massenhaft der Kirche und dem Glauben entfremdet sind? In Ost-Berlin gehören zum Beispiel nur noch 9,1 % der Bevölkerung der Evangelischen Kirche an. Versagt Gottes Heiliger Geist hier oder stehen wir ihm mit unserer Verkündigung und unserem Handeln im Wege statt ihm zu dienen? Woran aber kann man merken, dass der Heilige Geist in Wahrheit das Leben und Handeln einer Kirche leitet?

Das sind Fragen, die zweifellos nach theologischer Rechenschaft darüber rufen, was denn die Merkmale des Wirkens des Heiligen Geistes sind und was eine Kirche zu beachten hat, wenn sie bei ihrem Reden und Handeln ihrem Ursprung im Heiligen Geist treu bleiben will. Gottes Heiligen Geist von den Geistern der Welt zu unterscheiden, die sich immer wieder in der Kirche einnisten, kann geradezu als die Grundaufgabe der christlichen Theologie verstanden werden. Wir müssen „die Geister zu prüfen“ (vgl. I Joh 4,1), wenn wir dem Heiligen Geist treu bleiben wollen. Doch wie soll dieses Prüfen geschehen? In der reformatorischen Tradition der Kirche gibt es darauf eigentlich eine eindeutige Antwort. Wer der Heilige Geist ist und was er wirkt, haben Luther und Calvin gelehrt, kann nur im Zusammenhang mit dem biblischen Zeugnis von Jesus Christus erkannt werden. Denn das spezifische Werk des Heiligen Geistes ist es, den Glauben an Jesus Christus zu wecken. Ohne den Heiligen Geist kommt niemand zum Christus-Glauben. So lautet das Bekenntnis aller reformatorischen Kirchen.

Auf den ersten Blick steht darum nichts im Wege, das christliche Verständnis des Heiligen Geistes auf den kurzen Nenner bringen: „Der Heilige Geist ist der Geist Jesu Christi“.[1] So hat Karl Barth es formuliert. Er hat damit annonciert, in welchem Sinne Jesus Christus das Kriterium ist, von dem her das „Prüfen der Geister“ zu erfolgen hat. Alles, was vom Heiligen Geist zu sagen ist, muss mit dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi, mit seiner ganzen Existenz für uns, zusammen stimmen. Im Heiligen Geist macht Jesus Christus selbst sich bei uns gegenwärtig. Der Heilige Geist, kann Barth deshalb auch sagen, ist die erweckende, belebende und erleuchtende „Macht [...], in der Jesus Christus – sich selbst bezeugt“ (KD IV/1[2], 724) und Menschen zur „aktiven Anteilnahme [...] an Gottes Versöhnungstat“ befreit (KD IV/1, 719). Darum kann das, was wir als Wirken und als unverfügbares „Wehen“ des Heiligen Geistes wahrnehmen, an der Christus-Geschichte geprüft und von der Christus-Geschichte her expliziert werden. Denn in dieser Geschichte hat sich Gottes Heiliger Geist für uns Menschen artikulierbar und verstehbar gemacht. Orientiert sich evangelische Theologie an dieser Geschichte, dann kann sie nach Barth „pneumatische Theologie“ genannt werden, weil sie dann dem „Geist Herrn“ Folge leistet.[3]

Ich will im Folgenden zeigen, worin die wegweisende Bedeutung solcher „pneumatischen Theologie“ für den Glauben und das Leben der Christenheit in unserer heutigen Zeit liegt. Ich will das im Blick auf die angedeuteten Fragen tun, welche die christlichen Kirchen angesichts dessen bewegen, dass so wenig Einigkeit über das Wirken des Heiligen Geistes in den Kirchen vorhanden ist und so viele Fragen in Hinblick auf seine Eindeutigkeit in der Kirche und seine Kraft bei den Nichtglaubenden besteht. Dabei stoßen wir in der theologiegeschichtlichen Situation unserer Zeit allerdings schon gleich zu Beginn auf ein Problem. Es besteht darin, dass die christozentrische Profilierung der Pneumatologie bei Barth von verschiedenen Seiten der Kritik unterliegt. Barths Lehre vom Heiligen Geist als Geist Jesu Christi wird vorgeworfen, der universalen Reichweite und der Vielfalt des Wirkens des Geistes Gottes, wie ihn die Bibel bezeugt, nicht gerecht zu werden. Deshalb haben wir zunächst zu begründen, warum die Christozentrik der Pneumatologie durchaus der biblisch gebotene pneumatologische Ansatz ist, um das Wirken des Heiligen Geistes zu verstehen und es von der Einwirkung anderer Geisteskräfte auf die Kirche und das Leben von Menschen zu unterscheiden.

II. Das Werk des Heiligen Geist in der universalen Gesichte Gottes mit der Menschheit
Karl Barths theologische Definition: „der Heilige Geist ist der Geist Jesu Christi“ zeichnet sich durch eine große Konkretheit aus. Der Heilige Geist ist nicht eine allgemein wirkende „raum- und zeitlose Gottheit“ (vgl. KD IV/4, 13), der es Menschen überlässt, heraus zu bekommen, wer er denn sei. Er ist ein besonderer Geist, der Besonderes, Bestimmtes wirkt, nämlich den Glauben an den Menschen versöhnenden Gott und ein Leben im Geist der Versöhnung. Darum heißt der Geist „heilig“.

Doch die ganze Bibel redet von Gottes Geist zweifellos nicht nur in dieser Konkretion. Darum hat zum Beispiel Wolfhart Pannenberg als Einer unter Vielen gegen Barths pneumatologischen Ansatz eingewandt: Das „Wesen des Gottesgeistes“ geht nicht darin auf, „Ausstrahlung Jesu Christi zu sein“.[4] Der Geist müsse vielmehr als ein göttliches „Kraftfeld“[5] verstanden werden, dessen schöpferischer Kraft sich schon die Schöpfung verdankt.[6] Er hört als Ursprung des Lebens nicht auf, überall in der Schöpfung – auch in der Natur – zu wirken. Auch Jesus Christus ist „Empfänger des Geistes“.[7] Weil sich aber der Geist Gottes mit ihm bei der Auferweckung „untrennbar“ verbunden hat, kann er – von Jesus Christus ausgehend – „eschatologische Gabe“ an die Gemeinde werden, welche die „eschatologische Geistausgießung“ im bei der Vollendung der Welt im Reiche Gottes antizipiert.[8]

Wir lassen jetzt einmal dahin gestellt sein, ob Pannenbergs Theorie eines universalen göttlichen Geistprozesses, der sich von der Schöpfung über Christus und die Kirche bis in Gottes Reich erstreckt, das biblische Verständnisses des Heiligen Geistes richtig trifft.[9] Dennoch ist die Kritik an Barth, sein christologisch-pneumatologischer Ansatz versperre den Zugang zur universalen Wirksamkeit des Geistes Gottes, ernst zu nehmen. Der alte Barth selbst hat sich, nachdem er seine Pneumatologie in der „Kirchlichen Dogmatik“ entfaltet hatte, gefragt, ob er seine Theologie trinitarisch, schöpfungstheologisch, christologisch und soteriologisch nicht viel umfassender als „Theologie des Heiligen Geistes“ hätte entfalten sollen.[10] Das bedeutet, ob es nicht geboten gewesen wäre, die ganze christliche Lehre aus der Perspektive des von Gottes Heiligem Geist in jeder Hinsicht bewegten Menschen, statt „von oben“, aus der Perspektive des uns durch das Zeugnis der Schrift konkret begegnenden Gottes zu entfalten.

Doch man hat zu Unrecht vermutet, dass Barth damit eine Revision seiner Theologie des „Wortes Gottes“ im Auge gehabt hat. Die Frage, ob nicht die ganze Theologie aus der Perspektive des von Gottes Geist bewegten Menschen entfaltet werden könne, ist ihm nämlich nicht erst am Ende seines theologischen Weges im Jahre 1968 eingefallen. Sie war ihm schon 1931 bei seiner Auseinandersetzung mit Friedrich Schleiermachers Theologie des christlich frommen Selbstbewusstseins durchaus bewusst.[11] Doch er hat sich damals wohl überlegt dafür entschieden, sich zuerst an die Konkretion zu halten, in der Gott Menschen durch den Heiligen Geist für die „persönliche Teilnahme an der Offenbarung“, d. h. an Gottes Versöhnungstat in Jesus Christus öffnet (vgl. KD I/1, 475). Denn wo diese Konkretion übersprungen wird, da kommt es nach den Erfahrungen, die Barth mit der Theologie und Kirche seiner Zeit machen musste, „früher oder später“ dazu, dass Gottes Heiliger Geist „in den Geist des religiösen Menschen und von da aus in den menschlichen Geist überhaupt uminterpretiert wird“ (KD I/2, 273). Jesus Christus wird dann wie ein verschlossenes Rätsel zu betrachtet, das sich der menschliche Geist im Bewegtsein von irgendeinem als göttlich empfundenen Geist erschließen muss. Der Heilige Geist wird dann zu einem von Menschen kanalisierten oder von der Kirche in Besitz genommenen Geist verfälscht.[12] Wo das geschieht, ist es nicht verwunderlich, dass die verschiedenen Kirchen sich nicht mehr einig werden können, was denn in Wahrheit das Wirken des Heiligen Geistes ist.

Für Barth war darum zweierlei entscheidend für ein rechtes, biblisches Verständnis des Heiligen Geistes. Erstens: Gottes Heiliger Geist muss in jeder Hinsicht als freier Geist verstanden werden. Theologisch müssen alle „Sätze über die Wirkungen des Heiligen Geistes“ zuerst Sätze sein, „deren Subjekt Gott ist und nicht der Mensch“ ist (KD I/,1, 485). Zweitens: In seiner Freiheit ist der Heilige Geist immer die Durchbrechung und „Unterbrechung“ (KD I/2, 290) aller menschlichen Möglichkeiten; allem voran der Sünde, was für eine Gestalt sie auch haben möge. Das Wirken des Heiligen Geistes ist also von uns Menschen aus gesehen immer ein echtes Wunder (vgl. KD IV/4, 5), auf dessen Ereignen wir nur warten und hoffen können. Wenn es sich aber ereignet, dann macht dieses Wunder den sündigen Menschen frei, aus einem „Feind“ Gottes „ zu seinem Freund, [...] aus einem Ungetreuen zu einem ihm Getreuen zu werden“ (KD IV/4, 6f.), nämlich zu einem aktiven „Partner“ von Gottes Versöhnungstat in Jesus Christus und damit von Gottes Bund mit der Menschheit.[13]

Barth hat mit seiner Lehre vom Heiligen Geist also das Anliegen Schleiermachers durchaus nicht negiert, dass Menschen sich selber in freier menschlicher Selbstbestimmung Gottes Geist zuwenden wollen und sollen. Aber er hat dieses Anliegen im Hören auf das biblische Zeugnis an den ihm zukommenden Ort im Verhältnis von Gott und Mensch gewiesen. Es ist der Ort, den Gott in unserer Welt schafft, und nicht der Mensch. Da aber zeigt sich: Gott ist eindeutig der bessere Anwalt dieses Anliegens als es sündige und selbstsüchtige Menschen sein können. Er macht mit der Kraft seines Heiligen Geistes Menschen wirklich frei, ihm treu zu sein und für ihn in Worten, Werken und Gedanken einzutreten.

Zu dieser Erkenntnis aber können Menschen nur kommen, wenn sie sich dazu von der Mitte des Zeugnisses der Schrift inspirieren lassen. Es ist in aller Verschiedenheit der biblischen Schriften ein Zeugnis, das aus der Perspektive des sich Menschen offenbarenden Gottes gegeben wird. Das bedeutet –  wie Barth ganz richtig gesehen hat –: Es erfolgt aus der Perspektive der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist die göttliche „Kraft“, die uns erschließt und nahe bringt, dass sich im Leben und Sterben Jesu Christi, des Sohnes Gottes, die Versöhnung der Menschheit mit Gott ereignet hat (vgl. KD IV/2, 361). Sie ist das Wunder, von dem aus Gottes Heiliger Geist in die Welt strahlt, indem er die Geschichte des Lebens und Sterbens des Sohnes Gottes als eine jeden Menschen damals und heute persönlich verwandelnde Geschichte gegenwärtig macht. Ohne den Heiligen Geist bliebe und bleibt diese Geschichte so etwas wie ein Fremdkörper im Dasein der Menschheit, wie wir leider immer wieder erfahren. Durch den Heiligen Geist, der uns in das Versöhnungswerk Gottes hinein holt, wird sie zu einer Geschichte unseres Freiwerdens von der Sünde und unserer Zukunft im Reiche Gottes.

Barths Definition des Heiligen Geistes, nämlich dass er der „Geist Jesu Christi“ sei, darf also keineswegs so verstanden werden, dass er eine „Ausstrahlung“ der Geistigkeit des menschgewordenen Sohnes Gottes sei, die etwa in Analogie zur „Ausstrahlung“ der Geistigkeit des Sokrates oder Hegels oder sonst einer bedeutenden Erscheinung in der menschlichen Geschichte verstanden werden kann. „Der heilige Geist ist nicht identisch mit Jesus Christus, mit dem Sohn oder Wort Gottes“ (KD I/1, 473). Er ist als das „Offenbarsein Gottes“ bei uns Menschen unterschieden von der „Offenbarung“, die Jesus Christus ist, und vom „Offenbarer“, den Jesus Christus den „Vater“ genannt hat (vgl. KD I/1, 311ff.). Nach Barths Einsicht erschließt uns der Heilige Geist, indem er uns für Gottes Offenbarung im Sohn öffnet, der vom „Vater“ her kommt, zugleich das eigentliche Geheimnis Gottes. Es besteht darin, dass Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist in sich selbst zur Beziehung fähig, sich füreinander und darum auch für Andere als er selbst öffnender Gott ist.

Wir können hier nicht im Einzelnen nachzeichnen, wie Barth aufgrund dessen das trinitarische Dogma der Kirche interpretiert hat. In unserem Zusammenhang entscheidend ist jedoch wiederum zweierlei. Erstens: Der Heilige Geist des trinitarischen Gottes darf niemals als abstrakter, gegenüber Gott, dem Vater und dem Sohn isolierter Geist verstanden werden. Sein Wesen ist es, die Liebe zu offenbaren, die zwischen dem Vater und dem Sohn schon von Ewigkeit her waltet (vgl. KD I/1, 507). Wo immer er wirkt, wirkt er in Liebe und aus der Liebe, die Gott ist und in der er seinen Geschöpfen begegnet. Zweitens: Der Heilige Geist ist bei allen Werken Gottes mit am Werke. Gott handelt niemals geistlos. Schon wenn Gott, der Vater, als Schöpfer die Welt und die Menschen ins Dasein ruft, geschieht das so, dass der „Schöpfergeist“ die Schöpfung zum Empfang der Liebe und Gnade Gottes bestimmt und fähig macht (vgl. KD III/2, 429). In der Kraft des Heiligen Geistes hat auch Jesus Christus, der Sohn Gottes, gelebt. Er war dank dieser Kraft ebenso fähig, in den Tod zu gehen wie er darauf angewiesen war, von dieser Kraft vom Tode erweckt zu werden (vgl. KD IV/2, 361). Der Heilige Geist ist es darum auch, welcher die Menschheit in der Zeit nach Christus in den Horizont der universalen, eschatologischen „Heilszukunft“ (vgl. KD IV/3, 364) stellt, in der Gott für alle Menschen in Herrlichkeit offenbar sein wird.

Das Mitwirken des Heiligen Geistes der Liebe des trinitarischen Gottes bei allen Werken Gottes schließt es nach Barth aus, dass menschliche Erfahrung dieses Geistes nur eine private, individualistische, kurzfristige Erfahrung sein kann. Wenn der Heilige Geist zu uns kommt, öffnen sich universale Horizonte. Die Kritik, Barths christozentrisches Geistverständnis habe das übersehen, ist unzutreffend. Denn indem uns der Heilige Geist für Christus öffnet, bringt er uns zugleich das innerste, weltbegründende Geheimnis Gottes nahe, das von Ewigkeit zu Ewigkeit ist. Menschen verstehen dann den Sinn der ganzen Schöpfung, der darin besteht, uns Geschöpfen einen Raum des Daseins zu geben, in dem wir Partnerinnen und Partner des Bundes Gottes mit der Menschheit sein können. Die Versöhnung der ganzen Welt mit Gott, die Jesus Christus vollbracht hat, wird dann zu unserem Lebensanliegen. Die Erwartung der universalen Vollendung aller Dinge durch Christus bringt in alles Tun und Handeln von Menschen unter dem Wirken des Heiligen Geistes eine Dynamik, der alle Resignation am elenden Zustand unserer Welt fremd ist.

Ich hebe das mit Nachdruck hervor. Denn Karl Barths nicht glückliche Formulierung, der Heilige Geist sei die „subjektive Realisierung“ der in Christus vollbrachten „objektiven“ Heilstat (KD I/2, ), ist so missverstanden worden, als führe das Werk des Heiligen Geistes Menschen auf die Einbahnstraße der Verwirklichung ihrer subjektiven Möglichkeiten. Die Kritik hat denn auch nicht auf sich warten lassen, dass Barth das Wirken des Heiligen Geistes in seiner Fülle in das Schema eines „Dialoges“ zwischen Gott und dem Menschen zwänge. In diesem Schema, meint Michael Welker, werde Alles, was der Heilige Geist wirkt, bloß auf das wechselseitige Verhältnis von Gott und Mensch reduziert.[14] Demgegenüber zeigt sich bei genauerem Achten auf die Texte Barths, dass er den Heiligen Geist als eine die Subjektivität von Menschen mit dem Feuer der göttlichen Liebe weitenden Geist verstanden hat. Durch das Wirken des Heiligen Geistes werden Menschen an Gottes weltumspannenden Engagement für jedes seiner Geschöpfe beteiligt.

Barths Lehre vom Heiligen Geist steht darum gegen die Individualisierung der Religion, die für westliche Gesellschaften heute leider charakteristisch ist. Darin besteht an erster Stelle ihre aktuelle Bedeutung. Diese Lehre weist die Christenheit darauf hin, dass der Glaube an Jesus Christus keine Privatangelegenheit ist, die es Menschen erlaubt, nur auf ihr eigenes Heil und Wohl bedacht zu sein. „Privater, monadenartiger Glaube ist [...] kein christlicher Glaube“ (KD IV/1, 757). Es gibt in der Orientierung an der in Christus konzentrierten Geschichte Gottes mit der Menschheit „kein legitimes Privatchristentum“ (KD IV/1, 769), aber auch kein legitimes konfessionelles Sonderchristentum. Menschen, welche der Heilige Geist zum Glauben bringt, werden (was immer sie sonst sind) vielmehr zu Repräsentanten des die Welt versöhnenden Gottes. Sie werden zu Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einer Geschichte mit der ganzen Menschheit, die in Gott selbst beginnt, die er in Christus realisiert und zum Ziele führt. Was das nach Barth bedeutet, wollen wir uns nun an einigen zentralen Aussagen Barths über das Leben von Menschen aus der Kraft des Heiligen Geistes verdeutlichen.

III. Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes
Was bei allen Aussagen Karl Barths über das Wirken des Heiligen Geistes ins Auge fällt, ist, dass dieser Geist Menschen mit ihren eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten aktiviert. Es geht, wo der Heilige Geist Menschen am Versöhnungswerk Gottes beteiligt, um das „eigene freie Tun“ (KD IV/4, 20, 25) dieser Menschen, um ihre eigene Entscheidung und „eigene neue Lebensgeschichte“ (KD IV/4, 25). Der Mensch wird hier „nicht ignoriert und übergangen, sondern als eigenständiges Geschöpf Gottes ernst genommen – nicht überrannt und überwältigt, sondern auf seine Füße gestellt – nicht entmündigt, sondern mündig gesprochen und auch als mündig behandelt“ (KD IV/4, 25).

Barth hat sich darum immer wieder gegen ein „magisches“ Verständnis des Wirkens des Heiligen Geistes gewandt. Es geht bei seinem Wirken nicht um die „Einflößung übernatürlicher Kräfte“ (KD IV/1, 5). Seine Kraft kann nicht in „Entrückungs- und Trancezuständen“ (KD I/2, 290) wahrgenommen werden, in denen Menschen gar nicht mehr mit sich identisch sind. Der Heilige Geist schaltet auch die Vernunft nicht aus. Barth konnte sogar sagen:  „Es gibt keinen intimeren Freund des gesunden Menschenverstandes als den Heiligen Geist“ (KD IV/4, 31). Denn er wirkt nicht durch „undefinierbares Flüstern und Raunen“, sondern er nimmt Menschen mit ihren eigenen, geschöpflichen Möglichkeiten und Fähigkeiten „präzis und nüchtern“ in Anspruch (vgl. KD IV/2, 403f.). Als „Geist des Wortes“ (KD I/2, 271) gibt er ihnen die klar artikulierte „Weisung“, was sie in eigener, freier Verantwortung zu tun haben, nämlich in Freiheit als versöhnte Menschen zu leben und Zeugen der Versöhnungstat Gottes mit der Welt zu werden (vgl. KD IV/2, 405-408).

Barth ist sich dessen bewusst gewesen, das die vom Heiligen Geist frei gesetzte, eigene Aktivität der Glaubenden und der Gemeinde im Dienste von Gottes Versöhnungsgeschichte niemals eine vollkommene Aktivität sein kann. Sie ist die Aktivität von begrenzten, für Irrtümer und Fehlentscheidungen anfälligen Menschen. Diese Menschen bedürfen angesichts der versöhnungswidrigen Sünde, die auch ihr Verhalten noch bestimmt, beständig und jeden Tag neu der „Zurechtweisung“ durch den Heiligen Geist (vgl. KD IV/2, 410-414). Sie können auch mit ihrem besten Tun niemals das Reich Gottes verwirklichen. Alles, was sie – befreit vom Heiligen Geist – tun, ist vorläufig. Barth hat die Kirche – die Versammlung der Glaubenden – darum auch als die „vorläufige Darstellung“ der ganzen in Jesus Christus versöhnten Menschenwelt definiert.[15] Sie kommt zwar von der schon geschehenen Versöhnungstat Gottes in Jesus Christus her. Aber sie geht der universalen Parusie Christi am Ende der Zeiten erst entgegen. Alles, was sie und alle einzelnen Glaubenden tun, steht darum unter dem Vorbehalt, dass die Vollendung der versöhnten Menschenwelt Sache von Gottes eschatologischem Handeln ist.

Das aber scheint den aktiven Beitrag zur Versöhnung, den Menschen unter dem Wirken des Heiligen Geistes leisten dürfen und sollen, doch erheblich abzuwerten. Warum wirkt der Heilige Geist auf uns Menschen nicht kräftiger und endgültiger? Warum erfolgt sein spezifisches Werk in der Zwischenzeit zwischen der Auferstehung Jesu Christi und seiner Wiederkunft so vorsichtig, dass es viele Menschen gar nicht erreicht? Warum zwingt Gott die Menschheit also nicht mit einer „einseitigen Machtentscheidung“ zur Versöhnung? hat Barth gefragt (KD IV/1, 822). Gott könnte sich dann doch viel herrlicher als Gott erweisen und müsste nicht riskieren, dass Menschen so unvollkommene und fragwürdige Zeugen der Versöhnung sind. Die Antwort auf diese Frage lautet: Eine solche „brutale Gnade“ (KD IV/1, 824) verträgt sich nicht mit der Menschenfreundlichkeit Gottes. Gott möchte in seiner Liebe zu uns Menschen, dass wir mit unseren geschöpflichen Gaben vor ihm aufblühen und in Freiheit in den Dienst der Versöhnung treten. Darum schaltet er uns nicht aus dem Versöhnungswerk aus. Darum ist er an unserer Antwort auf sein Handeln, an unserem freien Dank und unserem eigenen Beitrag zur Versöhnung zutiefst interessiert.

Um diesen menschlichen Beitrag geht es beim Werk des Heiligen Geistes. Sein sanftes, vorsichtiges Einwirken auf Menschen ist kein Ausdruck der „Schwäche“ Gottes (vgl. KD IV/1, 819). Es ist Ausdruck der ausdauernden Kraft seiner Liebe, in der Gott selbst lieber leidet, als sein Geschöpf wie ein lebloses Ding zu behandeln. So war es schon beim Kreuzestod Jesu Christi, als der Sohn Gottes auf alle himmlische Gewalt verzichtet hat. So ist es auch beim Wirken des Heiligen Geistes, der ein Geist der Liebe ist. In dieser Liebe will Gott „nicht ohne den Menschen, nicht über seinen Kopf weg Versöhner geworden sein und sein Erlöser werden. Er will keine Einsamkeit seines Sohnes, keine Blindheit und Taubheit, keine Unbeteiligtheit der Anderen, für die er gestorben ist. [...] Er will offene Augen und Ohren für das, was in“ Christi „Tod geschehen ist und also für die in der menschlichen Situation eingetretene Wendung [...] vom Tode zum Leben. Er will menschliche Herzen, die diese Wendung erkennen und menschliche Zungen, die sich zu ihr bekennen“ (KD IV/1, 824). Er will, dass die Kunde von der Versöhnung durch Menschen in die Menschenwelt getragen werde und Glauben finde. Er will, dass es zu einer menschlichen „Entsprechung“ zur Gottestat der Versöhnung komme (vgl. ebd.).

In dieser Erkenntnis Barths sind im Grunde alle Antworten enthalten, die sich für die Christenheit heute stellen, wenn sie darunter leidet, dass der Heilige Geist nicht mächtiger in die Gemeinde und in die Welt der Menschen hineinwirkt, die nicht glauben oder im Glauben einer anderen Religion beheimatet sind. Die Kirche und alle einzelnen Christen dürfen sich nach Barth in dieser Situation nicht dazu verführen lassen, das Wirken des Geistes mit irgendwelchen religiösen Künsten manipulieren zu wollen. Sie werden sich vielmehr geduldig wie Gott selbst dem langen Atem seines Geistes anvertrauen, mit dem der liebende Gott Menschen in seinem Dienst auf die Wanderschaft durch diese Welt auf das Ziel des Reiches Gottes hin ausrüstet. „Alle Gaben des Heiligen Geistes [...] sind Ermächtigungen des Volkes Gottes [...] zu dieser Wanderschaft“ (KD IV/2, 498).

Mit welchen Gaben der Heilige Geist das wandernde Gottesvolk versammelt, erbaut und sendet und den Glauben, die Liebe und die Hoffnung die einzelnen Christinnen und Christ weckt und stärkt, hat Barth in seiner Versöhnungslehre breit beschrieben. Ich hebe aus dieser Beschreibung abschließend drei ausgewählte Gesichtspunkte hervor, die mir für das Leben und den Dienst der Gemeinde aus dem Heiligen Geist nach Barth besonders charakteristisch zu sein scheinen.

Erstens: Es ist schon klar geworden, dass der Heilige Geist kein sprachlos machender Geist ist. Er befähigt zum Reden. Christsein und mit eigenen Worten von Jesus Christus Zeugnis geben zu können, war für Barth dasselbe. „Der Christ ist Zeuge“ des Wortes von Christus, d.h. er hat Christus anderen Menschen „bekannt“ und „wahrnehmbar“ zu machen (KD IV/3, 698). Barth hat nicht gelten lassen, dass der Heilige Geist, indem er Menschen verschiedene Gaben verleiht, irgendein Glied der Gemeinde von dieser Aufgabe dispensiert. Weil der Heilige Geist die Weisung zum Reden gibt, kommt es nicht darauf an, ob jemand „sich selbst für dazu befähigt und würdig hält“ (ebd.). Der Heilige Geist macht keinen Unterschied zwischen „qualifizierten“ und „unqualifizierten“ Zeugen. Man kann höchstens sagen: „Qualifiziert und unqualifiziert sind wir“ als Gerechte und Sünder im Zeugendienst Jesu Christi Alle (KD IV/3, 897).

Barth ist darum mit großer Entschiedenheit für das Priestertums aller Glaubenden im Sinne der Verantwortlichkeit Aller für das Zeugnis von Jesus Christus eingetreten (vgl. KD IV/2, 786). Er hat die Aufspaltung der Kirche in eine aktive und eine passive, in eine redende und eine schweigende Kirche, in „Amtsträger“ und „Laien“ scharf kritisiert. Es gibt zwar verschiedene Dienste in der Kirche und die Nötigung zu bestimmten Gliederungen dieser Dienste. Grundsätzlich aber gilt: „In der christlichen Gemeinde sind entweder Alle Amtsträger oder Keiner – wenn aber Alle, dann Alle als Dienstleute“ (KD IV/2, 787). Denn der Heilige Geist gibt jedem das „Amt“, von seiner Sprache Gebrauch zu machen und das Wort von Christus in die Welt hinaus zu tragen. Er ist die Triebkraft der missionarischen Kirche, die mit allen ihren Gliedern zum Dienst des Wortes unter denen, die nicht glauben, ermächtigt und befähigt wird.

Zweitens: Weil der Heilige Geist ein Geist der Liebe zu allen Menschen ist, macht er die echte Zuwendung zu anderen Menschen zu einer Selbstverständlichkeit für jeden Glaubenden und die ganze Gemeinde. Zum Wort des Zeugnisses gehört nach Barth die „Atmosphäre“ der Nächstenliebe, die von denen ausgeht, die dieses Wort sprechen (vgl. KD I/2, 495-499). Wer noch so richtige Worte spricht, aber ansonsten zu erkennen gibt, dass ihm die Menschen, an die er sich wendet, ganz gleichgültig sind, macht dieses Wort geistlos. Der Heilige Geist schenkt Menschen dagegen eine echte Aufgeschlossenheit für die Menschen, denen die Botschaft von Christus gilt. Ihre Solidarität mit diesen Menschen und ihr tiefes, realistisches Wissen um ihre Sorgen und Probleme wird darum ihr Zeugnis durchgehend begleiten. Die Gemeinde in der Kraft des Heiligen Geistes zwängt Menschen nicht in Welt- und Menschenbilder (vgl. KD IV/3, 882). Sie lässt „spürbar“ werden, dass sie die Menschen selbst in ihrem „Glanz“ und für ihre „Misere“ liebt (KD IV/3, 883). Karl Barth hat die Gabe der Solidarität mit den Menschen, die Christus nicht kennen, darum regelrecht als „nota ecclesia“  (als Kennzeichen der Kirche) bezeichnet (KD IV/3, 883). Nach seinem Urteil gilt:  „Wo die Freiheit, die Aufgeschlossenheit, die Universalität, die Güte jenes Wissens um die Welt, wie sie ist, nach außen [...] gar nicht bemerkbar [...] wäre, [...] da dürfte das ein schlimmes [...] Zeichen dafür sein, dass [...] im Umgang der Gemeinde mit ihrem eigenen Existenzgrund etwas Entscheidendes in Unordnung“ ist (KD IV/3, 884).     

Doch es ist nicht nur die „Atmosphäre“ der Liebe und des für Andere „spürbaren“ Wissens um den wirklichen Menschen, in welche der Heilige Geist das christliche Zeugnis einbettet. Weil er der Geist Jesu Christi ist – des Gottessohnes, der sich der unter Armut und Ungerechtigkeit leidenden Menschen angenommen hat – gehört der Einsatz für Gerechtigkeit in dieser Welt zum „Tatzeugnis“ der Gemeinde und aller Christinnen und Christen. Karl Barth war ein Theologe, der das in Zeiten himmelschreienden, menschenmörderischen Unrechts, das Menschen ihren Mitmenschen zufügen können, theologisch und mit seinem eigenen Handeln unter Beweis gestellt hat. Es ist darum nicht nur ein Zufall, dass auf den letzten Seiten seiner „Kirchlichen Dogmatik“, in der posthum veröffentlichten Ethik der Versöhnungslehre, zu lesen steht: Ein Christ wird allen Menschen „Mut machen, sich mit der Weltunart und dem Weltunheil nicht abzufinden“, indem er ihnen mit seinem Einsatz für „menschliche Gerechtigkeit“ auf dieser Erde ein Beispiel bietet.[16]

Drittens: Wenn wir auf das zurück blicken, was der Heilige Geist als Geist Jesu Christi im Verständnis Karl Barths im Leben der Gemeinde und von einzelnen Christinnen und Christen wirkt, dann mag uns angesichts der faktischen Existenz unserer Gemeinden und unser selbst wohl ein Schrecken überfallen. Es ist so viel und es ist so Großes, was der Heilige Geist uns zumutet. Er lehrt uns die Unterscheidung der Geister. Er macht uns zu Repäsentanten einer universalen Perspektive für die Menschheit. Es befähigt uns, Leiden zu ertragen. Er gibt uns Weisungen für unser Reden und Handeln, welche die ganze Welt in eine Welt der Liebe und Gerechtigkeit verwandeln sollen. Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Heilige Geist uns begrenzte Menschen mit all dem einfach überfordert.

Karl Barth aber lag es gänzlich fern, uns das Wirken des Heiligen Geistes wie hartes Gesetz vor Augen zu führen. Er hat aus eigener Erfahrung genug davon gewusst, dass ein solches Gesetz die Christenheit nicht mit dem lebendigen Geist Jesu Christi erfüllt. Darum ist seine ganze Lehre vom wunderbaren, Menschen erneuernden Wirken des Heiligen Geistes nichts weiter als die Einweisung in die „Bitte um den Heiligen Geist“.[17] Nur die betende Gemeinde, nur die betenden Christinnen und Christen, werden in Wort und Tat seine Zeugen sein.


[1] Karl Barth, Dogmatik im Grundriss. Vorlesungen gehalten im Sommersemester 1946 an der Universität Bonn, Zürich 3. Aufl. 1947, 162.
[2] Zitate aus der „Kirchlichen Dogmatik“ werden im Folgenden mit der Abkürzung KD im Text ausgewiesen.
[3] Karl Barth, Einführung in die evangelische Theologie, Zürich 1962, 64f.
[4] Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie, Band III, Göttingen 1993, 18.
[5] A.a.O., 19.
[6] A.a.O., 13.
[7] A.a.O., 17.
[8] Vgl. a.a.O, 19.
[9] Nach Michael Welkers Typologie von Theologien des Heiligen Geistes ist Pannenberg stark der Tradition der „alteuropäischen Metaphysik“ verpflichtet, d.h. dem Bemühen, „in einer unübersichtlich gewordenen, zerrissen erscheinenden Realität“ „ein einheitliches Bezugssystem bereitzustellen“ (Gottes Geist. Theologie des Heiligen Geistes, Neukirchen 1992, 50).
[10] Vgl. Nachwort, in: Heinz Bolli (Hg.), Schleiermacher-Auswahl. Nachwort von Karl Barth, Siebenstern-Taschenbuch 113/114, München/Hamburg 1986, 310-312.
[11] Vgl. Karl Barth, Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, Berlin 31961, 409-412.
[12] Vgl. Karl Barth, Einführung, 65-68.
[13] Vgl. dazu meinen Aufsatz, Gott und Mensch als Partner. Zur Bedeutung einer zentralen Kategorie in Karl Barths Kirchlicher Dogmatik, in: Heidelore Köckert/Wolf Krötke (Hg.) Theologie als Christologie. Zum Leben und Werk Karl Barths. Ein Symposium, Berlin 1988, 106-120; vgl. ZThK Beiheft 6 1986, 158-175.
[14] Vgl. Michael Welker, Gottes Geist, 51f.
[15] Vgl. die Leitsätze in den ekklesiologischen Paragraphen 62, 67, 72 von KD IV/1 – KD IV/3.
[16] Karl Barth, Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4. Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959-1961, Karl Barth Gesamtausgabe II, Zürich 1976, 458-470.
[17] A.a.O., 148. 

Vorlesung am Presbyterian College and Theological seminary in Seoul am 30.10.2007: "Der Heilige Geist als Geist Jesu Christi. Zur aktuellen Bedeutung der Pneumatologie Karl Barths". Mit freundlicher Genehmigung des Autors auf reformiert-info.de.

Quelle: www.wolf-kroetke.de

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