Zum Glauben gehört auch Wissen

Für reformierte Christen gibt es keine Instanz, die festlegt, was zu glauben ist. Was gelehrt und gepredigt wird, soll im Einklang mit der Bibel stehen. Darauf zu achten ist auch die Aufgabe jedes Gemeindemitglieds. Ein hoher Anspruch!

"Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbart hat, ..." Der Heidelberger Katechismus (Frage 21) betont die Wichtigkeit des Wissens für den Glauben. Jedes Gemeindemitglied sollte so viel wie möglich wissen, damit es seinen Glauben begründen und weitergeben kann.

In der aktuellen Situation wird das aus verschiedenen Gründen wieder wichtig: Der christliche Glaube steht zunehmend in einem Wettbewerb mit anderen Religionen und Glaubensrichtungen und sieht sich den Fragen und Verdächtigungen kritischer Mitmenschen ausgesetzt.

Deshalb ist es wichtig, den 
D i s k u r s  über Glaubensfragen und theologische Zusammenhänge in den Kirchen zu beleben und sich in weltanschauliche Diskussionen einzubringen. Zu diesem Zweck haben wir einen BLOG eingerichtet. (gr)

„Freiheit und Verantwortung gehen Hand in Hand“

Evangelische Position zu Karikaturenstreit und Terrorangst

Stephanie Dietrich, Co-Präsidentin der GEKE

Die Copräsidentin der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Stephanie Dietrich (Oslo), äußert sich im Interview zu Religionsfreiheit und zum Recht auf Religionskritik. Die Medien ruft Dietrich zur Sensibilität auf.

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) ist heute genauso wichtig wie 1973. Die Schwerpunkte und Bedürfnisse im europäischen Kontext jedoch verschieben sich. Dies sagt Stephanie Dietrich, Co-Präsidentin der GEKE, in einem Interview anlässlich des 35jährigen Jubiläums der Leuenberger Konkordie, dem Gründungsdokument der Kirchengemeinschaft.

Vor 35 Jahren begann die Geschichte der evangelischen Kirchengemeinschaft in Europa. Wie steht es um die Gemeinschaft der Kirchen im Jahr 2008?

Stephanie Dietrich: Die Gemeinschaft der evangelischen Kirchen in Europa ist heute genauso wichtig wie vor 35 Jahren- aber auf andere Weise. Die Gemeinschaft entwickelt sich, wie jeder lebendige Organismus. Die Schwerpunkte verschieben sich, die Bedürfnisse verändern sich. Der Kirchenkampf in Deutschland hatte lutherische, unierte und reformierte Kirchen zu einem gemeinsamen Zeugnis zusammengeführt, das 1934 in der Barmer Theologischen Erklärung seinen Ausdruck fand. Das Zusammenwachsen der Kirchen führte in der Nachkriegszeit zu einer langen Reihe von Lehrgesprächen, die 1973 in der Leuenberger Konkordie resultierten. Durch das Zusammenleben innerhalb der Kirchengemeinschaft haben wir einander besser kennengelernt. Der konfessionelle Abstand zwischen vielen Kirchen ist kleiner geworden. Zum Teil hat dies sogar zu Zusammenschlüssen geführt, wie etwa in Elsass Lothringen und in den Niederlanden. Im Jahr 2008 geht es um anderes: Wie können unsere Kirchen gemeinsam den Herausforderungen unserer Zeit begegnen? Wie sind wir als Kirche im Leben der Menschen präsent? Wie können wir als Kirche ein relevantes Zeugnis davon geben, was der Glaube an den dreieinigen Gott für das Leben der Menschen, Gemeinschaften, Gesellschaften und Nationen bedeutet, wenn er aus evangelischer Sicht gedeutet und ausgelegt wird? Die GEKE ist keine Kirche, sondern eine Gemeinschaft von Kirchen, die enge familiäre Bande hat. Wie in allen Familien gibt es Familienmitglieder, die einander sehr nahe stehen, und andere, die nicht so nahe beieinander stehen. Die Grundlage unserer Gemeinschaft jedoch ist nicht wegzudiskutieren: Die Kanzel- und Altarsgemeinschaft und die gegenseitige Anerkennung der Ämter.

Mit der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie vor 35 Jahren haben sich die evangelischen Kirchen in Europa gegenseitig als Kirchen anerkannt. Der Vatikan hat erst im letzten Jahr den Evangelischen erneut ihr Kirchesein abgesprochen. Ist die Konkordie in der Lage, auch zwischen den Konfessionen zu vermitteln? Oder wo liegt das Problem?

Die Konkordie an sich hatte nicht das Ziel, zwischen nicht-evangelischen Konfessionen zu vermitteln oder die konfessionelle Zugehörigkeit der Kirchen aufzuheben. Ihre Grundleger waren lutherische, unierte und reformierte Theologen. Die Konkordie ist keine neue Bekenntnisschrift. Die GEKE ist auch keine neue „evangelische Megakirche in Europa“. Schon seit ihren Anfängen hat die GEKE nie das Ziel gehabt, sich zu isolieren. Vielmehr folgt sie dem Wunsch, zur ökumenischen Gemeinschaft in Europa und auf der ganzen Welt beizutragen. Die Probleme im interkonfessionellen Dialog liegen letztendlich meistens im Kirchenverständnis. Aus evangelischer Sicht ist es naheliegend daran zu erinnern, dass keine Kirche und keine Kirchengemeinschaft ein Monopol darauf hat, Kirche schlechthin zu sein. Im evangelischen Bereich erfahren wir das sowohl da, wo evangelische Kirchen in einer Majoritätsposition sind, wie in Skandinavien, aber auch gerade da, wo evangelische Kirchen in einer Minoritätsposition sind. Die Konkordie unterstreicht: „Die Kirche ist allein auf Jesus Christus gegründet, der sie durch die Zuwendung seines Heils in der Verkündigung und in den Sakramenten sammelt und sendet. Nach reformatorischer Einsicht ist darum zur wahren Einheit der Kirche die Übereinstimmung in der rechten Lehre des Evangeliums und in der rechten Verwaltung der Sakramente notwendig und ausreichend.“ Damit folgt sie den lutherischen Bekenntnisschriften, und im Anklang auch dem Barmer Bekenntnis. Das ist keine Minimallösung-ganz im Gegenteil: Kirche ist da, wo wir das Wort Gottes verkündigen und hören, wo wir die Gemeinschaft miteinander und mit dem dreieinigen Gott durch das Wasser der Taufe und im Brot und Wein der Eucharistie feiern. Kirche ist da, wo das Evangelium auf diese Weise für die Menschen unserer Zeit lebendig und erfahrbar wird; da, wo die Menschen die Gemeinschaft der Nachfolge Christi erfahren. Fragen der kirchlichen Struktur sind zwar wichtig und werden von uns auf vielerlei Weise bearbeitet, aber sie sind gehören nicht zu den Fragen, durch welche wir uns das „Kirchesein“ absprechen oder uns gegenseitig nicht als Kirchen, sondern vielleicht als religiöse Gemeinschaften, die „Aspekte von Kirchlichkeit“ haben, anerkennen. Das macht aus evangelischer Sicht keinen Sinn. Außerdem wird man ja nicht Kirche, weil einem andere das „Kirche-sein“ zu- oder absprechen. Davon ist die Botschaft von der schöpferischen und befreienden Kraft Gottes zum Glück nicht abhängig.

Die Versöhnung der Konfessionen scheint momentan in weite Ferne gerückt, betrachtet man die Spannungen zwischen der christlichen und der muslimischen Welt. Wo liegt angesichts Karikaturenstreit und Terrorangst die versöhnende Komponente der Leuenberger Konkordie?

Die Konkordie selber nahm 1973 zum Religionsdialog keine Stellung- das war zu jener Zeit einfach keine zentrale Fragestellung. Die GEKE hat jedoch vor zwei Jahren im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Muhammedkarikaturen zu diesem Thema unter dem Titel „Nicht mit Gewalt, sondern allein mit dem Wort ist für die Wahrheit zu streiten“ explizit Stellung genommen. (http://www.leuenberg.net/daten/File/Upload/doc-1283-2.pdf) Dort wird unterstrichen, dass Meinungsfreiheit und die Freiheit der Religionsausübung nicht gegeneinander gesetzt werden dürfen. Religionsfreiheit schließt das Recht auf öffentliches Bekenntnis und öffentliche Ausübung der Religion ebenso ein wie das Recht auf Religionskritik. Wer jedoch andere Religionen kritisiert, muss sich auch selbst kritisieren lassen. Freiheit und Verantwortung gehen Hand in Hand. Deshalb wird aus evangelischer Sicht gerade auch in Bezug auf Religionskritik die Möglichkeit der Medien eines wohlbegründeten Verzichtes auf die Ausübung der bestehenden Freiheitsrechte hervorgehoben. Gleichzeitig ist es aber wichtig, dass auch Minderheiten das Recht zur freien Meinungsäußerung und Religionsausübung gewährleistet wird.

Gibt es Grenzen der Religionskritik?

Voraussetzung für das Üben von Religionskritik ist unter anderem die Zulässigkeit und Angemessenheit ihrer Mittel. Die oben genannte Stellungnahme beschreibt die Grenzen folgendermaßen: „Jede Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Religion oder Weltanschauung, ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, die unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit oder der Freiheit der Kunst geschieht, wird von der GEKE ebenso abgelehnt wie Versuche, die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung und der Kunst durch eine missbräuchliche Berufung auf den Schutz des religiösen Bekenntnisses auszuhöhlen.“

Die Kirchen der GEKE haben sich zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst verpflichtet. Kann die GEKE zur Verständigung zwischen Völkern und Kulturen beitragen?

Millionen von Menschen, die Glieder der evangelischen Kirchen in Europa sind, können zur Verständigung beitragen. Sehr individuell, in ihren jeweiligen Kontexten, aber auch als eine Bewegung, die, vom Evangelium befreit und verbunden, Brücken baut, Stellung nimmt, sich für Frieden und Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzt. Die Konkordie hat das so ausgedrückt: „Das Evangelium befreit und verbindet die Kirchen zum gemeinsamen Dienst. Als Dienst der Liebe gilt er dem Menschen mit seinen Nöten und sucht deren Ursachen zu beheben. Die Bemühung um Gerechtigkeit und Frieden in der Welt verlangt von den Kirchen zunehmend die Übernahme gemeinsamer Verantwortung.“ Die GEKE kann dazu beitragen, indem sie die Verständigung der Völker, Kulturen und Religionen thematisiert. Die GEKE zeigt, dass es möglich ist, Einheit in versöhnter Verschiedenheit zu leben. Sie hat eine Rollenfunktion für das europäische Zusammenleben.

Gibt es nach 35 Jahren also Grund zu feiern? Oder hat die GEKE ihr Ziel verfehlt?

Grund zu feiern gibt es, wo Leben ist. Die GEKE ist lebendig, sie entwickelt sich, und findet neue Wege, die Gemeinschaft zu verwirklichen. Wir dürfen feiern, dass wir als Kirchen auf der Grundlage des Abkommens von 1973 zusammenstehen können. Wir sind unterwegs - viele Dinge sind noch nicht erreicht, besonders was die Verbindlichkeit unserer Gemeinschaft anbelangt. Dabei denke ich weniger an den Ausbau von Strukturen, sondern mehr an die kirchliche Zusammenarbeit und Vernetzung auf allen Ebenen. Als evangelische Kirchen brauchen wir einander, wir brauchen die Zusammenarbeit, und wir können als evangelische Kirchen einen wichtigen Beitrag zu aktuellen Fragestellungen unserer Gesellschaften leisten, auch auf Europaebene. Die Grundsteine, die in der gegenseitigen kirchlichen Anerkennung und der Kanzel- und Altarsgemeinschaft liegen, haben ein solides Fundament für die Arbeit der letzten 35 Jahre gebildet. Darauf, und auf der Arbeit all dieser Jahre, können wir weiterbauen. Nicht um den Protestantismus an sich zu propagieren, sondern um der Kirche Jesu Christi, um des Evangeliums willen.

Die Fragen stellte Thomas Flügge.


Thomas Flügge, Pressesprecher der GEKE
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