''Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun.''

Eine Bibelarbeit zu Jakobus 4,13-15 (16-5,6). Von Peter Bukowski

„Bring Leben ins Leben“ – das Motto des 2. ökumenischen Kirchentags in Lippe am 16./17. Mai 2008 meditiert Peter Bukowski mit den Worten des Jakobus. Das Motto wird konkret, richtet sich gegen die „unheimliche Macht des Mammon“ und mahnt, den „Lebensstil der Geiz- und Giergesellschaft“ nicht zu übernehmen.

Die Bibelarbeit von Peter Bukowski zu Jakobus 4,13-15 (16-5,6) als PDF zum Download

Liebe Schwestern und Brüder!
Mit den Mottos von Kirchentagen ist das so eine Sache. Aussagekräftig sollen sie sein und programmatisch! Aber eben auch kurz und knackig. Neugier sollen sie wecken und gleichzeitig eine erste Richtungsanzeige bieten. Und Lust sollen sie machen, sich auf die im Motto anklingende Thematik einzulassen.

„Bring Leben ins Leben“ – ich muss gestehen, anfangs habe ich mit diesem Motto ein wenig gefremdelt.

Erste Reaktion: Da klingt so etwas typisch protestantisch-Anstrengendes und Angestrengtes mit. Leben ist mal wieder nicht genug, da muss noch was hinzu. Und als hätte man nicht schon genug um die Ohren, soll man zum Leben direkt noch das größtmögliche beisteuern: Bring Leben ins Leben. Erinnerungen an elterliche Mahnungen stiegen in mir hoch: „Junge, mach was Sinnvolles!“ „Vergeude Deine Zeit nicht!“ „Es gibt wichtigeres als Spaß an der Freude.“ „Vergiss das „eigentliche“ nicht!“ Oder – ums gleich mit Goethe zu sagen: „Mensch werde wesentlich!“ Andererseits, wenn wir als Jugendliche gemeinsame Zeit mal wieder so verbrachten, wie es den Ermahnungen stracks zuwider lief, fanden wir, dass dann so richtig Leben in der Bude war. Aber „Bring Leben in die Bude“ schöpft den Bedeutungsgehalt unseres Mottos wohl nicht in Gänze aus. Was aber ist gemeint?

Dass hier sehr Unterschiedliches assoziiert werden kann, hat mich die Internetrecherche gelehrt. Man glaubt es ja kaum, wer alles beansprucht (mit eben dieser Formulierung), Leben ins Leben zu bringen. Sauna World bringt Leben ins Leben, aber auch der 2004er Eros „Kairos“-Cuvee vom Weingut Anton Schöffmann aus dem Vorarlberg. Leben ins Leben bringt natürlich das Geburtsspital Materniteé aus Bern, aber eben auch die Costa Blanca Propertys. Dass ein Flirt Leben ins Leben bringt, hat mancher schon immer geahnt, flirt-academy.de bietet dazu reichlich Gelegenheit. Dass eine gewisse Plutokonstellation ebenfalls Leben ins Leben bringt, war mir persönlich neu, wird in www.esoterikforum.de aber ausführlich begründet. Genug der Beispiele. Und höchste Zeit zu fragen, wie sich unser Motto als christlicher Satz, also theologisch verstehen lässt. Dazu wollen wir heute Morgen die Bibel befragen. Ich habe einen Abschnitt aus dem Jakobusbrief ausgewählt, der sich wie eine Meditation des Mottos liest.

"Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen – und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer Leben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet. Dagegen sollt ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun." (Jakobus 4,13–15).

Am Ende dieses Abschnitts findet sich eine berühmte Redewendung. In der uns geläufigen Fassung lautet sie: „So Gott will und wir leben ...“ Die Älteren unter uns werden sich erinnern, dass es früher unter frommen Christenmenschen gang und gäbe war, Vorhaben oder Verabredungen mit dieser Formel einzuleiten: So Gott will und wir leben werden wir… Und die Gebildeten leiteten in Briefen entsprechende Sätze mit der Abkürzung s.c.J. ein: sub conditione jakobaea (unter der Bedingung/dem Vorbehalt des Jakobus). Wörtlich übersetzt lautet der Satz: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun.“ (V. 15). Dabei handelt es sich um weit mehr als um eine fromme Floskel. Hier drückt sich eine Haltung aus, die getragen ist von Gottvertrauen und tiefer Lebensweisheit. Wer so lebt, der gewinnt Lebendigkeit und hilft, das Leben anderer zu erhalten und zu fördern. Mit einem Wort: der bringt Leben ins Leben!

Für den Autor des Jakobusbriefes (ich nenne ihn im Folgenden der Einfachheit halber Jakobus) ist diese Redewendung aber auch eine Kampfansage, energischer Einspruch gegen eine Einstellung und eine Praxis, die Leben und Zusammenleben aufs höchste gefährdet. Es geht hier um einen scharfen Kontrast und Jakobus ringt darum, seine Leserinnen und Leser auf die richtige, auf die dem Leben zugewandte Seite zu holen. Um dies deutlich zu machen, möchte ich zunächst die Haltung nachzeichnen, gegen die sich der Einspruch des Jakobus richtet.

I

Sie wird uns zu Beginn des Abschnitts in holzschnittartiger Klarheit vor Augen geführt:
"Und nun ihr, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben und Gewinn machen ..." (V. 13).

Was sofort auffällt: Die Leute, die Jakobus hier zitiert, sind sich ihrer Zukunft verdammt sicher. Sie wissen genau, wo sie hinwollen; der zeitliche Rahmen ist fest abgesteckt; klar ist auch die Art der Tätigkeit (wobei das Wort „Handel treiben“ im Grunde zu harmlos ist, im griechischen Wort klingt das raffgierige An-Sich-Reißen mit). Und sogar das Ergebnis wissen sie schon im voraus: Sie werden am Ende Gewinn gemacht haben. So reden Menschen, die alles im Griff haben. Auch das wird im Griechischen noch deutlicher, denn dort heißt es nicht „wir wollen“, sondern „wir werden“. Hier wird Zukunft geschmiedet. Was diese Menschen beabsichtigen, das werden sie knallhart durchziehen. Und man fragt sich bang, was wohl geschehen mag, wenn sich denen, die so vorgehen, etwas in den Weg stellt.

Zumal ihre Selbstsicherheit ja einhergeht mit einer abschreckenden Kaltschnäuzigkeit: Die Orte und mit ihnen die Menschen, die dort wohnen – sie werden schlicht mitverplant. So etwas wie nachfragen, wie Mitsprache der Betroffenen gar, scheint denen, die hier ans Werk gehen, fremd zu sein. Und ihr ganzes Vorhaben dient einem einzigen Ziel, das sie fest im Blick haben: dem Gewinn. Sie werden sich selbst, ihre Tätigkeit, aber auch die, denen sie begegnen auf dieses eine Ziel hin trimmen: Die Profitmaximierung wird das Gesetz ihres Handelns sein.

Liebe Schwestern und Brüder, was Jakobus hier in prophetischer Klarsicht beschreibt, ist das Leben unter dem Diktat des Mammon: festgezurrt, durchgeplant, alles diesem Diktat unterwerfend. Die Orte und die Menschen – degradiert zur Manövriermasse im Streben nach Profit.

Zwischenfrage: Überzeichne ich die wenigen Hinweise des Textes, lege ich da womöglich zu viel, vor allem zu viel Politisches hinein? Es gibt in der Tat Auslegungen, die den Schwerpunkt anders setzen und meinen, hier werde mehr allgemein eine geistige Haltung kritisiert, die sich zu sehr auf das eigene Plänemachen verlässt, und die eigene Begrenztheit und damit letztlich auch Gott aus den Augen verliert. Aber sollte die Tatsache, dass uns hier das Verhalten von Kaufleuten und zwar von in weiten Horizonten agierenden Großunternehmern vor Augen geführt wird, tatsächlich Zufall sein? Nein, sondern anders herum wird ein Schuh daraus: die geistigen und geistlichen Defizite (sie werden uns noch näher beschäftigen) wurzeln eben in der einseitigen und alles andere ausblendenden Fixierung auf das Profitmachen. Für diese Deutung spricht, dass der Jakobusbrief schon ganz zu Beginn die Gier als den eigentlichen Wurzelgrund von Sünde und Tod gebrandmarkt hat:

„Niemand sage, wenn er versucht wird, dass er von Gott versucht werde. … Sondern ein jeder, der versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Danach, wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.“ (1,13a.14–15)

Auch im weiteren Verlauf des Briefes ist es die Reichtumsproblematik und nur sie, an der die Gefährdungen der Begierde wieder und wieder konkretisiert werden. Als Beispiel verweise ich nur auf Jak 5,1–6, also auf den Abschnitt, der unserem unmittelbar folgt. Dort führt Jakobus aus: Die am Profit orientierten Reichen schädigen zuallererst die ihnen Anvertrauten: Sie enthalten ihren Arbeitern den gerechten Lohn vor, heißt es in Vers 5. Zudem verhöhnen sie die Betrogenen durch ihren eigenen Lebensstil: „Ihr habt geschlemmt … und geprasst und euere Herzen gemästet“ (5,5). Und wer sich ihnen gegenüber behaupten wollte, hatte keine Chance, denn: „Ihr habt den Gerechten verurteilt und getötet“ (5,6). Aber eben dies alles, was sie sich zu Schulden kommen lassen, bleibt bei Gott nicht unbemerkt: Der ungerechte Lohn, „der schreit“, und am Ende wird das angerichtete Elend die Reichen selbst einholen: „Und nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer.“ (5,1–3a). Weshalb es schon im 1. Kapitel hieß: „Die Blume fällt ab und ihre schöne Gestalt verdirbt: so wird auch der Reiche dahinwelken in dem, was er unternimmt“. (1,9–11).

Liebe Schwestern und Brüder, kommt uns das nicht alles sehr bekannt vor? Nicht nur im Weltmaßstab, auch in unserem eigenen Land wird die Kluft zwischen denen, die Gewinn machen, und denen, deren Lohn unverschämt und unverantwortlich niedrig ist, immer größer. Es ist nur eben obszön zu nennen, wenn Managergehälter das Mehrhundertfache eines Arbeiterlohnes betragen. Und wer jetzt stirnrunzelnd vor einer Neiddebatte meinte warnen zu müssen, der weiß nicht, worum es hier geht. Es geht um himmelschreiendes Unrecht. Inzwischen ist es allgemein bekannt (und durch solide Recherchen belegt), wie gering hierzulande tatsächlich Löhne ausfallen können, etwa in manchen Discounterketten, wo um die 5 Euro Stundenlohn gezahlt wird. Einige Unternehmen hatten sogar die Stirn, ihre Angestellten unterschreiben zu lassen, dass mit diesem (an sich schon lumpigen) Gehalt die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall mit abgegolten sei. Auf deutsch: Wenn Du arbeitest, kriegst Du zu wenig, macht die Schinderei Dich krank, gibt’s gleich gar nichts mehr. Eine Personalchefin wurde im Interview gefragt, ob das nicht ungerecht sei. Antwort: „So können Sie nicht fragen, man muss das betriebswirtschaftlich sehen.“ Das sind besonders schlimme Auswüchse, von denen immerhin tausende und abertausende betroffen sind. Und im etwas höher einzustufenden aber ebenfalls allzu kärglichen Niedriglohnsektor sind inzwischen zwanzig Prozent aller Arbeitsverhältnisse anzusiedeln. Wer dankt eigentlich dem Heer der Schlechtgestellten, dass sie tapfer versuchen ihren Alltag zu meistern und durchzukommen, anstatt aufzugeben oder auszurasten, wenn sie doch täglich mitkriegen, wie – mit Jakobus zu sprechen – am anderen Ende der Skala „geschlemmt und geprasst und die Herzen gemästet werden“ – das Wort „Lustreisen“ würde sich in diese Reihe nahtlos einfügen.

Gerade angesichts solch kritischer Bemerkungen muss die Frage geklärt werden: Wer ist jetzt eigentlich angesprochen? Schon für Jakobus selbst ist diese Frage nicht ganz leicht zu beantworten. Einigermaßen klar ist nur, um welche Art von Reichen es sich damals handelt: Bei unserem Ausgangstext sind Großkaufleute im Blick (sie reisen, um Profit zu machen), beim zuletzt zitierten Text aus Kapitel 5 Großgrundbesitzer. Auseinander gehen die Meinungen aber bei der Frage, ob solche „Großkopferten“ überhaupt Mitglieder der Gemeinde sind, oder ob sie zu dem Umfeld gehören, mit dem sich die Christen auseinander zu setzen haben. Mir leuchtet eine mittlere Position am meisten ein, der zufolge wir uns in einer Zeit des Übergangs befinden, in der Reiche begonnen haben, Mitglieder der Gemeinde zu werden, womöglich bisweilen die Rolle des Geld gebenden Patrons übernehmen, dann allerdings auch die Gemeinde mit ihrem Lebensstil und ihren Wertmaßstäben zu prägen versuchen. Es gilt also festzuhalten: Selbst wenn die Mehrzahl der Gemeindeglieder nicht zu den kritisierten „Schlimmen“ gehört, predigt Jakobus nicht zum Fenster hinaus. Der gesamten Gemeinde müssen die unseligen Mechanismen einer giergesteuerten Lebensweise vor Augen gestellt werden, um zu mahnen und zu warnen, weil (wie wir noch sehen werden) diese Lebensweise ansteckend wirkt und weil jeder an seinem Ort von der versucherischen Kraft der Begierde betroffen ist – und in ihrer Folge auch dem Irrglauben verfällt, er hätte alles im Griff und die Zukunft stünde zur freien Verfügung.

Und genau so wollen diese Worte auch von uns gehört werden. Wir sollen uns der Einsicht stellen, dass wir unter dem Diktat des Gewinnstrebens verplante und verplanende Menschen sind. Sie merken, ich drücke mich hier vorsichtiger aus, als Jakobus es getan hat. Er kann noch klar unterscheiden zwischen denen, die Profit planen, und denen, die verplant werden. Einfacher gesagt: Bei ihm gibt es noch klar benennbare Täter. Da werden wir zurückhaltender sein müssen, nicht aus Ängstlichkeit, sondern aus Ehrlichkeit. Gewiss kann man tendenziell – denken wir nur an die Nahrungsmittelkrise – sagen, dass im reichen Norden die Planer und die Abschöpfer und im armen Süden die Verplanten und Geschröpften sitzen, hier die Täter, dort die Opfer. Aber bei näherem Hinsehen verkompliziert sich das Bild gewaltig. Sind die eben erwähnten Menschen, die bei uns für 4,60 Euro die Stunde arbeiten, Täter? Wenn, dann allenfalls gezwungener Maßen, weil sie gar nicht anders können, als sich mit dem Kauf ungerecht produzierten Waren über Wasser zu halten. Wir, die hier Versammelten, sind gewiss beides: Wir machen mit beim Streben nach Gewinn, profitieren auch mehr oder weniger an seiner Abschöpfung und sind doch zugleich Mitverplante, dem Diktat der Profitsucht mal mehr, mal weniger Ausgelieferte. Gerade darin zeigt sich heute die unheimliche Macht des Mammon, dass es ihm gelingt, aus der Anonymität heraus zu agieren, solche für sich einzuspannen, die es vielleicht nicht einmal wissen (besonders bedrückend: die Abhängigkeit schon unserer Kinder von „Markenklamotten“). Mehr noch, er geriert sich als ein natürliches Lebensgesetz, an das wir uns gewöhnen sollen. Darum brauchen wir den heilsamen Einspruch des Jakobus, der uns mit dem, was ist, neu konfrontiert: Der Mammon ist kein natürliches Lebensgesetz, sondern lebensbedrohliche Gewaltherrschaft.

II

An das geschlossene System einer profitorientierten Zukunftsplanung stellt Jakobus nun zunächst die schlichte Rückfrage: "Was ist euer Leben?"

Erinnern wir uns noch einmal, wie die Angesprochenen geredet hatten: Wir werden da und da hingehen und ein Jahr bleiben und Handel treiben und Gewinn machen. Wir werden, wir werden, wir werden, wir werden. Gegenüber diesem selbstsicheren, aufgeblähten Machertum wirkt diese knappe Rückfrage wie eine Nadel, die den Ballon anpiekst, so dass die Luft entweicht: Was ist euer Leben?

Leben – dieses Wort war im Konzept der Planer nicht vorgekommen, obwohl sie doch lebendige Wesen sind und obwohl sie auf das Leben anderer Menschen Einfluss nehmen. Aber in ihrer Welt wird Leben irgendwie vorausgesetzt. Es ist Teil der einzuplanenden Manövriermasse, aber es ist als solches keiner gesonderten Beachtung wert. Diese Unachtsamkeit gegenüber dem Leben verrät sich uns heute oft an einer Sprache, die alles auf seine Funktion reduziert: Menschen verkümmern zum Wählerpotential oder zum Käuferpotential, Regionen zu Märkten, Tiere zu Fleisch, Bäume zu Bauholz – Lebendiges zur Biomasse.

Wo Leben nur noch als Mittel zum Zweck des Gewinns in den Blick kommt, ist die schlichte Rückfrage "Was ist euer Leben?" von revolutionärer Sprengkraft. Nicht umsonst hat Jesus selbst „Gewinn“ und „Leben“ gegeneinandergestellt: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nähme doch schaden an seiner Seele?" (Einheitsübersetzung: an seinem Leben; Mt 16,26).

"Was ist euer Leben?" – Liebe Schwestern und Brüder, es müsste nicht sein, aber es verhält sich oft so, dass sich uns der Wert des Lebens erst von seiner Begrenztheit her erschließt. Deshalb erinnert uns Jakobus daran, dass wir allzu selbstverständlich mit etwas rechnen, was wir in Wahrheit nicht in der Hand haben. Er sagt: "Ihr wisst nicht, was morgen sein wird … Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet" (V. 14). Im Urtext steht ein noch markanteres Wort, das im ganzen Neuen Testament nur an dieser Stelle vorkommt: Dampf seit Ihr, heiße Luft, die sich alsbald auflöst. So flüchtig ist unser Leben, so vergänglich – aber gerade deshalb: so kostbar. Wir können es verlieren, zerstören, aber nicht einfangen und festhalten. Wer das vergisst, wer das Leben betrachtet wie einen konservierbaren und kalkulierbaren Lagerbestand, der sehe zu, dass er am Ende nicht zur Witzfigur wird, wie der Reiche Kornbauer, der sich sagen lassen muss: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“ (Lk 12, 20).

Wir dürfen diese Weisheit nicht unterschätzen. Sie ist nicht spezifisch biblisch, sie ist geradezu eine Allerweltsweisheit, aber sie wird uns aus gutem Grund in der Bibel immer wieder in Erinnerung gerufen: Betrachtet euer Leben als Geschenk, als ein gerade in seiner Begrenztheit kostbares Gut, über das ihr nicht verfügen, dem Ihr aus eigener Kraft keinen einzigen Tag hinzufügen könnt. Deshalb in Psalm 90 die Bitte: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Wir dürfen diese Weisheit aber auch nicht überschätzen. Denn die Einsicht in die Begrenztheit des Lebens kann auch zynisch und verantwortungslos machen. Die Bibel kennt auch Leute, die sagen: Lasst uns essen und trinken, denn wir sterben doch morgen!“ (Jes 22,13; vgl. 1 Kor 15,32).

III

Deshalb führt uns Jakobus noch einen entscheidenden Schritt weiter. In Vers 15 hören wir: „So sollt ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun“. Unter dem Diktat des Mammon wird Leben dem Gewinn untergeordnet. Unter dem gnädigen Willen Gottes soll alles dem Leben dienen: Wenn der Herr will, werden wir leben. Dieses Wort soll in uns die Dankbarkeit für und die Ehrfurcht vor dem Leben wecken: Nicht erst der Profit, nicht das, was wir haben, macht unser Leben reich und sinnvoll. Solange unser Leben währt, besteht sein Sinn darin – zu leben: in Gemeinschaft mit Gott und als „wir“, also in Gemeinschaft miteinander.

Und Gott will, dass wir leben. Dies ist nun alles andere als eine Allerweltsweisheit. Dies ist das gute Evangelium, von dem die ganze Bibel, von dem auch der Jakobusbrief redet. Früher hat man dem Jakobus gern Theologievergessenheit vorgeworfen. Da klang das harsche Urteil Martin Luthers von der „strohernen Epistel“ nach. Wir haben gelernt, genauer hinzuschauen und erkannt, dass auch bei Jakobus alle Ausführungen zum Lebenswandel gründen in der Gewissheit des Heilshandelns Gottes. Die Botschaft vom guten Lebenswillen Gottes für seine Menschenkinder ist Jakobus´ zentrale Aussage. „Alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichts … Er hat uns geboren nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit, damit wir Erstlinge seiner Geschöpfe seien.“ (1,17a.18). Der Schöpfer allen Lebens hat unser Leben beschlossen. Gott will, dass Du lebst. Diese Wahrheit fasst Jakobus in ein wunderschönes, zartes Bild. Gottes Wort, dieses kräftige Wort, das sagt was es tut und tut was es sagt – Gottes Wort ist dein eigentliches Lebensgeheimnis: „Es ist in euch hineingepflanzt und hat Kraft eure Seelen selig zu machen.“ (1,21). Bring Leben ins Leben, das heißt nach Jakobus: Vertrau Dich der Kraft dieses Wortes an. Lass das gute und gütige Wort in Dir aufgehen und in Dir Gestalt gewinnen. Wie? Ich nenne fünf Schritte.

1. Lauf nicht als Zweiseeler durchs Leben!
Es gibt im Jakobusbrief eine böse Bezeichnung. Dipsychos (vgl. 1,8; 4,8). Nicht wahr, das klingt schon nicht gut di-psy-chos! Und das ist auch ganz und gar nicht gut, denn der Dipsychos, das ist der Zweiseeler. Ein in sich gespaltener Mensch. Die grundsätzliche und zugleich gefährlichste Aufspaltung ist die zwischen Glauben und Tun. Vor ihr warnt Jakobus wieder und wieder: „Seit Täter des Wortes und nicht Hörer allein; sonst betrügt Ihr Euch selbst!“ (1,22) Leider geht das ja, und wer von uns kennt das nicht, dass man dem guten Wort Gottes Glauben schenkt, es vielleicht sogar selbst an andere weitergibt, sich aber in der Gestaltung des eigenen Lebens nicht dran hält. Das ist so als würde man die Packungsbeilage lesen, aber das rettende Medikament nicht einnehmen, als würde man Antirauchfibeln auswendig lernen und dabei weiter rauchen. Und genau darin liegt die Gefährlichkeit des Selbstbetrugs. Die „fromme“ eine Hälfte suggeriert einem, man täte doch immerhin schon etwas („Glauben“), aber dadurch übersieht man, dass es zum Entscheidenden, nämlich zur rettenden Tat nicht kommt. Das ist hochgefährliche Zweiseelerei und sie als solche zu erkennen und sich nicht damit abzufinden, ist ein erster wichtiger Schritt in Richtung Leben.

Schade, dass man diese wichtige Wahrheit des Jakobus lange nicht recht gewürdigt hat, weil man ihn in Opposition zu Paulus verstand und meinte, er wolle die Rechtfertigungslehre aushebeln. Dabei geht es ihm gar nicht um die Alternative Glaube oder Werk, sondern um die Alternative von Glaube ohne Werke (= wirkungsloser Glaube) und Glaube, der im Handeln Gestalt gewinnt (=wirkender Glaube; vgl. 1,22–27; 2, 14–26). Hier setzt Jakobus einen deutlichen Akzent und er steht damit wahrlich nicht alleine da. Überall im Neuen Testament wird deutlich gesagt, dass der Glaube nicht folgenlos bleiben darf. Was aber heißt dieses Grundsätzliche nun konkret im Blick auf die in unserem Text angesprochene Thematik?

2. Schaff Klarheit!
Es gibt Fragen, da muss man sich entscheiden: entweder – oder. Entweder Gott oder Gier. Entweder du orientierst dich an dem in Gottes Weisung gründende Gesetz der Freiheit (1,25) oder am Gesetz der Profitmaximierung (4,13). O-Ton Jakobus: „So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel … Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch. Reinigt die Hände, ihr Sünder, und heiligt eure Herzen, ihr Zweiseeler.“ (4,7a.8). Da war das Wort wieder: Dipsychos. Aber es führt kein Weg daran vorbei: Manches geht eben nicht zusammen. Wer, wie die am Anfang Zitierten, sein Leben und seinen Lebensweg auf Teufel komm raus allein am Profit ausrichtet und Gott in seinen Planungen vergisst, der betreibt praktischen Atheismus, der leugnet mit seinem Verhalten Gott und würde er ihn noch so oft und noch so fromm im Munde führen.

3. Heilsame Unruhe: die Entdeckung des alltäglichen Wahnsinns
In wessen Leben Gottes Wort Gestalt gewinnt, der wird aus seiner Ruhe aufgeschreckt. Denn er wird das alltägliche Treiben um sich herum und auch das eigene Treiben mit geschärftem Blick wahrnehmen, und erschrocken feststellen, wie vieles mit dem Lebenswillen Gottes und mit seiner Gerechtigkeit nicht zusammen zu bringen ist. Wie vieles dem Gebot Gottes stracks zuwider läuft. Und das wird ihm oder ihr keine Ruhe mehr lassen. Liebe Schwestern und Brüder machen wir uns bitte bewusst: Prophetie, also das Fragen nach dem Willen Gottes angesichts der real existierenden Verhältnisse, war nie, auch nicht zu biblischen Zeiten selbstverständlich oder gar selbstevident. Auch zur Zeit des Jakobus konnte man das, was er aufdeckt und anklagt auch anders sehen: als notwendige wirtschaftliche Prozesse, in denen es wie zu allen Zeiten also auch jetzt Gewinner und Verlierer gibt; zumal das ganze doch auch irgendwie sein Gutes hat: die Ausweitung des Handels durch die Erschließung neuer Verkehrswege, die Internationalisierung des Marktes unter der großen Klammer des imperium romanum, aber auch die Konzentration landwirtschaftlicher Einheiten zu effizient arbeitenden Großunternehmen usw., usw. – Sie müssen das betriebswirtschaftlich sehen, Herr Jakobus. Aber Jakobus sieht um der Barmherzigkeit Gottes willen eben die Kehrseite. Er betrachtet die Entwicklung aus der Perspektive der Opfer und dann kann und dann will er sich nicht beruhigen. Dann bleiben die Hungerlöhne der Einen und die Völlerei der Anderen ein Skandal. Und dass Reichtum ins Uferlose aufgehäuft und gleichzeitig das Recht gebeugt wird, das empört ihn um Gottes Willen.

Ich habe es an anderer Stelle schon einmal gesagt: Wir dürfen solche prophetische Empörung nicht als Gutmenschentum verunglimpfen. Nicht nur deshalb nicht, weil dieses gerade von seriösen Zeitungen gerne benutzte Wort von Goebbels stammt, sondern deshalb nicht, weil die Welt verloren wäre ohne die heilsame Kraft der Empörung, die im vermeintlich Normalen den Wahnsinn – ich könnte auch sagen: die Sünde – entdeckt und die nicht bereit ist, das einfach hinzunehmen. Es kann um des von Gott gewollten Lebens willen nicht sein, dass uns heute die Nahrungsmittelkrise in Ruhe lässt. Da gilt es nach Ursachen zu fragen, von der Rolle der Welthandelsorganisation über den Zusammenhang von Biosprit und Nahrungsmittelverknappung bis hin zu meinem eigenen Lebensstil. Da gilt es aber auch zunächst einmal schlicht den Wahnsinn beim Namen zu nennen: Dass 5 Millionen Kinder jährlich an Hunger sterben und allein in Deutschland mehr als eine halbe Millionen Menschen an sich kostspielige Schönheitsoperationen vornehmen lassen, das ist einfach verrückt – so verrückt wie Golfplätze in der Wüste und Erdbeeren im Winter.

Aber wenn ich versuche, genau hinzusehen und wenn ich kein Zweiseeler sein möchte, wie soll ich das denn anstellen ohne sogleich in Resignation zu verfallen – vor all dem Bösen in der Welt und vor all dem Bösen in mir selbst?

4. Besinnung auf die Kraft des Wortes
Wenn wir Jakobus fragen könnten, wie er das aushält, dem Blick auf das Gottwidrige und Lebensfeindliche standzuhalten und dennoch nicht aufzugeben, so würde er wahrscheinlich als erstes ganz schlicht antworten: „Mag das Böse auch noch so stark sein, Gott ist stärker. Wohlgemerkt: Gott, nicht ich. Darum versuche ich auch gar nicht erst, mir mehr Kraft abzuverlangen, als in mir ist, aber ich versuche Kontakt zu halten zu dieser Kraftquelle. Ich bete um die Kraft zum Widerstehen (vgl. 1,6) und ich warte auf Gottes Beistand. Jakobus nennt das Geduld (1,3ff.). Und ich tue mich mit anderen zusammen, die sich mit mir im langen Atem üben (vgl. 5,13ff.). Und es tröstet mich zu wissen, dass wir füreinander beten, denn ein ernstes „Gebet vermag viel“ (5,16b). Und dann frage ich (fragen wir uns), was uns in der christlichen Gemeinde und was jedem einzelnen zu tun möglich ist. Denn: „Wer in der Lage ist, Gutes zu tun und tut´s nicht, dem ist´s Sünde“  (4,17).

Ich kann nur noch andeuten, was wir dem Jakobusbrief an Konkretem entnehmen können:

Eines wurde schon angesprochen, ich will es aber noch einmal betonen: Sich um die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse überhaupt kümmern statt den Blick nur bei sich selbst zu belassen – sich kümmern und informieren und das Wahrgenommene am Lebenswillen Gottes prüfen – schon das ist eine wichtige Tat. Denn wer nicht weiß, was los ist, der kann die Welt auch nicht richtig ins Gebet nehmen – und damit ließe er seine größte Kraft brachliegen!

Sodann können und sollen wir uns für die unter die Räder Gekommenen einsetzen. Nicht für alle und nicht pauschal, sondern für die, die uns am Weg begegnen. Denn wenn wir nicht die Lobby der Verlierer sind, wer dann?

Das geschieht aber nur glaubwürdig und wirkungsvoll, wenn wir uns als christliche Gemeinde davor hüten, die Gesetzmäßigkeiten und den Lebensstil der Geiz- und Giergesellschaft in unserem Bereich zu übernehmen. Auf diesen Punkt legt Jakobus einen besonderen Ton (vgl. Kap 2, 1–11; 4, 1–12; 5, 7–12). Wollte man seine Mahnungen zusammenfassen, könnte man sagen: „Lasst Euch nicht anstecken!“ Es darf nicht sein, dass Ihr in der Gemeinde die gesellschaftlichen Schieflagen noch einmal doppelt: dass also auch bei Euch die Bedeutenden hofiert und die kleinen Leute marginalisiert werden. Hingegen: Das sollt und das könnt Ihr sein: Eine Schule der Nächstenliebe (2,8), wo Ihr einander mit Ehrerbietung und Achtsamkeit begegnet, euch gegenseitig aufhelft, Solidarität übt und praktische Hilfe leistet. Das könnt ihr sein: Eine Gemeinschaft, die ihrem Namen alle Ehre macht. So dass, wie Jesus es einmal ausdrückt, die Leute „eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16).

Liebe Schwestern und Brüder, jeder dieser Hinweise gehörte natürlich weiter ausgeführt und konkretisiert. Gerne würde ich auch noch einmal unterstreichen, dass Jakobus nicht weltfremd ist. Er weiß natürlich, dass menschliches Leben nicht auf jegliche Planung verzichten kann, und gewiss würde er auch einräumen, dass Handel und Wirtschaft ohne Gewinn nicht zu denken ist. Darum hörte ja unser Text nicht mit dem Vers 14 auf, sondern in Vers 15 hat Jakobus die von Gott gesetzten Bedingungen und Grenzen menschlichen Planens in Erinnerung gerufen und auch den Maßstab wirtschaftlichen Gewinnmachens: das „Leben“. (An anderen Stellen konkretisiert als Frage nach der Gerechtigkeit und nach dem Wohlergehen der Schwachen). Da weitere Ausführungen den Rahmen dieser Bibelarbeit aber sprengen würden, schließe ich mit einem Tipp, den ich unserer Textstelle entnehme.

5. „So sollt ihr sagen…“
Ich habe in der Psychotherapieausbildung gelernt, dass es einen großen Unterschied macht, ob man sich etwas still überlegt, oder ob man es laut ausspricht. Ich mag hin- und herüberlegen, wie es mir gerade geht oder wie ich etwas finde. Wenn ich aber der Aufforderung folge, es einmal laut auszusprechen (also etwa laut sage: „Mir geht es gut“ oder auch: „Dem kann ich nicht zustimmen“), dann merke ich unmittelbar, ob der Satz so stehen bleiben kann, oder ob ich ihn nachbessern muss und wenn ja, wie. Ob Jakobus diese therapeutische Intervention schon kannte? Jedenfalls wendet er sie an. Wie lautete noch der Zentralsatz unseres Textes? „So sollt Ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies und das tun.“ Nehmt diese Aufforderung einmal ganz wörtlich und sprecht das Wort tatsächlich laut aus (so wie es die Alten getan haben): Wenn der Herr will, werden wir leben und … Ihr werdet sehen, dass diese Einleitung, laut ausgesprochen, eine ganz eigene Dynamik freisetzt. Sie lässt sich nämlich nicht auf jede Weise fortführen. Laut sprechend merken wir: Manches geht einfach nicht, anderes hingegen bietet sich an.

So Gott will, werden wir leben und … Lasst uns bei unseren Vorhaben lernen, auf Gott zu trauen und nach seiner Weisung uns ausrichten, dann werden wir Leben ins Leben bringen.

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