Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Jesaja 54, 7-10

Gottes Zorn als Ausdruck seines Schmerzes. Von Wolf Krötke

Die „neuen Atheisten“ unserer Tage „folgern aus den Erfahrungen der Gottverlassenheit, dass überhaupt kein Gott da ist … Sie betrachten es regelrecht als einen Wahn, wenn Menschen einem Gott vertrauen, der sie so offenkundig auch im Stich lässt“. Das Gotteswort bei Jesaja hält dem entgegen: „Es ist nur ein kleiner Augenblick, … wenn ich dich spüren lasse, wie das ist, von mir verlassen zu sein. Du musst nicht an mir irre werden. Absolut verlassen habe ich dich nie“.

Im Predigttext des heutigen Sonntags spricht zu uns ein Prophet Israels, dessen Namen wir nicht kennen. Was er verkündigt hat, ist in unserer Bibel in das Buch des Propheten Jesaja eingefügt worden. Aber es ist ganz klar, dass er in eine andere Zeit und an einen anderen Ort gehört, als der Mann, der Jesaja hieß. Unser unbekannter Prophet befand sich unter den Tausenden des jüdischen Volkes, welche die Babylonier verschleppt hatten, nachdem Jerusalem von ihnen im Jahre 587 vor Christus zerstört worden war. Er hat erlebt, wie eine Großmacht auch sein Volk zu zerstören versuchte. Er hat aber auch erlebt, wie diese Großmacht zu zerbröckeln begann, so dass Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat unter den Verschleppten aufkeimte. In diese Situation hinein gehören die wunderbaren Gottesworte, die unser unbekannter Prophet seinem Volke zugerufen hat. Wir finden sie im Jesajabuch, Kapitel 54, 7-10. Gott sagt dort:

7  Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
8  Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. 9  Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
10  Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Liebe Gemeinde,
Sie haben es sicher beim Hören dieses Textes gemerkt: Gottesworte wie diese haben es an sich, dass sie uns in ihrer eigentümlichen Kraft sofort über die Situation hinaus führen, in der sie einmal gesprochen wurden. Natürlich bleiben sie auch die Worte, die dem im fremden Lande geknechteten Volk Israel vor langer Zeit Hoffnung auf Freiheit im eigenen Lande gegeben haben. Aber zugleich überspringen sie doch den riesigen Zeitraum von damals und heute. Es ist als rede Gott mit diesen Worten einen jeden von uns ganz persönlich an.

„Es ist nur ein kleiner Augenblick,“ sagen diese Gottesworte uns, „wenn ich dich spüren lasse, wie das ist, von mir verlassen zu sein. Du musst nicht an mir irre werden. Absolut verlassen habe ich dich nie, sondern mich nur ein wenig vor dir verborgen. Aber meine Barmherzigkeit, meine Gnade und mein Frieden für dich sind unerschütterlicher als alles, was auf der Erde als unerschütterlich gilt“.

Gott gibt hier uns also, liebe Gemeinde, durch den Mund eines unbekannten Propheten direkt zu verstehen, was seine göttliche Art und Weise ist, sich auf uns Menschen, auf jeden von uns, einzulassen. Er klärt uns gewissermaßen darüber auf, was wir zu erwarten haben, wenn wir uns auf ihn verlassen. Das aber ist nichts als überwältigend Gutes, welches sich in unserem Prophetenwort am Ende in das Wort Frieden, schalom auf hebräisch, sammelt.

Schalom – das ist das Ende aller Entzweiung, die uns unser Leben auf dieser Erde verdirbt. Schalom – das ist der Frieden mit uns selbst, in dem wir damit einverstanden sein können, wie Gott uns geschaffen hat. Schalom – das ist der Frieden mit den nahen und fernen Menschen neben mir, die keinen Grund mehr haben, sich listig oder brutal an die Gurgel zu gehen. Schalom – das ist der wundergute Einklang unseres Daseins mit dem Geheimnis unseres Lebens, das Gott ist. 

Wer an Gott glaubt, vertraut darauf, dass sich solcher Schalom, solcher Friede, in seinem Leben und im Leben aller Menschen ausbreitet, wie ein warmer Strom, der die harte Eiseskälte zum Schmelzen bringt, in der Menschen sich mit sich selbst, mit ihren Mitmenschen und mit Gott entzweien.

 „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen“ – nicht zufällig ist dieses Gotteswort im Prophetenmund zu einem der in unserer Kirche am Häufigsten verwendeten Gotteszusagen bei Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen geworden. Es ist das Evangelium, die gute Botschaft schlechthin, die einen Menschen von der ersten bis zur letzten Stunde seines Lebens zu tragen vermag. Alles, was unsere Kirche zu verkündigen und darzustellen hat, ist in dieser Botschaft vom Gott des Friedens konzentriert.

Insofern könnte ich eigentlich schon an dieser Stelle das „Amen“ sprechen und damit die Predigt schließen. Mehr und Besseres gibt es von Gott nicht zu sagen, als dass seine Gnade für uns nie mehr weichen und der Bund seines Friedens niemals hinfallen soll. Doch wir müssen aufpassen, dass wir das „Amen“ zu Gottes einzigartigem Versprechen nicht allzu schnell oder gar flott und leichtfertig sprechen.

Dann könnte es uns nämlich passieren, dass uns dieses Versprechen allzu selbstverständlich wird und am Ende nur noch ein schöner Spruch ist; ein Spruch, der Gott nichts kostet und über die Erfahrungen, die wir in unserem Leben mit Gott und den Menschen machen, hinweg rauscht. Doch ein solcher lockerer Spruch ist das Evangelium aus dem Alten Testament ganz gewiss nicht, das uns der unbekannte Prophet verkündet. Wir merken das, wenn wir dieses Evangelium im Zusammenhang des ganzen Prophetenwortes vernehmen. Denn da kommt auf einmal ganz und gar nicht harmonisch Selbstverständliches, sondern auch richtig gehend Erschreckendes mit ins Spiel.

Da bekennt nämlich Gott selbst, dass es eine Zeit gab, in der er sein Volk, in der er uns verlassen hat. Nur einen „Augenblick“ lang sei das gewesen. Aber was beim ewigen Gott ein „Augenblick“ ist, das dauert bei uns in der irdischen Zeit qualvoll lange. Über fünfzig Jahre musste Israel in Babylon ausharren und am eigenen Leibe spüren, wie das ist, wenn Gott sein Volk verlässt. Und diese gottverlassenen Jahre haben sich vermehrt, haben sich hinein gefressen in die Menschenwelt bis in unsere Zeit. Der „Augenblick“, in dem Gott nicht da ist mit dem warmen, kräftigen Strom seines schalom dauert an.

Er dauert an in Israel, das keinen Frieden in der Welt findet. Er dauert an im Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“? Er dauert an in den unzähligen großen und kleinen Geschichten von Gewalt, Unrecht, Elend und Weh in der Welt, in denen der warme Strom von Gottes schalom unter seinen Geschöpfen zu Eis erfroren sein scheint. Uns erschreckt darum, dass der „Augenblick“ in des ewigen Gottes Zeitmaß noch immer nicht zu Ende ist. Uns erschreckt darum auch, dass es laut des Prophetenwortes nicht nur unser Empfinden ist, dass Gott sich zurückgezogen hat, wenn wir Menschen über uns herfallen.

Gott selbst gibt zu, dass es auch zu seiner göttlichen Art und Weise gehört, mit uns so umzugehen, dass er uns verlässt und sein Angesicht vor uns verbirgt. Es ist zwar nur ein Augenblick, aber – wie gesagt – mit unserem irdischen Zeitmaß gemessen ein schrecklich langer Augenblick, in dem Gott sein Volk, die Menschheit, uns alle sich selbst überlässt. Wenn das aber geschieht, ist die Schalom-Zufuhr aus Gott in unserer Welt unterbrochen. Wenn Gott uns wirklich verlässt und sich verbirgt, dann gibt es keine Antwort auf die Frage: „Wo bist Du Gott“? – auf diese Frage, die Menschen herausschreien, wenn sie der Gewalt von Menschen und der Natur, wenn sie Krankheit und Elend ausgeliefert sind.

In unseren Tagen melden sich im Namen dieser Frage die sogenannten „neue Atheisten“, lautstark und giftig in Bestsellern, die „Gotteswahn“ und ähnlich heißen, zu Worte. Sie folgern aus den Erfahrungen der Gottverlassenheit, dass überhaupt kein Gott da ist, der Menschen wirksam und heilsam gegenwärtig werden kann. Sie betrachten es regelrecht als einen Wahn, wenn Menschen einem Gott vertrauen, der sie so offenkundig auch im Stich lässt, ja der ihnen regelrecht Übles tut, indem er sie seinen Zorn spüren lässt. Jene lautstarken Atheisten haben darum so viel wie möglich Bibelstellen aus dem Alten und Neuen Testament zusammengetragen, in denen Gott als ein übler, gewalttätiger Tyrann erscheint, der nach Lust und Laune Menschen vernichtet.

Besonders beliebt ist bei ihnen die Erzählung von der Sintflut, die ja auch in unserem Text vorkommt. Hier wird an diese Geschichte aus Urzeiten erinnert, weil mit ihr Gottes Versprechen verbunden ist, die Menschheit zu erhalten und zu bewahren. In einem nicht anders als widerlich zu nennenden neuatheistischen Kinderbuch, in dem geschildert wird, wie sich ein Ferkel und ein Igel auf die Suche nach Gott machen, aber wird zur Pointe dieser Geschichte, dass Gott alles Leben auf der Erde vernichtet hat. Ferkel und Igel wenden sich darauf hin entsetzt von diesem Gott ab.

Wie primitiv und durchsichtig das nun auch immer gestrickt ist – eines lernen wir jedenfalls aus diesem Schmuddelwerk: Wenn Menschen sich zu Anwälten der Abwesenheit Gottes aufschwingen, dann geht das nicht ohne Verzerrung dessen ab, was den Gott, der in der Bibel bezeugt wird, auszeichnet. Der Augenblick, in dem Gott die Schalom-Zufuhr für uns unterbricht, wird dann zur absoluten Gottesfinsternis umgedeutet. In dieser Finsternis aber schaukeln sich Gotteslästerung und Menschenverachtung gegenseitig hoch. Die Vertreter der Religionen werden in jenem Machwerk als Spiegelbilder des gänzlich verfinsterten Gottes zu dummen, hasserfüllten Schreckensgestalten stilisiert. Besonders schlimm ist das Bild eines jüdischen Rabbis, das direkt den antisemitischen Karikaturen der Nazis entlehnt zu sein scheint.

Aber, so werden wir uns fragen, liebe Gemeinde, gibt Gott selbst zu solcher Lästerung seines Namens und zu solcher Menschenverachtung nicht auch Anlass, wenn er sich für unser Zeitmaß so lange Augenblicke verbirgt? Es sei sein Zorn, der in diesen Augenblicken durchbricht, sagt unser evangelisches Gotteswort aus dem Alten Testament.

Das jedoch ist offenkundig eine sehr menschliche Redeweise unseres unbekannten Propheten von Gott, von der uns wundert, das Gott sich sie sich zu eigen macht. Denn „Zorn“ – das klingt nach unkontrollierter Aufwallung, nach irgendwie maßloser, wütender Reaktion auf das Tun und Verhalten von Jemand, der uns zu nahe tritt, uns Unrecht tut oder uns beleidigt. „Des Menschen Zorn tut niemals gut“, lesen wir an anderer Stelle in der Bibel.

Sollen wir also auch sagen: Auch Gott tut nicht gut, indem sein guter Geist – und sei es auch nur einen göttlichen Augenblick lang – aufwallt ob dessen, was Menschen ihm antun und in seiner Schöpfung anrichten? Denn wenn er sich zurückzieht und die Schalom-Zufuhr unter uns stoppt, dann macht er doch eigentlich alles noch viel schlimmer als es Menschen tun, die sich vor seiner Geisteskraft abgeschottet und eingemauert haben. Dann gibt er doch den Zerstörern des Schalom in den KZs von gestern und heute und den Lästerern seines Namens in widerlichen Kinderbüchern erst recht Raum. Warum erbarmt er sich also nicht gleich seiner ungetreuen Geschöpfe und lässt sie einen viel zu langen Augenblick lang immer wieder durchs tiefe Tal der der Gottverlassenheit gehen?

Die Antwort darauf fällt schwer. Denn uns ist es nicht gegeben, die Gedanken Gottes zu lesen und das Geheimnis seiner Weisheit ohne Rest zu entschlüsseln. Wir können uns nur an das halten, was er uns von sich zu erkennen gegeben hat. Das aber ist an erster und letzter Stelle das Durchwaltetsein seines göttlichen Lebens mit Schalom, das immer wieder in seinem Erbarmen durchbricht, mit dem er den Eiskeller unserer gottfernen Friedlosigkeit auftauen will.

In diesem Frieden des ewigen Gottes aber hat solch blindwütiger Zorn keinen Platz, in dem wir Menschen maßlos und unheilvoll gegeneinander entbrennen. Wenn es Passagen in der Bibel gibt, die diesen Eindruck erwecken, dann korrigiert Gott sie selbst. Wir können das so sagen, liebe Gemeinde, weil wir ihn vor Augen haben, wie er im Leben und Sterben Jesu Christi selber die Situation der Gottverlassenheit von Menschen teilt. Was die Bibel Gottes Zorn nennt, wird dadurch zum Ausdruck des Schmerzes Gottes über den Widerstand, den seine Geschöpfe seinem schalom entgegensetzen. Er thront nicht unberührt von dem Allen in der Höhe. Es berührt, betrifft ihn, stoppt den Friedensstrom aus seinem Leben für einen Augenblick.

Es ist darum nicht allein unser Leid, es ist auch Gottes eigenes Leid, das wir spüren, wenn wir uns von Gott verlassen wähnen und sein schalom uns in unserem Leben verborgen ist. Im Leiden Gottes aber ist im Unterschied zu unserem Leiden eine Perspektive. Er gibt uns mit diesem Leiden zu verstehen, dass er um der Zukunft seines Friedens willen die Situation menschlicher Gottesverlassenheit teilt, um sie von innen aufzulösen. Er fährt nicht mit göttlicher Übermacht dazwischen, um uns wie Marionetten in seinen Bund mit uns zu zwingen.

Denn der allmächtige Gott, der doch alles kann, kann doch eines nicht: von den Wegen seines Friedens zu lassen, auch wenn sie ihm und uns einen viel zu langen Augenblick des Schmerzes über den gebrochenen, geschändeten Bund zumuten. Es ist aber damit noch nicht aller Tage Abend. Denn selbst in diesem Schmerz ist jetzt eine Stimme, die uns den Horizont aufreißt, indem sie zu uns spricht: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer“. Amen.

Predigt in der St. Matthäuskirche Berlin am 2. März 2008

Quelle: www.wolf-kroetke.de

Foto: Daniel Faßbender, „Hügellandschaft Kenia“, CC-Lizenz (BY 2.0); www.piqs.de


Prof. Dr. Wolf Krötke
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Der Glaube an Gott und die Argumente des neuen Atheismus. Von Wolf Krötke

Der "neue Atheismus", im Bestseller "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins einem breiten Publikum bekannt gemacht, trifft in Deutschland, besonders im Osten des Landes, auf den "alten" "Gewohnheitsatheismus". Wolf Krötke, bis 2004 Professor für Systematische Theologie in Berlin, zeigt Missverständnisse und Fragwürdigkeiten des Atheismus und klärt ihn mit dem Evangelium auf, dem Namen der Freiheit.
Predigten von Wolf Krötke

Druckfrisch im März 2008: der neue Sammelband mit Predigten von Wolf Krötke. Inmitten einer vom "Gewohnheitsatheismus" geprägten Gesellschaft schafft Krötke "Sprachräume von Gott", dabei selbst getragen vom biblischen Gott, der "unsere Füße auf weiten Raum" stellt. Bis 2004 lehrte Krötke als Professor für Systematische Theologie an der Humboldt Universität Berlin.
 

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