Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

Die Lehre von der Sünde

Klarstellungen zu einem missverständlichen Glaubensinhalt

Pfr. D. Peter Bukowski, Moderator des Reformierten Bundes und Direktor des Seminars für pastorale Aus- und Fortbildung Wuppertal schreibt über die Sünde - ihre Erkenntnis und ihr Unwesen.

Verlegenheiten
Von der Erkenntnis der Sünde und von ihrem Unwesen

Ergänzungen und Klarstellungen

Verlegenheiten

Mit dem Verständnis von Sünde liegt etwas im Argen. Das zeigt schon der Sprachgebrauch. Landläufig werden mit "Sünde" die kleinen alltäglichen Übertretungen bezeichnet. Wer trotz erhöhter Fettwette zwei Stückchen Sahnekuchen gegessen hat, oder wer ein Pils über den Durst getrunken hat, der sagt von sich, er (oder sie) habe gesündigt. Augenzwinkernd wird das gesagt und so, dass die (Selbst)vergebung gleich mit eingeschlossen ist.
Wenn wir vom Verkehrssünder oder neuerdings auch vom Umweltsünder reden, meinen wir schon etwas Ernsteres. Die Betonung liegt jedoch auf "etwas": Verkehrssünder sind die, die, wenn's denn hart auf hart kommt, in die Flensburger Kartei gelangen. Aber wer etwa betrunken ins Auto steigen und dann einen Menschen überfahren würde, von dem würden wir sagen: "Er hat ein Verbrechen begangen". In diesem Fall empfänden die meisten von uns das Wort Verkehrssünder als zu schwach.
Kurzum, im allgemeinen Sprachgebrauch meint Sünde etwas eher Harmloses, und ein Karnevalslied hat die entsprechende Theologie dazu geliefert: "Wir sind alle kleine Sünderlein, `s war immer so, `s war immer so, der Herrgott wird es uns gewiss verzeihn, `s war immer, immer so."
Nein, es war nicht immer so. Diesen locker-flockigen, im Grunde aber frivolen Umgang mit Sünde hat es nicht immer gegeben. In Römer 7, wo der Apostel Paulus über das Leben unter dem Gesetz der Sünde schreibt, gipfeln seine abgründigen Ausführungen in dem Aufschrei: "Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?" (V. 24). Wenn der Heidelberger Katechismus (HK) in Frage 60 bekennt, wir seien Menschen, die "schwer gesündigt" haben und "noch immerdar zu allem Bösen geneigt" sind, dann meint er wahrlich keine augenzwinkernd hinzunehmenden Kavaliersdelikte; dann redet er von der Untiefe unseres Wesens: Wir sind vom Bösen "angestiftete" (Fr. 9), "vergiftete" Wesen (Fr. 7), Menschen, die geneigt sind - was denn? - Gott und den Nächsten zu hassen (Fr. 5). Und wenn wir nicht ganz blind und abgestumpft sind für das, was in unserer Welt geschieht, werden wir zugeben müssen: diese "alten" Aussagen sind alles andere als miesepeterige Übertreibungen. Sie sind aufs ganze gesehen näher an der Realität als das im heutigen Sprachgebrauch transportierte Bild vom Sünder als liebenswertem Schlingel.

Die Sünde - keine harmlose Peinlichkeit
Was die Sache für uns als Christenmenschen peinlich und, wie sich noch zeigen wird, bedrohlich macht, ist dies: Die Verharmlosung und damit der Bedeutungsverlust des Wortes Sünde, der sich im alltäglichen Sprachgebrauch zeigt, ist nur ein Niederschlag bzw. ein Spiegelbild der Tatsache, dass im kirchlichen Leben selbst, zumal in der Verkündigung, das christliche Verständnis der Sünde weithin verlottert, heruntergekommen, der Harmlosigkeit preisgegeben ist. Ich teile einige m.E. symptomatischen Beobachtungen mit:
In einem Gebet ("Offene Schuld") wird Gott unter anderem um Vergebung "für unsere Begrenzungen" gebeten, und des öfteren erlebe ich, dass "Begrenzungen" (oder auch "Grenzen") in einer Reihe mit Sünde und Schuld auftauchen -als ob es im Grunde um ein und dieselbe Sache ginge. Aber das ist theologisch falsch. Grenzen, Begrenzungen gehören schließlich zu unserer geschöpflichen Art. Wir sind als Menschen "etwas und nicht alles" (Pascal). Das ist gut so, auch wenn wir unserer Grenzen manchmal schmerzhaft bewusst werden. Aber unsere natürlichen Grenzen - das ist etwas völlig anderes, als unsere Sünde. Sünde ist das ganz und gar Widernatürliche, vom Schöpfer Nicht-Gewollte. Natürliche Grenzen wollen angenommen, die Sünde muss bekämpft werden! Wenn es hier zu Verwechslungen kommt, lacht sich – bildlich gesprochen –der Teufel in's Fäustchen; dann hat er sein Ziel erreicht, sein Teufelswerk zu tarnen als etwas zum Menschsein nun einmal Dazugehöriges. Gewiss ist es nicht beabsichtigt, aber wer Sünde mit menschlicher Begrenztheit in eins setzt, der verharmlost sie, der schwenkt ein in die oben zitierte Willi-Millowitsch-Hamartiologie.
Erlebe ich solcherart Verharmlosung eher bei den jüngeren TheologInnen (keineswegs ausschließlich bei ihnen), so bei den Älteren (auch hier nicht ausschließlich) die Verwechslung von Sünde mit Unmoral. Gewiss, die Macht der Sünde wird uns immer auch zu Taten anstiften, die man, gemessen am gerade geltenden Maßstab von Gut und Böse, als unmoralisch bezeichnen kann. Aber schon die gewisse Beliebigkeit, die sich in der Unterschiedlichkeit der Moralen manifestiert, sollte uns zu denken geben. Es spricht ja nicht eben für ein klares und kräftiges Sündenbewusstsein in der Kirche, wenn die einen mit Hingabe unter die Bettdecke, die anderen ins Portemonnaie und dritte in die (hoffentlich verschiedenen!) Mülltonnen blicken - wobei in der Regel allen gemeinsam ist, dass die jeweils andere Bettdecke, das fremde Portemonnaie, die nachbarliche Mülltonne beäugt werden! Und dass die einen durch ein Teleobjektiv blickend notorisch die individuellen Sünden festhalten, und die anderen genau entgegen gesetzt auf die weltwinklige Perspektive der Gesellschaft sich kaprizieren - auch das hinterlässt den Eindruck von Beliebigkeit, als sei die Rede von der Sünde "Ansichtssache"!
Was aber viel wichtiger ist: Dem Unwesen der Sünde, ihrer Gefährlichkeit und ihrer destruktiven Macht ist die moralisierende Sicht- und Redeweise nicht von ferne auf der Spur. Das belegen solche Predigten, die nach dem Aufzeigen des moralisch "Falschen" in die Aufforderung münden, fortan das "Richtige" zu tun. Als wäre das so einfach! "Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich" (Römer 7, 19), klagt Paulus. Von Sünde muss ich befreit, gerettet werden, da hilft kein Sich-Zusammenreißen, kein Die-Ärmel-Hochkrempeln. Und deshalb genügt es auch nicht, dass die Predigenden schwerpunktmäßig davon reden, was auf der Welt, in der Gesellschaft oder im privaten Leben nicht gut ist, um dann mitzuteilen, was wir durch unser Tun ändern sollen -auch das ist Verharmlosung der Sünde; ganz zu schweigen davon, dass (wie wir noch sehen werden) die Sünde gerade auch in unseren guten, in unseren besten Werken ihr Unwesen treiben kann.
Ich glaube übrigens, dass die Moralisierung der Sünde seitens der Kirche den christlichen Glauben in schweren Misskredit gebracht hat. Denn eine Sündenlehre, die sich in Moral erschöpft, ist am Ende nichts anderes, als fromme Ideologie, als die religiöse Sanktionierung der jeweils herrschenden Maßstäbe. So gesehen hat der Protest jener französischen Schauspielerin meine volle Sympathie, die einmal aufgestöhnt hat: "Alles was Spaß macht, macht dick oder ist Sünde."
Es wäre jetzt reizvoll zu zeigen, wie die jeweilige Verlegenheit im Sündenverständnis sofort auch Verkürzungen und Verdrehungen im Gnadenverständnis mit sich bringt. Im Rahmen meiner Fragestellung muss ich mich mit folgenden Hinweisen begnügen:
Wer Sünde mit Unmoral verwechselt, wird das Evangelium mit dem "Gesetz" vertauschen. Wer Sünde mit natürlicher Begrenzung verwechselt, wird Gnade mit folgenlosem Für-ok-Befinden verwechseln: "Gott nimmt uns an, so wie wir sind" - eine verführerische Halbwahrheit, verführerisch, weil sie verschweigt, dass Gott ein Freund des Sünders, aber nicht der Sünde ist. Der Gott, der uns annimmt, wie wir sind, lässt uns nicht, wie wir sind. Das Versöhnungswerk Gottes ist keine Versöhnung mit der Sünde. Vergebung ist etwas anderes als unverbindliches Gehenlassen, denn Gott sei Dank ist der Mensch ein Wesen, an dem Gott baut.
Wie nun entgehen wir einer Verharmlosung der Sünde? Wie können wir etwas über sie erfahren, ohne immer schon in ihren Fängen und also von ihr durcheinandergebracht zu sein?

Von der Erkenntnis der Sünde und von ihrem Unwesen

Die Frage, wie die Sünde zu erkennen ist und worin sie im Kern besteht, hängen unlöslich zusammen. Der einzig klare und sichere Erkenntnisgrund der Sünde ist Gott in seiner Selbstoffenbarung. In Gottes rettender Hinwendung zu uns Menschenkindern erkennen wir, woraus wir gerettet sind: aus unserer selbstgewählten Gottesfremde, aus unserer schuldhaften Selbstabtrennung von der Quelle des Lebens. Sünde, das ist des Menschen Abkehr von Gott; noch kürzer: Sünde ist Unglaube. Dies gilt es jetzt zu entfalten:
Die Heilige Schrift bezeugt den Gott, der mit uns Menschen im Bunde steht. In der Erwählung seines Volkes Israel zum Segen für alle Völker und in der Sendung des Sohnes offenbart er seine schöpferische Liebe und bewährt er seine Bundestreue. Und eben in der Begegnung mit Ihm, der nicht müde wird, unsere Nähe zu suchen, wird offenbar, wer wir sind. Als Petrus in der Begegnung mit Jesus die Fülle des Segens erfährt, da "fiel er Jesus zu Knien und sprach: ‚Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch‘" (Lukas 5,8). Ein sündiger, das heißt ein von Dir, Gott, abgespaltener, ein in der Sorge um sich selbst verschlossener, ein gottesvergessener Mensch. Das ist der Kern, das ist das Wesen, oder sagen wir besser das Unwesen der Sünde, dass der Mensch, dass jeder Mensch immer wieder, statt im Vertrauen auf Gott lebend, in Sorge um sich selbst verzehrt wird. Der Sünder, das ist der Gottesvergessene, der Gott nicht glaubende und darum der vom Misstrauen "infizierte" Mensch.
Davon erzählt die Sündenfallgeschichte in Bildern von unheimlicher Wucht. Ich kann nur weniges in Erinnerung rufen: Die Geschichte von Adam und Eva im Paradies zeigt uns das Leben der Menschen, wie Gott es gedacht und gewollt und woraufhin er es geschaffen hat. Sie leben in seiner Nähe und sind gehalten von seiner Fürsorge. Doch dann kommt es zu jenem verhängnisvollen Zwiegespräch, in dessen Verlauf das geschieht, was sich in tausend und abertausend Variationen immer und immer wieder ereignen wird: dass ein Menschenkind der Güte seines Gottes nicht mehr gewiss ist, obwohl doch alles dafür spricht, dass es gewiss sein könnte. Aber auf einmal nagt da ein Zweifel: Ob der Himmlische Vater wirklich weiß, was wir brauchen? Ob er es denn wirklich gut mit mir meint? Oder ob er vielleicht mein Feind ist? Und ob ich dann nicht vielleicht besser beraten bin, mein Leben auf andere Weise, vielleicht ohne, vielleicht sogar gegen ihn zu sichern?
Wir merken, wie oft jetzt das Wort "Ich" vorkam. Aber so geht es dem Menschen, der aus dem kindlichen Vertrauen auf Gott erst einmal herauszufallen beginnt. Er fängt an, um sich selbst zu kreisen, gefangen im Selbstgespräch, gehalten im Bannkreis der Angst.
Im Fortgang der Geschichte wird in erschreckender Weise plastisch, wie die Saat des Misstrauens in unheimlichem Tempo und mit Macht eine eigene Dynamik entfaltet, einen Strudel von Haltlosigkeit in Gang setzt, dessen Zugriff auf die Menschen immer unausweichlicher wird (2). Der Mensch braucht ja weiterhin das, was er bei Gott nicht mehr zu finden vermag: Sicherheit, einen Grund, der trägt, Ermutigung in Gestalt der liebevollen Bestätigung, auf dieser Welt gewollt zu sein. Im "Garten Eden", also bei Gott, hatte er diese Gewissheit in Fülle. Aber jetzt, wo er, vertrieben aus dem Paradies der Geborgenheit, jenseits von Eden im Land der selbstgewählten Gottesferne leben muss, da ist er dazu verdammt, sich diese Grund-Lebensmittel auf eigene Faust zu beschaffen - und damit nimmt das Unheil der Sünde seinen weiteren Lauf. Denn jetzt wird alles verkehrt. Alles: Menschen und Dinge, der Beruf, die Familie, die Freunde, das, was man sich anschafft, jede Art von Besitz - alles soll nun dazu helfen, die in der Nähe Gottes vorhandene, nun aber verlorene Sicherheit zurückzugewinnen. Alles gerät somit unter den Zugriff des Strebens nach Selbstrechtfertigung (Chr. Gestrich) - und wer und was davon erfasst wird, droht zu verkommen. Gleich nach der Sündenfallgeschichte wird in Genesis 4 [1. Mose 4] erzählt, wie der Mensch den erfolgreicheren Bruder neben sich nicht mehr ertragen kann; er wird ihm zur Bedrohung, darum bringt er ihn um. Alles was wir an menschlichem Vergehen am Mitmenschen, an der Umwelt, und auch an sich selbst kennen, wurzelt in diesem in der Ursünde begründeten Drang zur Selbstrechtfertigung. Und weil dieser Drang nie zur Ruhe kommen kann - die anderen können ja nicht bieten, was ich nur bei Gott zu finden ist (Grund, Halt, Lebensmut) - treibt er's immer toller, weitet er sich in seiner notorischen Unersättlichkeit aus zu einer auf den ersten Blick befriedigenden, in Wahrheit aber destruktiven, ja todbringenden Aktion.

Des Menschen Hochmut
Das Umgetriebensein des aufgrund seines Unglaubens entwurzelten Sünders läßt sich beschreiben als ein Pendeln zwischen Allmachts- und Ohnmachtswahn (H.-E. Richter).
Allmachtswahn: Die Tradition redet von des Menschen Hochmut (superbia), und meint damit das sündige Streben des Menschen, sich über sich selbst hinaus und über andere zu erheben. Ich habe schon zu zeigen versucht, warum die Grundsünde des Unglaubens eine Dynamik in diese Richtung entfalten muss. Im Bild gesprochen: Wem aufgrund seines Unglaubens der Himmel verschlossen ist, der "muss" hoch hinaus. Er muss nach den Sternen greifen, er muss sich wie ein (kleiner) Gott aufspielen, nicht um Gott zu werden, sondern um Mensch - der geängstigte und nun in seiner Angst auf Sicherheit bedachte Mensch - bleiben zu können.
E. Drewerman hat mit Recht darauf hingewiesen, dass der Hochmut des Menschen im Grunde mit Angst "unterfüttert" ist. Der sündige Mensch, sagt Drewermann, "fühlt sich zu minderwertig, zu nichtig ... , als dass er sich ertrüge ... Stolz ist der Mensch, der buchstäblich wird, was die Etymologie des deutschen Wortes "böse" beinhaltet. Es kommt aus dem englischen Wortstamm "blow: aufblasen". Böse werden Menschen, wenn sie ihr Maß nicht ertragen, entsprechend einer Fabel von Lafontaine: Ein Frosch an einem Nachmittag trifft einen Ochsen auf der Wiese und hat vor ihm solche Angst, dass er beginnt sich aufzupumpen, wähnend, selbst ein Ochse werden zu müssen, bis er platzt! Genau das ist, was man böse nennt: "Ein Mensch aus lauter Angst und Hilflosigkeit muss mächtig werden, um seine Ohnmacht zu überwinden" (DTh 6, 1990/1991, 142).Dass es tiefe Unsicherheit ist, die den Menschen dazu treibt, sich aufzublasen, darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es u.U, sehr machtvolle und schreckliche Taten sind, zu denen er sich jetzt hinreißen lässt, Taten mit vernichtenden Folgen. Denken wir nur an die Übertretung der Gebote der zweiten Tafel. Sie sind uns gegeben, um uns heilsam zu begrenzen und um den Lebensraum, den jeder Mensch für sich braucht, zu schützen. In seinem Drang nach oben wird der Mensch immer und immer wieder diese heilsamen Grenzen verletzen zum Schaden anderer. Und wir haben es in den vielen Krisengebieten unserer Erde nur allzu plastisch vor Augen - weil ja auch die anderen Menschen um ihre Integrität bangen, weil ja der Sünder auf den Sünder trifft, gebiert die sich in den einzelnen Tatsünden fortsetzende Sünde ihr eigenes Konfliktpotential ständig neu: Gewalt zeugt Gegengewalt, Hass zeugt neuen Hass, Minderwertigkeit erzeugt Aggression gegen andere und so fort, ein sich selbst stabilisierendes, eskalierendes und expandierendes System, zusammengehalten von ineinander verschlungenen Teufelskreisen.

Des Menschen Trägheit
Der Unglaube, bzw. die Gottesvergessenheit, setzt aber noch eine zweite Gestalt sündigen Verhaltens aus sich heraus. K. Barths hat diese andere Gestalt in seiner Sündenlehre nachdrücklich in Erinnerung gebracht (vgl. KD IV, 2, 452-545). Sie ist gleichsam die Kehrseite des Hochmuts, nämlich des Menschen "Trägheit". Seine Selbstabgespaltenheit von Gott treibt den Menschen nicht nur in einen Allmachts-, sondern ebenso in einen Ohnmachtswahn. Ohnmachtswahn, das bedeutet: Der Mensch bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Er bläht sich nicht nur auf, er macht sich auch klein. In seinem Unglauben vergisst er, dass er von Gott wunderbar gemacht ist (Psalm 139,14), dass er wenig niedriger gemacht ist als Gott (Psalm 8,6). Er vergisst, dass er in Gott einen starken Bundespartner hat, der ihm, dem Menschen viel zutraut. Er vergisst schließlich, dass sein Bruder Jesus an seiner Stelle und ihm voran nicht nur der Gekreuzigte, sondern auch der Auferweckte, der von Gott gegen die Macht der Sünde ein für alle Mal aufgerichtete und erhöhte ist.
Zu was wäre der Mensch als Bundespartner Gottes und in der Nachfolge Jesu gerade im Kampf gegen die Sünde nicht alles in der Lage?! Aber gefangen im Bannkreis der Sünde versumpft er. K. Barth schreibt: Die Sünde hat als Trägheit "die Gestalt des ... bösen Unterlassens ..., des verbotenen und verwerflichen Zurückbleibens und Versagens. Sie ist auch die Gegenbewegung zu der Erhebung, die dem Menschen in Jesus Christus von Gott her widerfahren ist." Und er fährt fort: "Wir sind im Protestantismus und vielleicht im abendländischen Christentum überhaupt in einer gewissen Versuchung, diese Seite der Sache zu übersehen oder doch in ihrem Gewicht zu unterschätzen ... Des Menschen Sünde ist ... auch ein gewöhnliches, triviales, ordinäres Unwesen. Er ist nicht nur der Prometheus oder Luzifer, sondern - brauchen wir der Deutlichkeit halber und der Grobheit der Sache entsprechend, ein paar grobe Ausdrücke! - auch ganz einfach ein Faulpelz, ein Siebenschläfer, ein Nichtstuer, ein Bummler" (KD IV, 2, 453 f.).
In aktueller Zuspitzung: Ist man geneigt, bei des Menschen hochmütigem Übergriff an die an Fremden sich austobenden Mörder und Brandschatzer zu denken, so im Blick auf des Menschen Trägheit an all diejenigen, die dabeistehen, lüstern hinstarren oder verschämt wegsehen, die resigniert sagen, da könne man nichts machen, oder sich durch kluge Analysen oder dumme Stammtischsprüche die Sache vom Leibe halten - kurz: an Menschen so ungefähr wie Du und Ich. Und vielleicht wird man sogar sagen müssen, dass die Sünde der Trägheit (jenes peinliche adamitische "das Weib, das Du mir zugesellt") gerade weil sie weniger spektakulär daherkommt, im Grunde die gefährlichere ist. Und jedenfalls ergänzen und stabilisieren beide Gestalten der Sünde einander in gespenstischer Perfektion.
Dieses machtvolle und zerstörerische Netzwerk meint die Bibel, wenn sie von Sünde redet. Zur Verharmlosung besteht also wirklich kein Anlass. Im Gegenteil: die Welt wäre angewiesen auf solche, die beginnen durchzublicken hinter die Masken der Täuschung. Und die beginnen, sich neu zu öffnen für die Quelle des Lebens, um in Gott gegründet mit demütigem Herzen und erhobenem Haupt der Sünde nun ihrerseits entgegenzutreten. Wie? Die Ausgangsthese dieses Abschnitts dürfte jetzt klarer geworden sein: Nur im Glauben kann die Sünde erkannt und dann auch bekämpft werden, weil wir unserer Selbstabgeschlossenheit nur dadurch gewahr werden, dass Gott selbst sie durchbricht. Durch das Wort seiner Offenbarung, in der Erwählung Israels, in der Sendung des Sohnes dringt er zu uns verschlossenen Wesen durch: "Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht..." Das ist das gute und heilsame Evangelium, dass Gott auf uns zurückkommt; dass er uns neuen Halt gibt: "Fürchte Dich nicht", spricht er uns an, "ich bin mit Dir". Gott selbst durchbricht den Teufelskreis unserer Entfremdung. Anders gesagt: Im Glauben erkennen wir Gott als den, der unsere sündige Selbstverschlossenheit heilsam durchbricht. Wir erkennen also Sünde nur als die von Gott immer schon verneinte und bekämpfte. Deshalb folgt auf Sündenerkenntnis, sofern sie aus dem Glauben heraus geschieht, immer sogleich konkrete, tätige Buße (vgl. HK, Fr. 1; 56; 60).

Ergänzungen und Klarstellungen

Ein Missverhältnis zu Gott
1. Zunächst möchte ich noch einmal den streng theo-logischen Charakter christlicher Sündenlehre unterstreichen: Weil des Menschen Sünde im Kern sein schuldhaftes Missverhältnis zu Gott bezeichnet, ist Sündenerkenntnis Glaubenssache, genauer: folgt sie aus dem Glauben an den der Sünde widerstreitenden Gott. Zwar wird sich des Menschen Grundsünde faktisch immer auch als eine Abfolge sündiger Taten manifestieren, Sündenerkenntnis ergibt sich gleichwohl nicht aus einer Analyse des menschlichen Verhaltens oder der menschlichen "Natur". Dass wir "allesamt Sünder sind" (Römer 3,23), ist eine heilsame, eine notwendige, aber keine offen zutage liegende Erkenntnis. Denn abgesehen von der Offenbarung, kann man je nach augenblicklicher Weltlage, persönlichem Naturell und philosophischer Voraussetzung durchaus darüber streiten, ob es um den Menschen gar so schlimm bestellt sei. Man mag ihn dann mehr optimistisch oder mehr pessimistisch einschätzen. Und auch ein philosophisches Wissen um des Menschen Selbstverfehlung führt nicht eo ipso zur Sündenerkenntnis.
Dass eine Analyse des menschlichen Verhaltens (oder seiner "Natur") nicht aus sich heraus zur Sündenerkenntnis führt, hängt insbesondere mit einer Eigenart der Sünde zusammen, die wir noch genauer ins Auge fassen müssen: Das sündige Streben des Menschen erfindet in der Regel keine neuen, besonderen, in ihrer Abstrusität sofort ins Auge springenden Verhaltensweisen, sondern es bedient sich dessen, was im Menschen "da" ist. Darin ist es vergleichbar einem Virus, der als Schmarotzer Gesundem sich aufpflanzt, um dessen vitale Energie in negative, zerstörerische Prozesse umzuleiten. Zielsicher korrumpiert die Sünde dabei gerade unsere besten Gaben, mit der Folge, dass es schwerfällt, sie zu durchschauen. Die Sünde kommt oft ganz edel oder klug, aber auch demütig, solidarisch oder freundlich daher. Mehr noch: Die Sünde kann ihr Ziel bisweilen durch Taten verfolgen, die für sich genommen Taten der Gerechtigkeit sind. In 1. Korinther 13, erinnert Paulus daran, dass es sogar möglich ist, sich aus selbstsüchtigem, jedenfalls der Liebe ermangelndem Streben für andere bis zur Selbstaufgabe aufzuopfern!
Diese Erkenntnis führt zu wichtigen Konsequenzen:
1.1 So, wie ich durch die Wahrnehmung und Analyse bösen Verhaltens nicht zwangsläufig zur Sündenerkenntnis vorstoße, so folgt aus dem Glaubenssatz, dass wir "allzumal Sünder" sind (Römer 3, 23) nicht, dass im Blick auf menschliches Verhalten alle Katzen grau wären. Wir müssen unterscheiden zwischen der Sünde als Unglauben und den aus dieser Grundhaltung resultierenden Verhaltensweisen und Taten, die wir, sofern es sich um "böse" handelt, Unrecht oder (vom Ergebnis her betrachtet:) Schuld nennen (3). Das menschliche sündige "Wesen" wird in je unterschiedlicher Weise und in je verschieden hohem Maß konkret schuldig! Diesen Unterschied unterstreicht Jesus im Gleichnis von den zwei Schuldnern (Lukas 7,40 ff.), das Schuldmaß, welches ein Mensch auf sich geladen hat, wird auch im Lichte der Vergebung nicht einfach belanglos. Aus diesem Grund muss im Bereich der christlichen Gemeinde konkrete Schuld auch immer konkret benannt und bekannt werden. Ein pauschales Reden von "der" Sünde wird hier leicht zum verschleiernden Nebel, hinter dem die begangenen Untaten verborgen bleiben können. (4)
1.2 Weil wir andererseits auch mit unseren guten Werken sündigen, haben wir keinen Grund, uns über die offensichtlichen "Sündertypen" zu erheben. Jesus sagt im Blick auf Pharisäer und Zöllner: "Dieser ging hinab gerechtfertigt in sein Haus, nicht jener" (Lukas 18,14).
1.3 Die Unterscheidung (nicht: Trennung) zwischen Sünde und Unrecht (bzw. Schuld) empfiehlt sich noch aus einem weiteren Grund: Gegen Ungerechtigkeit kann ich etwas tun, gegen die Sünde (im theologischen Vollsinn, also als Selbstabschließung von Gott) nicht, aus ihr muss ich errettet werden. Plakativ gesagt: Gegen die Ungerechtigkeit muss man auf die Straße, gegen die Sünde muss man in die Kirche gehen! Und man wünscht, die Kirchen wären sich dessen bewusst. Dann würde in der Predigt statt allerlei moralischer Belehrung öfter und kräftiger "Gottes freie Gnade ausgerichtet an alles Volk" (Barmen VI).

"Die Sünde ist listig"
2. Die zweite Erläuterung knüpft an die erste an und führt sie in eine bestimmte Richtung weiter: Die Sünde ist listig. Nicht umsonst heißt das personifizierte Böse "Teufel", Diabolos, das ist: der Durcheinanderbringer. Die besonders gemeine List der Sünde besteht darin, dass sie sich zu verbergen versteht. Sie zeigt uns in der Regel nicht ihr wahres Gesicht, sondern eine Maske aus Harmlosigkeit, manchmal sogar Freundlichkeit oder Tugend oder Klugheit oder Güte.
Gleich zu Beginn hatte ich deshalb vor der verharmlosenden Ineinssetzung der Sünde mit unseren natürlichen Grenzen gewarnt, denn das ist so eine Selbstverdeckung der Sünde: als gehöre sie in den Bereich der irgendwie "normalen" schöpfungsbedingten Mängel.
Es ist ein Verdienst der Sündenlehre Karl Barths, dass er mit besonderer Sorgfalt zu jeder Ausprägung der Sünde eine diese Ausprägung verbergende Verdeckungsgestalt herausgearbeitet hat. Ich will ein Beispiel nennen:
Eine konkrete Ausprägung der Sünde besteht in der Unmenschlichkeit. Niemand wird bestreiten, dass der Mensch jenseits von Eden immer und immer wieder zum Opfer des Menschen geworden ist. Da fragt man sich doch: Wie eigentlich gelingt es der Sünde in dermaßen unermesslicher Gefräßigkeit durch die Zeiten hindurch Millionen und Abermillionen Menschen hinzuraffen und wo nicht hinzuraffen, so doch zu beschädigen, zu verbiegen, zu beleidigen? Warum werden die Menschen das nicht Leid, warum sind sie dieser am Ende doch immer sie selbst schädigenden Gestalt der Sünde so ausgeliefert? Antwort: Weil die Sünde der Unmenschlichkeit sich perfekt zu tarnen weiß und ihre Tarnkappe ist nach Karl Barth die "Sachlichkeit" (KD IV, 2, 493 ff.). Es ist in der Regel ja nicht so, dass ein Mensch, oder eine Gruppe oder eine Institution freiweg unter dem Vorzeichen antreten würde: "Wir wollen anderen Menschen etwas zuleide tun." Sondern was gesagt und vielleicht sogar selbst geglaubt wird, ist: "Wir wollen dieser oder jener Sache dienen." Der Freiheit, dem Wohlstand, dem Fortschritt, der nationalen Identität, vielleicht sogar der Gerechtigkeit oder einer (wohlgemerkt: abstrakten) Menschlichkeit; und eben aus diesem Grund, um dieser "Sache" willen, müssen Opfer gebracht werden, haben Menschen zu leiden, werden sie beschädigt, gehen sie zugrunde. Bert Brecht hat sinngemäß einmal gesagt: "Es gibt viele Möglichkeiten, einen Menschen zu ermorden; leider sind die wenigsten verboten." In all den anderen Fällen aber werden Menschen Opfer der hinter Sachlichkeit getarnten Unmenschlichkeit (5).
Zu einer klarsichtigen christlichen Sündenlehre gehört die Einsicht in die Verbergungskunst der Sünde notwendig hinzu. Die Gefahr ist sonst übergroß, dass wir ihren Tarnkünsten auf den Leim gehen und ihr am Ende zuarbeiten. Denn es waren und sind ja immer auch "fromme Sachen", an denen Menschen zu Schaden kommen. Es gibt - worauf K. Barth in diesem Zusammenhang hingewiesen hat - im Bereich der Kirche, aber auch der Diakonie und der wissenschaftlichen Theologie genug Beispiele dafür, dass hinter dem Betreiben einer (an sich vielleicht sogar respektablen) Sache der konkrete Mensch aus dem Blick geriet und unmenschlich behandelt wurde. Die Inquisition ist in ihrer Krassheit da fast schon wieder ein harmloses Beispiel. Viel subtiler ist manche protestantische Prinzipienreiterei, die den Menschen abträglich ist. Ganz unbeschadet von allen inhaltlichen Positionsbestimmungen behaupte ich: Die Frage nach der Homosexualität etwa wird im Raum der Kirche zum Teil in einer eiskalten, von den Betroffenen absehenden "Sachlichkeit" geführt, die in ihrer konkret verletzenden Art zum Himmel schreit.

Die Tarnkappe des Frommen, Religiösen, Biblischen
3. Die gefährlichsteVerdeckungsgestalt der Sünde, ihr soll deshalb ein eigener Punkt gewidmet sein, ist die Tarnkappe des Frommen, Religiösen, ja sogar Biblischen. Es ist ja nicht so, als lande der vom lebendigen Gott sich abschließende Mensch zwangsläufig beim Atheismus; in aller Regel landet er bei den selbstgefertigten Göttern (Exodus 32) [2. Mose 32], bei der Religion. Es ist abgründig aber wahr: Die Sünde bedient sich auch und besonders gerne der Religion. Uns zur Warnung erzählt die Bibel deshalb immer wieder, dass der Teufel im frommen Gewand auftritt; als religiöser Verführer, der sich in der Bibel bestens auskennt (vgl. nur Matthäus 4!). Diese Erkenntnis wird uns zugemutet: Unsere frommen Gedanken, unsere theologischen Argumente, unsere ganze christliche Kirchlichkeit ist nicht für sich und als solche "gut", sie kann auch dem sündigen Hochmut und der sündigen Trägheit dienen. Also seien wir gerade in unseren frommen Werken (dazugehört auch das Denken und Reden) nicht so sicher! Gerade sie bedürfen der Rechtfertigung. H. J. Iwand hat in seiner Luthervorlesung darauf hingewiesen, dass es eine der erschütterndsten Erkenntnisse für Luther war, dass der Antichrist inmitten der Kirche sein Unwesen treibt.
Wir werden diese Einsicht vor allem darin betätigen, dass wir im Blick auf uns selbst nüchtern damit rechnen, dass wir Theologie oder frommes Reden und Handeln auch für unser sündiges Streben missbrauchen, als Mittel unserer Selbstrechtfertigung. Wie oft bilden Eitelkeit, Rechthaberei, Missgunst oder schlicht Gemeinheit den düsteren Hintergrund für eine auf den ersten Blick ganz sachlich erscheinende theologische Debatte. Und wie oft werden Unarten mit Hilfe theologischer Klimmzüge zu Tugenden umgedeutet: dann wird aus Perfektionismus "Auftragstreue", aus Rechthaberei "Wahrheitseifer", aus mangelndem Mitgefühl "Sachlichkeit", kurz: Theologie wird zur Ideologie. (Es sollte immer ein Warnlämpchen angehen, wenn jemand gar so dezidiert betont, er oder sie wolle die Dinge jetzt einmal "ganz sachlich" sehen).
Ich glaube es geschieht im Wissen um gerade dieses fromme Einfallstor der Sünde, dass die Gemeinden in den neutestamentlichen Briefen immer wieder zur Einigkeit, zur Demut, zur gegenseitigen Liebe ermahnt werden. Gerade in den eigenen, in den frommen Reihen tut der Widerstand gegen die Sünde besonders not, gerade hier muss er beginnen. Für Christen gilt: Kritik am sündigen Sinnen, Trachten und Tun ist immer zunächst und vor allem Selbstkritik! "Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde!" (Klageleder 3,39). Und Jesus warnt uns: "Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet" (Matthäus 7,1). Welch heilsames Signal wäre von uns ChristInnen ausgegangen, wenn nach der politischen Wende dies die Weise gewesen wäre, in der unter uns die Vergangenheiten aufgearbeitet worden wären: ein jeder murre wider seine Sünde!

Die Sünde als Macht
4. Die schwierigste Ergänzung habe ich bis zum Schluss aufgehoben. Es geht um zwei Fragenkomplexe, die hier nur noch in den allergröbsten Umrissen markiert werden können, weil jede Vertiefung den Rahmen sprengen würde.
4.1 Die erste Frage möchte ich verdeutlichen, indem ich in Erinnerung rufe, wie ich das Wort "Sünde" gebraucht habe. Zum einen redete ich von Sünde als von unserem Unglauben und dem daraus resultierenden sündigen Tun, also von (im weitesten Sinne:) Handlungen, die wir so oder anders ausführen und wohl auch einmal unterlassen können und für die wir als Täter verantwortlich zu machen sind. Zum anderen habe ich Sätze gebildet, in denen die Sünde das Subjekt war. Ich sagte etwa: "Die Sünde verwirrt uns", oder "die Sünde tarnt sich." Da erscheint also die Sünde wie eine eigenständige Größe, die etwas mit uns macht und der wir ausgeliefert sind. Daraus ergibt sich die Frage: Welche Redeweise ist angemessen? Und wenn beide richtig sein sollten, wie ist das zusammenzudenken und was folgt daraus für die Frage nach des Menschen Schuld und nach dem Ursprung der Sünde.
Zunächst ist energisch daran festzuhalten: Die Sünde ist jedenfalls auch eine den Menschen bestimmende Macht, der er ausgeliefert ist. "Kannst du dies (das Doppelgebot der Liebe) alles vollkömmiglich halten?" fragt der Heidelberger Katechismus. Antwort: "Nein, denn ich bin von Natur geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen." (Fr 5). Frage 6 und 7 präzisieren diesen Sachverhalt: "Natur" bedeutet nicht, dass Gott mir die Sünde eingestiftet hätte (Fr 6), sondern es ist die "Erbsünde" (das Wort kommt nicht vor, wohl aber die Sache), die uns alle "vergiftete" (Fr 7). Erbsünde ist ein problematisches Wort, weil es biologistisch klingt (und bei Augustin auch dieses Element hat): Als würde uns die Sünde wie ein böser Virus durch den elterlichen Zeugungsakt vererbt. Aber der theologische Sachgehalt, um den es in der Lehre von der Erbsünde - man sollte sie besser Ursünde nennen - geht, ist unbedingt festzuhalten. Er besagt: (1) Sünde ist etwas fundamentales, was den ganzen Menschen verkehrt - sein lässt; (2) sie ist (auch) eine den Menschen bindende Macht, aus der er sich selbst nicht befreien kann ("es sei denn, dass wir durch den heiligen Geist wiedergeboren werden" (Fr 8)); (3) diese Macht wirkt universal, d.h. sie zieht alle Menschen in ihren Bann.
Das Entscheidende ist der Machtcharakter der Sünde. Wer diese Seite der Sünde nicht sieht, der verkennt und das heißt wieder: der verharmlost sie. Und bezeichnenderweise geht eine Verharmlosung der Sünde immer mit einer Überanstrengung der Menschen einher. Wenn mir der Machtcharakter der Sünde klar ist, begreife ich, dass aus ihren Fängen nur Gott selbst retten kann. Deshalb ist die schärfste Waffe gegen die Sünde der Gottesvergessenheit das Evangelium von dem Gott, der seiner Menschen gedenkt. Wenn ich hingegen den Machtcharakter der Sünde unterschätze, werde ich den Menschen aufrufen, sich selbst von ihr zu befreien, dann werde ich "gesetzlich" und am Ende moralisierend predigen. Wenn man so will, ist also die Lehre von der Erb- bzw. Ursünde gerade das gnädige Moment an der christlichen Sündenlehre - sie behält im Blick, dass der Mensch auch ein Wesen ist, das getrieben ist, das nicht anders kann, das ganz angewiesen ist auf Erbarmen.
Ich sage "auch", denn so schwer es zu denken ist, es gilt, wie oben schon angedeutet, beides: So sehr ich ein in der Macht der Sünde Gefangener bin, so sehr bin ich auch ihr eigener vollverantwortlicher Täter. Mit anderen Worten gesagt: die Macht der Sünde ist mehr als die Summe aller sündigen Taten, und doch bin ich als Knecht der Sünde zugleich der auf seine je eigenen Untaten hin anzusprechende Schuldige. In der Bibel wird je nach Zusammenhang mal die eine, mal die andere Seite der Sache betont. Man vergleiche im Blick auf dasselbe Vergehen Davids Psalm 51,7 "in Sünden empfangen" mit 2. Samuel 12,7: "Du bist der Mann!"
Anders als in dieser komplementären Redeweise ist die komplexe Wirklichkeit der Sünde nicht zu umschreiben. Übrigens ist uns diese Denk- und Redeweise formal gar nicht fremd. Wir kennen sie aus der modernen Physik zur Erfassung komplexer Zusammenhänge (Licht). Und wie dort ist es auch bei der Beschreibung der Sünde so, dass je schärfer man die eine Seite ins Auge fasst, desto mehr die Andere zurücktritt und verschwimmt. Dies muss so sein und geht ganz in Ordnung, solange nur nicht eine Seite prinzipiell unterbelichtet oder gar vergessen wird. Nur beides zusammen ergibt die ganze Wahrheit: betont man nur die Eigenverantwortlichkeit des Menschen, unterschätzt man, wie gesagt, die Sünde; betont man nur den Machtcharakter der Sünde, unterschätzt man den Menschen, der auch nach dem Fall die selbst-bewusste, das eigene Verhalten bestimmende und deshalb haftbare Person ist.
Als Gleichnis mag uns das Verhältnis von "Täter"- und "Opfer"-Sein im Bezug auf die Ausbeutung der Umwelt dienen: Ich bin eingebunden in Unrechtszusammenhänge, für die ich nichts "kann", die mir aufgezwungen sind: Manches Unrecht muss ich ungewollt mitmachen, einfach um hier zu überleben. Und doch bin ich zugleich Täter: In meinem Denken und Handeln werde ich aktiv mitschuldig an der weiteren Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt. Beides stimmt, und es bedarf einer großen Weisheit und auch Redlichkeit zu entscheiden, wann mehr die eine, wann mehr die andere Seite zu betonen ist - sonst gerät das ganze Konstrukt zum Instrument der billigen Entschuldigung, indem ich eigenes Fehlverhalten mit äußeren Zwängen begründe.
4.2 Eine zweite Frage schließt sich aber sofort an: Wie verhält es sich angesichts dieser Klärungen mit des Menschen Schuld. Klar ist, dass wir mit jeder einzelnen sündigen Tat an Gott und an den Menschen und auch an uns und u.U. an der weiteren Schöpfung schuldig werden. Verständlich ist auch, wenn es Fr. 10 heißt, dass Gott nicht nur über die wirklichen Sünden, sondern auch "über angeborene" schrecklich zürnt. Nur: Sollte das heißen, dass ich auch für meine Ursünde schuldig zu sprechen bin? Würde das nicht logischerweise bedeuten, dass ich sie, weil ich ja schuldig bin, auch hätte lassen können, was wiederum dem Machtcharakter der Sünde widerspricht?

Woher kommt die Sünde? – Erklärungen im Abseits
Diese Frage wäre nur dann restlos zu beantworten, wenn wir das Woher der Sünde erklären könnten. An Versuchen dies zu tun hat es nicht gefehlt. Ich kann nur eben einige aufzählen, ohne sie näher zu erläutern.
a) Man kann die Sünde evolutionistisch erklären, indem man behauptet, sie sei in der geschöpflichen Natur des Menschen angelegt. Der Mensch wäre dann im Grunde entschuldigt. Die Schuld, so man überhaupt von solcher reden will, läge beim Schöpfer. Diese Meinung widerspricht dem Biblischen Zeugnis, außerdem nährt sie die Gefahr, sich mit der Sünde als etwas Gegebenem zu arrangieren (und warum eigentlich sollte man bei einem schöpfungsmäßigen Defekt überhaupt von Sünde reden? Wären da Beschreibungen aus dem Bereich der (Psycho)pathologie nicht angemessener?).
b) Dies gilt in gewisser Weise auch für den Versuch, die Sünde als die Kehrseite menschlicher Freiheit aufzufassen. Von allen theologischen und philosophischen Problemen einmal abgesehen wird auch diese Sicht der Sünde deren "Skandalgehalt" nicht gerecht.
c) Wenn aber die Sünde nicht aus dem Bereich der Schöpfung selbst entspringt, ist sie dann vielleicht selbst göttlich? Haben wir neben dem guten Gott mit einem zweiten, einem bösen zu rechnen, so dass der Mensch zwischen beiden hin- und hergerissen würde? Christliche Theologie hat dieses auf den ersten Blick formallogisch befriedigende aber doch zutiefst trostlose Konstrukt stets abgewiesen. Sie musste das tun, denn "die biblisch bezeugte Selbstbekundung Gottes schließt die Vorstellung eines Gegen-Gottes radikal aus" (W. Joest, Dogmatik 11, 422). Wo in einigen Schichten der Bibel vom Satan geredet wird, da wird er als geschöpfliche Größe verstanden.
d) Sollte es dann aber womöglich so sein, dass das Böse und damit die Sünde in Gott selbst seinen Ort hat? Wenn man Gottes Allmacht rein formal versteht, könnte man sich zu dieser Meinung versteigen, aber auch damit hätte man sich vom Zeugnis der Schrift weit entfernt, weil sich Gott als der in seiner Güte mächtige offenbart.

Das Rätsel Sünde
Jeder Versuch, die Herkunft der Sünde mit Gott spekulativ zusammen zu denken, endet unweigerlich in dem Trilemma: Entweder ist Gott allmächtig und das Böse ist böse, dann ist Gott aber nicht gut ("Verteufelung" Gottes); oder Gott ist allmächtig und gut, dann ist aber das Böse nicht böse (Verharmlosung des Bösen); oder Gott ist gut und das Böse ist böse, dann ist aber Gott nicht allmächtig (Verkleinerung Gottes). Was aber bleibt, wenn der spekulative Erklärungsweg ins Abseits führt?
Wir werden gut daran tun, an dieser Stelle vom Rätsel zu reden - nicht aus Verlegenheit, sondern weil es der Sache angemessen ist. Die Sünde ist der rätselhafte, gleichwohl mächtige Drang, der den Menschen sich in schuldhafter Weise vom lebendigen Gott abkehren lässt, welche Abkehr ihn immer tiefer in das sündige Tun treibt. Karl Barth hat dieses Rätsel umschrieben in seiner Lehre vom "Nichtigen", und in seiner Rede von der Sünde als der "unmöglichen Möglichkeit" (vgl. KD 111, 3, § 50). Dabei handelt es sich um alles andere als eine gedankliche Spielerei. Es geht vielmehr darum, das Verborgene am Ursprung der Sünde als Rätsel festzuhalten, anstatt mit einer (vermeintlich) logisch befriedigenden Erklärung Gott für schlecht oder kraftlos zu erklären, oder die Sünde zu verharmlosen. Die Sünde treibt als das von Gott wahrhaftig Nicht-Gewollte (und nur als das Ausgeschiedene auf Gott bezogen) ihr wirkliches Unwesen.
Mehr zu sagen wäre - wie ich zumindest anzudeuten versuchte - weniger. Aber dies zu sagen reicht aus. Warum? Auf dem Hintergrund dessen, was wir oben zur Erkenntnis der Sünde feststellten, lautet die Antwort: Weil die Rede von der unmöglichen Möglichkeit, vom von Gott Nicht-Gewollten nicht spekulatives Postulat, sondern die Umschreibung von Gottes kräftiger und heilsamer Aktion ist. Dadurch konnten wir der Sünde ja überhaupt erst in ihrer ganzen Abgründigkeit gewahrwerden, weil Gott uns begegnet als der, der ihr immer schon faktisch und praktisch den Kampf angesagt hat. Wir erkannten des Menschen Selbstabgeschlossenheit im Lichte der Offenbarung Gottes, der nicht müde wird, die Kluft zu überbrücken, den Sündern nahe zu sein und sich seiner zu erbarmen. Des Menschen Hochmut erkannten wir im Lichte von Gottes liebevoller Selbsthingabe bis zum Tode am Kreuz, des Menschen Trägheit im Lichte unserer in der Auferstehung Jesu Christi beschlossenen Zukunft.
Weil die Sünde das Unwesen schlechthin ist, muss ihr Ursprung rätselhaft bleiben. Beunruhigen muss uns das deshalb nicht, weil wir die Sünde nur als zum Vergehen bestimmte kennen: Sie ist in ihrem Ursprung rätselhaft und in ihrem Wirken mächtig - aber ihr gehört nicht die Zukunft. In seinem Versöhnungswerk hat Gott ihre Teufelskreise ein für allemal gestört. Und Gott tritt ihr weiter entgegen bis wir einmal ganz erlöst sein werden von ihrer nichtenden Macht. In der Nachfolge dessen, der versucht war gleichwie wir, doch ohne Sünde, der die Strafe auf sich genommen hat, damit wir Frieden hätten, sollen wir (in Abwandlung der 11. Feuerbachthese von Karl Marx) die Sünde nicht erklären, sondern - ihr widerstehen (1. Petrus 5,9).

Anmerkungen
(1) Bertram Müller war mein Mitvikar am Elberfelder Predigerseminar. Jahre später wurde er mein Ausbilder am "Institut für Gestalttherapie" (Düsseldorf), das er gemeinsam mit Johanna Müller-Ebert (die ich in meinen Dank ausdrücklich mit einbeziehe) leitet.
(2) Ich finde es übrigens problematisch, an dieser Stelle vom Aufruhr des Menschen gegen Gott zu reden. Zweifellos gibt es Aufruhr und im Gefolge der Ursünde wird die Gottlosigkeit immer auch diese Gestalt annehmen. Aber in der Sündenfallgeschichte geht es unspektakulärer, banaler zu. Nicht schuldlos! Zu entschuldigen ist die menschliche Gottesvergessenheit nicht. Aber sie kommt doch nicht eben prometheisch daher. Eher verhuscht, unsicher, ängstlich; "Hochmut", von dem gleich zu reden ist, ist nicht die Ursache, sondern die Folge der Grundsünde.
(3) Mir geht es hier um eine Unterscheidung in der Sache. Diese Sachunterscheidung wird dadurch erschwert, dass schon in der Bibel die Terminologie alles andere als einheitlich ist. Das Wort "Sünde" kann sowohl für die Grundsünde der Abkehr von Gott, als auch für eine sündige Struktur, als auch für eine einzelne Tatsünde, also für einen Akt des Unrechts bzw. der Schuld stehen.
(4) Dass der Protestantismus im Verschleiern begangener Schuld nicht ungeübt ist, zeigte sich gerade im "Gedenkjahr" 1995. Besonders aufschlussreich ist die oft benutzte Formulierung "Wir haben geschwiegen" - als erschöpfe sich die Täter-schaft des protestantischen Teils Nazideutschlands im stummen Dabeistehen.
(5) Vorsichtshalber weise ich darauf hin, dass Aussagen über die Verdeckungsgestalt der Sünde nicht umgedreht werden dürfen. Zwar vermag sich die Sünde hinter Sachlichkeit zu tarnen, aber selbstverständlich ist nicht jede Sachlichkeit eine Tarnmanöver der Sünde.

Die überarbeitete Fassung dieses in Siegen und Nordhorn gehaltenen Vortrags wurde 1996 in der Reformierten Kirchenzeitung (RKZ) veröffentlicht. Der gedruckte Vortrag ist Bertram Müller zum 50. Geburtstag am 29. Juni 1996 in Dankbarkeit gewidmet.

 

Peter Bukowski

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