Ist der Biosprit schuld? Oder die steigende Nachfrage aus China? Die Warnungen vor einer Ernährungskrise sind keinesfalls ganz neu.
Die Preise für Nahrungsmittel erreichen auch global immer neue Rekordmarken und bedrohen die Existenz von immer mehr Menschen: Chinas enorme Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten und die Verwendung von Lebensmittel für die Herstellung von Treibstoffen geben der Problematik zusätzlich Zündstoff.
Die explodierenden Lebensmittelpreise stellen nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO eine Bedrohung für Millionen von Menschen – vor allem in den ärmsten Ländern – dar. Für viele Länder sei der Import von Lebensmitteln nicht mehr möglich. Der Aufruf der FAO will eine Unterstützung von Bauern in den ärmsten Ländern der Welt zum Ankauf von Samen und Düngemitteln erreichen. Die FAO fordert aber auch, dass das Thema Biotreibstoffe vor diesem Hintergrund neu diskutiert wird.
Nach Angaben der UN-Organisation sind 37 Länder durch Konflikte und Katastrophen von Hungersnöten bedroht. "Ohne Unterstützung der Bauern in den am schlimmsten betroffenen Staaten, werden die Menschen es nicht schaffen", erklärt FAO-Direktor Jacques Diouf. Der derzeitige Preis für Lebensmittel liegt auf dem höchsten Niveau seit 1990 und ist von 2006 auf 2007 um 25 Prozent gestiegen.
Von Hunger gefährdet sind mehrere Millionen Menschen - vor allem in afrikanischen Staaten, aber auch in Asien wie beispielsweise in Nord-Korea, Afghanistan, Bangladesch, Pakistan, Indonesien und Nepal. In Mittelamerika sind Haiti, die Dominikanische Republik und Nicaragua nach Überschwemmungen betroffen, nach Zerstörungen durch Wirbelstürme auch die Karibikinseln Dominica, St. Lucia und Jamaika.
Zur Erhöhung des Nahrungsmittelpreises haben auch großräumige Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten beigetragen. Chinas Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten und vor allem nach Fleisch haben der Problematik noch Zündstoff gegeben. Zudem ist die moderne Landwirtschaft stark erdölabhängig. Das ist ein Mitgrund dafür, dass die Preise für die Endprodukte deutlich höher liegen als in den Jahren zuvor.
Diouf geht zudem davon aus, dass die steigende Nachfrage nach alternativen Treibstoffen die Nachfrage nach nutzbaren Pflanzen deutlich verstärkt hat.
aus: WELT online, 20.12.2007
aus: n-tv 10.3.2008
Weltbank-Präsident Robert Zoellick zufolge könnten die Preissteigerungen die Erfolge einiger Länder im Kampf gegen die Armut wieder zunichtemachen. Die internationale Gemeinschaft müsse nicht nur Soforthilfe leisten, sondern betroffenen Ländern auch dabei helfen, Lösungen zu finden, um die Auswirkungen der Teuerung auf die Ärmsten zu lindern. Eine Maßnahme könnten etwa Steuererleichterungen sein. Als letztes Mittel kämen auch Direktzahlungen an Arme in Betracht.
Besorgt äußerte sich auch der britische Premierminister Gordon Brown. Der wachsende Hunger weltweit, die steigenden Lebensmittelpreise und die Nachfrage nach Biosprit drohten der Entwicklung in einigen der ärmsten Ländern der Welt einen Rückschlag zu versetzen, erklärte er in einem am heutigen Donnerstag veröffentlichten Brief an die Staats- und Regierungschefs der acht führenden Industriestaaten (G-8). Brown wies auf die Gefahren dieser Entwicklung hin und warb für mehr humanitäre Hilfe für die Hungernden und den Einsatz gentechnisch geänderter Pflanzen.
Die Warnungen kommen schon fast zu spät. Nach Angaben des Welternährungsprogramms kommt es inzwischen in vielen Entwicklungsländern zu gewaltsamen Demonstrationen hungernder Bevölkerungsteile. Proteste werden aus Indonesien und einem halben Dutzend afrikanischer Staaten gemeldet.
Angesichts der hohen Ölpreise steigt der Bedarf an Biokraftstoff Ethanol. Eine Folge ist: Die Getreidesilos der Welt sind nahezu leer. Experten warnen bereits: Die Konflikte der Zukunft finden zwischen Autofahrern und Hungernden statt.
Sprit aus Getreide, für manche eine Hoffnung angesichts sinkender Öl- und Kohlereserven, ist für andere ein Fluch. Neu ist das Problem der sinkenden Getreidevorräte nicht: „Seit Mitte der 90er Jahre nimmt die absolute Zahl der Hungernden weltweit wieder zu, obgleich der Anteil an der Weltbevölkerung zurückgeht. Seit dieser Zeit sinken auch die Weltgetreidereserven“, umreißt Jochen Donner, Politikreferent der Deutschen Welthungerhilfe, das Problem. Derzeit sind weltweit 852 Millionen Menschen unterernährt.
Ernten nicht ausreichend
Für 2007 hat die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) vor einer Abnahme der Getreidevorräte um rund zehn Prozent gewarnt. Rund 2.010 Millionen Tonnen würden zwar 2006 weltweit geerntet – fast ein Rekord. Doch der Bedarf steigt auf rund 2.060 Millionen Tonnen. Als Grund dafür nennen die Experten auch die Nachfrage nach Ethanol.
Das in den USA ansässige „Earth Policy Institute“ hält den Treibstoff für höchst unwirtschaftlich: „Das Getreide, das man zum Füllen eines 80-Liter-Tanks benötigt, kann einen Menschen ein Jahr lang ernähren“, rechnet Institutsleiter Lester Brown vor. Der Bedarf an Ethanol steige angesichts der hohen Ölpreise jährlich. Die USA wandelten 2006 rund 14 Millionen Tonnen Getreide in Treibstoff um.
Steigende Preise
Je mehr Ethanol nachgefragt werde, desto höher würden die Getreidepreise, fürchtet Brown: „Und das ist für die zwei Milliarden ärmsten Menschen der Welt lebensbedrohlich.“ Die Konflikte der Zukunft fänden „zwischen Autofahrern und Hungernden“ statt, warnt er.
Johan Hoffman, Chef von „Ethanol Africa“, sieht das anders. Acht Anlagen zur Ethanol-Herstellung vor allem aus Mais will er in den kommenden Jahren in Südafrika aufbauen. „Afrikaner haben das Potenzial, zu den Arabern der Biotreibstoff-Industrie zu werden“, lautet sein Lieblingssatz. Für Südafrika rechnet er mit 10.000 direkten und indirekten Jobs pro Fabrik und einem Aufschwung für die Agrarwirtschaft, die auf dem internationalen Markt nicht mehr gut mithalten kann. Brasilien hat es bereits vorgemacht: Dort werden jährlich 16 Milliarden Liter Ethanol aus Zucker hergestellt.
Sojabohnen als Alternative
Harro von Blottnitz, Chemieingenieur an der Universität Kapstadt, ist eher skeptisch. Prinzipiell ermöglichten Treibstoffe aus Biomasse Jobs für die ländliche Bevölkerung und mehr Umweltfreundlichkeit. Aber die Praxis der USA, „angeblich überschüssigem Mais“ umzuwandeln, verbrauche fast so viel Energie wie sie herstelle. Blottnitz rät zur Treibstoff-Produktion mit Sojabohnen, deren Reste nach der Verarbeitung für den Konsum in Ethanol umgewandelt werden können - während die Bohnen den Proteinbedarf der Bevölkerung decken.
Auch in Deutschland gibt es eine Debatte um die Energiegewinnung aus Getreide: Das Verbrennen von Weizen, Hafer oder Gerste ist für manche eine willkommene erneuerbare Energiequelle. Andere finden es unmoralisch, wenn Lebensmittel verheizt werden.
aus: WELT online, 5.12.2006
Paris - IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wählte dramatische Worte, um die möglichen Auswirkungen der Krise zu veranschaulichen. "Es besteht die Gefahr von Kriegen, das Schlimmste liegt vielleicht noch vor uns", sagte er dem französischen Radiosender Europe-1. Die Menschen richteten sich in Hungerrevolten gegen ihre Staatsführungen, sie brächten demokratisch gewählte Regierungen zu Fall wie jüngst auf Haiti. "Wenn die Spannungen über die Anzweifelung der Demokratien hinaus steigt, besteht die Gefahr von Kriegen", warnte Strauss-Kahn. "Hunderte Millionen Menschen werden betroffen sein." Ein "echtes Problem" sei neben der steigenden Nachfrage und der Finanzspekulation die Produktion von Biotreibstoff.
In der Geschichte gebe es viele Beispiele für Kriege, die wegen derartiger Probleme begonnen hätten. Die Welt müsse begreifen, dass die Krise extrem schwerwiegend sei. Der IWF-Chef rief zu einer Anhebung der Agrarproduktion auf, um die wachsende Nachfrage insbesondere in China und Indien decken zu können. Zugleich warnte er vor der "Versuchung des Protektionismus" der größten Nahrungsmittelproduzenten.
Eine Lösung liege im Handel. "Ein Ausweg aus der Hungerkrise ist die Ausweitung des internationalen Handels, der Produktströme." Angesichts des wachsenden Bedarfs Chinas und Indiens dürften die Industriestaaten nicht protektionistisch sein. Kurzfristig müsse das Welternährungsprogramm einspringen, während der IWF für eine Umorientierung der Wirtschaftspolitik arbeiten müsse.
Den am stärksten Betroffenen Ländern stellte Strauss-Kahn Hilfe des IWF in Aussicht. Die Organisation überarbeite derzeit ihre Prozeduren, die unzureichend auf die Nahrungsmittelkrise ausgerichtet gewesen seien. "Es ist unsere Aufgabe, den Staaten zu einem ausgeglichenen Außenhandel zu verhelfen."
aus: SPIEGEL online 18.4.2008
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Infos zur Lebensmittelkrise
Eine Linkliste zu dem aktuellen Thema Organisationen, die sich mit Globalisierung und Welthandel beschäftigen, veröffentlichen seit Jahren Warnungen bezüglich einer drohenden Hungerkatastrophe. Zahlen - Daten - Fakten von der Welthungerhilfe, attac, greenpeace ... |
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Weizen darf dem Sprit nicht weichen
Präses Alfred Buß zur weltweiten Ernährungskrise „Wir brauchen Brot für die Welt und nicht Brot für den Ofen”, haben wir als evangelische Landeskirchen in NRW im Dezember 2005 erklärt. „Die Verbrennung von Getreide ist ein skandalöses Zeichen der Ignoranz der Wohlstandsgesellschaften gegenüber den unter wachsender Armut und Unterernährung leidenden Ländern”, hat die westfälische Kirchenleitung im März 2007 festgestellt. Heute bestätigt das die Wirklichkeit auf grausame Weise. |
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Synode fordert Kehrtwende in globaler Ernährungspolitik
Die Evangelisch-reformierte Kirche will sich näher mit den weltweiten Zusammenhängen beschäftigen Auf ihrer Gesamtsynode in Emden appellierten die Kirchenparlamentarier an Verantwortliche in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft alles zu unternehmen, um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden. Die Kirche selbst beauftragte ihren Globalisierungsausschuss mit der näheren Analyse der Zusammenhänge und mit dem Vorschlag von konkreten Maßnahmen, die die Kirche treffen könne. |
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