Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Wie viel Glaube darf es sein?

Religion und Mission in unserer Gesellschaft. Ein neues Buch!

„Wie hältst du es mit der Mission?“ Diese Frage scheint der „Lackmustest“ zu sein für die Einschätzung, welche Rolle Religion in den Diskursen der bundesrepublikanischen Gesellschaft spielt. Ausgehend von dieser Erkenntnis haben die Mitglieder der Theologischen Kommission des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland e.V. (EMW) Aufsätze zusammengestellt, die die Faszination und Abwehr von Religion, die Herausforderung in der Begegnung mit dem Islam und die Rolle von Mission für eine Religion untersuchen.

Berichte aus der Praxis und theoretische Reflexion gehen in diesem Buch Hand in Hand. Die christlichen Autorinnen und Autoren sind ihrer Herkunft nach lutherisch, reformiert, methodistisch oder römisch-katholischen geprägt und alle beruflich mit Theologie und Kirche verbunden. Zur Vielfalt der Beiträge einige Streiflichter:

Der erste Teil des Sammelbandes über „religiöse Diskurse in der Gesellschaft“ beleuchtet den „Faktor Religion“ als politisch erwünschte Zivilreligion, als Begleitungsangebot in Krankenhäusern, als Thema in den Printmedien, als einen Teil der Faszination an der Antike im Kulturbetrieb und als Vergewisserung der eigenen Identität in der Fremde.
Günter Baum
, Gemeindepfarrer in Osnabrück und Beauftragter für Mission und Missionstheologie der Ev.-reformierten Kirche, nimmt die Anfrage des Oberbürgermeisters nach einem interreligiösen Gottesdienst zum Anlass, nach den Erwartungen von Staat und Gesellschaft an die Glaubensgemeinschaften zu fragen. Dabei entdeckt Baum eine typisch zivilreligiöse Aufgabenzuschreibung für Religion, die begleitet wird von einer Warnung vor einem „Zuviel“ an Religion, das als Fundamentalismus oder zumindest Intoleranz gilt. Während Öffentlichkeit und Politik von Glaubensgemeinschaften erwarten, Grundwerte zu vermitteln, in gesellschaftlichen Konflikten Frieden zu stiften und soziale Probleme abzufedern, gehört es zum „zeitgenössischen Grundkonsens“, anzunehmen, dass Religion „in Überdosen“ auch schaden könne.
Und wer denken sollte, das sei typisch „Postmoderne“, wird mit Zitaten des preußischen Königs Friedrich II. daran erinnert: Das Phänomen der Wertschätzung von Religion verbunden mit einer Immunisierung gegen ihre wesentlichen Inhalte und ein Unverständnis für die Bemühungen um Genauigkeit im interreligiösen Gespräch gab es bereits im 18. Jahrhundert.
Was bleibt zu tun? „Vor allem ‚Reden-Über’ oder einem gedrungenen vorschnellen Miteinander soll die Begegnung stehen, die gründliche gegenseitige Information. Menschen anderer Religion und auch Menschen ohne Religionszugehörigkeit sollen Menschen erleben, die die Grundlagen ihrer eigenen Religion verständlich machen können, weil sie sie kennen – und lieben.“ (S. 34)
Der Journalist Edgar S. Haase stellt in seiner Untersuchung von Beiträgen zu Weihnachten in Tageszeitungen, Illustrierten und prominenten Magazinen fest, dass seit 2001 das Schema des „gewaltsamen Kulturkampfes“ die Wahrnehmung von Religion prägt. Den Kirchen täte es Not, die „friedensstiftende Kraft des Evangeliums“ und die Inhalte des christlichen Festes zu kommunizieren.
Walter Klaiber, Bischof i.R. der Ev.-methodistischen Kirche, fragt in seinem Beitrag, was das große Interesse an den Publikationen des Ägyptologen Jan Assmann über das Religionsverständnis im Bildungsbürgertum aussagt. Offensichtlicht fasziniert die existenziale Interpretation des Polytheismus.

Nach der „Begegnung mit dem Islam“ fragt der zweite Teil des Buches. Dabei sind die unterschiedlichen Autorinnen und Autoren sich im Ziel einig: eine Dialogkultur müsse entfaltet werden.
Gerti Nützel, Pfarrerin der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz und Mitinitiatorin des interreligiösen Projektes Sarah-Hagar, beleuchtet in dem methodischen Dreischritt von Sehen – Urteilen – Handeln den Streit um „einen Quadratmeter Islam“, das Kopftuch.
Der kontroversen Frage, ob es im christlichen und muslimischen Glauben um den Glauben an denselben oder einen anderen Gott gehe, wendet sich Dieter Becker zu. Der Professor für Missions- und Religionswissenschaften in Neuendettelsau wirbt dafür, von dem Glauben an denselben Gott auszugehen, der aber verschieden verehrt werde: „Die Erklärung, Muslime und Christen glauben an denselben Gott, ist legitim, weil sie uns hilft, unsere Gotteserfahrung als Christen auch Muslimen gegenüber in angemessener Weise zur Sprache zu bringen.“ (S. 204)

„Perspektiven von Mission heute“ ist der dritte, wegweisende Teil des Buches überschrieben.
An dieser Stelle kommt u.a. katholische Missionstheologie zu Wort. Katja Heidemann, Referentin beim Missionswerk Missio in Aachen, wendet das theologische Denkmodell der Inkulturation, „dass Gottes Geist in allen Menschen und Kulturen wirkt, keine von ihnen als perfekt angesehen und keine Gestalt des christlichen Glaubens absolut gesetzt werden darf“, an auf die Mission in kirchenfremden Milieus. Die Kirche sei herausgefordert, „selbst gestaltendes Element der ihr begegnenden Milieus zu werden, ihre Glaubenserfahrungen mit den Elementen dieses Milieus auszudrücken und sich von den Menschen, zu denen sie gesandt ist, zu Christus führen zu lassen“ (S. 301). Missionare seien so selbst Pilger, die nicht alle Antworten im Voraus wüssten.
Giancarlo Collet, Professor für Missionswissenschaft an der Katholischen Theologischen Fakultät in Münster, plädiert in seinem Beitrag für eine „Mission als Existenzmitteilung“ (Sören Kierkegaard), die die Gute Nachricht im praktischen Lebensvollzug bezeugt.
Sabine Plonz, bis 2007 Referentin im Ev. Missionswerk in Deutschland e.V., geht von aktuellen Diskussionen um Wahrheits- und Toleranzverständnis aus (z.B. Kardinal Ratzinger kontra die Philosophen Jürgen Habermas und Paolo Flores d’Arcais) und entwickelt so ihren eigenen Ansatz einer „religionskritisch befreiten Minimaltheologie“ und „nach-metaphysischen Ethik“, die „vom Leben der anderen ausgeht“. Diese böten einen Rahmen, in dem „politisches Handeln unterschiedlich religiöser und nichtreligiöser Menschen möglich sein könnte“ (S. 350). Dabei erinnert Plonz an Hannah Arendts Beharren auf der „Liebe zur Welt“.
Von den vielen Beiträgen sind nur wenige genannt. Einen weiteren Anreiz zum Lesen bietet das Inhaltsverzeichnis:

Einleitung
Walter Klaiber / Sabine Plonz
I. Religiöse Diskurse in der Gesellschaft
Günter Baum
„Ein bisgen Religion“. Über öffentliche Erwartungen
Cornelia Coenen-Marx
Anknüpfung und Widerspruch. Diakonische Erfahrungen zwischen Sachzwängen und Freiheitsanspruch. Ein Praxisbericht
Edgar S. Haase
„Alle Jahre wieder“ – eine neue Aufmerksamkeit für Religion in Zeitungen und Zeitschriften?
Walter Klaiber
Die Faszination des Polytheismus. Zum Phänomen Jan Assmann
Amélé Adamavi-Aho Ekué
Macht und Verwundbarkeit. Religiöse Motive in politischen und sozialen Diskursen der Moderne
Henning Wrogemann
Religionspolitik und Legitimität religiöser Missionen. Zum Verständnis von Säkularität, Laizität und Zivilgesellschaft anhand ausgewählter Beispiele
II. Begegnungen mit dem Islam
Gerti Nützel
religion auf und in den Köpfen. Impulse des Kopftuchstreits für die Weiterentwicklung der Diskussion über die öffentliche Präsenz von Religion
Dieter Becker
Der Gott der Anderen. Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?
Henning Wrogemann
Pluralismus aushalten. Missionarischer Islam im Kontext der Zivilgesellschaft
Johannes Triebel
Interreligiöse Begegnungen und das christliche Zeugnis
III. Perspektiven von Mission heute
Bernhard Dinkelaker
Wovon reden wir, wenn wir Mission sagen? Diskursanalytische und semantische Annäherungen
Katja Heidemanns
Inkulturation versus Milieuanpassung? Kirche auf der Suche nach ihrer missionarischen Gestalt
Giancarlo Collet
Den Glauben bezeugen. Mission als Existenzmitteilung
Sabine Plonz
Jenseits von Wahrheitsanspruch und Toleranzgebot. Theologische Religionskritik und nachmetaphysische Ethik

Wie viel Glaube darf es sein?
Religion und Mission in unserer Gesellschaft,

hrsg. von Walter Klaiber und Sabine Plonz,
Stuttgart 2008
Gebundene Ausgabe: 358 Seiten
Verlag: Kreuz-Verlag; Auflage: 1 (Januar 2008)
ISBN-10: 378313045X
ISBN-13: 978-3783130454


Barbara Schenck
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